Mai 16, 2012
Kino: THE DICTATOR
August 03, 2010
Zuletzt gesehen: SHUTTER ISLAND
Als Fallen stellender Erzählfilm deshalb zwar konsequent unbrauchbar, als Scorsese-typisches Reminiszenz- sammelsurium und filmtheoretische Lehrstunde – besonders schön: der stets augenscheinlich sinnenstellte und vor bewussten Anschlussfehlern strotzende Schnitt – hingegen recht amüsant und unterhaltsam. Trotz bestaunenswerter Momente insgesamt aber ein Ulk, der keine zweieinhalb Stunden Sitzfleisch rechtfertigt. Dass Scorsese wohl der größte und kompetenteste Filmkenner unter Hollywoods Regisseuren ist, weiß man auch beim Blick ins Bonusmaterial einer x-beliebigen Criterion-DVD, da braucht es keinen "Shutter Island". Sehenswert und wesentlich klüger als so vieles, das sich gern clever gibt, ist das allerdings dennoch allemal.
70%
Habe im Übrigen die vage Vermutung, hiermit im Wesentlichen bereits einen besseren "Inception" gesehen zu haben.
Dezember 14, 2008
Kino: TRANSSIBERIAN
Man kann es ja vielleicht tatsächlich die Neue Unbehaglichkeit im amerikanischen Film nennen: Die Angst vor dem Jenseits der eigenen Landesgrenzen, dem Untrauten der alten Welt. Der Horrorfilm hat dieser Empfindung immer die Treue gehalten, und seine ideologische Färbung zwischenzeitlich auch mal kräftig abgewaschen, wenn Terror und Wahnsinn in den eigenen Backwoods am Rande der Gesellschaft generiert wurden: Im "Texas Chainsaw Massacre" zum Beispiel, oder in "The Hills Have Eyes" und "Deliverance". Nicht immer deuteten die sozialen Auswüchse, mit denen sich bürgerliche US-Amerikaner oder blutjunge Teenager darin konfrontiert sahen, auf nationale Geschwüre hin – das war schon eher eine Spezialität der studentischen Genrefilme in den 70er Jahren. Nicht immer also handelte es sich um die Rückkehr des Verdrängten, manchmal war das Böse auch einfach das Fremde, das es erfolgreich zu bekämpfen statt zu verstehen galt.Den neuerlichen, geupdateten Zweifeln an der alten Welt nun hat zuletzt niemand so anschaulich Ausdruck verliehen wie Eli Roth in seiner Osteuropa-Folter-Orgie "Hostel", die man ja angeblich auch als satirische Komödie hätte verstehen können. Seitdem ist zu beobachten, dass sich das, lange hat es gebraucht, harmonisch sanfte Russland-Bild im US-Kino ganz heimlich erneuert hat – zumindest schien mir die Skepsis gegen den einstigen Feind seit Ende des Kalten Krieges nicht mehr so auffällig wie in vielen Filmen der letzten Jahre. Zuletzt erst hat sogar David Cronenberg in "Eastern Promises" eine vor Genreklischees strotzende Thriller- geschichte erzählt, in der sich russische Mafiastrukturen bis ins urbane London ausgebreitet haben. Und auch Brad Andersons jüngste Regiearbeit "Transsiberian" behauptet jetzt, dass sich im kargen und brüchigen Land der ehemaligen Sowjetunion noch immer – oder: wieder – die Barbaren tummeln: Woody Harrelson und Emily Mortimer geraten hier als amerikanisches Vorzeigepärchen auf der Durchfahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn in die Fänge korrupter russischer Polizisten und Drogenhändler, ehe sie gar in einem Gulag landen!
Doch der Film ist konzeptionell eher als Reaktion auf diesen, wenn man ihn als solchen begreifen möchte, jüngeren Trend im US-Kino zu verstehen. Er entwirft zunächst eine scheinbar konventionelle Thrillerhandlung, die fast penetrant die her- kömmlichen Ängste vorm fremden Land und seiner Menschen ausspielt, bürstet dann jedoch alle Erwartungen gegen den Strich. Er nimmt schlagartig Richtungswechsel in der Handlung vor, löst Identifikationsfiguren auf und führt den Zuschauer rigoros aufs Glatteis. So schleppend und vorhersehbar die erste Hälfte erschien, so spannend und mitreißend entwickelt sich der Film, wenn der "Transsiberian" erst einmal Fahrt aufgenommen hat. Konsequent kehrt Anderson Motive um, statt nur die hinlänglichen Klischees des amerikanischen Thriller-Kinos zu variieren. Und das immer zu Ungunsten der Logik, die bei derlei filmischer Metaarbeit jenseits von "Strangers On A Train" und "Narrow Margin" wohl kaum noch berücksichtigt werden kann.
Zuletzt führt jedoch genau das den Film zum Widerspruch zwischen Erzählkino und konzentrierter Genrereflexion, den Anderson – anders als beispielsweise Hitchcock – nicht elegant aufzulösen versteht, ja nicht einmal anzudeuten vermag, dass dieser zu verhandelnde Zwiespalt gar keiner sein muss. Deshalb kommt es auch nicht zur erhofften Entgleisung, sondern schaltet "Transsiberian" zum Schluss wieder einen Gang zurück, ehe er eine vorsichtige Bremsung hinlegt. Auf den letzten Metern erliegt der Film dann leider all jenen Klischees, die er doch eigentlich bewusst brechen und ad absurdum führen wollte, nur um die Geschichte einigermaßen schlüssig zum Abschluss bringen zu können – was allerdings erst recht nicht funktionieren möchte, da das plötzliche Abwenden von der Wendung schlussendlich natürlich keiner narrativen Glaubwürdigkeit mehr untersteht. So lässt sich der Rückfall ins Klischee noch als unmoralisches Wildern erklären, also als berechtigte Absicht, gesell- schaftliche Vorurteile und Ängste zu spiegeln und gegebenenfalls auch zu bestätigen. Die Konsistenz eines wirklich guten Thrillers, der "Transsiberian" hätte werden können, lässt sich dadurch jedoch nicht wiederherstellen.
Juni 20, 2008
Retro: THE SECRET OF THE SAHARA (1988)
Der amerikanische Archäologe Desmond Jordan (Michael York) begibt sich im Alleingang auf die Suche nach einem sagenumwobenen Phänomen: Dem sprechenden Berg. In der Wüste trifft er dabei auf seinen ehemaligen Rivalen, den Deserteur Lieutenant Ryker (David Soul), der ihn als Gefangenen zum Stützpunkt der Legionäre bringt. Gemeinsam mit dem Italiener Orso (Diego Abatantuono) gelingt Jordan die Flucht, doch nicht nur Ryker, der nunmehr eigenmächtig handelt, sondern auch der Kalif von Timbuktu (James Farentino) und seine entsandte rechte Hand, der zwielichtige El Halem (Miguel Bosé), sind dem Wissenschaftler auf den Fersen. Jeder von ihnen will das Geheimnis der Sahara lüften, das von der Wüstenherrscherin Anthea (Andie MacDowell) und ihren roten Kriegern um jeden Preis behütet wird. Bis es Jordan schließlich gelingt, den sprechenden Berg zu finden…
Jeder dürfte das kennen: Irgendwann sieht man sie wieder, die Perlen und Schätze der Kindheit und Jugend, jene Relikte eines frühen, unbefangenen Kontakts mit dem Medium. Durch romantisch-nostalgische Erinnerung über die Jahre hinweg verklärt, müssen sie sich früher oder später doch wieder einer Prüfung unterziehen: Der strengen Rezeption, jetzt, da man sie anders sieht, genauer, schärfer und vermutlich auch abgeklärter. Bei mir gibt es einige solcher Beispiele, und die prominent besetzte TV-Mini-Serie "Das Geheimnis der Sahara", eine deutsch-italienisch-spanisch-schweizerische Koproduktion, zählt da ganz bestimmt zu. Nur ein einziges Mal lief die Abenteuersaga 1989 im deutschen Free-TV auf ZDF, und dann noch einmal auf DDR1 im Frühjahr 1990, wo ich sie schließlich gesehen habe. Beeindruckt von den spektakulären Kämpfen roter Reiter gegen schwarze, Turban tragende Gegner, dem mysteriösen sprechenden Berg und all den ambivalenten Figuren, hat sich die Serie fest in meinem frühkindlich-begeisterungsfähigen Gedächtnis eingebrannt. Nun also, das erste Mal seit 18 Jahren, habe ich "Das Geheimnis der Sahara" wieder gesehen.
Es kam selbstredend wie es kommen musste: Die "spektakulären Kämpfe" sind statische, schlecht choreo- graphierte Haudraufübungen, solche eben, bei denen die Schwerter immer zwischen Arm und Körper gestoßen oder gleich wild in die Luft gesäbelt werden, der "mysteriöse sprechende Berg" entpuppt sich als Pappkulisse, bei der ein paar Stelen mit Lichtern, um die die Serie ohne jeden Grund ein großes Brimborium macht, montiert wurden, und die "ambivalenten Figuren" schließlich entsprechen so klar ersichtlichen Gut-Böse-Schemata, das selbst gängige Sandalenfilme mit komplexeren Charakteren aufwarten. Und dass die mit Sagen, Göttersymbolik und religiösen Verweisen hantierende Serie sich schlussendlich in einem grellen Alien-Finale davonmacht, hatte ich natürlich gleich ganz vergessen.
Warum aber hat mir "Das Geheimnis der Sahara" dann auch jetzt wieder amüsante DVD-Stündchen bereitet? Vermutlich, weil das Spiel aus Erinnerung und Entdeckung ein muntres ist, weil selbst banalste Szenen und groteske Momente, redundanteste Drehbuchpassagen und lächerlichste Dialoge noch mit den Reaktionen von einst konnotiert sind, und ganz sicher auch, weil Alberto Negrins Fernsehspektakel eine so simple, ursprüngliche, klare Geschichte erzählt, sie mit so unwahrscheinlichen Verweisen kreuzt und damit völlig eigenen (Fantasy-)Gesetzen folgt, dass sie tatsächlich für sich steht – als extrem unterhaltsames, mythisches Lustspiel. Und sicher vor allem, weil niemand geringeres als natürlich Ennio Morricone die Abenteuerserie mit einer unfassbar schönen, elegischen Musik zusammenhält, die selbst noch den letzten Camp-Faktor elegant zu beseitigen versteht.
65%
Juni 12, 2008
Kino: YOU KILL ME
Eigentlich soll Frank (Ben Kingsley) für seine polnische Mafiafamilie unter Roman Krzeminski (Philip Baker Hall) im beschaulichen Buffalo regelmäßig Aufträge ausführen – also wohl gemerkt: sich Konkurrenten aus der Schneeräu- mungsbranche entledigen! –, doch statt zur Waffe greift er lieber zur Flasche: Ja, Frank, der Auftragskiller, hat ein schweres Trinkproblem. So schwer, dass seine Familie ihn zu den anonymen Alkoholikern nach San Francisco versetzt. Der Profikiller findet sich unter den verzweifelten Trinkern anfänglich nur schwer zurecht, lediglich der neue Job als Leichenbestatter sorgt für ein wenig Alltagsroutine. Bis Frank die hartnäckige Laurel (Téa Leoni) kennen und lieben lernt.Abgesehen von der postmodernen "Duel"-Neuauflage "Joy Ride" ist John Dahl bekanntlich ja leider schon ein wenig länger in die Mittelmäßigkeit abgerutscht, da überrascht seine neueste nette und beschauliche Gangsterkomödie in ihrer gepflegt inspirationslosen Eintönigkeit nun wahrlich nicht. Aber wenn "You Kill Me" mit schwarzhumorigem Eifer da so von Killern und verführerischen Frauen erzählt, dann erinnert man sich unfreiwillig ja doch ein wenig an die aufregenden frühen Filme Dahls, die Noir-Variationen, die guten Thriller mit guten Drehbüchern und guten Schauspielern. Immerhin: Letzteres kann dieser neue kleine Film von Johnny Boy auch für sich behaupten. Ben Kingsley ist komisch, ja wirklich sehr komisch als lakonischer alter Berufsmörder. Nicht so nuanciert zwar wie in "Sexy Beast", aber besser als in "Bloodrayne"
Und wenn schon Kingsley diese etwas bemüht trockene Geschichte schultert, kann gewiss."You Kill Me" so schlecht nicht sein. Zugegeben, über die 90 Minuten ist das ein unterhaltsamer, ruhiger Spaß, eine leichte, luftige, lockere Angelegenheit, aber wenn John Dahl vielleicht noch die ein oder andere Überraschung, Wendung, Unvorhersehbarkeit, vielleicht mal einen Drehbucheinfall hier und eine hübsche Regienote da beigesteuert hätte, dann wäre daraus vielleicht eine ähnlich spritzige Thrillergroteske gereift wie jüngst Martin McDonaghs "In Bruges" – und nicht nur eine harmlose, aber austauschbare Mixtour aus "The Sopranos" und "Six Feet Under".
50% - erschienen bei: DAS MANIFEST
Oktober 04, 2006
DVD: BLOODRAYNE (2005)
Es ist bestimmt gar nicht so leicht, Uwe Boll zu sein. Wer kann schon von sich behaupten, auf allen Kontinenten dieser Erde gleichermaßen verdammt zu werden, wirklich durchgehend schlechte Kritiken zu ernten und konsequent, unbeirrt wieder und wieder denselben Murks zu fabrizieren, wie eben jener Wermelskirchener Regisseur?!