März 31, 2008

Kino: [REC]

Schwer vorstellbar, dass dieser Film knapp 30 Jahre nach "Cannibal Holocaust", 10 Jahre nach "The Bair Witch Project" und inmitten einer auffälligen Neuorientierung nach alter Orientierung von "Cloverfield" bis "Diary of the Dead" noch davon ausgeht, er würde einzig durch seinen Effekt des vermeintlich Realen schon überzeugen können. Man es also für bare Münze nehme, dass hier eine spanische Reporterin und ihr Kameramann eine Dokumentation über die Feuerwehr und ihre Arbeit bei Nacht drehten, die sie zu einem Einsatz in einem alten Wohnhaus führen und sie dort zu Zeugen seltsamer Auswirkungen einer Infektion machen würde. Und dass wir hier nun ungeschnittenes, authentisches Rohmaterial zu sehen bekämen.

Nein, das will man den beiden Regisseuren Jaume Balagueró und Paco Plaza auch gar nicht unterstellen. Nur leider bietet ihr Film "[Rec]" nicht viel, das über diese Annahme hinausginge. Denn so originell, oder sagen wir: hübsch variiert, es zunächst scheinen mag, das bekannte Mockumentary-Szenario als Zombiefilm mit den Mitteln der Fernsehreportage aufzuziehen, so vernarrt ist das Vorhaben letztlich in die ewig gleichen Mittel. Da wird schon gewackelt, selbst wenn der Film noch den regulären Teil der Dokumentation vorzugeben versucht, werden die bekannten Verzerrer, Tonaussetzer und Bildstörungen montiert, und wird trotz grundsolider Ausgangsidee wieder einmal versäumt, den gesamten konstruierten Vorgang plausibel zu erklären. Denn auch wenn es in "Cloverfield" kürzlich noch weitaus weniger nachvollziehbar erschien, warum die Teenmeute ihre eigene Sicherheit hinter schnieke Camcorder-Bilder des zerstörten New Yorks anstellte, so erstickt jede innere Logik auch in "[Rec]", wenn der Kameramann eher draufhält, wie seine Kollegin angegriffen wird, als das lästige Teil einmal wegzuschmeißen und ihr zur Hilfe zu eilen.

Es stellt sich ganz einfach die Frage nach dem Sinn eines solchen Werks, das die konventionelle Filmsprache aufgibt, um ein neues formloses, gleichzeitig wiederum doch streng formelles Kino zu bedienen, das eigentlich nur Fernsehen bietet. Hüte sich, wer Filmen wie "[Rec]" unterstellt, sie würden den Nerv der Zeit treffen, indem sie das demokratische Massenmedium Internet thematisierten und reflektierten. Zwar wäre dies tatsächlich der einzige Ansatz, um die momentan höher frequentierten Fake-Doku-Filme mit Wackeloptik zu erklären und in gewisser Hinsicht zu legitimieren, nur genau hier lässt sich zumindest "[Rec]" nicht fassen: Denn er lügt. Er konfrontiert den Zuschauer ja gar nicht mit ungefilterten Bildern aus Extremsituationen, er zeigt kein ungeschöntes Material, zwängt einen gar nicht hautnah in eine Eskalation von Menschen, die wie Tiere übereinander herfallen. Das alles gibt dieser Film nur vor, "[Rec]" nutzt die Möglichkeiten seiner Form nicht.

Im Prinzip spulen Balagueró und Plaza hier nur unentwegt Genreklischees ab, sie filmen eine strenge Genresituation mit strengen Genremitteln. Grundsätzlich unterscheidet sich der Film nur durch seine vorgegaukelte Ernsthaftigkeit, die er meist unfreiwillig komisch, denn gelungen mit hektischem Firlefanz unterstreicht, von gängigen Zombievehikeln wie "28 Weeks Later". Die ganze Form wird zur Pose ohne Bedeutung. Würde "[Rec]" tatsächlich an den Zeitgeist appellieren, an die Jeder-ist-sein-eigener-Regisseur-Mentalität der YouTube- Generation, dann müsste er auch die inhaltlichen Konven- tionen hinter sich lassen. Dann gäbe es keine gruseligen, stimmungsvollen Schockszenen und keine typmäßig ausgewählten Figuren, sondern dann würden wir Bilder zu Gesicht bekommen müssen, die wahrlich verstörend sind. Bilder, wie sie echte Menschen in echten Horrorsituationen drehen. Bilder also, wie man sie täglich bei LiveLeak sehen kann.


40% - erschienen bei: DAS MANIFEST

März 29, 2008

TV: Fernsehtipps vom 29.03. - 04.04.2008

Samstag, 29.03.

20:15 Uhr – Planet der Affen (RTL)

Ja, der eine einzige Film, den Tim Burton in den Sand gesetzt hat. Kein visuelles Konzept, ein grottenschlechter Hauptdarsteller und ein völlig deplatziertes Ende – abhaken, vergessen und lieber das Original schauen.

22:05 Uhr – Stigmata (K1)

Millenniumsquatsch, den kein Mensch braucht.

22:30 Uhr – Haunted Hill (RTL)

Unsäglich. Besonders das CGI-Finale.

23:35 Uhr – Fitzcarraldo (RBB)

Noch einer der erträglicheren Herzogs. Männer- und Egogedöns vor schönen Kulissen.

0:00 Uhr – Omen 2: Damien (K1)

Musik und Fahrstuhlszene sind gut, der Rest noch belangloser als im Vorgänger.

1:20 Uhr – Conan: Der Barbar (ZDF)

Naturkunde mit John Milius. Heute glücklicherweise nicht mehr ernst zu nehmen, der reaktionäre Käse.

1:55 Uhr – Omen 3: Barbaras Baby (K1)

Ab hier wird’s dann lustig. Der vierte bleibt aber ungeschlagen.

Und nicht vergessen, die Uhr vorzustellen.

Sonntag, 30.03.

20:15 Uhr – Fear – Wenn Liebe Angst macht

Von FSK: 18 auf FSK: 12, gute Unterhaltung.

20:40 Uhr – Zimmer mit Aussicht (Arte)

Aus der ersten Bonham Carter-Ära. Mit James Ivory kann man mich gut foltern.

0:10 Uhr – Das Messer (K1)

Bridges und Close gefallen, der Rest ist so 08/15, dass es wehtut.

0:15 Uhr – Das Geheimnis ihres Todes (NDR)

Aka. The Virgin Suicides. Unglaublich befremdliche, langweilige Große Mädchen-Plattitüden, von der Coppola besonders nichts sagend in Szene gesetzt. Grauenhaft.

Montag, 31.03.

22:15 Uhr – Catwoman (ZDF)

Darf hier eigentlich keinen Platz bekommen: Unbeschreiblich schlecht, und wahnsinnig unnötig. Wer braucht denn Heule Berry, wenn er Pfeiffer haben kann?

Dienstag, 01.04.

23:00 Uhr – Sprich mit ihr (NDR)

Meisterwerk von ungeheurer Wucht, in jedem Detail seiner Inszenierung so dicht und beklemmend, so komplex und visuell atemberaubend subtil wie kein zweiter Almodóvar.

0:45 Uhr – La mala educacion (NDR)

Überaus komplexes Noir-Drama von Almodóvar, das neben seinen offensichtlichen Bezügen zu Wilders "Double Indemnity" vor allem als spanisches Gesellschaftsbild fasziniert.

Mittwoch, 02.04.

20:15 Uhr – Mary Poppins (SRTL)

Wer den nicht mag, ist ein schlechter Mensch.

20:15 Uhr – Die Addams Family in verrückter Tradition (K1)

Witzig, und sogar etwas besser als die Fortsetzung, aber nichts, das ich mir heute noch mal anschauen würde.

22:15 Uhr – Der dritte Mann (HR)

Großartig. Anschauen, lernen, wieder anschauen.

Donnerstag, 03.04.

22:45 Uhr – Jäger der Apokalypse (Tele5)

Italo-camp-classic, aber total verstümmelt.

Freitag, 04.04.

20:15 Uhr – Disneys Tarzan 2 (SRTL)

Mochte schon den ersten nicht, die Phil Collins-Songs nerven.

23:00 Uhr – Dawn of the Dead (RTL2)

Die ultimative Verkehrung des Originals. So zynisch und dumm, wie Romero es einst prophezeite.


März 28, 2008

DVD: FAMILY GUY - BLUE HARVEST

Lando Calrissian ein Quotenschwarzer. Der Schrotthändler Watto ein Insekt, das in Laserschwertfallen fliegt. Obi-Wan Kenobi ein alter lüsterner Sexbock. Han Solo ein Sperrmüllsammler. Imperiale Streitkräfte als heimlich schwule Uniformträger. Darth Vader eine zu klein geratene, verkappte Showdiva mit Napoleonkomplex. Luke Skywalker ein vertrottelter, tumber Taugenichts: Die Verkehrung der bekannten, zu Popklischees gezüchteten Figuren des "Star Wars"-Universums ließe sich noch weiter fortsetzen. Systemimmanent haben die Macher von "Family Guy" jede Note ihres persönlichen Vorbildes, strukturbedingt "Episode IV – A New Hope", aufgegriffen, um sie neu anzustimmen, parodistisch oder vor allem auch einfach nur ungebrochen vorzuführen, um einer ihrer meistvertrauten, meistzitierten kulturellen Inspirationsquellen eine Sonderfolge der Zeichentrickserie zu widmen.

Nach eigenem Selbstverständnis ist "Blue Harvest" – schon der Titel eine Referenz, in diesem Fall der einstige Deckname des zur Drehzeit geheimen "Return of the Jedi" – die konsequente Weiterführung der zahlreichen "Star Wars"- Zitate innerhalb von fünf Staffeln "Family Guy". Neu ist das also nicht, war es auch nie. Schon die "Simpsons" bearbeiteten das George Lucas-Imperium immer wieder mit Referenzen und Nachahmungen, unzähligen Ver- und Hinweisen, sie nutzten die Filmserie oft für regressiven Humor, spielten auf die kapitalistische Ausbeute der Lucasfilm- Maschinerie oder die ausbleibenden Karrieren der Hauptdarsteller an (beispielsweise in der Folge "Mayored To The Mob", deutsch: "Der unerschrockene Leibwächter"), wie "Star Wars" gemeinhin überhaupt als eines der meistparodierten Beispiele der Postmoderne gelten dürfte. Besonders einfallsreich und findig erscheint es also schon einmal nicht, sich mit der eigenen Idee ins fremde Konzept zu manövrieren, um sich nach Herzenslust austoben zu können: Die "Family Guy"-Figuren durchleben "Eine Neue Hoffnung", orientieren sich sicher am Handlungsverlauf des Films und streuen links und rechts nach Belieben Gags ihres eigenen charakteristischen Stils.

Das verläuft zumeist in erwartungsgemäßer Form, die Autoren nutzen bekannte Muster und teilen dort Seitenhiebe aus, wo man sie auch vermuten dürfte: Manche Ungereimtheiten des Originaldrehbuchs werden bewusst wiederholt, hämisch kommentiert und überbetont hervorgehoben, ebenso wie die strikt asexuelle Ausgestaltung der "Star Wars"-Welt um besonders schlüpfrige, aus latenten Andeutungen und Vermutungen der Vorlage heraus gelöste Grobheiten ergänzt wird. "Blue Harvest" ist dabei stets als Produkt einer Gruppe von Fans identifizierbar, die konkreten Witze beziehen sich überwiegend auf Einzelelemente des Films, auf Lücken und Stellen, über die Generationen von Nerds schon diskutiert und gegrübelt haben. Es würde zum Beispiel nicht verwundern, wenn die dritte Folge, die sich "Episode VI" widmen dürfte, auf Insider-Plotholes wie die Beschaffung des Tydirium Shuttles verweist. Genau dieses Dekuvrieren, dieses Deutlichmachen von Wissen und Studium erwartet man von einem solchen Unternehmen.

Indem "Family Guy" hier also ein ganz konkretes Sujet zum Ziel seiner harmlosen Attacken erklärt, bleibt die Serie von Schöpfer Seth MacFarlane ihrem Duktus treu, vordergründige und spezifische Referenzvorbilder zu bedienen. Im Gegensatz zu ihren Kollegen und inoffizieller Inspirationsquelle "The Simpsons" nutzt die Comedyshow das Bezugsobjekt auch hier nicht für die Position weiterführender Merkmale, für ein Erweitern des Rahmens, in dem sich der reine zu parodierende Gegenstand befindet. "Blue Harvest" veralbert "Star Wars" gar nicht in dem Sinne, dass es sich darüber amüsieren, es der Lächerlichkeit preisgeben würde. Vielmehr kopiert es das Vorbild, übernimmt exakte Bestandteile, um sie aus Spaß an der Freude zu reproduzieren, ihre Wiederholung als genussvolles Nachspiel zu begreifen und genau daraus einen bestimmten Humor abzuleiten. Die "Simpsons" würden eine "Star Wars"-Parodie auch als Möglichkeit zu allgemeinen Statements wahrnehmen, und das haben sie sogar mehrfach. In gewisser Hinsicht benutzen sie das Vorbild, um größere Zusammenhänge herzustellen, um ganze Systeme der Popkultur aufzugreifen. Die Parodie als solche ist bei ihnen fester Bestandteil der eigenen Welt, das Original würde eingebettet, zurechtgebogen und an die richtigen Stellen platziert, während "Family Guy" sich mit "Blue Harvest" genau andersherum den Gegebenheiten des Referenzobjekts unterordnet. Im Mittelpunkt steht das Nachspielen von "Star Wars", und jedweder Humor konstituiert sich auch nur innerhalb dieses Spiels, ein Gag bleibt ein Gag zu "Star Wars", einer der korrelativen Fiktion, ein kurzer, für sich stehender Joke, rein der postmodernen Attitüde verbunden, als solcher vom Publikum erkannt zu werden.

Es bleibt deshalb wie immer bei MacFarlanes Projekt der Eindruck, dass sein Comedy-Ansatz ein beschränkter ist, einer, der hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Eine "Star Wars"-Parodie sollte im besten Falle nicht nur ein einfaches Zelebrieren des Vorbildes sein, sondern ein Kommentar, der die vorgeführten Eigenheiten nicht ausschließlich für den Verweis auf sich selbst nutzt (ein Witz über Darth Vader als ein Witz über Darth Vader, der lediglich auf einen Witz über "Star Wars" schließen lässt). Das Phänomen der Weltraum- saga selbst bleibt völlig unangetastet, weil sich der Humor fast nur im Innern der Handlung, der eigenen konstruierten Welt abspielt, das Referenzfeld aber immer überschaubar bleibt. Das reicht nicht einmal für einen Seitenhieb auf die Special Editions der Filme, auf das Riefenstahl-Ende, oder sich selbst so ernst nehmende Imperium, das die Filmreihe als solche bildet – weil "Blue Harvest" sich trotz aller Komik und Albernheit selbst auch ernst nimmt. Nicht auszudenken deshalb, wie die "Simpsons" etwa die archetypischen Figuren über die eigenen gemünzt, wie sie die zusammen gewürfelte Erscheinung der Filme als Abzug anderer Vorbilder offen gelegt hätten, wie sie anders als hier vermutlich ganz einfach nicht nur einen Bush/Cheney-Button ans Heck des Sternenzer- störers geheftet, sondern Lucas vermutlich selbst zum despotischen Imperator seines eigenen Universums (v)erklärt hätten.


50%

März 27, 2008

Zuletzt gesehen: THIS FILM IS NOT YET RATED

"The MPAA is supposed to protect children, not turning us all into children.", ist einer der etwas weiseren Sätze, die in "This Film Is Not Yet Rated" fallen. Kirby Dick begibt sich hier auf die Spuren der US-Filmbewertungsstelle, der Motion Picture Association of America, jener Institution also, derer Filme ihre Altersfreigabe verdanken. Die Behörde steht grundsätzlich in der Kritik, nicht nur weil sie erheblichen Einfluss auf die Produktionsmaschinerie hat, sondern auch nicht transparent operiert, also sich einer Offenlegung ihrer Mitglieder und Arbeitsstrukturen widersetzt. Die Dokumen- tation interviewt ehemalige Prüfer und Filmschaffende (Highlight wie immer: John Waters), montiert zahlreiche Ausschnitte und begibt sich abenteuerlich auf die Suche nach den geheimnisvollen Mitgliedern. Da kommen zwar interessante Einsichten bei rum, etwa, dass Independentfilme meist nicht strikter klassifiziert oder Filme mit schwul- lesbischem Inhalt grundsätzlich höher eingestuft werden, aber neu ist das alles ja nun eigentlich nicht. Und wenn Dick sich in Michael Moore-Manier selbst in Szene setzt als investigativer Doku-Filmer, oder er eine nervige Stalker-Detektivin auf die Mitglieder der MPAA ansetzt – was den seltsam witzigen Rahmen des Films bilden soll –, dann beginnt das eigentlich ungemein interessante Thema schnell zu ermüden.

45%

Kino: KINOSTARTS - 27.03.2008

  • Tanz mit der Zeit (Doku, D 2007)
  • Jumper (Sci-Fi-Thriller, USA 2008)
  • Meer is nicht (Drama, D 2007)
  • Vielleicht, vielleicht auch nicht (Komödie, USA 2008)
  • Half Nelson (Drama, USA 2007)
  • Kontakt (Drama, D 2005)
  • Daddy ohne Plan (Komödie, USA 2007)
  • Princess (Zeichentrick, D/DÄN 2006)
  • Sunkissed (Drama, USA 2006)
  • Schmetterling und Taucherglocke (Drama, USA/FR 2007)

März 26, 2008

Zuletzt gesehen: SUPERBAD

Die Judd Apatow-Crew wartet bei dieser Komödie um pubertierende Jungs in US-Suburbs einmal nicht mit genre- typischem Gaga-Humor aus dem Pups- und Kackawitzchen- Bereich auf, sondern schlägt trotz herber Dialoge eher in eine etwas ernsthaftere Kerbe. "Superbad" verschreibt sich seinen drei Slackern, die augenscheinlich nur an Titten und den ersten Sex denken können, nämlich erstaunlich sensibel: Obwohl der Film zugespitzt und naiv erscheint, ist er grundsätzlich in einem realistischen Ton erzählt und zeigt ehrliches Interesse an seinen Figuren. Die plagen sich indes nicht nur mit Hormonschüben, sondern auch Außenseiter- und Zukunftsängsten, was den Film über seine Blödelattitüde hinaus zur schönen Geschichte über Freundschaft und das Ende der Jugend wachsen lässt. Dabei gar nicht einmal so lustig, wie man annehmen könnte, und sogar recht düster in Szene gesetzt, ist "Superbad" deshalb in gewisser Hinsicht so etwas wie die Ehrenrettung der US-Teeniekomödie.


70%

März 24, 2008

Zuletzt gesehen: HARD EIGHT / SYDNEY

Eigentlich kann man ein Regiedebüt ja nicht wirklich als Fingerübung bezeichnen. Anders lässt sich "Hard Eight" aber schwer fassen: Es beschlich mich immer wieder das Gefühl, dass P.T. Anderson hier nur etwas herumspielt, ausprobiert, ganz gekonnt mit filmischen Mitteln jongliert, um sie in eine etwas andere, etwas ungewohnte Anordnung zu bringen. Der Film folgt einem sehr eigenen Rhythmus, der sich ganz aus seiner willkürlichen Geschichte ergibt. Immer wieder erhöht Anderson das Tempo, immer wieder fährt er es herunter, auf lange starre Einstellungen folgen lange Steady-Cam-Shots, und der Schnitt ist alles andere als ausgeglichen. Da scheint jedoch immer ein Konzept im Hintergrund die Dinge zu steuern, nur ist der streng seiner lethargischen Erzählung verschriebene Film somit alles andere als in banalen Unterhaltungskategorien festzuhalten. Anderson erprobt sich noch, und das meiste wird erkenntlich und wesentlich verbessert, wesentlich stimmiger in "Boogie Nights" wieder aufgegriffen. Unter anderem die Praxis, den Schauspielern ihre Rollen auf den Leib zu schreiben: In die Fußstapfen von Philip Baker Hall wird dann Julianne Moore treten, und Aimee Mann nicht mehr nur den Abspann besingen. Sehenswert, vor allem zur Vervollständigung.

März 22, 2008

TV: Fernsehtipps vom 22.03. - 28.03.2008

Samstag, 22.03.

1:50 Uhr – Dead Man Walking (ARD)

Unpolemisches, wenig naives und erstaunlich differenziertes Drama über den Wahnsinn Todesstrafe. Herausragend gespielt.

20:15 Uhr – Beverly Hills Cop 3 (SAT.1)

Nachgeschobenes und weitestgehend unoriginelles Sequel, das die ohnehin etwas seltsame Serie vorerst abschloss.

20:15 Uhr – Viel Lärm um nichts (3SAT)

Der einzige Branagh, der mir wirklich gefällt. Sehr amüsant und sicher in Szene gesetzt.

20:15 Uhr – Stargate (K1)

Pathetisches Fantasygedöns, das mich schon als 9jähriger im Kino langweilte. Die Kulissen und Kostüme hat Emmerich für seinen letzten Film gleich wiederverwertet.

22:25 Uhr – Universal Soldier (RTL2)

Immerhin lustig, aber gut ist natürlich auch was anderes.

0:00 Uhr – The Grifters (MDR)

Frears in Hochform, einer der besten Filme der 90er.

Sonntag, 23.03.

20:15 Uhr – Madagascar (Pro7)

Unlogischer, übel animierter DreamWorks-Heuler ohne Herz und Seele.

20:15 Uhr – King Kong (RTL)

Mit Herz und Seele, aber im Gegensatz zum Original nur eine große Tiernummer. Gigantisch inszeniert und bewegend, aber Jackson kann’s noch viel besser. Falsches Bildformat.

22:15 Uhr – Stirb Langsam 2 (SAT.1)

Auch der hat an Ostern nichts im TV verloren. Immer noch ganz gut, wenn die erneute Sichtung kürzlich auch gezeigt hat, dass der die ganze Chose des Vorgängers noch einmal – nur uninspirierter – auffährt.

22:35 Uhr – Macbeth (3SAT)

Mit der Vorlage habe ich Probleme, aber Polanski lässt keine Wünsche übrig bei der Umsetzung: Überaus niveauvolle Shakespeare-Adaption.

0:15 Uhr – H3 – Halloween Horror Hostel (Pro7)

Kaum in Worte zu fassende Peinlichkeit von einem Film. So unangenehm schlecht, dass man es nur mit Ignoranz strafen darf.

1:20 Uhr – Solange ein Herz schlägt (ARD)

Die Crawford ist brillant, aber trotz toller Einzelmomente hat Curtiz’ Noir-Drama mich nie wirklich für sich gewinnen können, obwohl der Film ein enorm fortschrittliches Rollenmodell entwickelt(e).

1:35 Uhr – House of Wax (Pro7)

Gehört zu den 1% Remakes, die irgendwie Spaß machen, obwohl sie nichts Neues – bzw. sogar noch weniger als das Original – erzählen. Nachts dann sicher auch ungekürzt.

Montag, 24.03.

13:10 Uhr – Lemony Snicket – Rätselhafte Ereignisse (ARD)

Wurde und wird immer wieder mit Burton verglichen, der seine Fantasywelten aber niemals durch die Bedrohung des Realen konstruieren würde. Visuell schöner Film, nur etwas sehr over acted und mit unbefriedigendem Schluss.

20:15 Uhr Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen (RTL)

Noch schlechter als "Van Helsing" – und das will schon was heißen.

22:05 Uhr – Stirb Langsam: Jetzt erst recht (SAT.1)

Fühlt sich nicht wirklich nach McClane an. Aus der Solonummer wurde ein Buddy-Movie, dessen Drehbuch man zu jeder Zeit anmerkt, das es eigentlich für "Lethal Weapon 4" gedacht war.

22:15 Uhr – Das Schweigen der Lämmer (Pro7)

Kann man ja irgendwie im Schlaf singen. Gut, aber kein Klassiker.

22:25 Uhr – Alien vs. Predator (RTL)

Großartiger Schrott mit viel Krawall.

23:30 Uhr – Schlafwandler (K1)

Stark gekürzt. Atmosphärischer, blutiger Horror nach Stephen King mit gutem Soundtrack.

2:45 Uhr – Menschen im Hotel (NDR)

Einflussreicher, expressionistischer Zeitgeistfilm über Menschenschicksale. Sehr sehenswert.

Mittwoch, 26.03.

20:15 Uhr – Philadelphia (K1)

Nicht ganz so mutig wie gern unterstellt wird, aber bemerkenswert und einfühlsam inszeniert, unheimlich bewegend und natürlich auch großartig gespielt. Der Film fremdelt dennoch mit sich selbst.

Donnerstag, 27.03.

22:45 Uhr – Elementarteilchen (ARD)

Deutscher Kino-Bodensatz. Sexualfeindliche Altherrengedanken, absolut unerträglich und stinkkonservativ.

Freitag, 28.03.

22:30 Uhr – End of Days (RTL2)

Der Film zum Millennium, jetzt schon fürchterlich dated.

23:20 Uhr – Das Herz ist eine hinterlistige Person (Arte)

Sehr schöne Übersetzung der ARD (Achtung: Ironie). Macht aber auch nichts: Asia Argentos Film ist eine willkürliche, geschmacklose Farb- und Filternummer mit möglichst harter Schale. Absolut nichts sagend und nervtötend.

0:10 Uhr – RoboCop 2 (Pro7)

Gemessen an Verhoevens Genre-Meilenstein schwache Fortsetzung, die die ironischen Untertöne des Originals nunmehr mit plumper Holzhammermethodik vorführt. Als simpler Actionfilm ist er dagegen ganz passabel, nur hier leider indiskutabel gekürzt.

3:00 Uhr – Themroc (Arte)

Der Film, wo es sich durchaus ziemt, nichts verstanden zu haben. Trotz der furchtbaren Begrifflichkeit: Kult.


März 21, 2008

Kino: BE KIND REWIND

Seien sie so nett, spulen sie zurück. Diese Videothekenregel ist ja nunmehr eine gar altmodische, denn was der LaserDisc einst noch verwehrt blieb, das gelang der DVD rasch flächendeckend, wenn vielleicht auch nicht allzu nachhaltig: Der Durchbruch, und damit kein Zurückspulen mehr. Einer der Vorteile des neuen Mediums bestand sicherlich im verringerten Gefahrenrisiko, dessen sich die Videotapes noch ausgesetzt sahen. Denn das ist ja alles nicht so einfach: Gegen das nächstgelegene Atomkraftwerk muss man sich mikrowellen- sicher mit Aluminiumfolie und zum Mittagessen stets mit Blechsieb auf dem Kopf schützen, und gegen das boomende DVD-Geschäft der Konkurrenz hilft die Tugend über der Not – nachdem alle Magnetbänder durch den verstrahlten Jack Black gelöscht wurden, muss Videoladen-Aushilfe Mos Def zum Masterplan übergehen und die besonders gefragten Titel einfach neu drehen. "RoboCop" im Hinterhof, "Rush Hour 2" auf dem Dach, "Driving Miss Daisy" in einer alten Rostlaube auf vier Rädern. Und die Kunden lieben es!

Schließlich bekommt die selfmade-Bande jedoch bald Ärger mit den Rechtsvertretern der Hollywoodstudios (wunderbar: Sigourney Weaver) und muss kurzerhand Produktionen eigenen geistigen Besitzes für die Schlange stehende Kundenmeute in Auftrag geben. So besinnen sie sich unter Ägide von Shopbesitzer Danny Glover auf die Legende ihres Viertels, den schwarzen Jazzpianisten Fats Waller, und drehen einfach ein Biopic unter Mithilfe ihrer Kundschaft. Wie man hier schon vermuten darf, ist Michel Gondrys "Be Kind Rewind" nicht unbedingt die angekündigte Verballhornung diverser Kinovorbilder, keine ausschließlich verspielte, liebenswürdige Verbeugung vor der Kleinkunst. Ein wenig tarnt sich der Spaß einfach als Filmparodie, deren veralbernder Teil zunehmend vom sozialkritisch aufgesetzten Nebenstrang zurechtgewiesen wird: Der alte Videoladen nämlich soll abgerissen werden, und nur um auch das zu verhindern, wird der Remakeplan bald so tatkräftig umgesetzt.

Somit erzählt dieser Film keine Geschichte über die Liebe zum Kino, formuliert kein Plädoyer für kleine Imitatoren, die zu großen Filmemachern werden, sondern bewundert lediglich den Zusammenhalt einer Gemeinschaft, feiert den kleinen einfachen Mann. Das Nachspielen der Vorbilder ist nur eine nette Beigabe, ein Mittel zum Zweck. Spätestens ab der zweiten Hälfte ergeht sich der ohnehin wenig peppige, uninspirierte Ulk in Rührseligkeiten, die das Versprechen (oder die Hoffnung) eines reflektierten Filmspaßes nicht einlösen können. Überhaupt ist Gondry gar nicht bei der Sache: Die Ideen in der Umsetzung der Minifilme bieten sich doch förmlich von selbst an, doch nutzen tut er die wenigsten, das meiste wiederholt sich nur, die gewählten Beispiele sind belanglos und lassen keine Möglichkeit für Kommentare zu. Und die will der Regisseur vermutlich auch gar nicht: Die filmischen Opfer werden weder mit Biss noch mit Scharfsinn vorgeführt, sie werden von Gondry nicht einmal sichtlich geliebt. Das alles dient nur der Vorbereitung eines kitschigen Friede-Freude-Eierkuchen-Finales.

Sieht man von einer beeindruckenden Montage, die sämtliche nachgedrehte Filme im Schaffensprozess zusammenfügt, ab, bleibt nur eine unkreative, ohne visuelle Einfälle aufbereitete Ode an die Provinz, an die Kraft der Imagination. Dass die Viertelbewohner hier zuletzt eine Stadtgeschichte nach- drehen, die gar nicht stattgefunden hat, ließe auf ein schönes Bekenntnis zur Kunst und ihrer Funktion schließen, doch selbst der dem Geschehen inhärente Ansatz, aus Imitation könne letztlich neuer originärer Einfallsreichtum erschaffen werden, erstickt im harmlosen, nach friedvollem Konsens eifernden Schluss. Vielleicht sollte sich Gondry mal wieder mit Charlie Kaufman zusammentun. Dessen Drehbücher übersetzte er wunderbar in fantasievolle Basteleien – und kam erst gar nicht in Versuchung, eigenen Ambitionen gerecht werden zu müssen.


40%

März 20, 2008

News: STAR WARS - Neues zur Realserie

Wie George Lucas im Interview mit Entertainment Weekly berichtete, wird die "Star Wars"-Realserie definitiv produziert. Es seien 100 Folgen geplant mit je einer Stunde Dauer und fast ausschließlich neuen Figuren. Die TV-Serie wird zwischen Episode III und IV angesiedelt sein. Lucas habe bereits mit dem Schreiben begonnen, außerdem wird er die Show als ausführender Prodzent überwachen, nicht jedoch Regie führen.

Quelle Logo © Lucasfilm

News: Der neue Film von Stephen Frears...

... wird "Cheri" heißen, auf dem Roman von Christopher Hampton ("Atonement") basieren, der wiederum auch das Drehbuch schreibt, und mit der großartigen Michelle Pfeiffer, Rupert Friend und Kathy Bates besetzt sein. Kommt erst 2009, Vorfreude ist aber jetzt schon ziemlich hoch.

Kino: KINOSTARTS - 20.03.2008

  • Ein Tödlicher Anruf (Horrorthriller, USA 2008)
  • Absurdistan (Liebeskomödie, D 2008)
  • Juno (Teenie-Komödie, USA 2007) [Kritik]
  • Die Geheimnisse der Spiderwicks (Fantasy, USA 2008)
  • Chaos (Drama, FR/Ä 2007)
  • Die Österreichissche Methode (Drama, D 2006)
  • Dan - Mitten im Leben (Komödie, USA 2008) [Kritik]
  • Das Jüngste Gewitter (Drama, D/DÄN/FR/NOR/SCHW 2007)

News: SPEED RACER - Neue Poster


Zur Adaption der Anime-Serie "Speed Racer" wurden - natürlich völlig überdrehte - character-Poster veröffentlicht. Auch oder gerade nach den bisherigen Trailern ist dieser neue Wachowski-Film so ziemlich das interessanteste, das dem- nächst die hiesigen Kinos heimsuchen dürfte, nicht zuletzt weil Michael Giacchino die Musik komponiert. Deutscher Start ist am 8. Mai. Trailer und mehr gibt es noch mal hier.

März 19, 2008

Zuletzt gesehen: CLOSER

Autor Patrick Marber hat sein preisgekröntes Theaterstück fürs Kino neu verfasst, doch auch als Film unter der Regie von Kinogröße Mike Nichols bleibt das Gefühl, lediglich einem abgefilmten Vier-Personen-Spiel auf der Bühne zuzuschauen. Die Schauspieler bewegen sich fast linienförmig in spartanischen Sets, während selbst die etwas bemüht flexible Kamera nicht den steifen, bühnenhaften Charakter von "Closer" verhüllen kann. Zweifellos aber ist das Drama über Liebe im urbanen Raum, im bourgeoisen Milieu, über Entfremdung und Abhängigkeit gut gespielt und mit Clive Owen und Natalie Portman stark besetzt. Als Fremdkörper hingegen erweist sich die burschikose Julia Roberts, die mit zugeknöpftem Image nur schwer eine freizügige, beziehungs- gestörte Photographin gibt – und sich jede verbale Vulgarität regelrecht herauszwingen muss. Trotz seiner extrem kühlen Inszenierung, der keimfreien, klinischen Betrachtung von Menschen, seinem fast schon mit Verachtung strafenden Blick auf die bürgerliche Selbstzerstörung gefällt "Closer" insgesamt als straffes Beziehungsstück.

60%

März 18, 2008

Zuletzt gesehen: MAGNOLIA

Zufälle und Irrtümer, Absichten und Fatalitäten. Die ganze Dichotomie der Abläufe, der Geschichte, der Entwicklung, diese schlichte Absurdität - unwahrscheinlich elegant, wahrhaftig, episodisch. Ein Film ohnegleichen, der schwebt über den Dingen. Der sich so weich, so weise, so unheimlich intuitiv anfühlt. Es fällt schnell leicht, sich in die Arme dieses Films, dieses kraftvollen, verdichteten, reichen Films zu begeben, und es wird mit Geborgenheit und Verständnis gedankt, mit der Intimität von Menschen, die wissend und unwissend, bewusst und unbewusst, freiwillig und unfreiwillig miteinander verkittet sind. Dass die inneren Dämonen nie wirklich bezwungen werden, sondern stets nur als Sequenzen des Innehaltens dem immerwährenden Kampf vorausgehen können, ist eine der weisesten Erkenntnisse Andersons. Und Dialoge gibt es da, die wird man nicht mehr vergessen: "I have so much love to give, I just don't know where to put it." Ein Meisterwerk für die Ewigkeit.

März 17, 2008

Zuletzt gesehen: PRINZESSINNENBAD

Ein Porträt dreier Mädchen: Klara, Mina und Tanutscha. Drei Teenager im Multikultikiez: SO36. Eine Regisseurin, die sie begleitet: Bettina Blümner. Das lädt ein in eine irgendwie fremde Welt, die man sonst nur durchstreift in U-Bahnhöfen, beim schnellen Gang übers Kottbusser Tor, beim Essen am Curry 36. Wenn Blümner sich den unverstellten Teenagerinnen ebenso unverstellt nährt, sie wie eine Freundin beim Rumhängen auf Wiesen und im Prinzenbad, bei der ersten Liebe und dem Umgang mit zerrüttelten Familien beobachtet, bedauert man ein wenig die musikalische Intervention mit illustren Hip-Hop-Songs. Und auch wenn diese Szene- Dokumentation ihre Momente hat, weiß man letztlich doch nicht so recht, was sie einem nun eigentlich mitteilen will. "Ich komme aus Kreuzberg, du Muschi!". Klingt irritierend, aber doch ziemlich normal.

50%

März 16, 2008

Kurzschluss: DAN IN REAL LIFE

Dan Burns (Steve Carell) schreibt Kolumnen für Leute, die ihr Leben dank seiner Ratschläge in eine bessere Ordnung fügen. Wie es die Ironie der romantischen Komödie gern mal so will, muss sich der dreifache Familienvater und Witwer hingegen momentan selbst ein wenig sammeln. Im Büchergeschäft seines Heimatortes, den er für das traditionelle große Familienzusammentreffen besucht, lernt Dan die selbstbe- wusste Marie (Juliette Binoche) kennen – die sich noch am selben Tag als neue Freundin seines Bruders entpuppt. Nun müssen die beiden nach ihrem heftigen Flirt zusehen, wie sie aus dieser Geschichte einigermaßen heil herauskommen, und schließlich auch zu ihren Gefühlen stehen…

Die Familie, die sich da zu einem kuscheligen Wochenende zusammenfindet, kann einem schon wahrlich üble Alpträume bescheren. Wenn die Riesensippe zusammen kocht, isst, singt, sich alles erzählt, gemeinsam Abende verbringt und scheinbar keine anderen sozialen Kontakte pflegt, ist das noch die eine Sache. In den Bereich der Nötigung geht es hingegen, wenn sie das Liebesleben des erwachsenen Dan beim Zusammenkommen derart unangenehm ausbreitet, dass sie dem Vater von immerhin drei Töchtern sogar noch ein Blind Date aufzwingt, und sich diese als familiäre Harmonie verkaufte Bloßstellung als nahezu unerträglich entpuppt. Sollte man dennoch über die sicherlich gruseligste Filmsippe seit "Little Miss Sunshine" hinwegkommen, dürfte sich Peter Hedges’ "Dan in Real Life" als akzeptable, in seinem wenig hysterischen Tonfall angenehm gesetzte Romanze erweisen. Hier wie dort glänzt Steve Carell als erstaunlich präsenter Schauspieler, der die Figur mit viel Empfindsamkeit und sympathischem Humor ausstattet. Dass sich zwischen ihm und der immer dezent belehrenden Juliette Binoche keine wirkliche Chemie entwickeln will, kann nicht verhüllen, dass diese an ein etwas älteres Publikum gerichtete Romantic Comedy in ihrer Harmlosigkeit gefällt. Wäre da nicht der grausige Epilog, der jene Spießigkeit freilegt, die man zuvor schon permanent vermutete, könnte dieser Dan einem durchaus ans Herz wachsen. So bleibt es nur beim alten Wertebekunden – aber immerhin mit schönen Songs von Sondre Lerche.


50%

März 15, 2008

TV: Fernsehtipps vom 15.03. - 21.03.2008

Samstag, 15.03.

20:15 Uhr – Das Urteil (Pro7)

Zum Film kann ich nichts sagen, aber Christopher Youngs Musik ist zumindest sehr, sehr gut.

22:10 Uhr – Man lebt nur zweimal (ARD)

Prototyp aller Bond-Abenteuer und Opfer zahlreicher Parodien. Bis dato meistüberdrehte und rasanteste Film der Serie mit gigantischen Sets und einem wunderbaren Blofeld.

22:40 Uhr – Identität (Pro7)

Spannender, aber auch reichlich abstruser Horrorthriller, bei dem eigentlich nur die tolle, tolle Rebecca DeMornay in Erinnerung bleibt.

23:40 Uhr – Marnie (RBB)

Brillant. Gefolgt von den guten, aber eher semiwichtigen "Frenzy" und "Immer Ärger mit Harry".

1:25 Uhr – Sliver (ZDF)

Einer der erträglicheren Versuche Stones, weiter am "Basic Instinct"-Image zu arbeiten. Zwischen ihr und Baldwin prickelt es nur leider so komplett gar nicht.

Sonntag, 15.03.

15:05 Uhr – Dörte’s Dancing (Pro7)

Habe ich mir bei der Erstausstrahlung wirklich angetan. Ist mit Worten kaum zu beschreiben: Teutonischer Comedy-Wahnsinn in neuen schlechten Dimensionen.

20:15 Uhr – Das Papst-Attentat (RTL)

Heiner Lauterbach macht einen auf Bruce Willis – aber dafür haben wir doch unseren Actionstar Heino Ferch…

20:15 Uhr – Per Anhalter durch die Galaxis (Pro7)

Dieses Phänomen ist ausnahmslos und in allen Einzelheiten an mir vorbeigegangen.

0:10 Uhr – Taxi Driver (K1)

Meisterwerk zum Immerwiedersehen und Lernen.

Montag, 17.03.

20:15 Uhr – Pretty Woman (SAT.1)

Womöglich verliere ich jetzt auch noch den letzten Funken Glaubwürdigkeit, aber ich hatte immer schon eine Schwäche für diese weltfremde Liebeskomödie. Und wo wir schon dabei sind: "Dirty Dancing" finde ich auch toll, so!

21:00 Uhr – Bel Antonio (Arte)

Einer der Filme, die man wohl gesehen haben muss, deshalb werde ich diese Lücke zügig schließen. Vor Marcello Mastroianni bin ich bislang bei jedem Film in die Knie gegangen.

Dienstag, 18.03.

20:15 Uhr – H3 – Halloween Horror Hostel (Pro7)

Pro7 ist mal wieder originell und dreht 10 Jahre nach "Scary Movie" eine Horrorparodie auf Neo-Slasher. Wenn das so gut wird wie letzte Woche, darf man sich auf einen neuen Tiefpunkt am deutschen Komödienmarkt freuen.

22:25 Uhr – Looking for Richard (3SAT)

Wenn Pacinos Regiedebüt auch nur annähernd so gut ist wie Shores Musik, kann das nicht schief gehen. Wird vorgemerkt.

0:00 Uhr – Das Meer in mir (SWR)

Was Javier Bardem hier abliefert, gehört zu den eindrucksvollsten Leistungen des neuen Jahrtausends. Bewegender, wichtiger Film.

Mittwoch, 19.03.

20:15 Uhr – High School Musical 2 (S-RTL)

Da meine Integrität ohnehin schwer gelitten haben dürfte: Ich fand den ersten irgendwie gut.

22:40 Uhr – Mary Reilly (K1)

Stephen Frears’ unterschätzte Adaption des Jekyll/Hyde-Stoffes, ein beeindruckendes Porträt von Einsamkeit, brillant gespielt.

Donnerstag, 20.03.

20:15 Uhr – Die Aushilfe (Tele5)

Lahme und harmlose Psychokiste, bei der nur Timothy Hutton gefällt.

22:15 Uhr – Air Force One (ZDF)

Weiterer Dooffilm von Petersen, der auf seine infantile Art jedoch Spaß machen kann.

23:00 Uhr – The Frighteners (VOX)

Spritzige, effektvolle und auch recht originelle Geisterkomödie, die sich hinten raus etwas verliert. Siehe Review.

1:25 Uhr – Sleepers (VOX)

Mitreißendes, aber eintöniges Drama, das bestenfalls Vermutungen über Folgen von Kindesmissbrauch anstellen kann, undmitunter lieber den bequemeren Weg eines konventionellen Thrillers geht.

Freitag, 21.03.

20:15 Uhr – Harry Potter und der Stein der Weisen (RTL)

Gelungener Einstand, bei der die Vorlage von Columbus brav und glatt übersetzt wird. Das Finale ist aber ein völliger Reinfall.

20:15 Uhr – The Aviator (Pro7)

Scorseses detailverliebtes, großartig gespieltes Howard Hughes-Biopic, fantastisch ausgestattet, voller Filmzitate und mit bombastischem Tondesign.

20:15 Uhr – Die fabelhafte Welt der Amélie (VOX)

Das schlimmste an diesem Film ist gar nicht einmal seine aufgesetzte Freundlichkeit, seine möchtegern-naive Unschuld und der beinahe schmerzhaft übergestülpte Zuckerguss, nein, selbst Audrey Tautou als talentfreies Habt-mich-alle-lieb-Rehäuglein macht aus Jeunets Film keine ausschließlich unerträgliche Folter: Es ist vor allem der verlogene Fantasieappell, mit dem dieser Unfug seine vermeintlich niedlichen Ideen schamlos ausstellt. Grässlich.

22:00 Uhr – Stirb Langsam (SAT.1)

An Ostern, na so was.

23:45 Uhr – Die Passion Christi (Pro7)

Idiotische, langweilige, ideologische, strunzdumme Folternummer für Bibelsadisten. Gibsons Projektionsfläche eigener Komplexe, kaum noch ernst zu nehmen.

Wer das volle Humorprogramm möchte, kann um 14:45 Uhr in SAT.1 auch noch "Die Zehn Gebote" schauen.

0:40 Uhr – Der Tod kommt zweimal (SAT.1)

Auf De Palmas Bezugsliste stehen diesmal erneut "Vertigo" und "Rear Window", was davon hingegen übrig bleibt ist ein Killer mit schlechter Maske, ein Twist, der sich im Titel selbst verrät, und jede Menge Strapsen. Ich glaube ich habe meinen Frieden mit dem Mann geschlossen. Dennoch völlig uninteressant.


März 14, 2008

News: Upcoming Reviews


Demnächst Filmbesprechungen zu: "Dan - Mitten im Leben" (Peter Hedges), "Abgedreht - Be Kind Rewind" (Michel Gondry) und "Die Geschwister Savage" (Tamara Jenkins).

März 13, 2008

Kino: KINOSTARTS - 13.03.2008

  • Die Welle (Drama, D 2008)
  • Love and Other Disasters (Komödie, USA/FR/UK 2006)
  • Walk Hard - Die Dewey Cox Story (Parodie, USA 2008)
  • Lars und die Frauen (Tragikomödie, USA 2007) [Kritik]
  • Horton hört ein Hu (Animation, USA 2008)
  • Ulak - Der Bote (Drama, TÜ 2008)
  • 13 Tzameti (Thriller, FR 2005)
  • Recep Beeildich! (Komödie, TÜ 2007)
  • Johan (Schwulendrama, FR 1976)
  • Bierbichler (Doku, D 2008)
  • Jellyfish - vom Meer getragen (Drama, FR/ISR 2007)
  • Mein Traum oder Die Einsamkeit ist nie allein (Drama, D 2008)

März 12, 2008

News: INDIANA JONES IV - Poster

Jetzt gibt es auch das offizielle Kinoposter zum Film. Orientiert sich natürlich an den alten, sieht aber für meinen Geschmack etwas zu gelackt aus.

März 11, 2008

Kino: LARS AND THE REAL GIRL

In "Edward Scissorhands" verhandelte Tim Burton den Ein- bruch des Fremden in die vermeintliche Wirklichkeit. Ein hageres Geschöpf wurde der bunt-uniformen Kleinstadt- gemeinschaft vorgestellt, skeptisch bekundet, umringt und schließlich als andersartiger Besucher mit Wunschvorstel- lungen erlösender Sexualität und von der keimfreien Idylle abgrenzender Lebenslust aufgeladen. Trotz seiner liebens- werten, humorvoll-skurrilen und mit schrulligen Figuren ausgestatteten Erscheinung war dies nicht zuletzt Ausdruck eines verächtlichen Blickes auf bürgerliche Verlogenheit und Provinzwahnsinn, in seiner betonten Künstlichkeit zudem weniger moralischer Appell als traumhaft schönes Märchen. Der Film "Lars and the Real Girl" erzählt auch von einem solchen Außenseiter, von einem leicht autistisch wirkenden Büroangestellten, dessen eigene Wahrnehmung im Wider- spruch zu seinem Erscheinungsbild steht.

Die Waage zwischen verschrobenem Witz und bewegender Außenseiterode versucht Regisseur Craig Gillespie hier ebenfalls im Gleichgewicht zu halten, doch sein Film über einen jungen Mann, der in der Garage seines Bruders und dessen Ehefrau wohnt, und übers Internet seine neue Freundin, eine lebensgroße Silikonpuppe, "kennen lernt", möchte vor allem das Herz berühren. Er soll bewegen, den Zuschauer für die ungewöhnliche Geschichte empfänglich machen, und er soll Mitleid erzeugen mit seiner Titelfigur Lars, dem unverstandenen, eigenwilligen Mann, dessen schüchterne Gestik und introvertierte Sprache von Ryan Gosling mit sichtlicher Freude am Zeigen von Können umgesetzt werden. Dass dieser Lars seine Gummipuppe Bianca wie einen lebenden Menschen behandelt, ist nur eine der Facetten, die bei ihm eine schwere psychische Störung, vermutlich ein durch den Tod der Mutter bedingtes Kindheitstrauma, vermuten lassen. Bianca ist eine Ersatzfigur, eine Projektion gegen die Einsamkeit, ein deutlicher Ausdruck dafür, dass diesem jungen Mann irgendwie geholfen werden sollte.

Abgesehen vom reichlich unsubtilen und leider nicht wirklich komischen Ansatz, die imaginierte Liebe zu einer Puppe als Zeichen eines Unverstandenseins, als plakativer Wink mit dem Zaunpfahl anzulegen, beschreitet "Lars and the Real Girl" anders als ein "Edward Scissorhands" hier jedoch recht eigenwillige Pfade. Was der Film möchte, ist ohnehin von Anfang an klar, eine rührselige Parabel über Ausgrenzung und Einsamkeit stünde ihm gut, und das ist sowieso derart ehrenwert und ambitioniert, dass der Zweck die Mittel zu heiligen scheint. Denn wie Gillespie und seine Autorin Nancy Oliver (deren "Six Feet Under"-Qualitäten hier irgendwo verloren gegangen sein müssen) da zum Ziel kommen wollen, ist an abstruser Unglaubwürdigkeit und lächerlicher, gezwun- gener Konstruktion nur schwer zu ertragen: Der Film krankt nicht nur an seinem grundsätzlich absurden Thema, sondern vor allem an seinem Umgang mit diesem Thema. "Lars and the Real Girl" spekuliert, entweder kalkuliert oder wirklich von Naivität verblendet, darauf, die erzählte Geschichte eines realitätsfernen Mannes und seiner geliebten Puppe als gegeben zu akzeptieren, ihr bereitwillig zu folgen und in den Kanon der mitleidigen Liebenswürdigkeit einzustimmen.

Dabei kann der Film doch nicht ernsthaft glauben, er zeige mit seiner verlogenen Haltung Aufrichtigkeit: Wenn die geschlos- sene Ortsgemeinschaft Lars’ Freundin als neues Mitglied einweiht, sie auf Partys eingeladen und mit Krankenwägen chauffiert, sie also von einer gesamten Kleinstadt genauso behandelt wird wie von ihrem Besitzer Lars, dann fragt man sich doch, wie viel Doofheit erlaubt sein darf für eine nett gemeinte Außenseitergeschichte. Wo Filme ähnlichen Sujets, seien es nun die Arbeiten Tim Burtons, sei es Henry Kosters "Harvey" oder Richard Kellys "Donnie Darko", ihre Ausgangs- idee dafür verwenden, entweder auf den Seelenzustand ihrer Figuren aufmerksam zu machen, oder deren Umfeld gewitzt zu denunzieren, als vigilantes Spießbürgertum zu entlarven, stimmt "Lars and the Real Girl" eine dissonante, völlig daneben gehauene Ode auf die Suburbs an. Da wartet man fast zwei Stunden darauf, dass endlich mal jemand die Klappe aufmachen und dem Jungen wirkliche Hilfe zukommen lassen wird, während selbst geschultes Arztpersonal die im großen Stil aufgezogene Puppennummer – angeblich – zugunsten der Figur unterstützt. Doch kann dem verstörten Mann diese absurde Haltung doch unmöglich gut tun: Und wo der Film offensichtlich möchte, dass wir das Spiel genauso mitspielen wie das Kleinbürgervolk es tut, da wünscht man sich eigentlich nur, dass diesem Lars doch irgendwann auch noch einmal professionelle Hilfe vergönnt sein darf.


40% - Link zum Thema: Polylog

Radio: FILM-BLUE MOON 03/08

Heute ab 22Uhr heißt es wieder mit Tom Ehrhardt und Ronald Bluhm zwei Stunden mitstreiten beim Film-Blue Moon auf Radio Fritz (Berlin/Brandenburg). Anrufen und sich aktiv an hitzigen Diskussionen zu aktuellen Kinofilmen von "No Country for Old Men" bis "10,000 B.C." beteiligen kann jeder - und einen Griff in die Fritz-Film- Geschenkekiste gibt es dann auch noch. Per Livestream oder direkt im Radio.

März 10, 2008

News: SWEENEY TODD - DVD Details RC2

Nein, es kann nie genügend "Sweeney Todd"-News geben. Und da ich gerade noch von der kommenden RC1 berichtete, die keinen AK aufweist und das bessere Cover der Single-Disc verpasst wurde, ist das Fanherz wieder beruhigt. Die leider erst am 19. Mai erscheinende UK-Ausgabe (auch auf Blu- Ray) hat sowohl ein tolles Cover als auch einen AK (zumindest "expected", ich hoffe es bleibt dabei), wobei nach derzeitigen Angaben dafür andere Extras gegenüber der US fehlen. Müssen also sowieso beide her. Mehr hier.

(danke an fadenschnute für die Info)

März 09, 2008

Kino: RUN, FATBOY, RUN

Die Verlobte am Hochzeitstag kurz vor der Trauung sitzen zu lassen, indem man geradewegs davonläuft, ist nun ganz sicher nicht die feine englische Art. Dennis (Simon Pegg) hat dafür, wie man später erfahren wird, zwar hehre Gründe, erst einmal aber lässt er den schönsten Tag im Leben seiner Freundin Libby (Thandie Newton) wie eine Seifenblase zerplatzen. Wenn der Sympathieträger eines Films also schon in den ersten fünf Minuten zu derlei Schandtaten befähigt wird, kann das ja ein heikles Vergnügen werden mit der britischen Romantic Comedy "Run, Fatboy, Run", erster Spielfilm des ehemaligen "Friends"-Serienstars David Schwimmer in der Position des obersten Befehlshabers. Aber Grund zur Sorge gibt es natürlich keinen: Wer könnte schon einen liebenswürdigeren Verlierertypen geben als der kauzige, immer etwas neben der Spur liegende Pegg, der auf tendenziöse Faulenzer/Slacker-Rollen spätestens seit der Zombieparodie "Shaun of the Dead" abonniert sein dürfte.
Schwimmers Kinodebüt ist eine wunderbar leichtfüßige Komödie, die nicht allzu ernsthafte, zumindest sehr überschaubare Themen verhandelt: Dennis nun ist rund fünf Jahre später noch immer damit beschäftigt, seinen Fehler von einst zu bereuen. Seinen kleinen Sohn sieht er zwar regelmäßig, doch Libby hat sich längst anderweitig orientiert und bewohnt mit ihrem Freund, dem gelackmeierten Geschäftsmann Whit (Hank Azaria), ein kleines Reihen- häuschen im Norden Londons. Nun sind die Rollen hier selbstredend schnell verteilt – Whit ist das aufgeblasene Arschloch, das man nur zu gern hasst, weil er Libbys Blick auf Dennis verstellt, weil er ihm die Vaterrolle streitig macht, und weil er eigentlich auch sonst alles ist, was Dennis nicht ist: Erfolgreich und beliebt, wohlhabend und zuvorkommend, ordentlich gebaut und topfit, ein Vorbild in allen Lebenslagen sozusagen. So einer, der alles hat, und es sich dennoch ständig selbst beweisen muss, z.B. mit einem Marathonlauf quer durch London, natürlich für einen guten Zweck. Und weil das die Angebetete sicherlich beeindrucken dürfte, entscheidet sich auch Dennis, an diesem wagemutigen Sportereignis teilzunehmen. Weg mit den Hüftrettungsringen, Zigaretten und Couch-Potato-Angewohnheiten.
Dass hier eine Menge dynamischer Ärger vorprogrammiert ist, versteht sich von selbst. "Run, Fatboy, Run" arbeitet mit einfachen Regeln und folgt den Konventionen der roman- tischen Komödie ebenso wie denen des Sportfilms, auch wenn er zumindest letztere parodierend vorführt. So verzichtet er nicht auf die obligatorische Montage der Vorbereitungen, stellt immer wieder die Frage, ob es der Held schaffen könnte, nur um sie an einem gewissen Punkt zu verneinen, damit doch noch alles ganz anders kommt. Was Schwimmer gleichzeitig augenzwinkernd vorführt, bedient er auch – nur ist das in diesem Fall keineswegs ein Problem. "Run, Fatboy, Run" ist ungemein schwungvoll in Szene gesetzt, Schwimmer bewältigt zahlreiche logistische Herausforderungen und dreht an vielfältigsten Schauplätzen, kommt selbst bei Massenszenen nicht ins Hadern und bietet vor allem ganz nebenbei noch eine stimmige Rundreise durch ein in warmen Bildern festgehaltenes London. Sicherheit dürfte Schwimmer dabei nicht zuletzt das wundervolle Drehbuch gegeben haben, das nach einer ersten Fassung von Simon Pegg komplett überarbeitet wurde.
Der Einfluss des langjährigen Comedy-Autoren macht sich in fast jeder Szene bemerkbar. Schon die Britcom "Spaced" lebte von Peggs eigenwilligem, trotteligen Humor, von Gags, deren offensichtliche Doofheit von den Figuren meist schon im selben Moment erfasst wurde, in dem sie ihnen herausgerutscht sind. Mit Regisseur Edgar Wright hatte sich da ein Seelenverwandter gefunden, und die zwischen bedingungsloser Liebenswürdigkeit und hoffnungsloser Verlierer-Attitüde ausgemachte Mentalität fand einen Kinoausdruck in "Shaun of the Dead" und der Polizeifilm- klamotte "Hot Fuzz". Pegg übernimmt vieles davon in "Run, Fatboy, Run", ohne dass Schwimmer ihm anders als Wright ein offenes Spielfeld anbieten würde. Die beiden harmonieren auf einer anderen Ebene, ähnlich wie schon in der schwarzhumorigen Zufallskomödie "Big Nothing". Schwimmer erweist sich eher als Vertreter eines gesetzten Humors, als jemand, der durchaus auch an einer funktionierenden, straffen Geschichte interessiert ist. Er hält nicht bei jeder Gelegenheit am Wegesrand an, um noch diesen oder jenen Gag mitzunehmen, was die Kombination Schwimmer/Pegg weniger verspielt und auch weniger spontan erscheinen lässt. Nichtsdestotrotz gelingen "Run, Fatboy, Run" viele unheimlich witzige Momente, und dass er grundsätzlich eher einen etwas emotionaleren Ton anschlägt, gibt Pegg auch die Möglichkeit, seine Fähigkeiten als tragikomischer Charakter zu beweisen. Das erinnert mal an "About a Boy", mal an "High Fidelity" – ist aber auf seine Art so ungemein charmant und sympathisch, dass man es nur schwer nicht mögen dürfte.


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