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Februar 19, 2013

Kino: WARM BODIES

Auf dem Kinoplakat der stilbildenden Horrorkomödie "Shaun of the Dead" stand einst geschrieben: "Eine romantische Komödie. Mit Zombies." Geradezu wörtlich nimmt diese Prämisse der tatsächlich als zombifizierte Romantic Comedy konzipierte "Warm Bodies". In ihm verliebt sich ein lebender Toter in eine kämpferische junge Frau, die nach anfänglichem Befremden ebenfalls Gefühle für den fauligen Teenager entwickelt. [...]

Juli 01, 2011

Kino: TRANSFORMERS - DARK OF THE MOON (Transformers 3 - Der Mond ist dunkel nun)

Auf eine sehr kuriose, aber lehrreiche Weise formt Michael Bay engst abgesteckte Filme passgenau zum Massenerfolg. Nur einmal, in einem wohl versehentlichen Anfall künstlerischer Ambition, drohte dem Multimillionendollarwerk des Kaliforniers leichter Seitenschlag, als ausgerechnet die zumindest partiell interessante Science-Fiction-Replik "The Island" lediglich mühsam schwarze Zahlen schrieb. Der Rest ist die makellose Erfolgsbilanz eines 1A-Strebers, der mit Zielgruppenwirtschaft von beträchtlicher Ökonomie Kohle scheffelt wie sonst nur die ganz großen Universalfilme eines James Cameron oder Steven Spielberg. Und die scharen sich ja längst um Moneymaker-Michael wie die Fliegen ums Scheißhaus: Der eine stellt sich mit ihm aufs Podium, um über die Vorzüge von 3D zu sinnieren (©Avatar), der andere nimmt ihn sogar direkt unter die Produktionsfittiche. Spielberg ist eben so klug, sein eigenes Erbe gleich selbst zu finanzieren (Transformation: Spielbay).

Beide aber bringen ihre Poperzen für den Bay-Stengel aus gutem Grund in Stellung. Nicht nur, weil die Elite der Megaseller schon aus reinen Prestigegründen auf gegenseitige Tuchfühlung gehen muss, sondern weil Michael Bay längst als royaler Nachfolger der ganz großen Hollywoodgiganten gehandelt wird. Wer so beständig am Box Office abräumt, kann sich auch kreuzüble Machwerke leisten (Cecil B. DeMille ist ja schließlich Filmgeschichte, too), das mag den Reiz am Schandfleck für postmoderne Exegeten sogar noch erhöhen. Da können sich Kritik und Fanschar dann um Kopf und Kragen winden, einen ultranerdigen Internetfight nach dem anderen konstruieren und selbst noch talentlosere Geldsammler aus Wermelskirchen zum Boxduell anstacheln – sie landen ja doch nur in der Bay-Bucht wie kleine Fische, die vom neuen weißen Hai verschlungen werden, vom einträglichsten aller Transformers ([ ] Autobot, [X] Decepticon).

Der nun dritte Roboterfilm nach Hasbro steht zwischen seinen Vorgängern. Er ist schwächer als der immerhin ansatzweise leidlich vergnügliche erste "Transformers", weil man die hässlichen Schrotthaufen nach drei überlangen Überwälti- gungsorgien einfach nicht mehr ertragen kann. Und er ist zugleich besser als der zweite Film, was aber auch wirklich nichts zu sagen hat, denn diese orale, anale und banale Penetration des menschlichen Geistes und systematische Zerstörungsmaschinerie aller Nervenzellen markiert wohl noch für lang den unrühmlichen Tiefstpunkt in Bays ohnehin eher höhenfreiem Schaffen. Die Anhänger des Regisseurs, so muss man es immer wieder in Internetforen, Blogs und anderen Filmplattformen lesen, verteidigen ihren Krawallzulieferer gern als Actiongaranten, Popcornkinogenie (was immer das ist) oder auch Blockbuster-Auteur. Nicht totzukriegen ist da die Phrase vom Unterhaltungsfilm, dem verständnislos eingeforderten Rezeptionsgestus, doch einfach mal ein wenig "sein Hirn abzuschalten". Das Außerkraftsetzen von Denken und Fühlen, so könnte man meinen, sei bedingungslose Voraussetzung für den Genuss eines Michael-Bay-Spektakels.

Untersucht man dessen Filme nach Anhaltspunkten für diese ja doch sehr bizarre, dem Mainstreamkino allerdings auch durchaus zuträgliche Domestizierung, stolpert man tatsächlich über einige Fragen die allgemeine Grundhaltung zum Kino betreffend (Näheres dazu in meiner Dissertation: "Nur ein toter Zuschauer ist ein guter Zuschauer – Die Filme von Michael Bay zwischen Hirneinsammelstelle und Dauer- beschall"). Wenn man "Transformers 3" ohne Gebrauchs- anweisung schaut, also gesundheitlich intakt, fällt schnell auf, dass er wie die beiden Vorgänger gestrickt – oder besser gesagt: nicht gestrickt – ist. Alle drei kennzeichnet ein Verzicht auf Filmdramaturgie, nicht unbedingt im konventionellen Sinn (Gott bewahre), sondern schlicht eine Absage an aufeinander aufbauende oder sich anderweitig bedingende Elemente. Der Film ist frei von Akzenten und sogar Teasing, er ist ein überlanger zweiter Konfrontationsakt (unter zweieinhalb Stunden macht’s der Bay einfach nicht), bei dem von Anfang an die Fetzen fliegen.

Jeder Schauplatz-, Szenen-, Sequenzwechsel wird mit Establishing Shots verkleistert – ganz egal, wie oft sich diese wiederholen – und kein Transformer-Roboter-Ding darf das Bild betreten, ohne sich vorher in ein Auto, Radio und was auch immer verwandelt oder wieder zurückgeformt zu haben. Und alles ist ununterbrochen auf Höhepunkt gebürstet, ganz so als wolle Bay das Publikum partout nicht an die Hand nehmen, es überraschen oder wenigstens für seinen Film motivieren. Diese Dauermonotonie hat offenbar tatsächlich einen Effekt zum Ziel, mit dem der Zuschauer so lange passiviert und teilnahmslos gemacht werden soll, bis er sich dem Giga-Gaga-Theater unweigerlich fügen muss (sofern er nicht vom Geschehen ausgeschlossen werden möchte). Das zu erkennen, ist nicht schwer. Es aber erklären oder gar verstehen zu können, relativ unmöglich. Im konkreten Fall von "Transformers 3" liegt die Vermutung nahe, dass der gesamten Crew vor jedem Drehtag Amphetamine in Überdosis verabreicht wurden. Das würde die planlose, sich auf eine fassungslos machende Art aber selbst gefallende Hysterie aller Beteiligten vor und hinter der Kamera zumindest begreifen lassen.

Zum besonderen Verdienst der "Transformers"-Filme zählt ja die Verpflichtung gestandener Schauspielgrößen, die das unkontrollierte Spiel eines Zappelphilipps wie Shia LaBeouf oder der austauschbaren Bikinimiezchen an seiner Seite einigermaßen nivellieren könnten. Allerdings scheint sich jedes Besetzungsmitglied an eine Vertragsklausel zu halten, gemäß derer es so hemmungslos aufzudrehen gilt, dass es in einigen Kinos vielleicht gelingen möge, einfach aus der Leinwand zu hüpfen. John Malkovich scheint zwar offensichtlich nicht wie der Rest der Belegschaft im Solarium eingepennt zu sein, dafür aber hat man ihm kiloweise Bräunungscreme ins Gesicht geschmiert, was sein zwanghaftes Comedy-Acting nicht nur schwer aushaltbar, sondern auch noch unsehnlich macht. Die Coen-Muse Frances McDormand wiederum bemüht sich in ihren wenigen Auftritten, die engärschige Fetischinszenierung ihres Regisseurs mit Ironie aufzulockern, bekommt dafür aber permanent eins auf den Deckel, weil das Drehbuch keine Gelegenheit zu abgestandenem Chauvi-Humor auslässt. Der lustige schwule Koreaner aus "The Hangover", Ken Jeong, verwandelt den Cast dann endgültig in ein Schreckens- kabinett ohnegleichen.

Wirklich und einzig neu ist, dass die Transformers nun alles dreidimensional in Schutt und Asche legen. Das zwingt Michael Bay dankenswerterweise (!), sein Konzept von Action endlich einmal überdenken zu müssen, da 3D eine gewisse Sorgfalt und Ausgewogenheit im Schnitt erfordert. Die (sowieso von der Second Unit inszenierte) Zerstörungswut des Regisseurs wird also nicht wie üblich in schludriger Montage kaschiert, und auch die Spezialeffekte sind detaillierter errechnet – um nicht zu sagen: Sie sind sensationell, brachial und verstörend gut. Leider aber bringen sie allein einen auch nicht durch dieses Infantilitätserzeugnis, das mit nur der Hälfte der Spielzeit vielleicht ja sogar auf eine sehr perverse Art Spaß machen könnte, so mit all dem exponierten Krawall und seinen gigantischen Tricks. Dazu aber müsste die 3D-Brille einen nicht nur vor Doppelbildern, sondern auch flimmernden Helis in Abendsonnen, entsetzlicher Rekrutierungspropaganda und insbesondere der blendenden Doofheit des Films schützen. Aber wahrscheinlich arbeitet James Cameron bereits an einer technischen Lösung des Problems. [/Hirn aus]


25% - erschienen bei: DAS MANIFEST

Oktober 28, 2010

Kino: RED

Altes Eisen rostet nicht. Sylvester Stallone und seine "Expendables" haben jüngst demonstriert, dass auch alteingesessene Haudegen noch kräftig auf den Putz hauen können. Warum also nicht gleich eine ganze Garde ehemaliger CIA-Agenten aus dem Ruhestand holen und den jungen Kollegen beweisen, wie man noch so richtig alles kurz und klein ballern kann. „Älter, härter, besser“, so will es der deutsche Titel. Die DC-Comicverfilmung "RED" – "retired, extremely dangerous" – versammelt Bruce Willis, Hellen Mirren, John Malkovich und Morgan Freeman als pensionierte Ex-Killer zu einer augenzwinkernden Actionkomödie. Im Ruhestand und extrem gefährlich.

Punkt sechs Uhr morgens klingelt der Wecker. Dann steht Frank Moses (Willis) auf, macht ein paar Liegestützen, genießt sein Frühstück und telefoniert mit seinem unbekannten Schwarm Sarah (Mary-Louise Parker). Dann liest er Kitschromane, die so Titel tragen wie "Love's Savage Secret". Auf seine alten Tage führt der einstige Top-Agent der CIA also ein geregeltes Leben im Vorort, das durch nichts aus der Ruhe zu bringen ist. Zumindest so lange nicht, bis sein Haus eines Abends von Profikillern in Schutt und Asche gelegt wird, die es wohl aus unerklärlichen Gründen auf sein harmonisches Leben im Ruhestand abgesehen haben.


Weil Frank berechtigterweise davon ausgeht, dass auch seine Telefonflamme Sarah in Gefahr ist, kidnappt er sie zu ihrem eigenen Schutz und wendet sich an seine ehemaligen Kollegen Joe (Freeman), Marvin (Malkovich) und schließlich Victoria (Mirren). Gemeinsam macht sich die Ex-Agentenmeute auf den Weg, um einen alten Auftrag zu vollenden – sie wollen den Noch-Vizepräsidenten töten, ehe er ins Weiße Haus einzieht. Dafür müssen sie allerdings gegen William Cooper (Karl Urban) und somit ihren einstigen Arbeitgeber vorgehen: Die CIA.

Mit der Comicvorlage von Warren Ellis hat
"RED" nur noch wenig gemein, Hollywood hat den Stoff nun deutlich massenkompatibler als familienfreundlichen Actionspaß fürs Kino adaptiert. Der Stuttgarter Regisseur Robert Schwentke zeigt sich allerdings ambitioniert in der Umsetzung: Nach seinem mitteldoofen "Flightplan" und dem megadoofen "Die Frau des Zeitreisenden" ist "RED" ein unauffällig, aber im besten Sinne solide inszenierter Ensemble-Spaß nach Baukastenprinzip. Der Film geht kein Risiko ein und macht demnach nicht viel falsch. Reines Unterhaltungskino auf gutem Niveau.

Die Besetzung ist Trumpf. John Malkovich als unberechenbarer CIA-Veteran? Gekauft. Helen Mirren mit fetter Knarre auf Zack? Wurde auch mal Zeit. Und dazu Auftritte von Hollywoodlegende Ernest Borgnine (93 Jahre alt!) oder Richard Dreyfuss in einer amüsanten Nebenrolle – das funktioniert einfach. Auf seine gut aufgelegten Stars kann sich „RED“ zu jeder Zeit verlassen, sie haben und machen Spaß, selbst wenn das Drehbuch es nicht immer gut mit ihnen meint. Morgan Freeman beispielsweise wird irgendwann einfach aus der Handlung gekickt, und das nicht sonderlich würdevoll. Nun ja.


Die Actionszenen hat Schwentke – bzw. das Second-Unit-Team, so genau weiß man das ja heutzutage nicht mehr – erstaunlich gut im Griff, zumal der Film ein ausgeglichenes Maß findet zwischen klassischen Shoot-Outs und ironisch untersetztem Actionquatsch, der irgendwie ziemlich drüber geht. Probleme ergeben sich da eher zwischen den Rambazamba-Momenten, in denen mitunter viel zu ausgedehnt geschwätzige Dialoge den Film einiges an Tempo kosten. Zwar setzt "RED" offenbar bewusst auf ein gemächlicheres Timing, aber auch einer Komödie über in die Jahre gekommene CIA-Rentner kann etwas inszenatorischer Drive nicht schaden.

"RED"
ist unterm Strich deshalb ein Film der verschenkten Möglichkeiten. Ihm fehlen wirkliche Höhepunkte und denkwürdige Momente, vielleicht auch ein ganz besonderer Besetzungscoup im sonst wunderbar launigen Cast, jemand vielleicht, den man überraschenderweise tatsächlich aus dem (Schauspiel)Ruhestand geholt hätte (Gene Hackman?). Somit bleiben die vielen Nettigkeiten des Films letztlich auch nur solche: Nettigkeiten. In der Geschichte schlummert mehr Potenzial als eine gediegene Action-Comedy. Und dass hier in jeder Hinsicht mehr möglich gewesen wäre, bestätigt dann spätestens das etwas schnarchige Finale.


50%
- erschienen bei: gamona

Januar 20, 2009

Kino: CHANGELING

Im Kalifornien der End-20er schickt Clint Eastwood die verzweifelte Angelina Jolie auf eine unerbittliche Suche nach ihrem verschwundenen Sohn. Der wohl nimmer müde Regisseur streift bei seiner Rekonstruktion der - gemäß Vorspann - "true story" eine Vielzahl an Themenkomplexen und erzählt nach "Million Dollar Baby" noch einmal die große Emanzipationsgeschichte vom Widerstand einer kämpfe- rischen Frau gegen hartnäckige Altmännersysteme. Für Eastwood ist "Der fremde Sohn" ein weiterer souveräner, starker und klassisch inszenierter Film, für Jolie die erste schauspielerische Herausforderung ihrer Karriere.

Es ist der Alptraum einer jeden Mutter: Als Christine Collins eines Tages von der Arbeit nach Hause zurückkehrt, ist ihr neunjähriger Sohn Walter spurlos verschwunden. Monatelang ist die Polizei von Los Angeles auf der Suche nach dem Jungen, ehe Christine eines Tages die erlösende Nachricht erhält - ihr Sohn wurde unversehrt gefunden. Sie könne ihn am Bahnhof abholen, Presse und Polizei würden den Fahndungserfolg gebührend feiern. Doch nun erst beginnt der eigentliche Leidensweg der hilflosen Mutter.

Denn der Junge ist nicht der gesuchte Sohn, sondern ein von den Behörden instrumentalisiertes Kind, das nur behauptet Walter zu sein. Ehe sich Christine versieht, befindet sie sich inmitten einer handfesten Verschwörung machtgieriger Lokal- politiker und des korrupten LAPD. Als sie sich der Presse zuwenden und die Suche nach ihrem wirklichen Sohn weiter vorantreiben möchte, wird sie für unzurechnungsfähig erklärt und in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Einzig der beliebte Radioprediger Gustav Briegleb schlägt sich auf ihre Seite im Kampf gegen die staatliche Gewalt.

Bis hierhin ein Konglomerat aus Familienmelodram und Thriller, wird die Geschichte in der zweiten Hälfte schließlich noch durch einen mit Horrorelementen angereicherten Handlungs- strang ergänzt. Vom Mutter-Sohn-Drama zum Serienkillerfilm und Gerichts-Thriller, erzählt Eastwood dann alles auf einmal. Doch die Stofffülle ist bei ihm stets logisch angeordnet - fast organisch entwickeln sich die einzelnen Plot-Teile in- und auseinander.

In erster Linie ist "Der fremde Sohn" aber natürlich ein sorgfältiges Period Piece. Der auf einem aktenkundigen Kriminalfall von 1928 basierende Film ist als faktische Nachstellung konzipiert, bei der Eastwood erstaunlich nüchtern und unsentimental im Recherchestil eine nahezu unglaubliche Geschichte bebildert. So unglaublich gar, dass sie in Filmform nicht selten konstruiert erscheint, und es deshalb eines starken Erzählers bedarf, um sie in zweieinhalb Stunden glaubwürdig auf die Leinwand zu bringen.

Eastwood hat sich mehrfach als solcher bewährt. Seine Inszenierungen sind formal stilisiert, aber dennoch schmucklos und minimalistisch vorgetragen, sein Casting stets überlegt und seine Geschichten immer von einer deutlich moralischen Haltung gekennzeichnet. Spätestens seit "Erbarmungslos" ist Eastwoods konventionelles und ebenso konservatives Erzähl- kino auch das Kino einer unerbittlichen Selbstreflexion: Das anfängliche Misstrauen, das dieser Film beispielsweise rechtsstaatlichen Prinzipien entgegenbringt, schlägt nicht in Dirty-Harry-Polemik um, wird gleichzeitig aber auch nie für liberale Bekenntnisse zerstreut.

In gewisser Hinsicht ist "Der fremde Sohn" natürlich durchaus eine sehr altertümliche Geschichte über die Korrumpierbarkeit staatlicher Systeme und die vermeintliche Notwendigkeit von Selbstjustiz. John Malkovich darf hier sogar den geistlichen Erretter und damit Vertreter einer über alle Widerstände der Ordnung triumphierenden Kirche geben. Doch sind das selbstverständlich (auch) Zugeständnisse an die zeitliche Verortung des Films während der Großen Depression und seiner Nähe zur wahren Beschaffenheit des Stoffes.

So klassisch Eastwood inszeniert, und so fremdkörperartig sich seine Filme dementsprechend im heutigen Kinogeschehen anfühlen, so sehr ist er mittlerweile auch daran interessiert, nicht die ideologischen Muster seiner Generation nachzu- zeichnen. "Der fremde Sohn" erscheint somit als melo- dramatisches Stimmungsbild von Los Angeles irgendwo zwischen "Chinatown" und "L.A. Confidential", das Fragen nach Machtmissbrauch jedweder Art und zuletzt selbst dem Sinn der Todesstrafe verhandelt - mit einer fast übermodernen, für ihre Bürgerrechte kämpfenden Frauenfigur im Zentrum.

Angelina Jolie gibt sich in permanenten Close-Ups viel Mühe, den Erwartungen ihres Regisseurs gerecht zu werden. Mit starkem Ausdruck, prägnantem Make-Up und stilvoller Kostümierung schlüpft sie in die Rolle einer klassischen Hollywood-Diva und schultert den thematisch ja durchaus ein wenig überfrachteten Film mit Bravour: Selbst die aufge- setzten Szenen in der Psychiatrie - hier denkt man natürlich an Jolies Oscar-Part in "Durchgeknallt" - wirken dank ihres konzentrierten Spiels weniger klischeehaft, als sie es eigentlich müssten.

Was als fast banale zeitgenössische Familiengeschichte beginnt, beansprucht mit zunehmender Laufzeit immer mehr Größe für sich. Eastwood hat viel zu erzählen und will es auch erzählen: Elegant und mit sicherer Hand bringt er verschiedene Handlungsstränge, moralische Fragen und Genreelemente zusammen. "Der fremde Sohn" ist packend, spannend und bewegend, aber in letzter Konsequenz doch ein wenig zu überambitioniert, um an Eastwoods jüngste Meisterwerke heranreichen zu können.


60% - erschienen bei: gamona

Mai 02, 2008

Zuletzt gesehen: EMPIRE OF THE SUN

Erstaunlicherweise einer der Spielberg-Filme, die mich nie wirklich für sich begeistern konnten und es auch jetzt nicht schaffen (und davon gibt es eigentlich nicht einmal eine Handvoll). Richtig gut erzählt ist "Empire of the Sun" immer nur phasenweise, besonders zu Beginn und im letzten Drittel findet der Film überhaupt kein Zentrum, wirkt unausgeglichen und aufgeblasen, vor allem unnötig theatralisch und steif (die Trennung von den Eltern, die Rückkehr des Jungen in sein Haus). Spielberg tut sich sichtlich schwer mit der Thematik, bei der er nicht weiß, ob er sie naturalistisch oder realistisch inszenieren soll. Die Darstellung des japanischen Gefangenenlagers als Quasi-Abenteuerpark wirkt trotz der Erzählung aus Kindersicht zumindest stark verharmlosend. Und die David Lean-Anleihen stören dabei eher, während sie im trivialen "Temple of Doom"-Kontext noch gut funktionierten. Im Prinzip verhandelt der Film Elemente und ethische Fragen, die Spielberg allesamt in "Schindler’s List" wieder aufgriff und prägnanter, runder, besser anging. Die Kameraarbeit ist toll, ziemlich kunstvoll, der Williams-Score eher fad und mitunter viel zu pathetisch. Christian Bale hat seinerzeit alle Kritiker überzeugt, mir hingegen ist er hier bereits viel zu aufgeladen und ehrgeizig, meist kurz vorm Over-Acting. Klingt alles schlechter als es vermutlich ist, aber gemessen an dem, was Spielberg in den 80ern noch so geleistet hat, ist "Empire of the Sun" dann doch ziemlich durchschnittlich. Und der Moment des Wiedersehens mit den Eltern ging ganz böse daneben.