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Oktober 18, 2010

Zuletzt gesehen: THE GHOST WRITER

Konzentrierter und kluger Thriller, dessen konventionell anmutende Inszenierung in präzisen Bildern von sorgfältiger Eleganz und gediegener Nüchternheit die eigentliche politische Komödie hinter den unheilvollen Spannungsbögen ein wenig verschleiern mag. Der lakonische Humor des Films wechselt sich spannend und überraschend vergnüglich mit gleichfalls amüsanten wie faszinierenden Variationen früherer Polanski-Themen um Paranoia, Isolation und Verschwörungsmächten ab. Mit Blick für erstaunliche und entscheidende Details, auf den Punkt inszeniert, selbst in kleinsten Nebenrollen hervorragend besetzt und schlicht wundervoll anzuschauen ist "The Ghost Writer" bis zum bitteren Ende der beste Polanski seit einer halben Ewigkeit – und ein umso erstaunlicherer Film, da er quasi aus dem Gefängnis heraus fertig gestellt werden musste.


85%

April 29, 2009

Kino: DUPLICITY

Als Julia Roberts und Clive Owen in Mike Nichols "Hautnah" zum ersten Mal ein Liebespaar vor der Kamera gaben, rümpfte die Filmpresse unzufrieden ihre Nase: Die Chemie zwischen der einst bestbezahlten Schauspielerin Hollywoods und dem erst spät vom Theater zum Kino übergesiedelten Briten habe nicht gestimmt, und überhaupt passe der burschikose "Pretty Woman"-Star nicht zum kernigen "King Arthur" mit der sanften tiefen Stimme.

Das hat den "Michael Clayton"-Regisseur und Autor der Jason-Bourne-Filme Tony Gilroy jedoch nicht davon abgehalten, die beiden für seine zweite Regiearbeit erneut zusammenzubringen. In "Duplicity" spielen Roberts und Owen ein Spionagepärchen, das mithilfe ausgeklügelter Firmen- bespitzelung den ganz großen Gaunercoup plant. Überhäuft mit Kinoreferenzen und Insiderbezügen ist Gilroys Film vor allem eine Hommage an klassische Screwball-Komödien und Agenten-Thriller im Stil von Alfred Hitchcock und Frank Tashlin.

Die eigentlich irrelevante Handlung des Films wird von zwei riesigen konkurrierenden Pharma-Unternehmen bestimmt, die ihre Sicherheitsberater und Industriespione aufeinander ansetzen. Die einstige CIA-Agentin Claire Stenwick (Roberts) und der ehemalige MI6-Spitzel Ray Koval (Owens) sind in der jeweils anderen Firma beschäftigt, arbeiten jedoch nicht gegeneinander, sondern an einem geheimen gemeinsamen Plan: Sie wollen sich mit dem wertvollen Patent eines neuen Medikaments absetzen und ihren beiden Bossen (Tom Wilkinson und Paul Giamatti) ein Schnippchen schlagen.

Die Nachricht über ein neues Wundermittel, mit dem der eine Wirtschaftskonzern den anderen auszuspielen droht, dient natürlich nur als offensiver MacGuffin – jenem Element, das Plot und Figuren an- und vorantreibt, ohne selbst eigentlich bedeutsam oder interessant zu sein. Die vielen Story- Verstrickungen, überraschenden Wendungen und erst nach und nach enthüllten Details der Liebesbeziehung der Doppelagenten im Mittelpunkt stellt Gilroy jederzeit deutlich für ein offenkundiges Spiel mit Genregesetzen und Drehbuchklischees aus.

Hinter der pseudokniffligen Geschichte von "Duplicity" verbirgt sich nämlich eher ein amüsiertes Sinnieren über all die falschen Fährten und Ablenkungsmanöver, das unabkömmliche Werkzeug klassischer Spionagekomödien. So interessiert sich Gilroy nicht nur für seine beiden Hauptdarsteller, denen er zahlreiche doppelbödige Dialoge und spitzfindige Wortgefechte geschrieben hat, sondern auch die ewig gleichen Strukturen des Genres, die er verstanden und vorgeführt wissen möchte.

So vereint der Film mit beschwingtem Tonfall ein ewig umeinander kreisendes Liebespärchen, obligatorische Heist- Momente und verschiedenste Spielorte, meist mit sonnigem Urlaubsflair und schönen Postkartenmotiven. Gilroy verweist dabei auf "Über den Dächern von Nizza" oder "Caprice", nutzt für sein Spiel mit der Erwartungshaltung großzügig Splitscreens und die raffinierte Musik von James Newton Howard, während er immer wieder Zeitsprünge vornimmt und die an und für sich simple Handlung neu anzuordnen versucht.

Leider erreicht "Duplicity" dabei nicht immer die Brillanz der Titelsequenz, in der Gilroy die beiden verfeindeten Unternehmenschefs Wilkinson und Giamatti auf einem Flugplatz wie Stummfilmungeheuer aufeinander zu kommen und sich schließlich schniefend und speiend gegenseitig verprügeln lässt – in Slow-Motion, wohl bemerkt. Insgesamt nämlich ist das Konzept des Films bei aller Sympathie ein wenig zu durchsichtig und bemüht, um die zwei Stunden Laufzeit zu rechtfertigen.

Vermutlich hat sich Gilroy – um das eher weniger filmgeschulte Publikum nicht gänzlich zu verprellen – deshalb auch gedacht, seine unernste Geschichte vielleicht doch mit einem seriösen Twist aufzulösen, der dem Plot ganz plötzlich jene Ernsthaftigkeit und Bedeutung verleiht, auf die zuvor so offensichtlich verzichtet wurde. Gerade die Unentschlossen- heit jedoch zwischen Genrepersiflage und clever verschach- telter Spionagekomödie mit überraschendem Schlussgag kostet "Duplicity" einiges an Glaubwürdigkeit und Konsequenz.


60% - erschienen bei: gamona

Januar 22, 2009

Kino: VALKYRIE

Man wird ja nun wahrscheinlich niemals erfahren, wie "Valkyrie" denn eigentlich ausgesehen hätte, wenn die gesamten Produktions- und Distributionsbedingungen nicht von Anfang ein derart reges, öffentliches, mediales Interesse auf sich gezogen hätten. Und der Film dadurch nicht mit allerlei Bedeutung aufgeladen worden wäre: Drehverbot im Bendlerblock, Scientology-Diskurs, verletzte Statisten. Fast zwei Jahre nun, nachdem die erste Klappe fiel, einen Courage-Bambi und mindestens fünf freiwillige Cruise- Lobgesänge von Florian Henckel von Donnersmarck später kann der fertige Stauffenberg-Film natürlich keine seiner Erwartungen erfüllen – es ist weder das vermutete peinliche Trash-Debakel, noch ein sehenswerter Geschichtsfilm. Oder überhaupt so etwas wie ein Film. Eher noch erinnert es irgendwie an eine Faschingssause, für die sich Cruise mal in ein hübsches Grafenkostüm schmeißen durfte.

Dass Bryan Singer hier nur als ausführender Handwerker angeheuert wurde, durfte wohl zu Recht vermutet werden. Immerhin war "Valkyrie" von Anfang an als Prestigeproduktion vorbelastet, es musste der Film werden, der Cruises neu erworbenes Studio United Artists wieder in die Gewinnzone manövriert, nachdem der hübsch ambitionierte und ebenso hübsch harmlose "Lions for Lambs" gewaltig floppte. Insofern durfte man davon ausgehen, dass der Film die Versprechen einer One-Man-Show einlösen würde, nachdem gar gemunkelt wurde, dass die Produktion für die Cruise-Sekte so etwas wie ein dämonischer Plan sei, in Zuge dessen der Hollywoodstar Kraft seiner Scientology-Fähigkeiten die Deutschen vor dem Untergang errettet. Aber nun ja, erstens war das dem Grafen ja ohnehin nicht vergönnt, und zweitens hat die Über-Präsenz des Hauptdarstellers und der Produktion das ganze Projekt erst einmal für ein Jahr ins Abseits befördert.

Was sich da jetzt zu Deutsch "Operation Walküre - Das Stauffenberg-Attentat" nennt, ist – wie man es sehen möchte – nun der Torso dessen, oder das bestmögliche Ergebnis, oder vielleicht auch Plan B. Dass Singers Film in seiner jetzigen Form zweifellos erst im Schneideraum zu einer Form gefunden hat, merkt man zumindest in jeder Szene: Die ständigen Parallelmontagen wirken in ihrer Aufdringlichkeit und Redun- danz dabei wie die verzweifelte Bemühung, der bekannten Geschichte so etwas wie Suspense zu implementieren. Überhaupt ist "Valkyrie" lediglich ein Thriller, ein braver Krimi, durch den Singer ein laues Lüftchen Spannung zu blasen versucht. Es geht über zwei Stunden um nichts außer der Vorbereitung eines Attentats – und wie dieses erwartungs- gemäß scheitert. "Rififi" im Nationalsozialismus, sozusagen.

Aber selbst für ein bisschen Genre-Verschwörungstaktik im historischen Gewand hat es nicht mehr gereicht. Der Film ist ja viel zu flach und unraffiniert erzählt, viel zu spannungslos inszeniert, als dass man ihn zumindest als Heist-Thriller annehmen könnte. Lediglich die Musik ist darum bemüht, dem Ganzen etwas Schwung zu verleihen, aber sie bleibt ein oberflächlicher Gefühlserzeuger, vermutlich weil Komponist und Cutter John Ottman schon genug damit beschäftigt war, die Ego-Show zu einer Ensemble-Parade hinzueditieren.

Und damit ist es ja auch nicht getan, sich vielleicht zu begnügen mit einem vielleicht guten Thriller. Denn das verschenkte Potential wird dadurch auch nicht wiederhergestellt: Wen interessiert schon Geschichts- verfälschung (außer Guido Knopp), wenn der Film gar nichts zur Fälschung anbietet – seine Figuren haben keine Eigenschaften, keine Motivationen, keine Ziele. Es gibt schlicht keinen politischen Kontext in dieser Geschichte, man weiß nicht einmal, warum da jetzt soundso viele Männer an einem soundso geheimen Plan tüfteln, und was die Erfüllung desselbigen für eine Bedeutung haben würde. Mal ein wenig anzudeuten, wer dieser Stauffenberg eigentlich ist, dieser ideologische Nazi-Beförderer, der fest entschlossen den Führer zu stürzen bereit ist – das hätte schon mal eine gute Vorraussetzung für einen … ähm … soliden Thriller ergeben können.


35% - erschienen bei den: FÜNF FILMFREUNDEN

Juni 01, 2008

Kino: CASSANDRA'S DREAM

Der eine hofiert hübsche Schauspielerinnen mit schnellen Flitzern, der andere ist spiel- und trinksüchtig. Ian (Ewan McGregor) gibt vor, ein erfolgreicher Geschäftsmann zu sein, Terry (Colin Farrell) bildet sich ein, sein Glück in dubiosen Spielwetten finden zu können. Beide sind Brüder aus der Londoner Arbeitermittelklasse, beide halten zusammen. Ian darf sich die Autos aus Terry Werkstatt leihen, sein Bruder bekommt dafür Rückendeckung bei den Eltern – und auch einen heimtückischen Mord wollen sie gemeinsam durch- stehen. Zu dem werden sie angezettelt, der wohlhabende Onkel (Tom Wilkinson) lockt mit großzügiger Vergütung, wenn sie einen lästigen Konkurrenten beseitigen würden. Die Aufgabe verändert die Leben beider: Ian liebäugelt mit dem neuen Wohlstand, während Terry an seinem Gewissen zugrunde geht.

Da wird man ganz schön überrollt, wenn die Schwärze der Leinwand sich plötzlich mit der donnernden Ouvertüre von Philip Glass füllt, ehe ruckzuck die Anfangstitel abgespult werden. Es ist wie immer eine reichlich penetrante Musik, die Glass da in bedrohlich-majestätischer Großspurigkeit hinknallt, aber sie ist auch beklemmend schön, elegant, unheimlich und fatalistisch, erinnert an kühle harte Noir-Kompositionen und ist mit Sicherheit das Beste, was ein Woody-Allen-Film musikalisch zu bieten haben dürfte. Damit wäre dann auch schon alles Gute gesagt über "Cassandra’s Dream", Allens neuem und nach "Match Point" und "Scoop" drittem englischen Film, der ein wenig wie die britische Light-Version von Patricia Highsmiths "The Talented Mr. Ripley" wirkt.

Rührend ist's zwar, dass Allen hier zwei Sunny Boys ins Verderben rennen lässt, und hübsch anzusehen ebenso, immerhin geben McGregor und Farrell ein schniekes Brüderpärchen ab, dem man nur alles Beste wünschen kann. Aber der Film interessiert sich nicht die Spur für sie, und so ist es auch egal, ob sie den Coup über die Runden bringen, unbeschadet überstehen und mit reiner Weste aus der Sache herauskommen werden. "Cassandra’s Dream" ist ein ziemlich tristes, unausgegorenes Thriller-Drama, das unbeholfen, staksig und kraftlos von Menschen und Lebensstilen erzählt, zu denen es nicht nur keinen Zugang findet, sondern von denen es auch keine wirkliche Ahnung zu haben scheint. Man könnte den Film als das unenglischste bezeichnen, was englische Schauspieler vor englischen Kulissen so hinbekom- men können, inszeniert von einem ewigen Plappermaul, das mit seinen Arbeiten seit Dekaden nichts Handfestes mehr anzubieten hat.

Und während "Cassandra’s Dream" seine Schuld-Sühne- Geschichte mit bemerkenswerter Langweiligkeit erzählt, schwankt er unentschlossen zwischen Krimi, schwarzer Komödie und der bitteren Abrechnung mit Familienzwängen. Nichts davon gelingt Allen, der aller Altersmilde zum Trotz wie immer verlässlich ist, wenn seine Figuren – die keine sind, sondern Schauspieler – sich aus jeder unfertigen Szene mit zahlreichen Dialogen herausreden dürfen. Nebensache also, dass der Film von Vilmos Zsigmond extravagant photo- graphiert ist (und für diesen schicksalhaften Stoff wesentlich zu extravagant, hell und freundlich), und ab und an seinen hübsch-komplexen Glass-Score mit ins Spiel bringen darf, wenn es doch nur ein weiterer geschwätziger Allen ist, bei dem es um nichts geht. Außer vielleicht dem ultimativen Prinzip der Vorhersehbarkeit: Und da sich hier bereits der Titel geständig zeigt, sollte man mit derlei Laberkino vielleicht auch gnädig sein.


35% - erschienen bei: DAS MANIFEST