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April 30, 2012

Kino: THE COLD LIGHT OF DAY

Mal wieder auf der Flucht, mal wieder allein gegen alle. Entführungsopfer, Terroristen und CIA-Maulwürfe bilden das Gegenpersonal. Und John McClane muss es richten. Doch Vorsicht: Der auf dem Filmposter mindestens die zweite Hauptrolle versprechende Bruce Willis spaziert schon nach wenigen Minuten aus der Handlung und überlässt die actionreiche Suche nach Gerechtigkeit dem auf Nachwuchs- star getrimmten Henry Cavill. [...]

Oktober 13, 2011

Kino: ABDUCTION

Längst überfällig war sie, die erste Hauptrolle des "Twilight"- Schnuckelchens Taylor Lautner (Team Jacob). Immerhin haben sich seine dortigen Co-Stars außerhalb des Mormonen-Franchises schon mehrfach angestellt, auch im allgemeinen Kinogeschehen mitmischen zu können – Robert Pattinsons Liebesdrama mit den Elefanten lief allerdings unter Erwartung, Kristen Stewarts Nicht-Bella-Filme wollte dann sogar gleich niemand schauen. Fraglich gewiss, ob es Lautner mit seinem maßgeschneiderten Leading-Man-Debüt anders ergehen wird.

"Atemlos – Gefährliche Wahrheit" (so übersetzt man also "Abduction", zu Deutsch: Menschenraub) ist komplett auf den 19-jährigen "Hottie" (O-Ton Presseheft) zugeschnittene Teenie-Action als Lightversion der Bourne-Abenteuer, für schmachtende Fangirls gleichermaßen konzipiert wie für Genre-Softies. Ein hauchdünner Ein-Satz-Plot aus belanglosem McGuffin und banaler Identitätssuche sowie willkürliche Actionszenchen klammern eine im Wesentlichen um Lautners Gesichtsbabyspeck und fleißig antrainierten Sixpack heruminszenierte Körpershow für Pubertierende.

Das ist immerhin aufrichtig, aber noch lange nicht gut. Man kann ein Zielpublikum auch bedienen, ohne gleich auf dessen Schößchen springen und kräftig rumrattern zu müssen. Schon in den ersten Minuten gerät der Film über sich selbst ins Sabbern. Lautner soll offenbar geradewegs seinen Mann stehen (sind die Schwulengerüchte etwa auch zu den Produzenten vorgedrungen?), und deshalb müssen zunächst einmal seine Fähigkeiten exponiert werden. Er setzt sich auf die Motorhaube eines mit Vollgas über die Landstraße düsenden Autos, suhlt sich mit Klassenrivalen im Schlamm oder brummt mit dem Motorbike über den Schulhof. Hot!

Daheim gibt’s noch Nachhilfe im Kickboxen vom Papa (Jason Isaacs, auch bekannt als Lucius Malfoy), und auch Mama Hottie (Maria Bello, die Ärmste) kann ihrem permanent oberkörperfrei oder wahlweise auch lediglich in Unterbüchsen herumlaufenden Sohnemann da nur noch zärtlich über den Kopf wuscheln: Hach, "My boys!". In der ersten halben Stunde von "Abduction" ist die Kamera praktisch festgeklebt an Lautners sexy Akrobatik, es kann gar nicht genug Close-ups geben vom Unterlippen kauenden Sonnyboy und seinen athletischen Geschicken (die natürlich nichtsdestotrotz recht beschränkt bleiben).

Nach der großzügig einfältigen Leistungsdemo beginnt der Film dann kurzzeitig Spaß zu machen. Lautner entdeckt auf einer Website für vermisste Kinder ein Foto von sich, im nächsten Moment bereits sind ihm sowohl CIA (in Form von Alfred Molina) als auch dubiose Profikiller (allen voran Michael Nyqvist, bekannt aus der Millennium-Trilogie) auf den Fersen. Mama und Papa Hottie entpuppen sich als Pflegeeltern und werden sogleich eliminiert, einzig seine Schulflamme (kennt man nicht) und eine zuvor in seinem Leben als Therapeutin getarnte CIA-Mitarbeiterin (Sigourney Weaver!) stehen dem plötzlich identitätslosen Teenie bei.

Kurzzeitig Spaß also deshalb, weil hier gleich eine ganze Garde gern gesehener Filmlieblinge zusammenkommt, die den vorhersehbaren Brei zumindest zeitweilig anschaubar macht. Selbst noch in die zweite oder sogar dritte Reihe verdrängt, muss man für Molina oder Weaver dankbar sein, die ja nicht zuletzt eben wegen weitgehend talentfreier Jungsternchen wie Lautner und dem allgemeinen Jugendwahn Hollywoods im US-Mainstream kaum mehr eine (Haupt-)Rolle spielen dürfen. Dass die Größen hier konsequent verheizt werden, ist natürlich klar, ihre Anwesenheit möchte man dennoch nicht missen.

Hinter dieser Besetzung steckt ja auch selbstredend konzeptionelles Geschick: Durch Lautners Muckis und Teenie-Face dringt zu keiner Sekunde auch nur ein Hauch von schauspielerischer Fähigkeit, und nicht einmal für halbwegs originelle Actionszenen hat es im 35-Millionen-Dollar-Budget gereicht. Da kann auch ein mehr oder weniger routinierter Auftragsfilmer wie John Singleton ("2 Fast 2 Furious") nichts ausrichten, außer sich den Gesetzmäßigkeiten des One-Star-Vehikels zu beugen: möglichst viel Gutes daneben stellen, damit das Schlechte im Mittelpunkt vielleicht auch irgendwie ein bisschen gut sein möge.


30% - (komplette Version) erschienen bei: gamona

April 13, 2011

Kino: PAUL

Vor einiger Zeit noch stand der Nerd-Begriff für fachidiotische Außenseiter, die sich so sehr einer bestimmten Vorliebe verschrieben haben, dass ihre soziale Inkompatibilität zum wandelnden Klischee wurde. Heute scheint die tendenzielle Abschätzigkeit gegenüber Nerds der Glorifizierung eines charmanten Stereotyps gewichen. Längst schon feiern sie ein sich selbst behandelndes Kino, das mit Geschichten von Nerds und für Nerds die eigene Zielgruppe gleichzeitig repräsentiert und bedient. Zitierwütige Comic- und Filmfans sind zu Helden gereift, sie vergöttern nicht länger nur fachkundig Science-Fiction-Filme, sondern spielen nunmehr selbst die Hauptrolle in ihnen.

Die Alien-Komödie "Paul" ist reinstes Nerd-Kino. Sie wurde geschrieben von Simon Pegg und Nick Frost, die ihre nimmermüde Leidenschaft für Popkultur seit ihrer längst nicht mehr als Geheimtipp geltenden Britcom „Spaced“ fröhlich ausstellen, und inszeniert von Greg Mottola, der sich zumindest mit dem artverwandten Geek-Phänomen in seinen großartigen Filmen "Superbad" und "Adventureland" beschäftigte. Die geballte Fanboy-Kompetenz hinter "Paul – Ein Alien auf der Flucht" (Universal Germany – kein Verleih spinnt originellere Zusatztitel) gibt also schon mal eine gewisse Richtung vor: Ein Querverweis auf zwei Beinen, Film als reine Zitatensammlung und dazu ganz viel Extraterrestrisches.

Die britischen Sci-Fi-Freaks Graeme (Pegg) und Clive (Frost) reisen mit ihrem Wohnmobil quer durch die USA, von der Comic-Con in San Diego bis zur berühmten Area 51 in Nevada. Bei einem nächtlichen Unfall auf der Landstraße stoßen sie plötzlich mit dem Außerirdischen Paul zusammen (im Original gesprochen von Seth Rogen, in der deutschen Fassung leiht Bela B. dem kleinen grünen Männchen seine Stimme). Der Alien-Knirps sucht auf der Flucht vor dem FBI die Landebasis seines Mutterschiffs, um nach jahrzehntelangem Aufenthalt auf der Erde die Rückreise zum Heimatplaneten antreten zu können.
Graeme und Clive helfen dem altklugen Außerirdischen mit der Cargo-Hose auf Anhieb und erleben dabei einige halsbrecherische Abenteuer. Paul zeigt gern seinen Arsch, raucht am Lagerfeuer extrastarkes Gras und verdrückt mit seinen beiden neuen Freunden Bratwürste und Bier, während ihm eine skrupellose Alien-Sondereinheit auf den Fersen ist. Jene wird von einer mysteriösen Frau angeführt, die im Film lange Zeit nur als Stimme in Erscheinung tritt. Es gibt wahrscheinlich nur eine einzige Schauspielerin, deren finaler Star-Cameo in einer Alien-Komödie Sinn ergeben würde. Originell ist das nicht, überraschend noch weniger. Der irrwitzige Gastauftritt von Bill Murray in "Zombieland" bleibt wohl noch eine ganze Weile unberührt.
Als launiges Nerd-Ereignis mag "Paul" gut funktionieren, als Film ist er eine eher lahme Angelegenheit. Die Witze bewegen sich selten über pubertärem Gaga-Niveau, meist geht es um Titten, Pimmel und Polöcher. Brüche mit den klischeehaften Gags des Nerd-Kinos werden bestenfalls vage angedeutet, lediglich einige treffsichere Schwulenwitzchen können als sanfte Parodie auf die verklemmte Sexualmoral vergleichbarer Buddy-Komödien gelesen werden. Das aber gelang den beiden Hauptdarstellern unter der Regie von Edgar Wright in "Shaun of the Dead" und "Hot Fuzz" um einiges pointierter, ganz zu schweigen von den klugen Zerlegungsideen in den Filmen Greg Mottolas.
Stattdessen konzentriert sich "Paul" auf eine Aneinanderreihung von Referenzen, Zitaten und so vielen Insider-Jokes wie nur möglich. Berühmte Dialoge aus "Star Wars" ("Boring conversation, anyway.") oder "Aliens" ("Get away from her, you bitch!"), eine Nachstellung der (angeblich) schlechtesten Kampfszene aller Zeiten aus "Star Trek" – die hinreichend bekannten Vorbilder werden ausgiebig bemüht. Gerade in Verbindung mit der temporeichen Road-Movie-Geschichte erinnert das Rezitierpuzzle inklusive prominenter Gastauftritte an die Loser-Comedy "Fanboys", zu der sich "Paul" insgesamt wie ein unnötiger Nachklapp verhält.

Bei aller Sympathie für Filmfreaks im Allgemeinen und Pegg/Frost im Besonderen: Dieses ständige Drehen um die eigene Nerd-Achse verkommt in "Paul" mitunter zur reinen Masche, die weniger einen charmanten, als vielmehr ermüdend selbstgefälligen Eindruck macht. Das redundante Wildern in Film- und Serienzitaten gerinnt spätestens dann zur Belastungsprobe, wenn das Zitat als solches nur noch zur ungebrochenen Nachahmung führt: Die inflationären Spielberg-Verweise des Films beispielsweise gehen letztlich so weit, dass "Paul" seine Geschichte mit einer fast einstellungsgenauen Übernahme des "E.T."-Finales abschließt. Wenn das Zitat also für eigene erzählerische Defizite herhalten muss, entwertet es sich schlicht selbst.

Während ihrer Zusammenarbeit mit Regisseur Edgar Wright haben Pegg und Frost mehrmals bewiesen, dass nerdiges Popkulturwissen nicht nur selbstgenügsamen Slacker-Humor produzieren, sondern auch formale Komplexität, Intelligenz im Umgang mit den Vorbildern und letztlich auch herzhaften Charme zulassen kann. Nicht zuletzt das unterschied die Arbeiten der beiden Autoren und ihres Freundes Wright von den einfältigen Pillepalle-Komödien des Nerd-Urgesteins Kevin Smith, der ja ungepflegte Langweiler überhaupt erst zum salonfähigen Kult erklärt und damit im Kino weitere nicht enden wollende Ergüsse postmodernen Bescheidwissens in Gang gesetzt hat. "Paul" jedoch ist davon leider nicht mehr allzu weit entfernt.

40% - erschienen bei: gamona

Juni 20, 2010

Noch mal gesehen: AVATAR

Als ich "Avatar" das erste Mal gesehen habe, war ich zwar milde beeindruckt von den visuellen Fertigkeiten des Films, ansonsten hat mich Camerons Technikspektakel aber kalt gelassen. Dem entsprechenden Unmut hatte ich an dieser Stelle vor etwa einem halben Jahr Luft gemacht.

Leider verschließt mir 3D oft den Zugang zum Film. Statt Publikumsdistanz zu überwinden und mich als Zuschauer stärker in die Fantasie einzubeziehen, schafft 3D bei mir zumeist einen gegenteiligen Effekt. Ich verliere den Bezug zu den Bildern, das Interesse und die Konzentration, und ich werde irgendwann müde und entnervt vom Sinnesrausch. Vielleicht hat mir "Avatar" deshalb im klassischen 2D, ganz ohne Gimmicks und Gedöns, nun erheblich besser gefallen. Zwar bleiben größtenteils die Kritikpunkte der Erstsichtung, doch wirkt Camerons Vision nun wesentlich stimmiger. Die banal-simple Geschichte erschien mir jetzt geradezu sympathisch in ihrer unbekümmerten Naivität, und ich war bereit ihr zu folgen. Es ist, als würde Cameron sie zum ersten Mal erzählen. Die vorhersehbare Plotentwicklung, mit allen Archetypen und Klischees, ich habe sie beinahe gebraucht, um die phänomenale Ästhetik dieses Films besser verarbeiten zu können. Irgendwie ist das doch groß, was Cameron hier erschaffen hat. Irgendwie ist das doch ein guter Film. Und irgendwie mag ich ihn.

Dezember 17, 2009

Kino: AVATAR

Der größte, der teuerste, der aufregendste Film nach dem Mega-Spektakel, das selbst schon als der größte, teuerste und aufregendste Film aller Zeiten galt. Zum König der Welt hat sich James Cameron auf seinem Oscarsiegeszug vor 12 Jahren selbst gekürt und dann von der großen Leinwand verabschiedet, um nicht am finanziellen und zu Teilen auch künstlerischen Maßstab seines Riesenhits vom sinkenden Schiff gemessen werden zu können. Die 3D-Technik nun lockte den Regisseur mit attraktiven Fluchtmöglichkeiten in neue Räume aus dem Schaffensexil: in der Tiefe des Bildes findet Cameron offenbar den Mut, sich endlich wieder einem Publikum zu stellen. Das neue alte Gimmick des Kinos wirkt Distanz zersetzender denn je, und "Avatar" ist schwer, zumindest aber anders zu beurteilen in seiner digitalen Ästhetik und Dreidimensionalität – er läuft nicht Gefahr, in Konkurrenz mit "Titanic" treten zu müssen. Gewiss nicht.

Cameron entwirft, mit aller Sensibilität, Melancholie und Beherztheit, eine filmische Natur, in der man feinste Blüten, wunderbar fluoreszierende Blätter und schönste Flugtiere bestaunen kann! Dass der Mann, der einst noch für ein Kino aus Schwermetall ("Terminator"), aus kybernetischen Kräften ("Terminator II") und wuchtigem Militärgeschütz ("Aliens") stand, mit geradezu sinnlicher Akribie digitale Naturbilder erschafft, die nicht selten die Grenzen zum Kitsch überschreiten, das verwundert nach dem Gefühlsklopper "Titanic" erst einmal nicht. Eher schon irritiert, dass Cameron in "Avatar" gänzlich vom Kampf der friedlichen Ökologie gegen gewaltsame Maschinen erzählt, und dabei gar noch Umweltbotschaften auf den Weg gibt: Das harmonische Waldvölkchen der Na'vi nämlich muss sich gegen böswillige Militärs mit imposanten Waffen zur Wehr setzen, um ihre Flora und Fauna zu schützen. Cameron erweist sich dabei als geradezu grüner Ideologe, der mit den Na’vi tanzt. Die blauen Wesen haben gelbe Zähne und schicke Flesh Tunnels, erweisen sich trotz ihrer bedrohlichen Erscheinung jedoch als esoterische Sensibelchen, die in sektengleichen Massenzeremonien einer gigantischen, wurzelartigen Lichtquelle zu Fuße liegen – mein Freund, der Baum. Klanglich verhält sich der Film zu diesem in violetten und rosafarbenen Tönen getünchten Bilderreigen ("The Abyss") mit einer hübsch gejaulten Ethno-Beschallung durch James Horner, der immer wieder den gleichen schönen simplen Soundtrack recyceln darf. Selten war seine Musik von einer so banalen, wenig tragfähigen und verkennbaren Qualität – für die Ohren zumindest hat "Avatar" nicht viel Neues zu bieten.

Was aber eigentlich hat dieser Film überhaupt (Neues) zu bieten, wo er doch irgendwie als so etwas wie die sinnästhetische Revolution des Kinos angekündigt und vermarktet wurde? Diese Frage mag Grund sein, warum man nach knapp drei Stunden aus dem Kinosaal torkelt und mehr über die 3D-Brillenabdrücke auf der Nase, als das eben Gesehene nachdenken möchte. Denn "Avatar" ist letztlich ein Film der Widersprüche: Die visuellen Effekte suchen ihresgleichen, die Motion-Capture-Animation war noch nie so überzeugend, die künstlichen digitalen Naturbilder noch nie so real. Das hat man so tatsächlich noch nie gesehen, und doch überrascht Cameron an keiner Stelle seines Films. Die Gut-Gegen-Böse-Geschichte ist mindestens so alt wie die Technik neu sein mag, die Dramaturgie so dünnflächig wie die visuellen Attraktionen im Überfluss. Das alles Innovative dieses Films letztlich dem Computer entstammt oder zumindest auf ihn zurückzuführen ist, während Handlung und Figuren archetypischer und langweiliger nicht sein könnten, macht "Avatar" bestenfalls zu einer CGI-Öko-Fabel im Ethno-Takt. Oder auch ganz schlicht zum bisher dürftigsten Film von James Cameron – so beeindruckend und so egal.

Juli 10, 2008

Kino: WALL·E

Out there … there's a world outside of Yonkers: Der Müllzerkleinerungsautomat WALL-E (Abkürzung für Waste Allocation Load Lifter Earth-class) ist der letzte noch funktionstüchtige Roboter auf der menschen- und lebe- wesenleeren Erde. Die Tagesabläufe von WALL-E sind dabei sorgfältig strukturiert: Mal fährt er durch die verlassene Stadt auf der Suche nach Ersatzteilen, mal schaut er wieder sein Lieblingsvideo "Hello, Dolly!" – und mal geht er auch seiner Aufgabe nach, Müll zu pressen. Doch wird der einsame Alltag des kleinen Roboters plötzlich auf den Kopf gestellt, als ein gigantisches Raumschiff landet, aus dem ein fliegender Suchdroid steigt. Schnell versucht WALL-E, die unbekannte Roboterdame namens Eve für sich zu begeistern – und verliebt sich schließlich in sie. Doch Eve hat einen höher gestellten Auftrag, für den sie auf die Erde gekommen ist – there's a slick town, Barnaby … out there.

Und so erlebt WALL-E, der kleine Roboter, ein großes aufregendes Abenteuer, während "WALL-E", der Film von Andrew Stanton, eine mehr oder weniger überraschende Kehrtwende einschlägt. Nach der knappen ersten Hälfte nämlich droht das Pixar-Abenteuer zur intergalaktischen Sause zu verkommen, die ihrer Exposition, ihrer Figuren- entwicklung und ihrem sorgfältigen Aufbau gegenüber an Charme, Liebe, Witz und Hingabe einbüßt, und die den kleinen WALL-E zwischenzeitlich fast zum Sidekick degradiert, wenn er aus der wesentlichen Action ausgeschlossen und durch andere Figuren ersetzt wird. Der rasante Mittelpart des Films folgt den Konventionen des Animationsfilms bzw. anderer Pixar-Produktionen, deren schnelle Inszenierungen immer von irrwitzigen Verfolgungen, absurden Zufällen und originellen Ideen angetrieben werden. Oder anders: "WALL-E" beginnt schließlich, eine Geschichte zu erzählen, mit Spannung zu arbeiten und die Idee eines Roboters, der nur via Sound als Identifikationsfigur fungieren kann, mit Inhalt auszufüllen. Er bedient eine Dramaturgie, die zuvor keinerlei Rolle gespielt zu haben schien.

Das ist verhältnismäßig wenig aufregend und eigentlich auch noch weniger überraschend, es ist auch etwas zu Bedauern und vielleicht sogar ziemlich schade, und ganz sicher schöpft "WALL-E" sein Potential damit nicht aus. Aber das alles spielt keine Rolle, wirklich nicht. Denn, um es einmal ganz klar zu sagen: Das erste gute Drittel, das alles ist, was "I Am Legend" beispielsweise nicht war, die erste Dreiviertelstunde dieses Films also, ist das schönste, rührseligste und liebenswürdigste, das ergreifendste, aufrichtigste und wahr- haftigste, und das komplexeste, vielschichtigste und schlicht spektakulär unspektakulärste, was der computergesteuerte Animationsfilm je hervorgebracht hat. Man muss diesen kleinen Roboter lieben, man wird gar nicht anders können, weil dieser WALL-E, dieser verschmutzte kleine Müllautomat auf Rädern, eine eindrucksvolle Metapher für das Leben bildet, zutiefst menschliche Eigenschaften verkörpert und überhaupt eine neue Menschlichkeit prophezeit, 700 Jahre in der Zukunft. WALL-E bringt all die Kraft, den Geist und den Willen – sowie freilich das Maß an Oszillation – zusammen für das letzte Bisschen Beweglichkeit auf der Erde, ehe die Starre sie endgültig stillzulegen droht.

"WALL-E" ist dabei ein universeller Film, der eine eigene Kinosprache entwickelt, der sinnästhetisch neues Terrain beschreitet und eine Brücke schlägt zwischen der Methodik und Funktionsart des Stumm- und Tonfilms. Mehr noch bezieht er in diesen Spagat das Musical, welches in gewisser Hinsicht eine zeitlose Mischform repräsentiert, als Träger von Sprache, Austausch und Kommunikation ein: "Hello, Dolly!" dient in "WALL-E" als Kommunikator von Information und Emotion zwischen WALL-E und Eve, aber natürlich auch zwischen WALL-E und dem Publikum – was mit Worten nicht zum Ausdruck gebracht werden kann, übernimmt das Musical (welch Plädoyer!). Und die Sprache eines jahrhundertealten Films auf Video wird zur einzigen Sprache eines volldigitalen Films, der 700 Jahre in der Zukunft spielt. Insofern ist es nicht problematisch, dass der Film später auch sprechende Figuren aufweist und seinen Quasi-Stummfilmansatz aufgibt, weil sein erstes Drittel im wörtlichen Sinne für sich spricht. Dazu hat Ben Burtt, dessen ebenso einfalls- wie einflussreiche Geräusche zu "Star Wars" oder "E.T." ihm zwei Oscars beschert haben, ein höchst ausdifferenziertes Sounddesign entwickelt, das in Verknüpfung mit Thomas Newmans referenzreicher Partitur den Ton zum wichtigsten Erzählorgan von "WALL-E" macht.

Nicht nur dieses Konzept, die John-Williams-Zitate Newmans oder die zum Symbol von Leben und Hoffnung erklärte Pflanze, sondern vor allem der quasi humanistisch-utopische Ansatz Stantons erinnert dabei an die naiv-optimistischen, nicht gerade visionären Genre-Bekundungen Steven Spiel- bergs, arbeitet doch insbesondere die erste Hälfte des Films mit einer offenkundigen "E.T."-Umkehrung, wenn WALL-E daheim auf der Erde zwar nicht unbedingt einsam, aber doch verlassen und allein von Tänzen und Berührungen – so schön wie in "Hello, Dolly!" – träumt ("There's lots of world out there"). Später dann, wenn der Film ihn auf eine abenteuerliche Reise befördert, kann jedoch auch jede Entdeckerfreude nicht die Sehnsucht nach der Heimat tilgen, und so wird aus der Umkehrung doch noch ein Korrelat: "WALL-E" ist vielleicht der "E.T." der Web-2.0-Generation. Ein Film für Kinder, aber auch noch so viel mehr.


90% - erschienen bei: WICKED-VISION

April 30, 2008

Zuletzt gesehen: DUEL

Das legendäre Spielfilmdebüt von Steven Spielberg, immer noch fesselnd, immer noch faszinierend. Ein ungemein ökonomischer Actionfilm, abgedreht in 12 Tagen, fürs Fernsehen. Und noch immer erstaunlich, wie sehr Spielberg die simple Prämisse mit ausgeklügelten Kameraspielereien, windigen Einstellungen und effektivem Schnitt aufwertet, wie gradlinig und temporeich er diese Verfolgungsgeschichte auf den endlosen Highways der USA erzählt. Ein Hitchcock auf Rädern sozusagen, konzipiert als reines Suspense-Kino mit unvergesslichen Momenten, so etwa jene Szene, in der Dennis Weaver (ja, der aus "Touch Of Evil") in einem Lokal sitzt und panisch überlegt, wer von den Anwesenden dort sein gesichtsloser Peiniger sein könnte. Selten wurde innere Paranoia so auf den Punkt inszeniert, ein Musterbeispiel fürs Einbeziehen des Publikums. In diesen Momenten erzielt sogar der ansonsten unnötige und nervige Voice-Over seine Wirkung, obwohl Spielberg verständlicherweise dagegen war, dem Helden eine erklärende Stimme für den Zuschauer zu verleihen (wodurch nebenbei auch ein wenig verloren geht, dass "Duel" prinzipiell wie ein Stummfilm funktioniert). Im Übrigen einer der wenigen Spielberg-Filme, bei dem die Identifikationsfigur gänzlich auf sich gestellt ist und keinen Raum fürs Harmonische, (Ersatz-)Familiäre oder Freund- schaftliche erobert.

März 21, 2008

Kino: BE KIND REWIND

Seien sie so nett, spulen sie zurück. Diese Videothekenregel ist ja nunmehr eine gar altmodische, denn was der LaserDisc einst noch verwehrt blieb, das gelang der DVD rasch flächendeckend, wenn vielleicht auch nicht allzu nachhaltig: Der Durchbruch, und damit kein Zurückspulen mehr. Einer der Vorteile des neuen Mediums bestand sicherlich im verringerten Gefahrenrisiko, dessen sich die Videotapes noch ausgesetzt sahen. Denn das ist ja alles nicht so einfach: Gegen das nächstgelegene Atomkraftwerk muss man sich mikrowellen- sicher mit Aluminiumfolie und zum Mittagessen stets mit Blechsieb auf dem Kopf schützen, und gegen das boomende DVD-Geschäft der Konkurrenz hilft die Tugend über der Not – nachdem alle Magnetbänder durch den verstrahlten Jack Black gelöscht wurden, muss Videoladen-Aushilfe Mos Def zum Masterplan übergehen und die besonders gefragten Titel einfach neu drehen. "RoboCop" im Hinterhof, "Rush Hour 2" auf dem Dach, "Driving Miss Daisy" in einer alten Rostlaube auf vier Rädern. Und die Kunden lieben es!

Schließlich bekommt die selfmade-Bande jedoch bald Ärger mit den Rechtsvertretern der Hollywoodstudios (wunderbar: Sigourney Weaver) und muss kurzerhand Produktionen eigenen geistigen Besitzes für die Schlange stehende Kundenmeute in Auftrag geben. So besinnen sie sich unter Ägide von Shopbesitzer Danny Glover auf die Legende ihres Viertels, den schwarzen Jazzpianisten Fats Waller, und drehen einfach ein Biopic unter Mithilfe ihrer Kundschaft. Wie man hier schon vermuten darf, ist Michel Gondrys "Be Kind Rewind" nicht unbedingt die angekündigte Verballhornung diverser Kinovorbilder, keine ausschließlich verspielte, liebenswürdige Verbeugung vor der Kleinkunst. Ein wenig tarnt sich der Spaß einfach als Filmparodie, deren veralbernder Teil zunehmend vom sozialkritisch aufgesetzten Nebenstrang zurechtgewiesen wird: Der alte Videoladen nämlich soll abgerissen werden, und nur um auch das zu verhindern, wird der Remakeplan bald so tatkräftig umgesetzt.

Somit erzählt dieser Film keine Geschichte über die Liebe zum Kino, formuliert kein Plädoyer für kleine Imitatoren, die zu großen Filmemachern werden, sondern bewundert lediglich den Zusammenhalt einer Gemeinschaft, feiert den kleinen einfachen Mann. Das Nachspielen der Vorbilder ist nur eine nette Beigabe, ein Mittel zum Zweck. Spätestens ab der zweiten Hälfte ergeht sich der ohnehin wenig peppige, uninspirierte Ulk in Rührseligkeiten, die das Versprechen (oder die Hoffnung) eines reflektierten Filmspaßes nicht einlösen können. Überhaupt ist Gondry gar nicht bei der Sache: Die Ideen in der Umsetzung der Minifilme bieten sich doch förmlich von selbst an, doch nutzen tut er die wenigsten, das meiste wiederholt sich nur, die gewählten Beispiele sind belanglos und lassen keine Möglichkeit für Kommentare zu. Und die will der Regisseur vermutlich auch gar nicht: Die filmischen Opfer werden weder mit Biss noch mit Scharfsinn vorgeführt, sie werden von Gondry nicht einmal sichtlich geliebt. Das alles dient nur der Vorbereitung eines kitschigen Friede-Freude-Eierkuchen-Finales.

Sieht man von einer beeindruckenden Montage, die sämtliche nachgedrehte Filme im Schaffensprozess zusammenfügt, ab, bleibt nur eine unkreative, ohne visuelle Einfälle aufbereitete Ode an die Provinz, an die Kraft der Imagination. Dass die Viertelbewohner hier zuletzt eine Stadtgeschichte nach- drehen, die gar nicht stattgefunden hat, ließe auf ein schönes Bekenntnis zur Kunst und ihrer Funktion schließen, doch selbst der dem Geschehen inhärente Ansatz, aus Imitation könne letztlich neuer originärer Einfallsreichtum erschaffen werden, erstickt im harmlosen, nach friedvollem Konsens eifernden Schluss. Vielleicht sollte sich Gondry mal wieder mit Charlie Kaufman zusammentun. Dessen Drehbücher übersetzte er wunderbar in fantasievolle Basteleien – und kam erst gar nicht in Versuchung, eigenen Ambitionen gerecht werden zu müssen.


40%