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Oktober 24, 2019

Marvel vs. Marty - Eine notwendige Debatte

Mit seiner Kritik an Marvel-Filmen hat Martin Scorsese viel Staub aufgewirbelt. Doch nicht die Statements des Regisseurs sind abgehoben, sondern ihre Reaktionen.

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Mai 19, 2019

Zum 20-jährigen Jubiläum von Star Wars: Episode I

Vor 20 Jahren riss Star Wars: Episode I tiefe Wunden ins Fandom. Gerechtfertigt war der Hass gegen das Prequel nie. Es zählt zu den schönsten Filmen der Reihe.

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Februar 22, 2017

Oscars 2017 – Überraschungen wird es keine geben

Besonders spannend dürfte es bei der kommenden Oscar-Verleihung wohl nicht zugehen. Viele Gewinner scheinen bereits länger ausgemachte Sache, Kontroversen gab es im Vorfeld keine. Und die Filme waren auch schon mal interessanter.

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Februar 08, 2012

Kino: STAR WARS EPISODE I - THE PHANTOM MENACE 3D [aka. Die dunkle Bedrohung]

"What if the movie sucks?", fragt sich einer der Nerds in "Fanboys", nachdem er und seine Freunde in das Haus von George Lucas einbrachen, um dort eine Kopie des sehnsüchtig erwarteten neuen Star-Wars-Films zu stehlen. Und es ist eine berechtigte Frage: Ende der 90er, als auf der Leinwand die Sternenkriege mit der Prequel-Trilogie von Neuem entfachten, war die Enttäuschung groß – das Lucas-Imperium habe die Kindheitserinnerungen ganzer Generationen geschluckt, lautete der Tenor. Nach 13 Jahren kommt "Star Wars: Episode I" nun wieder in die Kinos. Als 3D-Konvertierung. [...]

April 28, 2011

Kino: THOR

Stop! Hammertime! Nach "The Incredible Hulk" und "Iron Man" nehmen die Marvel Studios das nächste Gründungsmitglied ihrer "Avengers" unter die eigenen Produktionsfittiche und bringen die Abenteuer des Donnergottes Thor als 150 Millionen Dollar teures 3D-Spektakel in die Kinos. Mit der Verpflichtung des britischen "Hamlet"-Regisseurs Kenneth Branagh traf der Konzern eine unkonventionelle Wahl für die Leinwandadaption seines Comicsuperhelden. Entgegen berechtigten Vorabzweifeln aber ist "Thor" eine vergnügliche und kunterbunte Melange aus Action, Romanze und Familientragödie zwischen Ernst und Unernst. Marvel meets Shakespeare

In Asgard ist die Hölle los. Das prunkvolle Reich der Götter leidet unter dem Übermut seines Königssohns Thor (voller Charisma: Chris Hemsworth), dessen Ehre und Tapferkeit ihn nicht davon abhält, längst befriedete Dispute im Universum der Götter neu zu entfachen. Nach einem unerlaubten Ausflug mit folgenschweren Konsequenzen verbannt Vater Odin (Anthony Hopkins) den Störenfried schließlich auf die Erde. Dort soll er unter Menschen lernen, seine Überheblichkeit zu zügeln und sich stattdessen ganz auf die edelmütigen Tugenden der Götter zu berufen, sehr zur Freude seines von Komplexen geplagten Bruders Loki (Tom Hiddleston).

Im irdischen Exil wider Willen stößt Thor bei seiner Ankunft auf die junge Wissenschaftlerin Jane Foster (Natalie Portman, die vor ihrem Schwangerschaftsurlaub noch schnell circa 500 Filme gedreht hat). Die keusche Forscherin ist schnell bereit, dem durchtrainierten Donnergott bei der Suche nach seinem Hammer behilflich zu sein, allerdings muss sie ihn gleichfalls vor dem neugierigen Militär schützen, das Thors Ankunft auf Erden ebenfalls zur Kenntnis genommen hat. Währenddessen spitzt sich der Konflikt im Göttereich weiter zu, als Loki die Krone des kranken Königs Odin an sich reißt.

Zu Beginn noch irritiert die "Thor"-Verfilmung mit ihrem allzu ausgespielten Pathos, wenn der Titelheld als Muster-Arier mit blonder Haarpracht und strahlend blauen Augen das große Heldenepos ausruft. Die aufmarschierenden Götter Asgards setzt Branagh in "Triumph des Willens"-Manier in Szene, was ein weiteres Mal erstaunen lässt, wie selbstverständlich sich virile Posen von majestätischen Herrschern im US-Blockbuster eingerichtet haben – von "Star Wars" über Zack Snyder bis hin zum knuddeligen Marvel-Eventfilm. Der Germanenkult der nordischen Sagenwelt scheint wohl einfach zu prädestiniert dafür, ihn ästhetisch ins entsprechende Licht zu rücken.

Dennoch macht "Thor" sehr schnell sehr viel Spaß, und es ist kein schuldiges Vergnügen. Wenn der törichte Held auf Mutter Erde aufschlägt, um von der liebreizenden Natalie Portman gezähmt zu werden, schwindet der anfänglich martialische Tonfall. Branaghs Gespür für Komik verleiht dem schwergewichtigen Göttergetöse eine ausreichende Prise Selbstironie, lässt "Thor" aber auch nicht zum einfachen Gaga-Spektakel verkommen. Der Film hält durchweg die Waage zwischen Ernsthaftigkeit und Augenzwinkern, wodurch er sich einen gewissen Charme bewahrt und seine Geschichte weder allzu verbissen noch – anders als es die Trailer vermuten ließen – sonderlich trashig erzählt.

Überraschenderweise gelingt es Branagh, der Dank filmischer Katastrophen wie "Frankenstein" (1994) durchaus geeignet war, "Thor" als Camp-Burleske aufzuziehen, seiner quietsch- fidelen Kinoadaption des Donnergottes eine milde Tiefe zu verleihen. Im Comickontext wird die Vorliebe des Regisseurs für operettenhaften Trash auf eine seltsame Art kanalisiert: Die Shakespearesche Familiengeschichte um Habgier, Neid, Missgunst und Wahnsinn harmoniert bestens mit der halsbrecherischen Action und den fantasievollen CGI-Panoramen. "Thor" hat Herz und sogar ein wenig Verstand, und es ist endlich mal wieder ein US-Blockbuster, den man sich nicht erst schönsaufen muss.


60% - erschienen bei: gamona

Januar 17, 2011

Zuletzt gesehen: BLACK SWAN

Roman Polanskis fiebriger Sextraum "Repulsion" durch die adoleszent-prätentiöse Aronofsky-Brille mit getönten Arthausgläsern noch mal nachbuchstabiert. Zwischen Homokitsch, Primaballerina und Psychothriller-Trash wedelt und winkt "Black Swan" nach seinen filmischen Vorbildern mit eingeknicktem Handrücken, aber ohne künstlerischen Mut, formalem Einfallsreichtum oder Gespür fürs Abgründige, Verstörende und Tiefsinnige. Psychologisch bleibt der Film flach bis plump, und wenn Aronofsky kokett die Repressivität und verzerrte Wahrnehmung seiner Protagonistin zu vermitteln versucht, übertreten seine Shaky-Cam-Bilder gelegentlich auch die Grenze zur Fremdscham. Natalie Portman tänzelt und leidet sich als schwarzes Schwänchen tapfer durch ihren banalen Horrortrip, aber zur Catherine Deneuve wird sie dadurch noch nicht – ihre Naivität und Unschuld bleibt Behauptung, ihr ehrgeiziges Spiel unglaubwürdig und angestrengt. Wie der Film.


30%

Juni 29, 2009

Retro: MARS ATTACKS! (1996)

Es ist wohl wirklich ein Alleinstellungsmerkmal, wenn die einzigen überlebenden Helden am Ende eines großen Science-Fiction-Katastrophenfilms aus Hollywood – zwei ehemalige Blackspoitation-Stars, ein schüchterner Junge vom Land, dessen etwas verrücktes Großmütterchen im Rollstuhl sowie die rebellische Tochter des US-Präsidenten – sich zum Schlussakkord des Tom Jones-Klassikers "It’s Not Unusual" vereinigen. Und das, obwohl all diese weniger bekannten Schauspieler (Lukas Haas und die damals noch milchgesichtige Natalie Portman) oder auch die in Vergessenheit geratenen Größen (Jim Brown, Pam Grier und Sylvia Sidney) in der Titelsequenz erst weit hinter namhaften Superstars genannt werden. Aber Tim Burtons Dekonstruktion der production values der Studios und ihrer Big Budget-Philosophie findet bereits auf Ebene des Castings und Umgangs mit den Figurenstereotypen des Genres statt. So finden die von A-Stars wie Jack Nicholson, Glenn Close, Michael J. Fox, Sarah Jessica Parker oder Pierce Brosnan mit großer Spielfreude, nein, Spielrage verkörperten eigentlichen Klischeetypen ein jähes Ende: Ob quotengeile TV-Reporter, wichtigtuerische Wissenschaftler oder die First Lady persönlich – sie alle werden vorzeitig aus dem auf einer Kaugummi-Sammelkartenserie der 60er Jahre basierenden Film verabschiedet und von den grünen Marsianern wahlweise mit Laserkanonen pulverisiert, oder auch in Einzelteile zerlegt und neu zusammengesetzt. Selbst der amerikanische Präsident, jene unantastbare Personifizierung von Rettung und Freiheit im Genre, wird nach einer rührend-dämlichen Ansprache vor den Invasoren mit einem symbolträchtigen "Dolchstoß" hinterrücks exekutiert.
 
Dieser spöttische Konventionsbruch folgt klar der subversiven Linie Burtons, die Spielregeln des Hollywoodkinos nur so lange zu befolgen, bis er sie mit seinem eigenen Verständnis von Ordnung zersetzen kann. Dass "Mars Attacks!", so amüsant und heiter er auch sein mag, als bitterböser Anti- Hollywoodfilm wirklich noch das 70 Millionen US-Dollar teure Produkt eines Major Studios sein soll, erscheint dabei fast absurd. Der Film belustigt sich mit überhöhter und dadurch vermutlich verschleiert erscheinender Absicht über die Klischees, Unarten und Absurditäten des Blockbusters und seiner Mainstream-Voraussetzungen, und zwar so scharfzüngig, unverhohlen und irrsinnig komisch, dass letztlich nur der kommerzielle Misserfolg die Möglichkeit einer solchen Chuzpe in eine nachvollziehbare Relation ordnen kann. Denn womöglich ist Burtons spielerische Abrechnung in ihrer eigentlichen Boshaftigkeit, anders als seine "Batman"-Filme beispielsweise, doch nicht mit einem Erfolg an den Kinokassen zu vereinbaren. "Mars Attacks!" wirkt wie eine konsequente Fortsetzung von "Ed Wood": Es scheint zumindest in Bezug auf die cheesy wirkenden spielzeugartigen Spezialeffekte ein wenig der Film, bei dem Burton sein Idol nicht mehr nur nachvollziehen, sondern selbst zu ihm werden möchte. Und bezeichnenderweise bilden genau diese beiden Regiearbeiten dessen einzige kommerzielle Flops.

Ein hingegen nur zu verständliches Verlustgeschäft, bedenkt man, zu welchem Zeitpunkt dieser Film produziert und zwischen welch ähnliche Produktionen er platziert wurde. Denn neben den anderen Hollywood-Hits von außerirdischen Invasionen, Naturkatastrophen und Weltuntergangsszenarien der sich Mitte der 90er Jahre neuer Beleibtheit erfreuenden Katastropheneventfilme – nun schließlich mit Hilfe beeindruckend realistischer Computertricks umgesetzt – muss ein so radikal gängige Schablonen umschiffender Grenzgänger wie "Mars Attacks!" zwangsläufig ins Abseits geraten. Nicht zuletzt selbstverständlich deshalb, weil sich all diese Filme noch stärker an die Gesetze ihrer Vorbilder aus den 50ern und 60ern halten, als diese selbst. Die nur augenscheinlich modifizierten Rassenklischees oder ideologischen Implikationen etwa, verortet in patriotischen Allmachtsfantasien, wurden in formelhaften Genre-Filmen wie "Independence Day", "Deep Impact" oder "Armageddon", aber irrtümlicherweise selbst in ausgestellten Parodien wie "Starship Troopers", fleißig reproduziert. Da mutet es seltsam prophetisch an, dass "Mars Attacks!" den Opfern seiner Seitenhiebe zeitlich einen Schritt voraus war: Burtons Sci-Fi-Satire erinnert heute an oben genannte Filme, die zu seiner Entstehungszeit mitunter jedoch noch gar nicht gedreht waren.

Insbesondere gegenüber Roland Emmerichs naiv-illusio- nistischem Patriotismusheuler "Independence Day" verhält sich "Mars Attacks!" wie ein bissig-böser Gegenentwurf. Ungefähr zeitgleich produziert, kam Burtons Film ein knappes halbes Jahr später in die US-Kinos. Ein Zeitraum, der denkbar eventuelle Detailkorrekturen, aber wohl kaum die Quasi-Nachstellung solch grundsätzlich identischer Set-Ups abdecken würde. Vielmehr scheint die Ähnlichkeit zwischen den Filmen hinsichtlich bestimmter Klischees Burtons Akribie geschuldet, gezielt Standardsituationen und entsprechende zugehörige Figurentypen getreu der Tradition des Genres so zu entwerfen, wie das wohl auch ein konventioneller, bekannten Mustern folgender Hollywood-Blockbuster der Marke "Independence Day" tun würde. Man darf also mutmaßen, dass Burton mit der zunächst frappierenden Ähnlichkeit ganz genau ins Schwarze getroffen und den hurrapatriotischen Emmerich-Eventfilm damit still und leise der Lächerlichkeit preisgegeben hat. Denn natürlich verlässt sich dieser bis zum reaktionären Schluss auf die Standard-Topoi, während "Mars Attacks!" ebendiese konsequent gegen den Strich bürstet.

So ist das Militär bei Burtons Alien-Apokalypse nicht rettende Instanz, sondern ein Hort größenwahnsinniger Kriegs- wüteriche, die sich groß und mächtig fühlen, von den Marsianern aber einfach nur geschrumpft und platt getreten werden. Die Medien werden nicht von Figuren repräsentiert, die als Identifikation stiftende Vermittler zwischen Filmgeschehen und Publikum agieren (in "Independence Day" spielt Jeff Goldblum einen sympathischen agilen Techniker), sondern eher von egozentrischen und weltfremden Spießern dominiert, mit denen es Burton besonders schlecht meint. Der US-Präsident, bei Emmerich Initiator einer neuen humanistischen Kraft und nicht darum verlegen, sich im Kampf gegen die aggressiven Außerirdischen sogar persönlich ans Steuer des Düsenjets zu begeben, wird hier von Jack Nicholson als verwirrter, dummer Taugenichts gespielt und, wie bereits beschrieben, besonders geistreich aus dem Weg geräumt. Zum großen Finale schließlich feiert Burton erneut den Sieg der (Genre-)Außenseiter über die Machtmenschen und Strahlehelden, wenn ein unscheinbarer Farmerjunge und seine etwas verrückte Großmutter die Marsianer mit uramerikanischer Countrymusik besiegen. Indem Burton mit "Mars Attacks!" ganz einfach alles vermeidet, was in dieser Genre-Größenordnung wohl als eigentlich unvermeidlich gilt, nimmt er ein weiteres Mal die Mechanismen seines eigenen Funktionssystems auseinander. Die daraus gefertigte Neuzusammensetzung ist nicht nur konsequent und köstlich und klug, sondern auch wichtig: Burtons Erneuerungsversuche am amerikanischen Hollywood-Mainstream scheinen ganz einfach unabdingbar. Und von großem Wert.


80%

  • Breskin, David (1992): Tim Burton. In: Inner Views. Filmmakers in Conversation, New York: Da Capo Press 1997, S. 321-364
  • Merschmann, Helmut (2000): Tim Burton, Berlin: Bertz
  • Rauscher, Andreas (2000): Die dunkle Seite von Disneyland. Die Filme von Tim Burton. In: Stiglegger, Marcus (Hrsg.): Splitter im Gewebe. Filmemacher zwischen Autorenfilm und Mainstreamkino, Mainz: Bender 2000, S. 264-285

März 19, 2008

Zuletzt gesehen: CLOSER

Autor Patrick Marber hat sein preisgekröntes Theaterstück fürs Kino neu verfasst, doch auch als Film unter der Regie von Kinogröße Mike Nichols bleibt das Gefühl, lediglich einem abgefilmten Vier-Personen-Spiel auf der Bühne zuzuschauen. Die Schauspieler bewegen sich fast linienförmig in spartanischen Sets, während selbst die etwas bemüht flexible Kamera nicht den steifen, bühnenhaften Charakter von "Closer" verhüllen kann. Zweifellos aber ist das Drama über Liebe im urbanen Raum, im bourgeoisen Milieu, über Entfremdung und Abhängigkeit gut gespielt und mit Clive Owen und Natalie Portman stark besetzt. Als Fremdkörper hingegen erweist sich die burschikose Julia Roberts, die mit zugeknöpftem Image nur schwer eine freizügige, beziehungs- gestörte Photographin gibt – und sich jede verbale Vulgarität regelrecht herauszwingen muss. Trotz seiner extrem kühlen Inszenierung, der keimfreien, klinischen Betrachtung von Menschen, seinem fast schon mit Verachtung strafenden Blick auf die bürgerliche Selbstzerstörung gefällt "Closer" insgesamt als straffes Beziehungsstück.

60%

Januar 23, 2007

Kino: PARIS, JE T'AIME

Wenn turtelnde Liebespaare die Seine entlang streifen, sich am Quai Saint-Bernard schöne Augen machen oder sich direkt auf dem Tour Montparnasse das Ja-Wort geben, dann fühlt man sich schnell in eine romantische Fantasie versetzt, die zahlreiche Liebesfilme und –Komödien evozieren. Dass Paris längst nicht mehr als heimlicher Hauptdarsteller in Klassikern von "Funny Face" bis "Belle de jour" erscheint, ist kein Geheimnis: Quer durch die Filmgeschichte musste die Stadt der Liebe als süßlich schillernder Rahmen für romantische Kinovisionen herhalten – und avancierte somit alsbald zum eigenen Klischee. Warum also noch im Jahre 2006 eine Hommage an Frankreichs Herz verfassen, die fragmentarisch und überaus ausgedehnt den Facettenreichtum des vielseitigen Paris feiert?

Die Antwort fiele nicht allzu schwer, wäre die Idee, 21 internationale Starregisseure ihr ganz individuelles Leinwandgemälde der Stadt zu erschaffen, gebündelt in 18 kleine Episoden und geschnürt in ein lebendiges Korsett, das trotz der vielfältigen Eindrücke ein großes Ganzes ergeben könnte, nicht so simpel wie dennoch überaus reizvoll. Ernüchternd muss man zwar konstatieren, dass "Paris, je t’aime" an seinem eigenen Anspruch scheitert und als Gesamtwerk zu beliebig und verwechselbar formuliert scheint. Das gelingt dem auf einer Idee des Regisseurs Tristan Carné basierenden Film aber auf recht hohem Niveau: Die überwiegende Mehrheit der kurzen Geschichten liefert mal skurrile, mal charmante Einsichten in banale, aber liebenswürdige Alltagsmomente und trägt dabei dennoch die ganz individuelle Handschrift ihrer Macher.

Das ist nicht selbstverständlich, immerhin verträgt sich die Intention der französischen Produzenten um Claudie Ossard ("Delicatessen"), die selbst bekennend einräumen, ein neues altes Bild ihrer Stadt entwerfen zu wollen, nicht zwingend mit den ganz eigenen Statements der Regisseure, denen bis auf den gemeinsam vorgegebenen Nenner – natürlich: Liebe – keine künstlerischen Einschränkungen auferlegt wurden. Da der Film jedoch mit einem europäischen Team inszeniert ist, sich von Alfonso Cuarón ("Children of Men") bis Walter Salles ("The Motorcycle Diaries") also jeder ohne seine sonstigen Mitarbeiter zurechtfinden musste, wird diesem Wunsch formal nachgekommen: "Paris, je t’aime" erstrahlt trotz seiner unterschiedlichen Regiestile in einem eleganten, stimmigen Bild.

Den Rahmen ihrer Möglichkeiten haben dabei besonders Joel & Ethan Coen ("Fargo"), Wes Craven ("The Hills Have Eyes") und Vincenzo Natali ("Cube") eindrucksvoll genutzt. Erstere dekonstruieren in ihrem scharfzüngigen Beitrag „Tuileries“ das ewige Klischee vom Paris der Verliebten und Glücklichen, indem sie einen unschuldigen Touristen (Steve Buscemi) in der Pariser Metro auf ein erst schmusendes, später jedoch hemmungslos cholerisches Pärchen treffen lassen. In „Père Lachaise“ darf Horroraltmeister Craven zwei Verlobte über ihre Beziehung schwadronieren lassen – auf einem alten Friedhof! Und Natali verneigt sich im kühlen Gotikambiente vor den großen Universal-Klassikern, wenn er den ängstlichen Elijah Wood im nächtlichen Paris auf einen blutdurstigen Vampir treffen lässt. Sicherlich die originellste Version der Liebe: Ein schmerzhaft-lustvoller Biss für die Ewigkeit.

Nach zwei munteren Stunden ist der Vortrag dann auch wieder beendet. Die betonte Leichtigkeit und französische Mentalität erfüllt ein sinnliches Intermezzo, das in seiner selbstgefälligen und oberflächlichen Erscheinung nicht verwundert. Wie könnte es anders sein, dass "Paris, je t’aime" seinen Hauptdarsteller hoffnungslos romantisiert und den kritischen Blick insgesamt vehement verwehrt. Das mildert die frische Unschuld, die viele dieser Kurzfilme auszeichnet, alles andere als erheblich, doch in der Summe möchte mit dieser Anthologie niemand neue Erkenntnisse gewinnen: Denn dass der Blick von außen keine Erneuerung des Paris-Bildes bedeutet und auch nicht mit der Postkartenidylle der Stadt bricht, ist keine Überraschung: Paris liebt in erster Linie sich selbst. Besonders im modernen französischen Film.


60%