Juni 25, 2010

Kino: TOY STORY 3

Es begann einmal mit einer kleinen Tischleuchte – und nun sind auch schon wieder 15 Jahre vergangen, seit die Pixar Studios mit "Toy Story" den ersten vollständig computer- animierten Langspielfilm in die Kinos manövrierten, um damit die große Wende des Animationsfilms einzuläuten. Die eigenwilligen Abenteuer einer Gruppe lebendiger Spielzeuge führten die enorme Erfolgsgeschichte jenes Unternehmens an, das den Trickfilm ins digitale Zeitalter konvertierte. Jede weitere Pixar-Produktion betrat fortan Neuland, immer wieder erfand sich das Studio ästhetisch neu, verschob seine Erzählperspektiven oder brach mit Genrekonventionen.

"Toy Story" erzählte die originäre Geschichte der Plastikfiguren Woody und Buzz Lightyear, die wie alle unbeaufsichtigten Spielzeuge in den Kinderzimmern dieser Welt ein geheimes Eigenleben führen. Sie erleben Abenteuer, Zwistigkeiten und echte Gefahren, weil der Film sie als lebendige Charaktere mit Herz und Seele verstand. Ein nahezu dadaistisches Konzept, das die Fortsetzung des Debüterfolges vier Jahre später noch vertiefte, indem es die abenteuerlichen Erlebnisse seiner Spielzeugprotagonisten zu einem letztlich höchst tiefsinnigen Film über Identität, Verlust und Endlichkeit chiffrierte. "Toy Story 2" war so etwas wie der ultimative Kinderfilm für ein erwachsenes Publikum.

Als die Animationsschmiede 2006 vom Vertriebspartner Disney aufgekauft wurde, galt es angesichts zahlreicher Personalverschiebungen zu befürchten, dass Pixar mit der Ankündigung weiterer Sequels ihrer großen Kinohits zu einem Baukastenverein ähnlich des Konkurrenten DreamWorks verkommen würde. "Toy Story 2" bildete schließlich die glorreiche Ausnahme im Œuvre des Studios, dessen kreativer Kopf John Lasseter Fortsetzungen vom Fließband zugunsten neuer Geschichten stets ausgeschlossen hatte. Der angekündigte dritte Film um die lieb gewonnene Spielzeugbande musste nach dem Relaunch also unweigerlich auch als Generalprobe verstanden werden.

"Toy Story 3" weist jedoch alle Befürchtungen in ihre Schranken. Es ist der erste Film nach den vielen konzeptionellen und wirtschaftlichen Veränderungen des Studios, und er lässt vermuten (wie hoffen), dass der neue Kurs keine negativen künstlerischen Auswirkungen auf die Produktion der Pixar-Filme nimmt. Im Gegenteil: Nach "Up", dem rührigen, aber überfrachtet und sentimentalisiert erzähltem letzten Pixar-Film, ist das neue Abenteuer aus der Spielzeugkiste eine wahre Berufung auf alte Stärken. "Toy Story 3" überrascht durch seinen Ideenreichtum, perfektes Timing und grandiose Dialoge – ein unerwartet wunderschöner Abschluss der Trilogie.

Die Helden des Films stehen nun vor einem existenzialistischen Wendepunkt: Der kleine Andy aus den Vorgängern ist mittlerweile zu einem Teenager gereift, der das Elternhaus verlassen und seine einstigen Spielzeuge aussortieren muss. Für Cowboys, Space Rangers oder Dinosaurier aus Plastik findet sich auf dem College keinen Platz mehr, und so landen die Figuren durch ein Versehen statt auf dem häuslichen Dachboden in einer Kindertagesstätte. Was zunächst wie das Paradies auf Erden für jedes Spielzeug scheint, erweist sich für unsere Heldentruppe schließlich als größte Bewährungsprobe ihres Plastikdaseins.

Denn wenn in Sunnyside die Lichter ausgehen, übernehmen der despotische Teddybär Lotso und seine Gefolgschaft die Herrschaft über den Kindergarten. Und das bedeutet für Woody, Buzz, Barbie und Co. nichts weniger als ein Leben in Gefangenschaft. Erstaunlicherweise nimmt "Toy Story 3" hier mit seiner düsteren Geschichte die Gestalt eines Prisoner-of-war-Filmes im Reich der Spielzeuge an – samt jeglicher genretypischer Elemente, deren Exploitation-Kontext eine faszinierend bizarre Verbindung mit kindgerechten Sujets eingeht.

Lee Unkrich, der zuvor als Cutter und Co-Regisseur bei den Vorgängern arbeitete, bewegt sich gekonnt auf einem schmalen Grat: Sein Film ist mal sentimental, wenn es um Abschied und das Erwachsenwerden geht, und mal bitterböse und grimmig, wenn er entsprechende Metaphern für diese Themen in Bilder umsetzt. Ohne das junge Zielpublikum zu verprellen ist "Toy Story" mit seinen Fortsetzungen ähnlich erwachsener geworden wie sein übergeordneter Protagonist Andy, in dessen Kinderzimmer die Abenteuer der Rasselbande ihren Lauf nahmen.

Folgerichtig blicken Woody und seine Gefährten hier schließlich gar dem Tod ins Auge, weil ihre Zeit als sinnvolles Spielzeug irgendwann einmal abgelaufen scheint. Und damit erweist sich Pixar abermals als Meister der Transzendenz: Eine mitreißende Geschichte aus der Perspektive von Spielfiguren erzählen und letztlich sogar Emotionen für reines Plastik hervorrufen zu können, das gelingt den wenigsten Animationsfilmen. Und es repräsentiert, genau genommen, die Quintessenz der abstrakten Möglichkeiten eines Trickfilms.

Handwerklich bewegt sich Pixar auf gewohnt hohem Eigenniveau: Die formalen Animationsfertigkeiten steigern sich für gewöhnlich von Film zu Film, aber insbesondere im Vergleich zu den 1995 und 1999 produzierten Vorgängern erstrahlen die Spielzeugfiguren in "Toy Story 3" selbstredend in einem völlig neuen Glanz: Unendlich detailreiche Texturen, eine durch und durch unkonventionelle Lichtsetzung und absolut flüssige Animation bestimmen den visuellen Stil des Films, der auf dreidimensionale Gimmicks gänzlich verzichtet und deshalb getrost in klassischem 2D bestaunt werden darf.


75% - erschienen bei: gamona

Juni 20, 2010

Noch mal gesehen: AVATAR

Als ich "Avatar" das erste Mal gesehen habe, war ich zwar milde beeindruckt von den visuellen Fertigkeiten des Films, ansonsten hat mich Camerons Technikspektakel aber kalt gelassen. Dem entsprechenden Unmut hatte ich an dieser Stelle vor etwa einem halben Jahr Luft gemacht.

Leider verschließt mir 3D oft den Zugang zum Film. Statt Publikumsdistanz zu überwinden und mich als Zuschauer stärker in die Fantasie einzubeziehen, schafft 3D bei mir zumeist einen gegenteiligen Effekt. Ich verliere den Bezug zu den Bildern, das Interesse und die Konzentration, und ich werde irgendwann müde und entnervt vom Sinnesrausch. Vielleicht hat mir "Avatar" deshalb im klassischen 2D, ganz ohne Gimmicks und Gedöns, nun erheblich besser gefallen. Zwar bleiben größtenteils die Kritikpunkte der Erstsichtung, doch wirkt Camerons Vision nun wesentlich stimmiger. Die banal-simple Geschichte erschien mir jetzt geradezu sympathisch in ihrer unbekümmerten Naivität, und ich war bereit ihr zu folgen. Es ist, als würde Cameron sie zum ersten Mal erzählen. Die vorhersehbare Plotentwicklung, mit allen Archetypen und Klischees, ich habe sie beinahe gebraucht, um die phänomenale Ästhetik dieses Films besser verarbeiten zu können. Irgendwie ist das doch groß, was Cameron hier erschaffen hat. Irgendwie ist das doch ein guter Film. Und irgendwie mag ich ihn.

Juni 02, 2010

Zuletzt gesehen: FILME IM MAI 2010


Kill Bill: Vol. 1

(USA 2003, Quentin Tarantino) (7/10)

Phantasm III - Lord of the Dead
(USA 1994, Don Coscarelli) (5/10)

Phantasm IV: Oblivion
(USA 1998, Don Coscarelli) (6/10)

Chloe
(CAN/F/USA 2009, Atom Egoyan) (3/10)

East of Eden
(USA 1955, Elia Kazan) (6/10)

Hush... Hush, Sweet Charlotte
(USA 1964, Robert Aldrich) (8/10)

Cat People
(USA 1942, Jacques Tourneur) (7/10)

A Nightmare on Elm Street
(USA 2010, Samuel Bayer) (1/10)

The Crazies
(USA 2010, Breck Eisner) (3/10)

Interstate 60
(USA/CAN 2002, Bob Gale) (3/10)

Executive Decision
(USA 1996, Stuart Baird) (2/10)

Kærlighed på film [Just Another Love Story]
(DEN 2007, Ole Bornedal) (3/10)

The Godfather
(USA 1992, Francis Ford Coppola) (9/10)

Apocalypto
(USA 2006, Mel Gibson) (4/10)

Traffic
(USA 2000, Steven Soderbergh) (4/10)


Mai 26, 2010

Kino: THE CRAZIES

Heute im Programm: Mal wieder ein Genre-Remake. Eine Neubearbeitung. Oder Reimagining. Noch-Mal-Machen. Wiederholen. Nachstellen. Und das bemüht aufgepeppt, modernisiert und unterm Strich auch versucht besser, nicht mehr so: langweilig, altbacken, überholt. Ein Vorurteil, zugegeben. Aber zumindest ein Entkopplungsprozess, der den betreffenden Film aus seiner Zeit, seiner Bedeutung, seiner Wirkung löst, um ihn in einer neuen Zeit mit neuer Wirkung und neuer Bedeutung installieren zu können – jede Generation hat das Recht auf ihren Klassiker, neu gemacht. Nun wimmelt es nach 37 Jahren noch einmal vor Verrückten auf der Leinwand: Die "Crazies" von George A. Romero wurden wiederverfilmt.

Ob der Titel tatsächlich jene durch einen biochemischen Kampfstoff infizierte US-Bürger irgendwo im Nirgendwo umschrieb, stellte zumindest das Original noch in Frage. Die wahren Crazies mag Romero eher in seiner Darstellung von Politikern, Militärs und Wissenschaftlern gefunden haben. Gegen deren knallhartes Kalkül erschien das orientierungs- und hilflose Töten der unschuldigen Betroffenen schließlich nahezu milde, und der zynisch-bittere Schluss unterstrich noch einmal mit Nachdruck, dass – wie schon in Romeros Zombiefilmen – nichts grausamer ist, als die autorisierte Gewalt der hiesigen Verantwortungsapparate und ihrer Entscheidungsträger.

Der Plot des Originals blieb im Remake Breck Eisners weitgehend erhalten, dessen sperrige Figurenvielfalt hingegen tauschte man gegen schablonenhafte Identifikationsangebote ein. Der "Hitman" Timothy Olyphant gibt den Provinzsheriff, Radha Mitchell steht ihm als Ehefrau zur Seite. Gemeinsam versuchen sie dem Chaos zu entfliehen, das über ihre bisher so friedvolle Kleinstadt Ogden Marsh hereinbrach. Durch Waffentests der Regierung sind deren mit verseuchtem Trinkwasser in Berührung gekommene Bewohner zu aggressiven Tötungsmaschinen mutiert, während das Militär mit allen Mitteln eine Ausbreitung der Seuche zu verhindern sucht.

Dieser neue "The Crazies" ist natürlich ein ganz anderer Film. Er ist ungleich teurer, wesentlich aufwendiger und deutlich detailfreudiger als das Original. Er sieht so aus, wie die meisten Horrorfilme von heute eben aussehen – wie Werbung. Noch der größte Gräuel besitzt einen ästhetischen Wert, und keine Figur würde etwas offensichtlich Peinliches sagen oder tun, weil das der Glaubwürdigkeit abträglich wäre. Spannung und Unterhaltung stehen gleichermaßen im Vordergrund wie Widerspruch zur unangenehmen, bedrohlichen, denkbaren Geschichte eines Films, der sie zumindest 1973 noch aus intuitiven Ängsten heraus formulierte.

Diese Ängste mögen einst apokalyptischen Krisenbildern aus Vietnam oder Washington entsprungen und dadurch ausschließlich im gesellschaftlichen Kontext verhandelt worden sein, doch sie haben nichts an Aktualität eingebüßt. Die Angst vor der Entwicklung biologischer Waffen, atomarer Rüstung oder, wie jüngst, einer globalen Pandemie, dürfte auch im Jahre 2010 noch ausreichend Potenzial freisetzen, um eine ganze Generation junger wilder Filmemacher zu kreativen Horrorszenarien auf der Leinwand zu motivieren. Die Themen und Stoffe, sie haben mitunter gar an Relevanz gewonnen. Es ist das Genrekino, das ihnen keinen Ausdruck mehr verleihen mag.

Wie sonst ließe sich erklären, dass Eisners Film eine Geschichte über den Ausbruch von gefährlichen Viren oder die Macht des Militärs erzählt, ohne letztlich wirklich etwas darüber erzählen zu wollen. Dass er Romeros teils plakative politische Anklänge nicht in eigene subtile Gesten übersetzt, sondern zugunsten ermüdender Spannungs- und Schockmomente gleich ganz aufgibt. Dass er also den kompletten Bedeutungsverlust sich und seiner Vorlage gegenüber in Kauf nimmt, um nur ein weiterer austauschbarer Horrorfilm mit infizierten Menschen sein zu dürfen, der letztlich sowieso nur der Tradition des Zombiekinos unterliegt.

Und hier lässt sich wohl die Tendenz erkennen, warum ein Film wie dieser neue "The Crazies" nicht nur seiner Vorlage kaum gerecht werden, sondern im einfältigen Wiederkäuen bloßer Reize auch sonst keinerlei Sinn herstellen kann. Denn es gibt einen großen Irrtum, der die nunmehr langjährige Neigung zu Neuauflagen berühmter und berüchtigter und begnadeter Genrefilme konsequent begleitet: Das Remaken in der Hoffnung, mit höheren Budgets und größeren Produktionsverhältnissen neue Zuschauer für alte Stoffe zu gewinnen, hat zumindest den einst so wachen Horrorfilm in einen künstlerischen Tiefschlaf versetzt.

Die Annahme dieser Filme, und "The Crazies" ist dafür beispielhaft, zeitgemäße Updates angestaubter oder wenig massentauglicher Genreklassiker liefern zu können, ist schlicht falsch, weil sie in ihrer Strategie per se gestrig wirken müssen. Sie wiederholen nur, und sie ergehen sich in totaler Redundanz. Sie haben nichts zu erzählen oder mitzuteilen, obwohl sie das könnten. Alles was sie sagen ist reine kommerzielle Diktion. Man wird später, sofern sie dann überhaupt noch gesehen werden, nichts über die Zeit erfahren, in der diese Filme entstanden sind. Nichts über ihre Regisseure, die Auftragsfilmer aus der Werbe- und Musikvideobranche, und nichts über ihre Bedeutung für das Kino oder das Genre.

Das einzige, was ein Film wie "The Crazies" wirklich zu sagen hat, ist etwas über das Geschäft. Und das wissen wir bereits. Auch wenn Eisner also mit "seiner" "Interpretation" einen formal größtenteils recht kompetent gemachten Film zum Essen serviert, so hat er lediglich etwas erwärmt, das frisch gekocht schon einmal viel besser schmeckte. Er hat etwas geschaffen, das neu und vital erscheinen sollte, aber altbackener daherkommt, als es Romeros kleiner dreckiger Independentfilm je sein könnte. Das ist der Fluch der Remakes, die Logik des Stillstandes.


30% - erschienen bei: gamona

Mai 25, 2010

Kino: A NIGHTMARE ON ELM STREET

"Don’t fall asleep!". Die Tagline von Wes Cravens bizarrem, klugen, bahnbrechenden Independent-Klassiker "A Nightmare On Elm Street" erscheint angesichts seiner jüngsten Neubearbeitung in einem völlig anderen Licht: Der Film, ein sterbenslangweiliger und bemerkenswert dümmlicher Alptraumgarant, ist weit entfernt von den vergleichsweise ambitioniert wirkenden Remakes selbiger Produktionsfirma unter Ägide des Fetischästheten Michael Bay, und angesichts der Fallhöhe auch geradezu unverschämt in seiner rücksichtslosen Demontage des Originals. Erschreckend einfalls-, lust- und belanglos übt sich nun der nächste einer Reihe völlig uninteressanter Werbefilmer in Nachstellung, ohne dem hinreichend bekannten Plot neue Wendungen, Schliffe oder gar frische Ideen abgewinnen zu wollen. Im konsequenten Zertrampeln des einst so vitalen, sich immer wieder neu erfindenden Franchises löst der Film nicht einmal die Minimalerwartung ein, sein höheres Budget für die fantasievolle Aus- und Neugestaltung von Traumszenen aufzuwenden.

Stattdessen konzentriert er sich auf konzeptionelle Änderungen gegenüber der Vorlage, indem er Freddy Krueger (grauenhaftes Neudesign!) nicht länger zum Kindermörder, sondern –Schänder erklärt (ein dürftiges Zugeständnis an politische Korrektheit), und den Traumkiller auch nicht mehr als Racheengel einer verdrängten Schuld begreifen möchte: Freddy rächt sich nicht für die bürgerliche Selbstjustiz der Eltern, er rächt sich für den Verrat ihrer Kinder – womit der Film Cravens fatalistisches Familienbild gegen die x-te Konventionssoße eintauscht und in seinem Verzicht auf Wagemut letztlich den armseligen Tiefpunkt einer nicht enden wollenden Remakeflut bildet. Wenn New Line Cinema hier seinem größten Helden den künstlerischen Todesstoß verpasst, wünscht man sich nichts lieber, als lediglich schlecht zu träumen.


10%


Anlässlich des Remakes habe ich mir noch einmal alle Freddy-Filme angeschaut und HIER zu einem Rückblick verarbeitet.

Mai 07, 2010

Kino: SURVIVAL OF THE DEAD

Kein Filmemacher spielt in der Entwicklung des modernen "New Horror"-Kinos, das die tradierten gotischen und surrealen Formen des klassischen Horrorfilms mit den Realitäten der sozialen Gegenwart konfrontierte (und damit unweigerlich ablöste), eine so tragende Rolle wie der Pittsburgher Regisseur George A. Romero. Über vierzig Jahre sind vergangen, seit er mit "Die Nacht der lebenden Toten" einen der einflussreichsten Filme des Genres geschrieben und inszeniert hat. Seine radikale Umdeutung des Zombie-Motivs verband er mit einem zutiefst pessimistischen Gesellschafts- und Menschenbild: Es war der Beginn eines nie wieder so fruchtbaren Horrorkinos, das in den 70er Jahren die Ängste junger wilder Grenzgänger in phantastische Paradigmen übersetzte.

Zu seinem 70. Geburtstag nun hat sich Romero einen persönlichen Traum erfüllt: Er hat einen Western gedreht, mit deutlichen Anleihen bei Howard Hawks’ "Rio Bravo". Im Mittelpunkt steht dabei eine kleine Insel an der Küste Nordamerikas, um deren Besiedelung zwei rivalisierende alte Haudegen einen erbitterten Kampf führen. Die Ironie dieses Zwistes: Die Frontiere werden früher oder später ohnehin von lebenden Toten unterwandert. Denn wie uns Romero in späteren Ausschnitten seiner zeitlich durcheinander gewürfelten Zombiefilme gezeigt hat, wird letztlich ganz Amerika – und getreu der US-Kinogesetzmäßigkeiten damit schließlich auch die ganze Welt – von Untoten heimgesucht. Die entsprechenden apokalyptischen Zustandsbeschreibungen lieferte der Regisseur vor allem in "Day of the Dead" (1985) und "Land of the Dead" (2005), der dritten und vierten Episode seiner nunmehr sechsteiligen Saga über die lebenden Toten.

Nach "Night", "Dawn", "Day", "Land" und "Diary" nun also "Survival of the Dead", eine weitere Variation, ein Zombiewestern. Der Film knüpft relativ unmittelbar an den Vorgänger an, der als Auftakt einer neuen Trilogie wieder bei Null begann: Der mürrische Colonel Crocket (Alan Van Sprang) blickt noch einmal auf den plötzlichen Ausbruch der Zombieseuche in "Diary of the Dead" zurück, während die Rückkehr der Lebenden von den Toten nunmehr alles Sein und Tun bestimmt. Wie in Romeros bisherigen "Dead"-Filmen geht es hier zuallererst um neue logistische Herausforderungen: Wie sich organisieren in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist, wie verlässliche soziale Gefüge bilden, um der Lage irgendwie Herr zu werden.

Crocket ist hier, trotz seines anfänglichen Off-Erzähltextes, jedoch nur eine Figur am Rande, eine unter vielen, die ums Überleben kämpfen. Im Mittelpunkt der Handlung steht Patrick O'Flynn (Kenneth Welsh), ein mürrischer Eigenbrötler, der sich von seinem Rivalen, dem despotischen Seamus Muldoon (Richard Fitzpatrick), von jener Insel vertreiben lassen musste, die noch Schutz bietet vor den lebenden Toten. Schwimmen (wie in "Land of the Dead") können die Zombies offenbar noch nicht, und die wenigen Untoten auf der Insel werden in Pferdeställen gehalten oder anderweitig in Ketten gelegt. Muldoon nämlich ist im Gegensatz zu seinem Widersacher davon überzeugt, dass für das Phänomen ein Gegenmittel gefunden würde und man die munteren Verschiedenen noch irgendwie retten könne. Eine spannende und neue Frage in Romeros Zombiezyklus: Der lebende Tote als nicht länger nur defekter, subjektloser Mensch.

Romero spinnt die Entwicklung der Zombies auch dahingehend weiter, quasi innerhalb seiner ganz eigenen filmischen "Evolution der Untoten", als er abermals Perspektiven einer Koexistenz zwischen Menschen und auferstandenen Toten eröffnet. Er deutet hier nun einen Bruch in der Nahrungskette der Zombies an, wenn diese, so sie schon kein menschliches Fleisch zwischen die Zähne bekommen (Romero beschrieb das Fressverhalten der lebenden Toten einmal als reflexartiges Überbleibsel aus ihren Tagen des Menschseins), sich auch auf Tiere zu stürzen beginnen. Diese Idee griff bereits Tom Savini recht deutlich in seinem 1990 gedrehten Remake von "Night of the Living Dead" auf.

"Survival of the Dead" bleibt sonst aber der Linie der bisherigen Zombiefilme Romeros treu. Erneut liefert er nur episodenhafte Einblicke in den ganz normalen apokalyptischen Überlebensalltag. Und erneut lässt er eine Gruppe unterschiedlicher Menschen zusammen kommen, die aufgrund von Spannungen und Ressentiments vor allem eine Bedrohung für sich selbst bilden. Da ist es nur konsequent, und hierin mag ein Grund liegen, warum der Film es selbst bei eingefleischten Fans schwer hat, dass die lebenden Toten nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Sie sind beiläufige Statisten, die sich ihr Menschenfleisch kaum noch erkämpfen müssen – es kommt letztlich ganz von allein zu ihnen: Soziale Gebilde sind bei Romero stets instabil, und oft gänzlich zum Scheitern verurteilt.

In dieses Konzept möchten dann auch keine allzu ausgespielten Action- und Splattereinlagen passen, die Gewalt hat sich in Romeros Zombiesaga mit jedem Film weiter verselbstständigt, sie ist nunmehr so allgegenwärtig, dass sie kaum noch eine konkrete Rolle spielt. Damit entfernt sich "Survival of the Dead" natürlich noch mehr von einem Publikum, das an neuere Zombiefilme gewisse Erwartungen stellt, und sei es auch nur, dass sich die Untoten wie in Zack Snyders "Dawn of the Dead"-Remake im Speed-Modus bewegen. An der ästhetischen und dramaturgischen Verformung des Zombiestoffes beteiligt sich Romero, glücklicherweise, nach wie vor nicht. Schließlich treibt er den Gorefaktor noch weiter ins Absurde: Das digitale Blut spritzt hier fast nur in Verbindung mit einem sehr speziellen Slapstickhumor.

In seinem sechsten "Dead"-Film beackert Romero also erneut das Feld der lebenden Toten, und das mit aller Konsequenz und Weiterführung. Formal hat sich der Regisseur endgültig der quasi ausweglosen Lethargie seiner Figuren und Gesellschaftsmodelle angeglichen. Seine souveräne und überlegte Regie wirkte selten so entschleunigend und damit adäquat gegenüber den nihilistischen Zuständen, die seine Zombiefilme bestimmen. Es ist, ganz schlicht, ein weiterer toller Beitrag zum nie enden wollenden Filmzyklus der Untoten. Das nächste Kapitel ist schon aufgeschlagen.


70% - erschienen bei: gamona


Anlässlich des neuen Zombiefilms ist im kuk-Verlag das Buch "George A. Romero und seine Filme" von Georg Seeßlen erschienen. Meine Besprechung dazu findet sich hier.

Mai 06, 2010

Zuletzt gesehen: IRON MAN 2

Direkte Fortsetzung der überraschend erfolgreichen Comicadaption von 2008, die durch ihren Pilotfilmcharakter noch viel Luft nach oben ließ. Leider nutzt das Sequel nichts vom übrig gebliebenen Potenzial des Vorgängers, sondern vertieft nur dessen Schwachstellen. Nach einem wunderbaren Einstieg, der selbstredend den überraschenden Twist des ersten Films aufgreift, verliert sich "Iron Man 2" in zahlreichen ungeordneten Handlungssträngen und Figuren, die Jon Favreau leider nie in den Griff bekommen möchte. Er versäumt es, die zuvor angedeutete und vorbereitete (Liebes-) Beziehung zwischen Tony Stark und Pepper Potts auszuarbeiten, originelle und eigenständige Bösewichter zu entwickeln und der Geschichte – entsprechend den Gesetzen des Comic-Sequels – einen epischen Atem zu verleihen. Mit zunehmender Spielzeit verliert der Film endgültig sein Zentrum und verkommt zur lahmen Wiederholungstat, ehe sich im Finale erneut Stahl und Stahl zu einem öden und teilnahmslosen Actionfest verabreden – Mickey Rourke als Bösewicht bleibt hier mindestens so unterfordert wie Jeff Bridges im Vorgänger.


45%