Juli 20, 2010

Kino: KNIGHT AND DAY

Seit seiner Hüpfattacke auf dem Studiosofa von Oprah Winfrey und dem geplatzten Deal mit Paramount ist der einstige Hollywood-Superstar und Hitgarant Tom Cruise um eine Imagekorrektur bemüht. Doch weder mehr oder weniger ambitionierte Produktionen wie das Kriegsdrama "Lions for Lambs", noch der Geschichtsthriller "Valkyrie" konnten den Ruf des Vorzeige-Scientologen als Kassenmagneten wiederherstellen. Nun scheint Cruise mit der High-Profile-Actionkomödie "Knight and Day" seine Karriere auf sicherem Old-School-Terrain retten zu wollen. Operation: Moneymaker.

Die Zeichen stehen auf Retro: Ein ungleiches Liebespaar im Feuergefecht, das haarsträubende Abenteuer mit schlag- fertigen Dialogen kommentiert. Verbale Geschlechterklischees und irrsinnige Verfolgungsjagden gehen schließlich schon seit den Anfängen des Genres eine glückliche Verbindung ein. In der Tradition von "Charade" oder "North by Northwest" verknüpften diese Filme immer wieder klassische Caper- und Screwball-Motive mit Action- und Abenteuerelementen. Unter der Regie des souveränen, aber stilistisch unauffälligen James Mangold geht "Knight and Day" dabei ganz auf 90er-Kurs: Dieser Film könnte Ihnen gefallen, wenn Sie auch schon "Bird on a Wire" oder "True Lies" mochten.

Worum es hierbei eigentlich geht, wer genau wen oder was verfolgt und wer am Ende wann oder wo glücklich sein wird – geschenkt. Das Strickmuster hat sich nie verändert, es ist höchstens hier und da noch ein wenig blöder geworden. Cruise spielt den smarten Geheimagenten Roy Miller, Cameron Diaz das naive Blondchen June Havens. Er befindet sich auf einer gefährlichen Mission, sie auf der Reise zur Hochzeit ihrer Schwester. Und dann kreuzen sich ihre Wege und werden sich fortan auch nicht mehr trennen: Weil Miller eine geheime Superbatterie (…) besitzt, verfolgen ihn FBI und CIA mit allen Mitteln. Und das garantiert eine mal amüsante, mal romantische Tour der Force mit halsbrecherischen Actioneinlagen.

Die kleine, enorm leistungsfähige Batterie, die die Handlung an- und vorantreibt, ist natürlich nichts weiter als der klassische MacGuffin – sie hat keine wirkliche Bedeutung und könnte auch durch eine Packung Taschentücher oder einen 5-Dollar-Schein ersetzt werden. Ähnlich schematisch und funktional ist die Liebesgeschichte konstruiert, die der Film allerdings nie glaubwürdig entwickeln kann. Es bleibt rätselhaft, was genau Cruise von Diaz wirklich möchte und umgekehrt, beide behindern sich permanent und könnten an zahlreichen Stellen problemlos getrennte Wege gehen. Das (mehrfach umgeschriebene) Drehbuch tut sich schwer, ihre Beziehung innerhalb der rasanten Handlung halbwegs plausibel erscheinen zu lassen.

Das ist bei derartigen Actionkomödien noch mit dem Verweis auf Genretraditionen erklärbar, aber wenn "Knight and Day" die Stringenz seines actionorientierten Plots letztlich durch einige unschön geschummelte Auslassungen herzustellen versucht, verschenkt er auch sein Potenzial. Wie Cruise als Agentenheld nämlich die unmöglichsten Situationen meistert, kann man sich oftmals nur zusammenreimen: Indem er seiner hysterisch kreischenden Weggefährtin ständig Drogen verabreicht (zugegeben: irgendwie unkonventionell) und der Film dankbar ihre Perspektive einnimmt, sieht der Zuschauer am Ende einer spektakulären Szene meistens nur schwarz. Ehe dann die nächste Aufblende in der nächsten schönen Location folgt.

Da macht es sich der Film natürlich etwas einfach und erweist sich konzeptionell als unsauber und pragmatisch in der letztlich lediglich Action- und Comedy-Momente vorbereitenden Handlungsstruktur. Diese aber machen durchaus eine Menge Spaß. Erstaunlich rotznäsig und zeitweise sogar ruppig werden hier Gegner im Minutentakt ausgeschaltet, Karambolagen detailfreudig in Szene gesetzt und gefährliche Stunts geradezu zelebriert. Trotz des unvermeidlichen CGI-Einsatzes scheinen die Actionszenen dabei möglichst an Originalschauplätzen gedreht zu sein und wirken gesetzter als in vergleichbaren Genrefilmen der letzten Jahre.

"Knight and Day" ist dank seiner Albernheiten und saftigen Actioneinlagen deshalb auch stets unterhaltsam und kurzweilig, aber er knüpft bestenfalls oberflächlich an seine Genrevorbilder an. Ihm fehlen originelle Ideen, schöne Regieeinfälle und eine halbwegs schlüssige Geschichte. Und die "Vanilla Sky"-Kombination Cruise/Diaz ist denkbar ungeeignet, um einen solch langbärtigen Filmstoff frisch aufzupolieren. Die beiden sind nicht nur sichtbar in die Jahre gekommen, ihnen fehlt auch der Charme und wirklicher Star-Appeal, um aus derart klischeehaften Rollen noch etwas herauszuholen. Cruise ist kein glaubwürdiger Womanizer und er ist schon gar nicht Cary Grant. Und die Diaz, die sollte vielleicht mal ihren Agenten wechseln.


50% - erschienen bei: gamona

Juli 08, 2010

Kino: PREDATORS

Zurück im Dschungel, zurück im Schlamm, zurück im Actionkino der 80er Jahre. Eine kernige Männergruppe kämpft sich hier mit schwerem Waffengeschütz durchs Gebüsch. Die One Liner sitzen, die Knarren sowieso, und der gemeinsame unsichtbare Feind macht die grundverschiedenen Kerle zu Verbündeten. Aus einem geschickten Set-Up, das die ahnungslosen Männer unvermittelt auf einem fremden Planeten zu sich kommen lässt, generiert der Film einen effizienten Handlungsverlauf: Wo sind wir, warum wurden wir hierher gebracht und was sind das wohl für Monster, die hier ihr Unwesen treiben? Die Predators, außerirdische Jäger und Trophäensammler, haben es auf die beinharten Männer abgesehen. Alles weitere bleibt der Film dem Zuschauer schuldig.

Nach einem erstaunlich stimmungsvollen ersten Drittel hat "Predators" genau damit ein Problem: Sein offensives Konzept der Rückbesinnung und damit Reduktion läuft ins Leere, als der Film seine überlange Exposition an Action- und Spannungsmomente abgeben muss. Man mag darüber streiten können, ob es überhaupt sinnvoll ist, ein durch vier Kinofilme, eine Comicserie und diverse Videospiele hinreichend bekanntes Monster innerhalb der Handlung bis zum ersten Auftritt derart lange anzukündigen, aber offensichtlich setzen Produzent Robert Rodriguez und Regisseur Nimród Antal alles auf Retro, auf ein Gefühl wie beim ersten Mal: Im Geist eines Remakes, das keines sein will, spielen sie noch einmal den ersten "Predator"-Film von John McTiernan nach. Das geht eine ganze Weile gut, ehe sich Laurence Fishburne stellvertretend für die eigentliche Ideenarmut des Films auf die Leinwand quetscht.
Ihm gelingt es tatsächlich, das Projekt komplett auszuhebeln. Wie ein parodistisches Relikt des Originals fährt seine Figur in Wort und Tat alle nur erdenklichen Trash-Geschütze auf. Er behindert den Fluss des Films, stoppt ihn geradezu, und lässt auch keinen Raum für die ausbleibende Plot- und Figurenmotivation, die das elliptisch strukturierte Drehbuch nachzureichen versprach. Von hier an kippt "Predators" um: Statt auf angekündigte Höhepunkte hinzuarbeiten, ergeht er sich in popeligen Verfolgungsjagden und lediglich angedeuteten Actionszenen. Die Inszenierung, völlig aus dem Ruder gelaufen, bewegt sich fortwährend auf dem Niveau von Schadensbegrenzung. Weniger soll dabei augenscheinlich mehr bedeuten, und so steuert der Film überraschend spannungs- und vor allem actionarm auf ein müdes Finale zu, in dem Adrien Brody die Spargeltarzanversion von Arnold Schwarzenegger gibt.

Dadurch erschöpft sich "Predators" im nicht einmal bemühten Neuerfinden eines Franchises, das eigentlich nie eines war. Die kommerzielle Lebenserhaltung der Figur ist nach dem finanziell eher enttäuschenden Sequel von Stephen Hopkins lediglich der Verknüpfung mit einer ungleich komplexeren Monsterkreation zu verdanken: Ohne "Alien vs. Predator" und die dazugehörigen amüsant-doofen Filme würde das einst von Special-Make-Up-Guru Stan Winston entwickelte Rastalockenviech längst in Rente geschickt. Dieser Film hier, ob nun Remake, Reboot oder Reimagening, erweist sich lediglich als verkrampfter und liebloser Versuch, das "Predator"-Franchise auszubauen oder überhaupt tragfähig erscheinen zu lassen. Da muss das Publikum dann gar mit falschen Tatsachen geködert werden: Statt Dutzender Predators im Trailer zählt man im fertigen Film nicht einmal eine Handvoll, und die auf blutiges Goregekröse hoffende Fanfraktion dürfte sich auf der verzweifelten Suche nach harten Actionszenen auch maßlos enttäuscht zeigen.

30% - erschienen bei den: 5 FILMFREUNDEN

Juli 02, 2010

Kino: THE TWILIGHT SAGA - ECLIPSE

Alles wie gewohnt in Forks, Washington: Herzschmerz, Eifersucht, schlechtes Wetter. Bella (Kristen Stewart) steht immer noch zwischen den Fronten und ihre Perücke sieht gar fürchterlich aus. Edward und sein Vampirclan müssen sich gegen eine so genannte "New Blood"-Armee von Blutsaugern zur Wehr setzen, und die oberkörperfreien Indianerwölfe stehen ihm trotz aller Rivalitäten bei. Das macht die Sache für Bella nicht einfacher. Sie ist jetzt zwar verlobt mit dem Vampir (Robert Pattinson), empfindet aber auch Liebe für den Werwolf (Taylor Lautner). "I love you", gesteht sie Jacob, bei Edward dann schon "I love you more". Wirklich kompliziert war und ist das alles nach wie vor nicht, aber langsam geht’s ans Eingemachte: Die Hochzeitsglocken drohen zu läuten und der erste Sex kommt bestimmt. Endlich!

Ich hätte es damals nicht für möglich gehalten, dass die Teenie-Trash-Romanze "Twilight" – bis dato noch lediglich ein, ich sage mal: Jugendbuch-Phänomen – solch ein kommerzieller Erfolg werden würde. Nun muss man ja mittlerweile, neben den Adaptionen der "Harry Potter"-Romane, wohl vom größten und wahrscheinlich auch wichtigsten Kino-Franchise der letzten zehn Jahre sprechen. Das lässt sich als aufmerksamer Filmfreund nur noch schwer umgehen, auch wenn die Filme eigentlich, nun ja, etwas doof sind. Und konservativ und ein bisschen sehr langweilig. Aber immerhin sprechen wir von einer Serie, für die zum Teil hochinteressante Regisseure verpflichtet wurden, oder zumindest im Gespräch waren – zuletzt gar David Cronenberg, der den zentralen Vampirmensch-Konflikt der schönen Bella gewiss nicht nur als schmachtvolle Sehnsuchtsmetapher verhandelt hätte.

Mit dem bisher auf etwas abseitige Genrefilme wie den superguten "Hard Candy" oder den superschlechten "30 Days of Night" abonnierten Briten David Slade haben die Produzenten für den dritten "Twilight"-Film "Eclipse" aber auch eine alles andere als langweilige Regiewahl getroffen. Nach Catherine Hardwicke und Chris Weitz ("New Moon") bringt Slade ein deutlich markanteres visuelles Konzept in die Serie ein, das sich in modischen (aber eben immerhin:) Horrorbildern verortet. Neben den üblichen rührseligen Gefühlsbekundungen zwischen Bella und ihren monströsen Verehrern, Vampir-Romeo Edward und Sixpack-Werwolf Jacob, setzt der dritte Film zudem einige dramaturgische Actionakzente, die Slade mit spürbarer Genreaffinität möglichst ausspielt. Dafür, dass hier zum dritten Mal in Folge eigentlich nichts passiert, passiert dann doch so einiges: Kämpfe und so was, durchaus unterhaltsam.

Slade findet im Vergleich zu seinen Vorgängern ein ausgewogenes Verhältnis zwischen romantischem Sinnieren in Larifari-Dialogen und mehr oder weniger packenden Action- und Horrorszenen. Der dritte Film rückt, was seinen Look und die besseren visuellen Effekte betrifft, nunmehr tatsächlich in den Bereich des Blockbuster-Kinos vor, auch wenn das Budget von nicht einmal 70 Millionen US-Dollar immer noch bescheiden ausfällt in Relation zum erwartungsgemäß gigantischen Einspielergebnis. Aber: Das ist alles gut gemacht hier. Der Score von Howard Shore ist sogar großartig, geradezu episch, konkurriert im Film hingegen natürlich mit zahlreichen schwerfälligen Pop- und Indiesongs. Allerdings sind auch die wieder schön! Wenn Muse etwas von einer Neutron Star Collision singen, verkauft sich diese jugendliche Ménage à trois zumindest nicht unter Wert.

"Eclipse" gibt allmählich Anlass, "Twilight" heimlich mögen zu dürfen. Für junge Mädchen und sicher auch ein paar Jungs kurz vorm Coming Out ist diese Serie eine legitime Projektionsfläche für naive idealisierte Träumereien. "Twilight" konserviert klassische Prinzessinnenwünsche, für die es offenbar immer noch Bedarf gibt. Bella ist, getreu dieser Logik, so etwas wie das Pony von heute. Und natürlich scheint es bezeichnend, dass derlei Mädchenfantasien offenbar nur noch im Fantasy-Kontext ausgemacht werden dürfen, um einigermaßen integer zu bleiben. Das verrät wohl doch einiges über das ideologisch vermeintlich bedrohliche Potenzial dieser Filme, die ihrer konservativen Sehnsüchte zum Trotz wohl nichts weiter als harmlose Bebilderungen unschuldiger Pubertätswünsche sein können.


60% - erschienen bei den: 5 FILMFREUNDEN

Zuletzt gesehen: FILME IM JUNI 2010


Day & Night

(USA 2010, Teddy Newton) (8/10)

Toy Story 3
(USA 2010, Lee Unkrich) (7/10)

Cloverfield
(USA 2008, Matt Reeves) (5/10)

War of the Worlds
(USA 2005, Steven Spielberg) (7/10)

National Treasure
(USA 2004, Jon Turteltaub) (5/10)

National Treasure: Book of Secrets
(USA 2007, Jon Turteltaub) (6/10)

Columbo: A Trace of Murder
(USA 1997, Vincent McEveety) (5/10)

Dirty Dancing
(USA 1987, Emile Ardolino) (8/10)

Introducing Dorothy Dandridge
(USA 1999, Martha Coolidge) (3/10)

The Curse of the Cat People
(USA 1944, Robert Wise, Gunther von Fritsch) (3/10)

La Tourneuse de pages [The Page Turner]
(F 2006, Denis Dercourt) (7/10)

Scoop
(USA/GB 2006, Woody Allen) (4/10)

Match Point
(GB/USA 2005, Woody Allen) (3/10)

Heart and Souls
(USA 1993, Ron Underwood) (6/10)

La Ley del Deseo [Law of Desire]
(E 1987, Pedro Almodóvar) (2/10)

Avatar
(USA 2009, James Cameron) (7/10)

The Godfather: Part II
(USA 1974, Francis Ford Coppola) (9/10)

The Godfather: Part III
(USA 1990, Francis Ford Coppola) (5/10)

The Masterpiece That Almost Wasn't
(USA 2008, Kim Aubry) (7/10)

This Is It
(USA 2009, Kenny Ortega) (3/10)

Amityville Horror
(USA 2005, Andrew Douglas) (2/10)

The Panic Room
(USA 2002, David Fincher) (3/10)

You've Got Mail
(USA 1998, Nora Ephron) (5/10)

Top Secret!
(USA 1984, Jim Abrahams, David Zucker, Jerry Zucker) (6/10)

Ruthless People
(USA 1986, Jim Abrahams, David Zucker, Jerry Zucker) (6/10)

Paranormal Activity
(USA 2007, Oren Peli) (3/10)

Juni 25, 2010

Kino: TOY STORY 3

Es begann einmal mit einer kleinen Tischleuchte – und nun sind auch schon wieder 15 Jahre vergangen, seit die Pixar Studios mit "Toy Story" den ersten vollständig computer- animierten Langspielfilm in die Kinos manövrierten, um damit die große Wende des Animationsfilms einzuläuten. Die eigenwilligen Abenteuer einer Gruppe lebendiger Spielzeuge führten die enorme Erfolgsgeschichte jenes Unternehmens an, das den Trickfilm ins digitale Zeitalter konvertierte. Jede weitere Pixar-Produktion betrat fortan Neuland, immer wieder erfand sich das Studio ästhetisch neu, verschob seine Erzählperspektiven oder brach mit Genrekonventionen.

"Toy Story" erzählte die originäre Geschichte der Plastikfiguren Woody und Buzz Lightyear, die wie alle unbeaufsichtigten Spielzeuge in den Kinderzimmern dieser Welt ein geheimes Eigenleben führen. Sie erleben Abenteuer, Zwistigkeiten und echte Gefahren, weil der Film sie als lebendige Charaktere mit Herz und Seele verstand. Ein nahezu dadaistisches Konzept, das die Fortsetzung des Debüterfolges vier Jahre später noch vertiefte, indem es die abenteuerlichen Erlebnisse seiner Spielzeugprotagonisten zu einem letztlich höchst tiefsinnigen Film über Identität, Verlust und Endlichkeit chiffrierte. "Toy Story 2" war so etwas wie der ultimative Kinderfilm für ein erwachsenes Publikum.

Als die Animationsschmiede 2006 vom Vertriebspartner Disney aufgekauft wurde, galt es angesichts zahlreicher Personalverschiebungen zu befürchten, dass Pixar mit der Ankündigung weiterer Sequels ihrer großen Kinohits zu einem Baukastenverein ähnlich des Konkurrenten DreamWorks verkommen würde. "Toy Story 2" bildete schließlich die glorreiche Ausnahme im Œuvre des Studios, dessen kreativer Kopf John Lasseter Fortsetzungen vom Fließband zugunsten neuer Geschichten stets ausgeschlossen hatte. Der angekündigte dritte Film um die lieb gewonnene Spielzeugbande musste nach dem Relaunch also unweigerlich auch als Generalprobe verstanden werden.

"Toy Story 3" weist jedoch alle Befürchtungen in ihre Schranken. Es ist der erste Film nach den vielen konzeptionellen und wirtschaftlichen Veränderungen des Studios, und er lässt vermuten (wie hoffen), dass der neue Kurs keine negativen künstlerischen Auswirkungen auf die Produktion der Pixar-Filme nimmt. Im Gegenteil: Nach "Up", dem rührigen, aber überfrachtet und sentimentalisiert erzähltem letzten Pixar-Film, ist das neue Abenteuer aus der Spielzeugkiste eine wahre Berufung auf alte Stärken. "Toy Story 3" überrascht durch seinen Ideenreichtum, perfektes Timing und grandiose Dialoge – ein unerwartet wunderschöner Abschluss der Trilogie.

Die Helden des Films stehen nun vor einem existenzialistischen Wendepunkt: Der kleine Andy aus den Vorgängern ist mittlerweile zu einem Teenager gereift, der das Elternhaus verlassen und seine einstigen Spielzeuge aussortieren muss. Für Cowboys, Space Rangers oder Dinosaurier aus Plastik findet sich auf dem College keinen Platz mehr, und so landen die Figuren durch ein Versehen statt auf dem häuslichen Dachboden in einer Kindertagesstätte. Was zunächst wie das Paradies auf Erden für jedes Spielzeug scheint, erweist sich für unsere Heldentruppe schließlich als größte Bewährungsprobe ihres Plastikdaseins.

Denn wenn in Sunnyside die Lichter ausgehen, übernehmen der despotische Teddybär Lotso und seine Gefolgschaft die Herrschaft über den Kindergarten. Und das bedeutet für Woody, Buzz, Barbie und Co. nichts weniger als ein Leben in Gefangenschaft. Erstaunlicherweise nimmt "Toy Story 3" hier mit seiner düsteren Geschichte die Gestalt eines Prisoner-of-war-Filmes im Reich der Spielzeuge an – samt jeglicher genretypischer Elemente, deren Exploitation-Kontext eine faszinierend bizarre Verbindung mit kindgerechten Sujets eingeht.

Lee Unkrich, der zuvor als Cutter und Co-Regisseur bei den Vorgängern arbeitete, bewegt sich gekonnt auf einem schmalen Grat: Sein Film ist mal sentimental, wenn es um Abschied und das Erwachsenwerden geht, und mal bitterböse und grimmig, wenn er entsprechende Metaphern für diese Themen in Bilder umsetzt. Ohne das junge Zielpublikum zu verprellen ist "Toy Story" mit seinen Fortsetzungen ähnlich erwachsener geworden wie sein übergeordneter Protagonist Andy, in dessen Kinderzimmer die Abenteuer der Rasselbande ihren Lauf nahmen.

Folgerichtig blicken Woody und seine Gefährten hier schließlich gar dem Tod ins Auge, weil ihre Zeit als sinnvolles Spielzeug irgendwann einmal abgelaufen scheint. Und damit erweist sich Pixar abermals als Meister der Transzendenz: Eine mitreißende Geschichte aus der Perspektive von Spielfiguren erzählen und letztlich sogar Emotionen für reines Plastik hervorrufen zu können, das gelingt den wenigsten Animationsfilmen. Und es repräsentiert, genau genommen, die Quintessenz der abstrakten Möglichkeiten eines Trickfilms.

Handwerklich bewegt sich Pixar auf gewohnt hohem Eigenniveau: Die formalen Animationsfertigkeiten steigern sich für gewöhnlich von Film zu Film, aber insbesondere im Vergleich zu den 1995 und 1999 produzierten Vorgängern erstrahlen die Spielzeugfiguren in "Toy Story 3" selbstredend in einem völlig neuen Glanz: Unendlich detailreiche Texturen, eine durch und durch unkonventionelle Lichtsetzung und absolut flüssige Animation bestimmen den visuellen Stil des Films, der auf dreidimensionale Gimmicks gänzlich verzichtet und deshalb getrost in klassischem 2D bestaunt werden darf.


75% - erschienen bei: gamona

Juni 20, 2010

Noch mal gesehen: AVATAR

Als ich "Avatar" das erste Mal gesehen habe, war ich zwar milde beeindruckt von den visuellen Fertigkeiten des Films, ansonsten hat mich Camerons Technikspektakel aber kalt gelassen. Dem entsprechenden Unmut hatte ich an dieser Stelle vor etwa einem halben Jahr Luft gemacht.

Leider verschließt mir 3D oft den Zugang zum Film. Statt Publikumsdistanz zu überwinden und mich als Zuschauer stärker in die Fantasie einzubeziehen, schafft 3D bei mir zumeist einen gegenteiligen Effekt. Ich verliere den Bezug zu den Bildern, das Interesse und die Konzentration, und ich werde irgendwann müde und entnervt vom Sinnesrausch. Vielleicht hat mir "Avatar" deshalb im klassischen 2D, ganz ohne Gimmicks und Gedöns, nun erheblich besser gefallen. Zwar bleiben größtenteils die Kritikpunkte der Erstsichtung, doch wirkt Camerons Vision nun wesentlich stimmiger. Die banal-simple Geschichte erschien mir jetzt geradezu sympathisch in ihrer unbekümmerten Naivität, und ich war bereit ihr zu folgen. Es ist, als würde Cameron sie zum ersten Mal erzählen. Die vorhersehbare Plotentwicklung, mit allen Archetypen und Klischees, ich habe sie beinahe gebraucht, um die phänomenale Ästhetik dieses Films besser verarbeiten zu können. Irgendwie ist das doch groß, was Cameron hier erschaffen hat. Irgendwie ist das doch ein guter Film. Und irgendwie mag ich ihn.

Juni 02, 2010

Zuletzt gesehen: FILME IM MAI 2010


Kill Bill: Vol. 1

(USA 2003, Quentin Tarantino) (7/10)

Phantasm III - Lord of the Dead
(USA 1994, Don Coscarelli) (5/10)

Phantasm IV: Oblivion
(USA 1998, Don Coscarelli) (6/10)

Chloe
(CAN/F/USA 2009, Atom Egoyan) (3/10)

East of Eden
(USA 1955, Elia Kazan) (6/10)

Hush... Hush, Sweet Charlotte
(USA 1964, Robert Aldrich) (8/10)

Cat People
(USA 1942, Jacques Tourneur) (7/10)

A Nightmare on Elm Street
(USA 2010, Samuel Bayer) (1/10)

The Crazies
(USA 2010, Breck Eisner) (3/10)

Interstate 60
(USA/CAN 2002, Bob Gale) (3/10)

Executive Decision
(USA 1996, Stuart Baird) (2/10)

Kærlighed på film [Just Another Love Story]
(DEN 2007, Ole Bornedal) (3/10)

The Godfather
(USA 1992, Francis Ford Coppola) (9/10)

Apocalypto
(USA 2006, Mel Gibson) (4/10)

Traffic
(USA 2000, Steven Soderbergh) (4/10)


Mai 26, 2010

Kino: THE CRAZIES

Heute im Programm: Mal wieder ein Genre-Remake. Eine Neubearbeitung. Oder Reimagining. Noch-Mal-Machen. Wiederholen. Nachstellen. Und das bemüht aufgepeppt, modernisiert und unterm Strich auch versucht besser, nicht mehr so: langweilig, altbacken, überholt. Ein Vorurteil, zugegeben. Aber zumindest ein Entkopplungsprozess, der den betreffenden Film aus seiner Zeit, seiner Bedeutung, seiner Wirkung löst, um ihn in einer neuen Zeit mit neuer Wirkung und neuer Bedeutung installieren zu können – jede Generation hat das Recht auf ihren Klassiker, neu gemacht. Nun wimmelt es nach 37 Jahren noch einmal vor Verrückten auf der Leinwand: Die "Crazies" von George A. Romero wurden wiederverfilmt.

Ob der Titel tatsächlich jene durch einen biochemischen Kampfstoff infizierte US-Bürger irgendwo im Nirgendwo umschrieb, stellte zumindest das Original noch in Frage. Die wahren Crazies mag Romero eher in seiner Darstellung von Politikern, Militärs und Wissenschaftlern gefunden haben. Gegen deren knallhartes Kalkül erschien das orientierungs- und hilflose Töten der unschuldigen Betroffenen schließlich nahezu milde, und der zynisch-bittere Schluss unterstrich noch einmal mit Nachdruck, dass – wie schon in Romeros Zombiefilmen – nichts grausamer ist, als die autorisierte Gewalt der hiesigen Verantwortungsapparate und ihrer Entscheidungsträger.

Der Plot des Originals blieb im Remake Breck Eisners weitgehend erhalten, dessen sperrige Figurenvielfalt hingegen tauschte man gegen schablonenhafte Identifikationsangebote ein. Der "Hitman" Timothy Olyphant gibt den Provinzsheriff, Radha Mitchell steht ihm als Ehefrau zur Seite. Gemeinsam versuchen sie dem Chaos zu entfliehen, das über ihre bisher so friedvolle Kleinstadt Ogden Marsh hereinbrach. Durch Waffentests der Regierung sind deren mit verseuchtem Trinkwasser in Berührung gekommene Bewohner zu aggressiven Tötungsmaschinen mutiert, während das Militär mit allen Mitteln eine Ausbreitung der Seuche zu verhindern sucht.

Dieser neue "The Crazies" ist natürlich ein ganz anderer Film. Er ist ungleich teurer, wesentlich aufwendiger und deutlich detailfreudiger als das Original. Er sieht so aus, wie die meisten Horrorfilme von heute eben aussehen – wie Werbung. Noch der größte Gräuel besitzt einen ästhetischen Wert, und keine Figur würde etwas offensichtlich Peinliches sagen oder tun, weil das der Glaubwürdigkeit abträglich wäre. Spannung und Unterhaltung stehen gleichermaßen im Vordergrund wie Widerspruch zur unangenehmen, bedrohlichen, denkbaren Geschichte eines Films, der sie zumindest 1973 noch aus intuitiven Ängsten heraus formulierte.

Diese Ängste mögen einst apokalyptischen Krisenbildern aus Vietnam oder Washington entsprungen und dadurch ausschließlich im gesellschaftlichen Kontext verhandelt worden sein, doch sie haben nichts an Aktualität eingebüßt. Die Angst vor der Entwicklung biologischer Waffen, atomarer Rüstung oder, wie jüngst, einer globalen Pandemie, dürfte auch im Jahre 2010 noch ausreichend Potenzial freisetzen, um eine ganze Generation junger wilder Filmemacher zu kreativen Horrorszenarien auf der Leinwand zu motivieren. Die Themen und Stoffe, sie haben mitunter gar an Relevanz gewonnen. Es ist das Genrekino, das ihnen keinen Ausdruck mehr verleihen mag.

Wie sonst ließe sich erklären, dass Eisners Film eine Geschichte über den Ausbruch von gefährlichen Viren oder die Macht des Militärs erzählt, ohne letztlich wirklich etwas darüber erzählen zu wollen. Dass er Romeros teils plakative politische Anklänge nicht in eigene subtile Gesten übersetzt, sondern zugunsten ermüdender Spannungs- und Schockmomente gleich ganz aufgibt. Dass er also den kompletten Bedeutungsverlust sich und seiner Vorlage gegenüber in Kauf nimmt, um nur ein weiterer austauschbarer Horrorfilm mit infizierten Menschen sein zu dürfen, der letztlich sowieso nur der Tradition des Zombiekinos unterliegt.

Und hier lässt sich wohl die Tendenz erkennen, warum ein Film wie dieser neue "The Crazies" nicht nur seiner Vorlage kaum gerecht werden, sondern im einfältigen Wiederkäuen bloßer Reize auch sonst keinerlei Sinn herstellen kann. Denn es gibt einen großen Irrtum, der die nunmehr langjährige Neigung zu Neuauflagen berühmter und berüchtigter und begnadeter Genrefilme konsequent begleitet: Das Remaken in der Hoffnung, mit höheren Budgets und größeren Produktionsverhältnissen neue Zuschauer für alte Stoffe zu gewinnen, hat zumindest den einst so wachen Horrorfilm in einen künstlerischen Tiefschlaf versetzt.

Die Annahme dieser Filme, und "The Crazies" ist dafür beispielhaft, zeitgemäße Updates angestaubter oder wenig massentauglicher Genreklassiker liefern zu können, ist schlicht falsch, weil sie in ihrer Strategie per se gestrig wirken müssen. Sie wiederholen nur, und sie ergehen sich in totaler Redundanz. Sie haben nichts zu erzählen oder mitzuteilen, obwohl sie das könnten. Alles was sie sagen ist reine kommerzielle Diktion. Man wird später, sofern sie dann überhaupt noch gesehen werden, nichts über die Zeit erfahren, in der diese Filme entstanden sind. Nichts über ihre Regisseure, die Auftragsfilmer aus der Werbe- und Musikvideobranche, und nichts über ihre Bedeutung für das Kino oder das Genre.

Das einzige, was ein Film wie "The Crazies" wirklich zu sagen hat, ist etwas über das Geschäft. Und das wissen wir bereits. Auch wenn Eisner also mit "seiner" "Interpretation" einen formal größtenteils recht kompetent gemachten Film zum Essen serviert, so hat er lediglich etwas erwärmt, das frisch gekocht schon einmal viel besser schmeckte. Er hat etwas geschaffen, das neu und vital erscheinen sollte, aber altbackener daherkommt, als es Romeros kleiner dreckiger Independentfilm je sein könnte. Das ist der Fluch der Remakes, die Logik des Stillstandes.


30% - erschienen bei: gamona