Januar 29, 2008

Kino: CLOVERFIELD

Man könnte jetzt noch einmal aufzählen, wie sorgfältig und langfristig der Verleih das Projekt beworben hat, wie erst Teaser-Fragmente im World Wide Web positioniert, dann die Spannung mit weiteren Informationen angetrieben und schließlich ein recht fulminanter Trailer ins Spiel gebracht wurde. Wie eine Erwartungshaltung bei Leuten geschürt wurde, deren Erwartungen sich im Internetzeitalter eigentlich gar nicht mehr schüren lassen. An ein vermeintliches Realprojekt glaubt kein Mensch mehr knapp 10 Jahre nach "The Blair Witch Project", und die semidokumentarische Kamera ist im Jahre 2008 so abgegriffen, dass sie selbst als modernes Filmklischee keine Erwähnung mehr finden sollte. Es gibt also nichts, das "Cloverfield" Erfolg beim so genannten viralen Marketing hätte versprechen dürfen, und dennoch hat es wieder funktioniert, das Ankitzeln, das Neugierigmachen, das Berechnen. Hype lautet der dazugehörige Inflationärbegriff. 

Dass die J.J. Abrams’ Produktion mit einer Idee aufwartet, die letztlich weder neu, noch sonderlich originell ist, sich nämlich gänzlich einer subjektiven Perspektive, einer Ich-Erzählung via Digitalkamera zu verschreiben, ist an und für sich nicht weniger vermessen als einen großen Monsterfilm ohne eigentliche Monster in Szene zu setzen. Sicher: Da wird schon durch New York gerempelt, da werden kleiner Krabbelviecher abgesondert, die die Menschen attackieren, aber das alles findet in Bruchteilen statt, in kurzen Momenten, oder sogar gänzlich off-screen. Unverschämt ist das, und kostengünstig obendrein. Warum fasziniert diese pseudo-reale Monsterattacke aber dennoch, wo man gerade mal ein paar schnelle Blicke auf das erhaschen kann, wofür man eigentlich Eintrittsgeld bezahlt.

Weil der Film in seiner veritablen Ökonomie jene banale wie simple These aufstellt und beweist, dass das, was man nicht sieht, eben doch um einiges erschreckender sein kann als jede Scope-Einstellung nackten Grauens und toll getrickster Effekte. Hier macht es sich "Cloverfield" wunderbar einfach, die Kamera schwenkt mal hier und mal da hin, zoomt dort mal kurz ran und fällt hier mal auf den Boden, dazwischen sieht man dann oft nichts oder einfach nur eine Horde Mitzwanziger durchs nächtliche zerstörte New York irren. Das soll großes Kino sein und ist in seiner tatsächlich weitgehenden Distanzlosigkeit, die besagte Wackelbilder hervorrufen, ungemein fesselnd und beklemmend, auch wenn man nie so recht weiß, warum das nun eigentlich der Fall ist. Wie "Cloverfield" also auf einer gänzlich suggestiven Ebene arbeitet und funktioniert, ist so selbstverständlich wie erstaunlich: Man kennt das alles, das Prinzip ist nicht anders als im End-90er-Kinohit um die drei Studenten auf den Waldspuren einer Hexe, und eigentlich ist es verdammt dated und verdammt berechenbar.
Da muss man sich als Zuschauer also auch auf etwas einlassen, auf eine Fiktion im möchtegern-realen Gewand, die nur funktioniert, wenn man den nicht selten nervigen Jungen und Mädchen bei ihrer Schreckensflucht vor letztlich ungewissen Monstern zu folgen bereit ist. Immerhin nutzt der Film seine spartanischen Mittel mit viel Mühe aus: Die Reise geht durch Häuserruinen, Tunnelschächte und über Hochhausdächer, und immer lauern garstige CGI-Monster auf dem Weg, die mit jedem Angriff ein ordentliches Gewackel provozieren. Natürlich weiß man als Zuschauer nie mehr, man sieht streng gefiltert und sauber den Suspense-Gesetzen folgend. Das kann ganz schön frustrierend sein, aber einmal inmitten dieser schweißtreibenden Endzeithatz ist das auch unverschämt spannend. Denn wo es wenig zu sehen gibt, darf umso mehr fantasiert werden: War da eben etwas an der Decke des U-Bahnschachts – oder hat die Kamera nur ein Problem mit der automatischen Schärferegulierung?

Ganz sicher wird man "Cloverfield" übel nehmen, dass er keine innere Plausibilität herstellt. Warum jemand, der dauerhaft um sein Leben bangen muss, alles darauf setzt, dies auch filmen zu können, dafür höhere Risiken und manch deftige Pietätlosigkeit in Kauf nimmt, weiß eigentlich auch kein Mensch. Altruismus in Notsituationen ist ebenfalls eine ehrbare Eigenschaft – ob es aber auch noch einen anderen Grund dafür gibt, dass die Truppe völlig unnötige Gefahren auf sich nimmt, um eine Freundin zu finden und aus einem umgestürzten Hochhaus zu befreien, außer dass es sich gut für den Verlauf der Geschichte und einige ideenreiche Drehbucheinlagen macht, darf natürlich bezweifelt werden. Dass der Film hierbei also ebenso an Logik einbüßt wie seine Versprechen unerfüllt bleiben, könnte zu einer deutlichen Spaltung des Publikums führen (von der dezenten Geschmacklosigkeit der 9/11-Verweise ganz zu schweigen). Man wird diesen Film entweder als feinen Monsterhorror mit neuer alter Hülse feiern – oder verzweifelt nach der herkömmlichen Filmsprache rufen müssen. "Cloverfield" ist in etwa so originell wie Roland Emmerichs "Godzilla"-Remake, aber bei aller Innovationsarmut auch so richtig schön offenherzig. Und wenn das so simpel möglich ist, warum dann eigentlich nicht.

50% - erschienen bei: DAS MANIFEST

Kommentare:

  1. Wenn man deine Worte so liest, klingt CLOVERFIELD nach einem Film ohne wirklichen Inhalt und mit wahrscheinlich sinnloser Auflösung. Den werd ich eventuell gegen Ende des Jahres auf DVD nachholen, aber das EIntrittsgeld ist er mir nicht wert.

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  2. Na aslo, wenn Du den schon gut findest (und auch Stefan von F.LM), dann kann ja nichts mehr schief gehen. Leider gab es hier wohl keine PV (welche Agentur war es denn bei Dir und war es die OV oder auch die DF?), aber übermorgen ist es ja schon so weit - kann es dennoch kaum erwarten!

    P.S.: Viel Militär(action)? *duckundweg* ;-)

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  3. Im Gegensatz zum von dir so gescholtenen "Nebel" hat mich Cloverfield wirklich enttäuscht. Der Film bietet bis auf sein Kamera-Gimmick so gar nix. Er ist der Trailer auf Spielfilmlänge gestreckt, ohne einen Funken Ideen, grauenhaft unsympathische Yuppiecharaktere um die man nicht eine Sekunde mitzittert und Dialoge aus der Hölle: "Es geht um die Frau die ich liebe.." Ja danke auch. Wundert mich nicht, daß diese gehypte absolut leere Hülle nach dem Startwochenende völlig abgeschmiert ist, denn wahrscheinlich hat jeder der drin war seine Freunde gewarnt da nicht reinzugehen.

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  4. @Rudi:

    In der Tat. Immerhin speist sich der Inhalt lediglich aus den Ereignissen, die unsere Knallchargen erleben, ohne warum und nähere Erläuterung.

    Die Auflösung ist genauso sinnvoll oder -los wie der Rest, das ist Ansichtssache.

    Fürs Kino spricht aber ein Super-Sound, denn die Toneffekte sind meistens das einzige, was man hört, wenn man schon nichts sieht. ;)

    @cleric:

    Paramount/UIP, eigentlich alles ganz normal. ;)

    Leider lief auch hier die doofe DF, sehr ärgerlich.

    @Batz:

    Wie kommt es dennoch zu den 6/10 bei Moviepilot? Du lässt ja kein gutes Haar dran.

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  5. Ich habs auf 5.5 korrigiert mittlerweile.

    Der Film hat 2-3 gute Szenen. Die aus dem Trailer und das umgekippte Haus, aber dazwischen regiert halt die ungepflegte Langeweile.

    Und red du noch mal über Overacting und schlecht Schauspieler ;) Die ganzen Panikdarsteller in Cloverfield lassen aber jeden im Nebel wie deNiro aussehen *g*

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  6. Den Trailer kannte ich vorher ja gar nicht. Das umgekippte Haus wiederum fand ich z.B. doof, wie überhaupt die ganze Rettungsaktion.

    Ach so ... und De Niro finde ich ja auch 'nen Over-Actor. ;)

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  7. Also aus Deinem Review schließe ich jetzt so was ähnliches wie:

    "Kann man gucken, muß man aber nicht. Wenn man ihn nicht guckt verpaßt man aber etwas."

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  8. Ach so, @cleric:

    Militäraction gibt es ein wenig, aber es hält sich in Grenzen, sonst gäbe es auch Punktabzug. ;)

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  9. hab das glück gehabt, den film in NY sehen zu können. ist schon ein seltsames gefühl, aus dem kino zu kommen und dann die plätze vor augen zu haben, an denen eben noch das inferno tobte.

    btw: der film hat mir auch sehr gefallen, wenn er auch inhatlich nicht innovativ ist oder sich um das eigentliche monster nicht schert...

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  10. Wow, das muss dann wirklich noch einmal anders rüberkommen.

    Hoffe du hattest einen schönen Urlaub. ;)

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  11. Ich gebe weitgehend batz Recht! Cloverfield fällt noch einem recht soliden Auftakt schier ins Bodenlose ab und ist dramaturgisch nicht viel mehr wert als der ohnehin miese Blair Witch Project, dessen Quasi-Remake er eigentlich darstellt. Zudem scheint es dem Film auch kaum peinlich zu sein ein Best-Of an Klischees abzuspulen, das eher Fremdscham beim Betrachter evoziert. Man nehme einfach mal Abrahams Credit und die Wackel-Kamera weg und erhält einen Direct-to-Video-Stinker nach Schema F! Schade, dass hinter dem Hype wirkliche Knaller wie Sweeney Todd eher untergehen.

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  12. Ich fand BLAIR WITCH PROJECT aber ebenfalls großartig. Da liegt der Hund vielleicht begraben.

    Ich glaube man sollte CLOVERFIELD dann doch eher als etwas teureres Monster-Movie mit B-Appeall betrachten. Den Hype konnte ich bestens ausblenden.

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  13. So, war dann auch mal drin und wie du schon richtig eingeschätzt hast, hab ich mich von dem Film austricksen lassen.

    Nen bissl Krawall, Endzeit und packende Erzählung, schon ist Basti zu frieden. Ja, so primitiv kann man sein ;)

    Alles in Allem kein neuer Krieg der Welten, außerdem alles andere als innovativ, aber dennoch effektiv und schnörkellos. Hätte nur etwas brutaler sein dürfen...

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  14. Ich habe da keinerlei Brutalität vermisst. Das hätte der inneren Logik, nach der ein Partygast alles mitfilmt, auch ziemlich widersprochen, wenn jeder Angriff jetzt fleischig-blutig ausgefallen wäre und die Kamera da schön raufhält, damit der Gorehound auch auf seine Kosten kommt.

    Ich fand ihn sehr schnörkellos und hart. Ist ja außerdem PG-13 (so wie WAR OF THE WORLDS auch).

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  15. das is ja der hammer. sonst zerreißt du durchaus gute filme und der hier kriegt 75%? ich les hier nix mehr

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