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August 23, 2019

Heimkino: DRAGGED ACROSS CONCRETE

Ins Kino hat es Dragged Across Concrete leider nicht geschafft, auch der dritte Film von S. Craig Zahler erscheint hierzulande direkt auf DVD und Blu-ray. 

Über ihn und die Einwände der Kritik schreibe ich auf moviepilot.

April 03, 2013

Zuletzt gesehen: DRACULA (3D) (2012)

Nicht weniger lästig als die jüngeren hämischen Schmähungen seines Spätwerks sind ganz selbstverständlich vereinzelte Versuche cinephil verstrahlter Himmelsstürmer, Dario Argentos Filme seit der Jahrtausendwende auf ein früheren Werkshöhepunkten gegenüber identisches (Rezeptions-) Niveau zu drücken. Wer etwa dessen Mütter-Trilogie mit "La terza madre" adäquat abgeschlossen sieht, wer keinerlei gestalterische Verluste, künstlerische Erschöpfung oder ästhetische Agonie im Argento-Schaffen neuen Datums finden kann, der mag auch via "Dracula (3D)" eine vereinheitlichende Brücke stabiler Auteurismus-Qualitäten schlagen wollen. Bewunderer der (gegenwärtig leider nur theoretischen) Argento-Fertigkeiten mit intakten Sinnesorganen dürften dieses Deliriumserzeugnis bestenfalls noch schulterzuckend aussitzen, nicht mal mehr stöhnen über die an 90er-Jahre-Amateurquatsch aus dem Hause Schnaas/Rose/Ittenbach gemahnende Bildsprache, die einfältige Mise-en-scène, die saft- und kraftlose Plan-von-nix-Bearbeitung des Stoffes. Nicht einmal zum abschätzigen debilen Entertainment will diese Illustration eines künstlerischen Tiefstpunktes taugen, deren Spurensuche nach zumindest ideell interessanten Anknüpfungspunkten einstiger Schöpferkraft Dario Argentos schon nicht mal mehr im Sande verläuft. Sondern irgendwo im knallig eingefärbten Waldloch, in dem Thomas Kretschmanns Graf Dracula als riesige CGI-Heuschrecke ihre Runden hüpft.


10%

November 01, 2009

Zuletzt gesehen: BLADE TRILOGY

Blade

Noch vor dem jüngsten Adaptionsboom populärer Comichelden packte Stephen Norrington den mittlerweile chronisch unterbeschäftigten Wesley Snapes in Lack und Leder, um ihn als Daywalker Blade gegen hungrige Großstadtvampire ins Feld ziehen zu lassen. Diese versteht der Film als nimmermüdes Partyvolk, das sich im Drogen- und Sexrausch seinen ständigen Lustfantasien hingibt. "Blade" ist physisches Actionkino, das vor allem daran interessiert ist, den männlichen Körper als alle (erotischen) Bedrohungen bewältigendes Machtinstrument zu inszenieren. Tiefschür- fendes über das Leben als Vampir oder die in Ansätzen verhandelte rassistische Kultur der Blutsauger vernachlässigt der überlange Film großzügig zugunsten schlecht gealterter CG-Einlagen und einer weitestgehend unterhaltsamen, wenn auch bemerkenswert dümmlichen Handlung.

50%



Blade II

Erst die Fortsetzung schöpft das zugegeben überschaubare Potential des Comichelden aus: In Guillermo del Toros "Blade"-Interpretation liegt der Schwerpunkt weniger bei den männlichen Fähigkeiten seiner Titelfigur, als auf einer komplexen Beziehungsstruktur seiner Gegner. Wie auch später in "Hellboy II" inszeniert del Toro die Bösewichte als durch familiäre Dysfunktionen gebrandmarkte, ambivalente Krea- turen, die er mit seiner leidenschaftlichen Vorliebe für phantastische Bildentwürfe ideen- und liebevoll in Szene setzt. Die Entscheidung, Blade eine Reihe von Kriegern zur Seite zu stellen, die eigentlich im Lager seiner ärgsten Feinde zu verorten sind, bietet dem Film dramaturgisch zudem ausreichend Entfaltungsraum und macht das Sequel zum spannenden Höhepunkt der Trilogie – trotz diverser Zugeständnisse an die Vorgaben des Vorgängers, darunter ausgedehnte Martial-Art-Kämpfe mit hippen Electrobeats zu unterlegen.
70%


Blade: Trinity

Für den dritten und mit relativer Sicherheit auch letzten Film der Serie nahm der Drehbuchautor der Vorgänger, David S. Goyer, das Zepter selbst in die Hand. Leider verschenkt der Film seinen Antagonisten, immerhin Dracula himself, grandios blöd und verlässt sich gänzlich auf die kaum vorhandene Coolness der sexy Blutsauger, die er mit einer abgestandenen, Filter durchtränkten Videoclipästhetik ins Bild setzt. Das berechenbare Casting von Ryan Renolds und Jessica Biel als Blickfang fürs Zielpublikum generiert dabei ebenso wenig Mehrwert für die dünnschichtige Handlung wie der Verzicht auf ideenreiche Actionchoreographien. "Blade: Trinity" ist dabei endgültig solide stupide Unterhaltung, die in ihrem grenzenlosen Sexismus die üblichen Strategien des Genres bemüht.

40%



Januar 22, 2009

Kino: VALKYRIE

Man wird ja nun wahrscheinlich niemals erfahren, wie "Valkyrie" denn eigentlich ausgesehen hätte, wenn die gesamten Produktions- und Distributionsbedingungen nicht von Anfang ein derart reges, öffentliches, mediales Interesse auf sich gezogen hätten. Und der Film dadurch nicht mit allerlei Bedeutung aufgeladen worden wäre: Drehverbot im Bendlerblock, Scientology-Diskurs, verletzte Statisten. Fast zwei Jahre nun, nachdem die erste Klappe fiel, einen Courage-Bambi und mindestens fünf freiwillige Cruise- Lobgesänge von Florian Henckel von Donnersmarck später kann der fertige Stauffenberg-Film natürlich keine seiner Erwartungen erfüllen – es ist weder das vermutete peinliche Trash-Debakel, noch ein sehenswerter Geschichtsfilm. Oder überhaupt so etwas wie ein Film. Eher noch erinnert es irgendwie an eine Faschingssause, für die sich Cruise mal in ein hübsches Grafenkostüm schmeißen durfte.

Dass Bryan Singer hier nur als ausführender Handwerker angeheuert wurde, durfte wohl zu Recht vermutet werden. Immerhin war "Valkyrie" von Anfang an als Prestigeproduktion vorbelastet, es musste der Film werden, der Cruises neu erworbenes Studio United Artists wieder in die Gewinnzone manövriert, nachdem der hübsch ambitionierte und ebenso hübsch harmlose "Lions for Lambs" gewaltig floppte. Insofern durfte man davon ausgehen, dass der Film die Versprechen einer One-Man-Show einlösen würde, nachdem gar gemunkelt wurde, dass die Produktion für die Cruise-Sekte so etwas wie ein dämonischer Plan sei, in Zuge dessen der Hollywoodstar Kraft seiner Scientology-Fähigkeiten die Deutschen vor dem Untergang errettet. Aber nun ja, erstens war das dem Grafen ja ohnehin nicht vergönnt, und zweitens hat die Über-Präsenz des Hauptdarstellers und der Produktion das ganze Projekt erst einmal für ein Jahr ins Abseits befördert.

Was sich da jetzt zu Deutsch "Operation Walküre - Das Stauffenberg-Attentat" nennt, ist – wie man es sehen möchte – nun der Torso dessen, oder das bestmögliche Ergebnis, oder vielleicht auch Plan B. Dass Singers Film in seiner jetzigen Form zweifellos erst im Schneideraum zu einer Form gefunden hat, merkt man zumindest in jeder Szene: Die ständigen Parallelmontagen wirken in ihrer Aufdringlichkeit und Redun- danz dabei wie die verzweifelte Bemühung, der bekannten Geschichte so etwas wie Suspense zu implementieren. Überhaupt ist "Valkyrie" lediglich ein Thriller, ein braver Krimi, durch den Singer ein laues Lüftchen Spannung zu blasen versucht. Es geht über zwei Stunden um nichts außer der Vorbereitung eines Attentats – und wie dieses erwartungs- gemäß scheitert. "Rififi" im Nationalsozialismus, sozusagen.

Aber selbst für ein bisschen Genre-Verschwörungstaktik im historischen Gewand hat es nicht mehr gereicht. Der Film ist ja viel zu flach und unraffiniert erzählt, viel zu spannungslos inszeniert, als dass man ihn zumindest als Heist-Thriller annehmen könnte. Lediglich die Musik ist darum bemüht, dem Ganzen etwas Schwung zu verleihen, aber sie bleibt ein oberflächlicher Gefühlserzeuger, vermutlich weil Komponist und Cutter John Ottman schon genug damit beschäftigt war, die Ego-Show zu einer Ensemble-Parade hinzueditieren.

Und damit ist es ja auch nicht getan, sich vielleicht zu begnügen mit einem vielleicht guten Thriller. Denn das verschenkte Potential wird dadurch auch nicht wiederhergestellt: Wen interessiert schon Geschichts- verfälschung (außer Guido Knopp), wenn der Film gar nichts zur Fälschung anbietet – seine Figuren haben keine Eigenschaften, keine Motivationen, keine Ziele. Es gibt schlicht keinen politischen Kontext in dieser Geschichte, man weiß nicht einmal, warum da jetzt soundso viele Männer an einem soundso geheimen Plan tüfteln, und was die Erfüllung desselbigen für eine Bedeutung haben würde. Mal ein wenig anzudeuten, wer dieser Stauffenberg eigentlich ist, dieser ideologische Nazi-Beförderer, der fest entschlossen den Führer zu stürzen bereit ist – das hätte schon mal eine gute Vorraussetzung für einen … ähm … soliden Thriller ergeben können.


35% - erschienen bei den: FÜNF FILMFREUNDEN

Dezember 14, 2008

Kino: TRANSSIBERIAN

Man kann es ja vielleicht tatsächlich die Neue Unbehaglichkeit im amerikanischen Film nennen: Die Angst vor dem Jenseits der eigenen Landesgrenzen, dem Untrauten der alten Welt. Der Horrorfilm hat dieser Empfindung immer die Treue gehalten, und seine ideologische Färbung zwischenzeitlich auch mal kräftig abgewaschen, wenn Terror und Wahnsinn in den eigenen Backwoods am Rande der Gesellschaft generiert wurden: Im "Texas Chainsaw Massacre" zum Beispiel, oder in "The Hills Have Eyes" und "Deliverance". Nicht immer deuteten die sozialen Auswüchse, mit denen sich bürgerliche US-Amerikaner oder blutjunge Teenager darin konfrontiert sahen, auf nationale Geschwüre hin – das war schon eher eine Spezialität der studentischen Genrefilme in den 70er Jahren. Nicht immer also handelte es sich um die Rückkehr des Verdrängten, manchmal war das Böse auch einfach das Fremde, das es erfolgreich zu bekämpfen statt zu verstehen galt.

Den neuerlichen, geupdateten Zweifeln an der alten Welt nun hat zuletzt niemand so anschaulich Ausdruck verliehen wie Eli Roth in seiner Osteuropa-Folter-Orgie "Hostel", die man ja angeblich auch als satirische Komödie hätte verstehen können. Seitdem ist zu beobachten, dass sich das, lange hat es gebraucht, harmonisch sanfte Russland-Bild im US-Kino ganz heimlich erneuert hat – zumindest schien mir die Skepsis gegen den einstigen Feind seit Ende des Kalten Krieges nicht mehr so auffällig wie in vielen Filmen der letzten Jahre. Zuletzt erst hat sogar David Cronenberg in "Eastern Promises" eine vor Genreklischees strotzende Thriller- geschichte erzählt, in der sich russische Mafiastrukturen bis ins urbane London ausgebreitet haben. Und auch Brad Andersons jüngste Regiearbeit "Transsiberian" behauptet jetzt, dass sich im kargen und brüchigen Land der ehemaligen Sowjetunion noch immer – oder: wieder – die Barbaren tummeln: Woody Harrelson und Emily Mortimer geraten hier als amerikanisches Vorzeigepärchen auf der Durchfahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn in die Fänge korrupter russischer Polizisten und Drogenhändler, ehe sie gar in einem Gulag landen!

Doch der Film ist konzeptionell eher als Reaktion auf diesen, wenn man ihn als solchen begreifen möchte, jüngeren Trend im US-Kino zu verstehen. Er entwirft zunächst eine scheinbar konventionelle Thrillerhandlung, die fast penetrant die her- kömmlichen Ängste vorm fremden Land und seiner Menschen ausspielt, bürstet dann jedoch alle Erwartungen gegen den Strich. Er nimmt schlagartig Richtungswechsel in der Handlung vor, löst Identifikationsfiguren auf und führt den Zuschauer rigoros aufs Glatteis. So schleppend und vorhersehbar die erste Hälfte erschien, so spannend und mitreißend entwickelt sich der Film, wenn der "Transsiberian" erst einmal Fahrt aufgenommen hat. Konsequent kehrt Anderson Motive um, statt nur die hinlänglichen Klischees des amerikanischen Thriller-Kinos zu variieren. Und das immer zu Ungunsten der Logik, die bei derlei filmischer Metaarbeit jenseits von "Strangers On A Train" und "Narrow Margin" wohl kaum noch berücksichtigt werden kann.

Zuletzt führt jedoch genau das den Film zum Widerspruch zwischen Erzählkino und konzentrierter Genrereflexion, den Anderson – anders als beispielsweise Hitchcock – nicht elegant aufzulösen versteht, ja nicht einmal anzudeuten vermag, dass dieser zu verhandelnde Zwiespalt gar keiner sein muss. Deshalb kommt es auch nicht zur erhofften Entgleisung, sondern schaltet "Transsiberian" zum Schluss wieder einen Gang zurück, ehe er eine vorsichtige Bremsung hinlegt. Auf den letzten Metern erliegt der Film dann leider all jenen Klischees, die er doch eigentlich bewusst brechen und ad absurdum führen wollte, nur um die Geschichte einigermaßen schlüssig zum Abschluss bringen zu können – was allerdings erst recht nicht funktionieren möchte, da das plötzliche Abwenden von der Wendung schlussendlich natürlich keiner narrativen Glaubwürdigkeit mehr untersteht. So lässt sich der Rückfall ins Klischee noch als unmoralisches Wildern erklären, also als berechtigte Absicht, gesell- schaftliche Vorurteile und Ängste zu spiegeln und gegebenenfalls auch zu bestätigen. Die Konsistenz eines wirklich guten Thrillers, der "Transsiberian" hätte werden können, lässt sich dadurch jedoch nicht wiederherstellen.


60% - erschienen bei den Fünf Filmfreunden

September 01, 2008

Kino: WANTED

"Nightwatch" und "Daywatch" hießen die beiden Blockbuster und Exportgüter der sonst ja eher unauffälligen russischen Filmwirtschaft, mit denen Timur Bekmambetov zu einem gefragten, auch international attraktiven, Regisseur avan- cieren sollte. Gleich sein erster englischsprachiger Film nun ist ein bemerkenswert furioser Einstand in der Traumfabrik: "Wanted", die gleichnamige Verfilmung der Graphic Novel von Mark Millar, scheut keine Umwege und legt schon in den ersten Minuten mit virtuosen Shoot-Outs und fantasiereichen Actioneinlagen ein enorm hohes Tempo – und ein ebenso hohes Gewaltlevel vor. Und: Die rigorose, unverblümte, regelrecht hemmungslose Verspielt- und Gradlinigkeit dieses US-Debüts wirkt auch noch schwer ansteckend.

James McAvoy ist Wesley Gibson: 25 Jahre alt, liiert, Account-Manager. Ein ganz normaler Typ, möchte man meinen, der einen soliden Bürojob, eine hübsche Freundin, ein annehmbares Appartement hat, der mit beiden Beinen im Leben steht und weiß, was er kann. Oder: Was er nicht kann. Er kann zum Beispiel seinem Kollegen nicht die Fresse polieren, weil der mit dessen Freundin Beischlaf hält. Er kann seiner tyrannischen Chefin nicht die Meinung geigen, wenn sie ihn tagein, tagaus zusammenputzt. Und vor allem kann Wesley Gibson nicht aus seiner Haut: Er ist ein Loser. Ein Niemand. Einer, der Null Treffer erhält, wenn er seinen Namen bei Google eintippt.

Bis auf einmal die verführerische Fox (Angelina Jolie) neben ihm steht und das Leben des ahnungslosen Nichtsnutzes gehörig auf den Kopf stellt. Auf der Flucht vor einem unbekannten schießwütigen Killer (Thomas Kretschmann) wird Wes von einer Sekunde auf die nächste in spektakuläre Feuergefechte und wahnwitzige Verfolgungsjagden gezogen, ehe er sich im Hauptquartier einer alten Geheimorganisation wieder findet. Dort eröffnet ihm Teamführer Sloan (Morgan Freeman), dass er wie sein kürzlich ermordeter Vater zu einer kleinen Gruppe auserwählter Menschen gehört, die ein erhöhtes Reaktionsvermögen besitzen und daher vorher- bestimme Mordaufträge erfüllen müssten. Aus dem Verlierer von heute wird nach einem erbarmungslosen Training der Profikiller von morgen.

Bullet in the Head

Das ist durchaus eine ziemlich radikale Geschichte, die Bekmambetov hier in betont stilvolle Bilder übersetzt. Der umgepolte Wesley bleibt auch nach seiner Erhebung zum eiskalten Auftragsmörder der Identifikationsheld, wenn nicht gar jetzt erst recht: Den Bürostuhl hat er gegen Waffen- geschoss eingetauscht, und seine ohnehin grundierte Anti-Menschen-Moral ist einer – möchte man meinen – reichlich ungesunden Ideologie vom Übermenschen gewichen. Immerhin verstehen sich die auserwählten Mitglieder der Gruppe als eine Art neue "Herrenrasse", die durch besonderes Genmaterial konventionelle Ordnungen überwinden möchte. In Heilbädern schließlich regenerieren sich die Schützen nach Aufträgen, ehe sie neue Anweisungen aus dem mysteriösen Codegenerator befolgen.

Zugegeben, "Wanted" muss sich vielleicht wirklich den Vorwurf vieler Kritiker gefallen lassen, bei allem modischen Comic-Zynismus, auf den der Actionfilm mittlerweile angewie- sen zu sein scheint (wie zuletzt "Shoot ’Em Up"), mit ziemlich menschenverachtendem und vielleicht sogar faschistoidem Anspruch unterhalten zu wollen. Wenn auch seine in ausgestellten Gewaltmomenten zelebrierte Lust an reichlich blutigen Kloppereien – das Modell einer elitären, geschlossenen und gewaltbereiten Gemeinschaft erinnert an "Fight Club" – und stilisierten Shoot-Outs – die wiederum in bester "Matrix"-Bullet-Time-Manier inszeniert sind – den fragwürdigen Grundtenor des Films natürlich ebenso wenig mildert, so sorgt doch zumindest ein überaus cleverer Plottwist für Relativierung.

Bedenklich denkwürdig

Die simple Geschichte nämlich nimmt einen ebenso uner- warteten wie originellen Verlauf, der dem Action-Overkill zumindest den Ansatz einer Reflektionsebene verleiht. Aber selbst ohne seine findige Wendung sollte "Wanted" unbedingt als Comic-Relief verstanden werden: Schließlich ist es ja gerade die ausgelassene Inszenierungsfreude Bekmambetovs, die den Verzicht auf moralische Standfestigkeit einfordert. Der russische Regisseur haut hier spürbar unbefangen auf den Putz, kennt kein Halten und keine Kompromisse, setzt den Film schlicht und ergreifend mit einer Frische in Szene, die den betont coolen Konsens-Genrefilmen der letzten Jahre deutlich gefehlt hat.

Die Actionszenen fallen demnach nicht nur spektakulär aus, sondern sind vor allem ungemein einfallsreich und ästhetisch zurechtgetrickst, überwinden spielerisch physikalische Gesetze und sind zudem weitaus besser animiert, als es das Budget vermuten ließe. Mit ihren rasanten CGI-Choreo- graphien erwecken sie dabei zudem deutlich die Illusion eines Live-Action-Computerspiels. Auch die Besetzung macht großen Spaß: Angelina Jolie ist als Attentäterin so sexy wie selten zuvor, der vielseitige James McAvoy hingegen meistert seinen Genreeinstand mit Bravour – ihm nimmt man die Wandlung vom Loser zum Winner bereitwillig ab (im Gegensatz zur Comicvorlage verzichtet Bekmambetov allerdings auf ausgiebige Sexszenen zwischen den beiden). Nicht zuletzt der wunderbar druckvolle, überaus harmonische Score von Danny Elfman verleiht dem Film Drive und Geschlossenheit.

Fast unverschämt frech, aufmüpfig und brutal, ungemein unterhaltsam und nicht zuletzt ironisch untersetzt schmettert Timur Bekmambetov ein erfrischendes Hollywooddebüt aufs Parkett. Mitunter zwar ideologisch gefärbt und sicher nicht gänzlich unbedenklich, ist das in erster Linie eine bitterböse, aber gewiss nicht unclevere Comicadaption. Allein die fulminant inszenierte Sequenz eines auf einer gigantischen Brücke entgleisenden Zuges lohnt schon das Eintrittsgeld – "Wanted" ist mit Sicherheit einer der besten Actionfilme des Jahres. Und die Fortsetzung befindet sich schon in Planung!


70% - erschienen bei gamona.de