Februar 19, 2013
Kino: WARM BODIES
Juli 01, 2011
Kino: TRANSFORMERS - DARK OF THE MOON (Transformers 3 - Der Mond ist dunkel nun)
Beide aber bringen ihre Poperzen für den Bay-Stengel aus gutem Grund in Stellung. Nicht nur, weil die Elite der Megaseller schon aus reinen Prestigegründen auf gegenseitige Tuchfühlung gehen muss, sondern weil Michael Bay längst als royaler Nachfolger der ganz großen Hollywoodgiganten gehandelt wird. Wer so beständig am Box Office abräumt, kann sich auch kreuzüble Machwerke leisten (Cecil B. DeMille ist ja schließlich Filmgeschichte, too), das mag den Reiz am Schandfleck für postmoderne Exegeten sogar noch erhöhen. Da können sich Kritik und Fanschar dann um Kopf und Kragen winden, einen ultranerdigen Internetfight nach dem anderen konstruieren und selbst noch talentlosere Geldsammler aus Wermelskirchen zum Boxduell anstacheln – sie landen ja doch nur in der Bay-Bucht wie kleine Fische, die vom neuen weißen Hai verschlungen werden, vom einträglichsten aller Transformers ([ ] Autobot, [X] Decepticon).
Der nun dritte Roboterfilm nach Hasbro steht zwischen seinen Vorgängern. Er ist schwächer als der immerhin ansatzweise leidlich vergnügliche erste "Transformers", weil man die hässlichen Schrotthaufen nach drei überlangen Überwälti- gungsorgien einfach nicht mehr ertragen kann. Und er ist zugleich besser als der zweite Film, was aber auch wirklich nichts zu sagen hat, denn diese orale, anale und banale Penetration des menschlichen Geistes und systematische Zerstörungsmaschinerie aller Nervenzellen markiert wohl noch für lang den unrühmlichen Tiefstpunkt in Bays ohnehin eher höhenfreiem Schaffen. Die Anhänger des Regisseurs, so muss man es immer wieder in Internetforen, Blogs und anderen Filmplattformen lesen, verteidigen ihren Krawallzulieferer gern als Actiongaranten, Popcornkinogenie (was immer das ist) oder auch Blockbuster-Auteur. Nicht totzukriegen ist da die Phrase vom Unterhaltungsfilm, dem verständnislos eingeforderten Rezeptionsgestus, doch einfach mal ein wenig "sein Hirn abzuschalten". Das Außerkraftsetzen von Denken und Fühlen, so könnte man meinen, sei bedingungslose Voraussetzung für den Genuss eines Michael-Bay-Spektakels.
Untersucht man dessen Filme nach Anhaltspunkten für diese ja doch sehr bizarre, dem Mainstreamkino allerdings auch durchaus zuträgliche Domestizierung, stolpert man tatsächlich über einige Fragen die allgemeine Grundhaltung zum Kino betreffend (Näheres dazu in meiner Dissertation: "Nur ein toter Zuschauer ist ein guter Zuschauer – Die Filme von Michael Bay zwischen Hirneinsammelstelle und Dauer- beschall"). Wenn man "Transformers 3" ohne Gebrauchs- anweisung schaut, also gesundheitlich intakt, fällt schnell auf, dass er wie die beiden Vorgänger gestrickt – oder besser gesagt: nicht gestrickt – ist. Alle drei kennzeichnet ein Verzicht auf Filmdramaturgie, nicht unbedingt im konventionellen Sinn (Gott bewahre), sondern schlicht eine Absage an aufeinander aufbauende oder sich anderweitig bedingende Elemente. Der Film ist frei von Akzenten und sogar Teasing, er ist ein überlanger zweiter Konfrontationsakt (unter zweieinhalb Stunden macht’s der Bay einfach nicht), bei dem von Anfang an die Fetzen fliegen.
Jeder Schauplatz-, Szenen-, Sequenzwechsel wird mit Establishing Shots verkleistert – ganz egal, wie oft sich diese wiederholen – und kein Transformer-Roboter-Ding darf das Bild betreten, ohne sich vorher in ein Auto, Radio und was auch immer verwandelt oder wieder zurückgeformt zu haben. Und alles ist ununterbrochen auf Höhepunkt gebürstet, ganz so als wolle Bay das Publikum partout nicht an die Hand nehmen, es überraschen oder wenigstens für seinen Film motivieren. Diese Dauermonotonie hat offenbar tatsächlich einen Effekt zum Ziel, mit dem der Zuschauer so lange passiviert und teilnahmslos gemacht werden soll, bis er sich dem Giga-Gaga-Theater unweigerlich fügen muss (sofern er nicht vom Geschehen ausgeschlossen werden möchte). Das zu erkennen, ist nicht schwer. Es aber erklären oder gar verstehen zu können, relativ unmöglich. Im konkreten Fall von "Transformers 3" liegt die Vermutung nahe, dass der gesamten Crew vor jedem Drehtag Amphetamine in Überdosis verabreicht wurden. Das würde die planlose, sich auf eine fassungslos machende Art aber selbst gefallende Hysterie aller Beteiligten vor und hinter der Kamera zumindest begreifen lassen.
Zum besonderen Verdienst der "Transformers"-Filme zählt ja die Verpflichtung gestandener Schauspielgrößen, die das unkontrollierte Spiel eines Zappelphilipps wie Shia LaBeouf oder der austauschbaren Bikinimiezchen an seiner Seite einigermaßen nivellieren könnten. Allerdings scheint sich jedes Besetzungsmitglied an eine Vertragsklausel zu halten, gemäß derer es so hemmungslos aufzudrehen gilt, dass es in einigen Kinos vielleicht gelingen möge, einfach aus der Leinwand zu hüpfen. John Malkovich scheint zwar offensichtlich nicht wie der Rest der Belegschaft im Solarium eingepennt zu sein, dafür aber hat man ihm kiloweise Bräunungscreme ins Gesicht geschmiert, was sein zwanghaftes Comedy-Acting nicht nur schwer aushaltbar, sondern auch noch unsehnlich macht. Die Coen-Muse Frances McDormand wiederum bemüht sich in ihren wenigen Auftritten, die engärschige Fetischinszenierung ihres Regisseurs mit Ironie aufzulockern, bekommt dafür aber permanent eins auf den Deckel, weil das Drehbuch keine Gelegenheit zu abgestandenem Chauvi-Humor auslässt. Der lustige schwule Koreaner aus "The Hangover", Ken Jeong, verwandelt den Cast dann endgültig in ein Schreckens- kabinett ohnegleichen.
Wirklich und einzig neu ist, dass die Transformers nun alles dreidimensional in Schutt und Asche legen. Das zwingt Michael Bay dankenswerterweise (!), sein Konzept von Action endlich einmal überdenken zu müssen, da 3D eine gewisse Sorgfalt und Ausgewogenheit im Schnitt erfordert. Die (sowieso von der Second Unit inszenierte) Zerstörungswut des Regisseurs wird also nicht wie üblich in schludriger Montage kaschiert, und auch die Spezialeffekte sind detaillierter errechnet – um nicht zu sagen: Sie sind sensationell, brachial und verstörend gut. Leider aber bringen sie allein einen auch nicht durch dieses Infantilitätserzeugnis, das mit nur der Hälfte der Spielzeit vielleicht ja sogar auf eine sehr perverse Art Spaß machen könnte, so mit all dem exponierten Krawall und seinen gigantischen Tricks. Dazu aber müsste die 3D-Brille einen nicht nur vor Doppelbildern, sondern auch flimmernden Helis in Abendsonnen, entsetzlicher Rekrutierungspropaganda und insbesondere der blendenden Doofheit des Films schützen. Aber wahrscheinlich arbeitet James Cameron bereits an einer technischen Lösung des Problems. [/Hirn aus]
25% - erschienen bei: DAS MANIFEST
Oktober 28, 2010
Kino: RED
Punkt sechs Uhr morgens klingelt der Wecker. Dann steht Frank Moses (Willis) auf, macht ein paar Liegestützen, genießt sein Frühstück und telefoniert mit seinem unbekannten Schwarm Sarah (Mary-Louise Parker). Dann liest er Kitschromane, die so Titel tragen wie "Love's Savage Secret". Auf seine alten Tage führt der einstige Top-Agent der CIA also ein geregeltes Leben im Vorort, das durch nichts aus der Ruhe zu bringen ist. Zumindest so lange nicht, bis sein Haus eines Abends von Profikillern in Schutt und Asche gelegt wird, die es wohl aus unerklärlichen Gründen auf sein harmonisches Leben im Ruhestand abgesehen haben.
Weil Frank berechtigterweise davon ausgeht, dass auch seine Telefonflamme Sarah in Gefahr ist, kidnappt er sie zu ihrem eigenen Schutz und wendet sich an seine ehemaligen Kollegen Joe (Freeman), Marvin (Malkovich) und schließlich Victoria (Mirren). Gemeinsam macht sich die Ex-Agentenmeute auf den Weg, um einen alten Auftrag zu vollenden – sie wollen den Noch-Vizepräsidenten töten, ehe er ins Weiße Haus einzieht. Dafür müssen sie allerdings gegen William Cooper (Karl Urban) und somit ihren einstigen Arbeitgeber vorgehen: Die CIA.
Mit der Comicvorlage von Warren Ellis hat "RED" nur noch wenig gemein, Hollywood hat den Stoff nun deutlich massenkompatibler als familienfreundlichen Actionspaß fürs Kino adaptiert. Der Stuttgarter Regisseur Robert Schwentke zeigt sich allerdings ambitioniert in der Umsetzung: Nach seinem mitteldoofen "Flightplan" und dem megadoofen "Die Frau des Zeitreisenden" ist "RED" ein unauffällig, aber im besten Sinne solide inszenierter Ensemble-Spaß nach Baukastenprinzip. Der Film geht kein Risiko ein und macht demnach nicht viel falsch. Reines Unterhaltungskino auf gutem Niveau.
Die Besetzung ist Trumpf. John Malkovich als unberechenbarer CIA-Veteran? Gekauft. Helen Mirren mit fetter Knarre auf Zack? Wurde auch mal Zeit. Und dazu Auftritte von Hollywoodlegende Ernest Borgnine (93 Jahre alt!) oder Richard Dreyfuss in einer amüsanten Nebenrolle – das funktioniert einfach. Auf seine gut aufgelegten Stars kann sich „RED“ zu jeder Zeit verlassen, sie haben und machen Spaß, selbst wenn das Drehbuch es nicht immer gut mit ihnen meint. Morgan Freeman beispielsweise wird irgendwann einfach aus der Handlung gekickt, und das nicht sonderlich würdevoll. Nun ja.
Die Actionszenen hat Schwentke – bzw. das Second-Unit-Team, so genau weiß man das ja heutzutage nicht mehr – erstaunlich gut im Griff, zumal der Film ein ausgeglichenes Maß findet zwischen klassischen Shoot-Outs und ironisch untersetztem Actionquatsch, der irgendwie ziemlich drüber geht. Probleme ergeben sich da eher zwischen den Rambazamba-Momenten, in denen mitunter viel zu ausgedehnt geschwätzige Dialoge den Film einiges an Tempo kosten. Zwar setzt "RED" offenbar bewusst auf ein gemächlicheres Timing, aber auch einer Komödie über in die Jahre gekommene CIA-Rentner kann etwas inszenatorischer Drive nicht schaden.
"RED" ist unterm Strich deshalb ein Film der verschenkten Möglichkeiten. Ihm fehlen wirkliche Höhepunkte und denkwürdige Momente, vielleicht auch ein ganz besonderer Besetzungscoup im sonst wunderbar launigen Cast, jemand vielleicht, den man überraschenderweise tatsächlich aus dem (Schauspiel)Ruhestand geholt hätte (Gene Hackman?). Somit bleiben die vielen Nettigkeiten des Films letztlich auch nur solche: Nettigkeiten. In der Geschichte schlummert mehr Potenzial als eine gediegene Action-Comedy. Und dass hier in jeder Hinsicht mehr möglich gewesen wäre, bestätigt dann spätestens das etwas schnarchige Finale.
50% - erschienen bei: gamona
Januar 20, 2009
Kino: CHANGELING
Im Kalifornien der End-20er schickt Clint Eastwood die verzweifelte Angelina Jolie auf eine unerbittliche Suche nach ihrem verschwundenen Sohn. Der wohl nimmer müde Regisseur streift bei seiner Rekonstruktion der - gemäß Vorspann - "true story" eine Vielzahl an Themenkomplexen und erzählt nach "Million Dollar Baby" noch einmal die große Emanzipationsgeschichte vom Widerstand einer kämpfe- rischen Frau gegen hartnäckige Altmännersysteme. Für Eastwood ist "Der fremde Sohn" ein weiterer souveräner, starker und klassisch inszenierter Film, für Jolie die erste schauspielerische Herausforderung ihrer Karriere.Es ist der Alptraum einer jeden Mutter: Als Christine Collins eines Tages von der Arbeit nach Hause zurückkehrt, ist ihr neunjähriger Sohn Walter spurlos verschwunden. Monatelang ist die Polizei von Los Angeles auf der Suche nach dem Jungen, ehe Christine eines Tages die erlösende Nachricht erhält - ihr Sohn wurde unversehrt gefunden. Sie könne ihn am Bahnhof abholen, Presse und Polizei würden den Fahndungserfolg gebührend feiern. Doch nun erst beginnt der eigentliche Leidensweg der hilflosen Mutter.
Denn der Junge ist nicht der gesuchte Sohn, sondern ein von den Behörden instrumentalisiertes Kind, das nur behauptet Walter zu sein. Ehe sich Christine versieht, befindet sie sich inmitten einer handfesten Verschwörung machtgieriger Lokal- politiker und des korrupten LAPD. Als sie sich der Presse zuwenden und die Suche nach ihrem wirklichen Sohn weiter vorantreiben möchte, wird sie für unzurechnungsfähig erklärt und in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Einzig der beliebte Radioprediger Gustav Briegleb schlägt sich auf ihre Seite im Kampf gegen die staatliche Gewalt.
Bis hierhin ein Konglomerat aus Familienmelodram und Thriller, wird die Geschichte in der zweiten Hälfte schließlich noch durch einen mit Horrorelementen angereicherten Handlungs- strang ergänzt. Vom Mutter-Sohn-Drama zum Serienkillerfilm und Gerichts-Thriller, erzählt Eastwood dann alles auf einmal. Doch die Stofffülle ist bei ihm stets logisch angeordnet - fast organisch entwickeln sich die einzelnen Plot-Teile in- und auseinander.
In erster Linie ist "Der fremde Sohn" aber natürlich ein sorgfältiges Period Piece. Der auf einem aktenkundigen Kriminalfall von 1928 basierende Film ist als faktische Nachstellung konzipiert, bei der Eastwood erstaunlich nüchtern und unsentimental im Recherchestil eine nahezu unglaubliche Geschichte bebildert. So unglaublich gar, dass sie in Filmform nicht selten konstruiert erscheint, und es deshalb eines starken Erzählers bedarf, um sie in zweieinhalb Stunden glaubwürdig auf die Leinwand zu bringen.
Eastwood hat sich mehrfach als solcher bewährt. Seine Inszenierungen sind formal stilisiert, aber dennoch schmucklos und minimalistisch vorgetragen, sein Casting stets überlegt und seine Geschichten immer von einer deutlich moralischen Haltung gekennzeichnet. Spätestens seit "Erbarmungslos" ist Eastwoods konventionelles und ebenso konservatives Erzähl- kino auch das Kino einer unerbittlichen Selbstreflexion: Das anfängliche Misstrauen, das dieser Film beispielsweise rechtsstaatlichen Prinzipien entgegenbringt, schlägt nicht in Dirty-Harry-Polemik um, wird gleichzeitig aber auch nie für liberale Bekenntnisse zerstreut.
In gewisser Hinsicht ist "Der fremde Sohn" natürlich durchaus eine sehr altertümliche Geschichte über die Korrumpierbarkeit staatlicher Systeme und die vermeintliche Notwendigkeit von Selbstjustiz. John Malkovich darf hier sogar den geistlichen Erretter und damit Vertreter einer über alle Widerstände der Ordnung triumphierenden Kirche geben. Doch sind das selbstverständlich (auch) Zugeständnisse an die zeitliche Verortung des Films während der Großen Depression und seiner Nähe zur wahren Beschaffenheit des Stoffes.
So klassisch Eastwood inszeniert, und so fremdkörperartig sich seine Filme dementsprechend im heutigen Kinogeschehen anfühlen, so sehr ist er mittlerweile auch daran interessiert, nicht die ideologischen Muster seiner Generation nachzu- zeichnen. "Der fremde Sohn" erscheint somit als melo- dramatisches Stimmungsbild von Los Angeles irgendwo zwischen "Chinatown" und "L.A. Confidential", das Fragen nach Machtmissbrauch jedweder Art und zuletzt selbst dem Sinn der Todesstrafe verhandelt - mit einer fast übermodernen, für ihre Bürgerrechte kämpfenden Frauenfigur im Zentrum.
Angelina Jolie gibt sich in permanenten Close-Ups viel Mühe, den Erwartungen ihres Regisseurs gerecht zu werden. Mit starkem Ausdruck, prägnantem Make-Up und stilvoller Kostümierung schlüpft sie in die Rolle einer klassischen Hollywood-Diva und schultert den thematisch ja durchaus ein wenig überfrachteten Film mit Bravour: Selbst die aufge- setzten Szenen in der Psychiatrie - hier denkt man natürlich an Jolies Oscar-Part in "Durchgeknallt" - wirken dank ihres konzentrierten Spiels weniger klischeehaft, als sie es eigentlich müssten.
Was als fast banale zeitgenössische Familiengeschichte beginnt, beansprucht mit zunehmender Laufzeit immer mehr Größe für sich. Eastwood hat viel zu erzählen und will es auch erzählen: Elegant und mit sicherer Hand bringt er verschiedene Handlungsstränge, moralische Fragen und Genreelemente zusammen. "Der fremde Sohn" ist packend, spannend und bewegend, aber in letzter Konsequenz doch ein wenig zu überambitioniert, um an Eastwoods jüngste Meisterwerke heranreichen zu können.