September 18, 2008

Retro: THE ABYSS (1989)

Die Ankündigung einer größeren Macht, einer heilvollen, aber übernatürlichen Stärke, die Sehnsüchte, Hoffnungen und Wünsche weckt, kann den auf sein Staunen und Stillstehen reduzierten, zuletzt zu Träumen verpflichteten Menschen unterschiedlich beeinflussen: In Steven Spielbergs "Close Encounters of the Third Kind" installieren fried- und liebevolle Besucher aus dem Weltall eine Art Lageplan ihrer Ankunft im Kopf des all american family dads Richard Dreyfuss, und lösen damit sogleich eine zunächst destruktiv erscheinende, visionsähnliche Obsession bei ihm aus, die ihn von seinem gewohnten Raum entfremdet und ihn schließlich gar seiner Familie den Rücken zukehren lässt. Die verführerische und letztlich lohnenswerte Anziehungskraft der freundlichen Außerirdischen generiert zudem neue Konstellationen ebenso wie sie Möglichkeiten eröffnet, die ihren Besuch zum Ereignis von großer Bedeutung werden lassen. Spielberg wiederholte diese märchenhafte Vorstellung von Erlösung weniger kühn und dafür deutlich konkreter in "E.T.", in dem ein weises, samariterähnliches Wesen from outer space das Vertrauen eines kleinen Jungen erobert, zu seinem Vaterersatz reift und schließlich sein Kindsein bewahrt – gegen die bedrohliche Gegenwart von Erwachsenen, die nur Verlust und Trauer bringen.

Der Unterwasser-Science-Fiction-Thriller
"The Abyss" von James Cameron arbeitet mit sehr ähnlichen Methoden wie Spielberg. Seine dreigliedrige Erzählstruktur – der Film handelt von einer Ehekrise, der mysteriösen Niederlassung fremd- artiger Wesen und thematisiert obendrein noch Ängste vor einem Atomkrieg – täuscht eine gewisse narrative Komplexität vor, während Cameron im Zentrum seines Spektakels lediglich eine wundersame Liebesgeschichte zu erzählen versucht. Diese ist mit Klischees, ja, all american values, durchzogen und legitimiert den männlichen Helden im Mittelpunkt (gespielt von Ed Harris) zu ähnlich eigensinnigen, mitunter cholerisch anmutenden Handlungen wie die Richard Dreyfuss-Figur in Spielbergs "Close Encounters". Der heimische Bereich ist in "The Abyss" dabei augenscheinlich zu einer Tiefseestation ummodelliert, auf der das Ehepaar sich jedoch kennen- und lieben gelernt hat. Wie man später erfährt, haben sie die meiste Zeit ihrer Beziehung auf oder unter Wasser verbracht – der Spielort also ist ein heimischer Bereich, ein Quasi-Gegenstück zum Suburbia-Wohnhaus bei Spielberg, das hier wie dort einer Bewährungsprobe ausgesetzt wird.

Bud, der weiche Kerl mit der harten Schale, ist allerdings nicht derjenige, der der extraterrestrischen Macht in Camerons Variation des Stoffes als erstes begegnet, sondern ein männliches Crew-Mitglied, das daraufhin in einen komatösen Zustand verfällt. Konkreter und schließlich ohne gesund- heitliche Folgen nimmt dann jedoch erst Buds Ex-Frau Lindsey (Mary Elizabeth Mastrantonio) ersten Kontakt auf: Sie sieht die farbenprächtigen, anmutigen, korallenähnlichen Wesen und berührt sie sogar. Lindsey bekommt von Cameron keine passive Rolle zugeteilt, sie ist nicht wie die bloße und zum Sidekick degradierte Ehefrau in "Close Encounters" oder die Mutter in "E.T.", sondern eine aktive Teilnehmerin am Geschehen, die potentiell befähigt ist, die Richtung des Films zu bestimmen. Allerdings nur potentiell: Eingeführt wird sie als "Drachen", als rechthaberischer Kontrollfreak, als eine garstige "Emanze", die nicht nur ihrem Ex-Mann, sondern auch der restlichen Unterwasser-Crew auf die Nerven fällt. Lindsey wird vom Film mit einer bemerkenswerten Verachtung gezeichnet, und sie ist dabei völlig auf sich allein gestellt – selbst ihre Kollegin One Night (!), die einzige andere weibliche Figur, simuliert bei Lindseys Begrüßung ein Kotzgeräusch hinter deren Rücken.

Es gibt im gesamten Handlungsverlauf von
"The Abyss" nur selten Momente, in denen Lindsey nicht ganz direkt oder zumindest implizit schikaniert wird. Und die Figur, die sich mit ihr gegen den Chauvinismus der Kollegen ("What would you like us to call you – Sir?" / "I think hurricanes should be named after women." etc.) solidarisieren könnte, die schwarze One Night, greift deren Autorität sogar noch am vehementesten an: "Bud, let me tell you somethin’. She ain’t half as smart as she thinks she is.". Um also Camerons Entscheidung sinnvoll erscheinen zu lassen, die im Genre üblicherweise anteilslose Frau, wie sie ja in jenen Sci-Fi-Spektakeln beheimatet ist, die er sich deutlich zum Vorbild nimmt, zu einer vitalen und ebenbürtigen Handlungsperson umzugestalten, ist ihr nicht nur der erste Kontakt mit den Außeririschen vergönnt, sondern ist sie es auch, die mit konstruktiven Vorschlägen und richtigen Entscheidungen den Erfolg der Mission garantieren könnte.

Wie sich jedoch herausstellt, haben die penetranten Angriffe auf die Figur nicht die Funktion, der Misogynie letztlich abzudanken und die akribisch bedienten gender stereotypes hinter sich zu lassen, sondern Lindsey als toughes, karrieregeiles, unterkühltes Luder so lange innerhalb der Handlung zu verankern, bis der Film sich das Recht erlauben darf, sie mit blankem Hass dafür zu bestrafen. In einer grotesken Szene findet diese Haltung besonderen Ausdruck: Nachdem sich Lindsey bereitwillig geopfert hat, versucht Bud sie mit allen Mitteln wieder zu beleben. Nachdem alle konventionellen medizinischen Maßnahmen keinen Erfolg hatten, beschimpft er die bewusstlose Frau als "Schlampe" und schlägt sie ins Gesicht, woraufhin sie schlussendlich wiedererwacht. Das Miststück bekommt also links und rechts eine verpasst, damit es wieder zu Bewusstsein gelangen und sich der Rolle fügen kann, die Cameron für sie vorsieht: Die der Wieder-Ehefrau, die ihrem Mann Kraft bei der finalen Aufgabe spenden und die Hardware bedienen darf (wie "Aliens" gezeigt hat, ist eine Frau bei Cameron nur dann eine gute Frau, wenn sie mit viel schwerem Geschoss am Arm bestimme Funktionen zu erfüllen bereit ist).

Folgerichtig ist es Bud, der zwar nicht den ersten Kontakt, aber die erste wirklich sinnstiftende Begegnung mit der außerirdischen Macht in den Tiefen des Meeres haben darf. Auf ihn war der Film ohnehin fixiert: Mit viel Wohlwollen, Konzentration und Verständnis setzt Cameron seine Figur in Szene, wenn sie hin- und her gerissen ist zwischen Verzweiflung, Trauer und Wut – er wirft seinen Ehering in die Toilette, nur um ihn kurze Zeit später wieder herauszufischen, etwas, das Lindsey sicher nicht tun würde und auch gar nicht könnte, denn sie hat ihren Ehering ja bereits längst abgelegt! – und einer inneren Stimme folgt, seine Ex-Frau doch wieder zurückzuholen, sogar in einem doppelten Sinne (wohl gemerkt: er ist es, der sie reanimiert, der über sie ent- scheidet). Cameron erzählt
"The Abyss" demnach genauso mit einem männlichen Führungscharakter wie Spielberg "Close Encounters" und "E.T.", aber er befreit die Frauenrolle aus ihrer Passivität, um sie in andere, letztlich noch viel gefügigere Muster zu verweisen.

Interessant ist besagter Schlussteil, in dem Bud in über 20 000 Fuß Tiefe einen Atomsprengsatz deaktivieren muss, ehe die geheimnisvollen Wesen ihn mit in ihre gigantische Unterwasserstadt nehmen. Dort offenbaren sie ihm ihr Geheimnis, die Kraft des Wassers kontrollieren zu können, und demonstrieren (in der verlängerten Fassung des Films), wie sie eine riesige Flutwelle in Gang und schließlich wieder außer Gefecht setzen, um den Menschen mehr oder weniger ein moralisches Bewusstsein für die drohende atomare Katastrophe des Kalten Krieges zu implantieren. Motivisch ist diese Verflechtung von Maschinerie und Schicksal, von Künstlicher Intelligenz und Verantwortungsbewusstsein exemplarisch für Cameron, der das in den beiden "Terminator"-Filmen ebenfalls, allerdings wesentlich grundierter, thematisierte. Die Nachrichtenbilder, die sich vor den Augen Buds in einem Luftraum abspielen, sind ein für den Regisseur auffällig plumpes und emotionalisiertes Stilmittel, das augenscheinlich Anleihen bei "2001" (die embryonal wirkenden Aliens verweisen auf den Sinn der Existenz) und noch deutlicher, natürlich, "Close Encounters" nimmt, letzteren aber an Rührseligkeit noch übertrifft.

Das Grundfragen der Menschheit betreffende und somit philosophisch angehauchte Finale von
"The Abyss" versucht zum Glück allerdings nur, abermals eine epische Breite vorzutäuschen, obwohl auch das spektakuläre Ende lediglich die Liebesgeschichte zu einem friedfertigen Abschluss führt. So bringen die Außerirdischen in einer Funktion als Quasi-Hippies zwar eine konkrete Botschaft des Friedens für die Welt (Spielberg hat das Anliegen der Besucher 1977 noch in der Schwebe belassen), zeigen sich schlussendlich wie in "Close Encounters" in voller Pracht und Schönheit, doch ehe sie universelle und weltliche Guttaten begehen, sind sie in erster Linie ein Überbringer von Liebe und Geborgenheit. So wie Roy Neary in "Close Encounters" seine wahre persönliche Bestimmung findet, die Außerirdischen nur ihn mit auf die Reise nehmen und damit einen Individualwunsch erfüllen, so sorgen die liebevollen Aliens in "The Abyss" dafür, dass Bud und Lindsey sich wieder als Liebende in den Armen liegen können. Gegen Camerons überraschendes Harmoniebedürfnis indes erscheint Spielbergs viel gerügte Naivität kaum noch nennenswert.


60%


Kommentare:

  1. Jetzt weiß ich gar nicht ob mein Kommentar durchgekommen ist. Wollte nur schreiben, daß ich es witzig finde, daß Du Dir The Abyss vorknöpfst während ich an einem Review zu Aliens schreibe. Vielleicht werde ich heute abend noch fertig. Schauen wir mal;)

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  2. Tja, dieser Zufall belegt unsere Geistesverwandtschaft ein weiteres Mal. Wo ist Hankey? ;)

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  3. Leider nie gesehen. Aber 60% bei dir, Rajko, sind ja schon mal was. ;)

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  4. Für einen Cameron eigentlich nicht unbedingt.

    Aber dessen Filme bringen bei Neusichtung ohnehin so einige ... neue Erkenntnisse.

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  5. wie "Aliens" gezeigt hat, ist eine Frau bei Cameron nur dann eine gute Frau, wenn sie mit viel schwerem Geschoss am Arm bestimme Funktionen zu erfüllen bereit ist).

    Das würde ich jetzt nicht unbedingt unterschreiben, weil der Kontext Aliens diesen Schluß nicht wirklich zuläßt;)

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  6. Mich würde vielmehr interessieren wie Du auf Deine These kommst. Inwiefern darf Ripley in Aliens nur Hardware bedienen und ist nur eine gute Frau wenn sie schweres Kriegsgerät vor sich herträgt? Sie erledigt die Dinge doch nicht obwohl sie eine Frau ist. Sie erledigt die Dinge weil sie es einfach kann und sich zutraut.

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  7. Es ist einfach extrem auffällig, wie frauenfeindlich Camerons Filme sind. Dass Tragen schwerer Waffen ist ja nicht ALIENS-exklusiv, sondern betrifft auch TERMINATOR oder TRUE LIES. Frauen bei Cameron müssen sich immer erst zu besseren Männern mausern, ehe sie überhaupt Anerkennung erlangen können, was ihnen aber auch jedes Mal letztlich verwehrt bleibt (siehe Text z.B. zu ABYSS).

    Bei ALIENS müsste ich vielleicht auch noch weiter ausholen:

    Cameron wirft im Prinzip alles, was Scott mit ALIEN geschaffen hat, über Bord. Grundsätzlich: ich halte (auch) Camerons Film für ein Meisterwerk des Genres, aber er ist eben nur das, was er ist: Ein Actionfilm, ein Genrefilm. Im Prinzip ersetzt er den psychosexuellen Kontrapunkt des Vorgängers durch kernige Action, die straight, räumlich, wesentlich ausfällt. Das Alien als solches ist bei Cameron kein konnotiertes Symbol mehr, sondern ein Filmmonster, ein Insekt. Er reduziert es komplett und negiert jede Bedeutung, die über die reine physische Gefahr des Wesens hinausgeht. Schlimmer noch - und hier kommen wir zum Punkt - verklärt der Film die Ripley-Figur, die zuvor erfolgreich für ihre Emanzipation gekämpft hat, zur beschützenden Mutter und weist ihr die konventionelle Rolle der Frau zu, die das Kind beschützen und den heimischen Bereich betreuen darf. Die Figur selbst vertritt als weiblicher Rambo quasi die Idealvorstellung einer heterosexuellen Männerfantasie: Eine gute Frau ist eine Frau mit schwer beladenem Metallgeschoss, die sich zuletzt in einer Art "Frauencatchen" in einem Mutterkampf behaupten muss, was fast schon einer pervertierten Vorstellung von Frauen entspricht.

    Derzeit gibt es im Gemeinschaftsforum eine Diskussion über Camerons Misogynie, wo ich vieles noch mal genauer ausführe. klick

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  8. Deinen Ausführungen kann ich teilweise sehr gut folgen.

    verklärt der Film die Ripley-Figur, die zuvor erfolgreich für ihre Emanzipation gekämpft hat, zur beschützenden Mutter und weist ihr die konventionelle Rolle der Frau zu....

    Ich finde das ist überhaupt nicht der Fall. Zugegeben, das scheint vielleicht aus einem gewissen Blickwinkel gegeben. Aber, und das ist meine Herangehensweise, wie würde es sich denn verhalten wenn Cameron Ripley diesen natürlichen Instinkt nicht zugestehen würde? Ist denn eine Frau erst emanzipiert wenn sie keine Mutter mehr sein muß/darf?

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  9. Natürlich nicht ausschließlich, aber der Muttergedanke steht, zumindest klassischerweise, in einem gewissen Widerspruch zur Emanzipation.

    Im Zweifel würde ich deshalb sagen:

    Ist denn eine Frau erst emanzipiert wenn sie keine Mutter mehr sein muß[/darf]?

    Mit der Betonung auf "muss" ist sie es dann auf jeden Fall eher.

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