Schon der Beginn ist motivisch geschwängert: Aus der Oberperspektive nähert sich die Kamera hinterrücks einem jungenhaften, 14jährigen Mädchen, das genüsslich ein Stück Schokoladentorte verzehrt. „Hm, that’s so good!“, stöhnt sie, „I want more!“. Das gute Gewissen ist schnell zur Stelle: „Don’t get greedy.“, lauten die ersten beschützenden Worte eines adretten Mannes, von unten gefilmt. Jeff ist Photograph, 18 Jahre älter und nicht Vater der kleinen Hayley, sondern ihre Internetverabredung. Jede sexuell konnotierte Bewegung und jeder doppeldeutige Dialog in den ersten Szenen des Films "Hard Candy" verweist überdeutlich auf sein Thema. Spätestens dann, wenn sich beim Plausch im Café die an der Pinnwand hängende Vermisstenanzeige eines Mädchens ins Bild drängt. Sie solle nicht vom Wegesrand abkommen, warnt die Großmutter im Märchen. Der böse Wolf mit seinen scharfen Zähnen werde sie sonst fressen. Doch was, wenn das kleine Rotkäppchen den Pfad unlängst verlassen, in ihre Westen- tasche Skalpell und Strick gepackt und entschlossenen Mut gefasst hat, den Wolf seiner Manneskraft zu berauben? Wenn nämlich hinter braver Unschuld das lasziv-monströse Gesicht eines Racheengels lauert, dann lädt Regisseur David Slade bereits nach wenigen Minuten zu einem gänzlich unkon- ventionellen Psychoduell, dessen Ausgang ebenso ungewiss wie zwiespältig scheint: Das ist nicht einfach der Kampf zwischen adoleszentem Opfer und pädophilem Täter, vielmehr stehen sich hier zwei Monster gegenüber, die den Zuschauer in ein unangenehmes, intensives Wechselspiel aus Iden- tifikation und Abscheu zwingen.
Alles an "Hard Candy" (bezeichnet im Onlinejargon ein minderjähriges Mädchen) ist reine Provokation. Es gehört nicht viel dazu, ihn seiner offenbar legitimierten Selbstjustiz wegen anzuklagen, die manipulierenden Wendungen des Drehbuchs zu kritisieren oder seine ästhetisierte Ablichtung jener Schreckensszenarios, über die so oft in den abendlichen Nachrichten berichtet wird, in Frage zu stellen. All das forciert dieser Film geradezu. Er entfacht ganz wie von selbst einen gewaltigen emotionalen Diskurs und erklärt sich freiwillig zu dessen Mittelpunkt: Slades Kammerspiel beginnt dort, wo Roman Polanskis "Der Tod und das Mädchen" oder Takashi Miikes "Audition" aufhören. Es zelebriert eine psychische und physische Vergeltung aus Folter, Erniedrigung und Pein, die in ihrer Notwendigkeit ganz selbstverständlich ange- zweifelt wird, um zuletzt schließlich in jeder Hinsicht eine Bestätigung zu erfahren. Das ist natürlich bedenklich. Aber auch unheimlich clever.
Denn das Spiel mit Zuschauererwartungen könnte perfider kaum sein. Mithilfe einer ausgefeilten Farbdramaturgie, die die Vorteile des digitalen Materials weitgehend ausnutzt, indem sich die Bilder dem Figurenhabitus und der jeweiligen Stimmung anpassen und entsprechend verfremden, zwingt der Film immer wieder aufs Neue zur Identifikation mit einem der beiden Kontrahenten. Dabei erschwert das Drehbuch einfache Positionen, weil es die Handlung mit süffisanter Ironie, die für sich genommen schon wieder ebenso heikel wie auch diskussionswert ist, um die eigene Achse dreht. Der Zuschauer ist hin- und her gerissen zwischen seiner natürlichen Abneigung über die zweifelhaften, abstoßenden Foltermethoden des Mädchens, das ihrer Verabredung Kindesmissbrauch unterstellt, und der mindestens so starken Pädophilieaversion. Wohl wissend, dass der Film Situationen entwirft, die beim Zuschauer automatisch das Bedürfnis nach einer unmittelbaren Identifikationsfigur hervorrufen.
Das treibt Slade schließlich auf die Spitze, als er das wahre Gesicht des vermeintlich Unschuldigen enthüllt und den Zuschauer dazu zwingt, sich direkt in das erschreckende Gefühlsleben der Figuren hineinzuversetzen. Das garantiert dem Film fast vorsätzlich breite Abneigung und zeugt von einem gewissen Mut, der auch als platte Koketterie bezeichnet werden könnte. In diesem Kontext relativiert sich der Selbstjustizvorwurf: Wenn das psychopathische Rotkäppchen zuletzt fast schon als Superheldin erscheinen mag, so ist ihre unerbittliche Sucht nach Gewalt, ihr unberechenbarer Geisteszustand dennoch ambivalent genug, um nicht die ausgangs bewusst irritierenden Opfer- Täter-Rollen leichtfertig festlegen zu können. Der Verzicht auf eindeutige Motive und Erklärungen, sowie die Ablehnung etwaiger Entschuldigungen (Jeffs Geständnis eines trauma- tischen Kindheitserlebnisses hat ebenso wenig Wirkung wie die psychologischen Rückschlüsse auf Hayleys Familien- situation) sind weitere Stärken des Films. Wie der Zuschauer auf die provokante Simplizität auch reagieren mag, selten wurde Gewalt im Kino ein derart verführerischer Charakter zugeschrieben. "Hard Candy" ist reizvoll, diskussionswürdig, streitbar. Von wie vielen Filmen kann man das denn eigentlich noch behaupten?



RAJKO DU MACHST MICH GERADE SEHR SEHR GLÜCKLICH!
AntwortenLöschenDu bist eienr der wenigen Leute die den Film verstanden haben. Das ehrt dich ungemein!
*freu*
Ja holla, vielen Dank für die Ehrung! ;-)
AntwortenLöschenDa ich deine wohl wollenden Worte zu diesem kleinen Juwel auch noch in Erinnerung habe, freut es mich umso mehr, dass wir beide zum kleinen erlesenen Kreis derer gehören, die dessen Qualität erkannt haben. *ggg*
Ich weiß ja nicht, ob ich die Qualität(en) auch erkannt habe, aber HARD CANDY war für mich im vergangenen Jahr der beste Film nach MUNICH und TAEGUKGI. :-)
AntwortenLöschenOlé, damit wären wir dann schon zu dritt.^^
AntwortenLöschenwie wärs mit einem fan-club ? :-)
AntwortenLöschenist ellen page nicht toll? und überhaupt: ich hasse es das HARD CANDY zu unrecht immer als moralisches Gewissen der Pädophilie angesehen wird. das stimmt so garnicht.
ps: marcus mochte ihn auch ;-)
In der Tat, Ellen Page ist beängstigend. Hat im Review keinen Platz mehr gefunden, aber ich fand den Film wirklich großartig gespielt. Dass er vielmals zu naheliegend und oberflächlich abgespeist wird, fiel mir jetzt auch auf. Schade.
AntwortenLöschenGroßartige Worte zu einem großartigen Film, man kann dir einfach nur danken (ich lese aus Langeweile kreuz und quer bei dir rum *g*)
AntwortenLöschen