April 16, 2008

Retro: THE TEMPLE OF DOOM (1984)

Auch wenn man es nicht anders hätte erwarten dürfen, spricht es doch für Spielberg und Lucas, dass sie das Erfolgsrezept von "Raiders of the Lost Ark" nicht wiederholt haben. Immerhin wäre dieses Sequel trotz der enormen Einspielkosten des Vorgängers nicht automatisch zum Selbstläufer bestimmt – ein leichtes also, sich auf die Zutaten des ersten Indiana Jones-Films zu beschränken. Tatsächlich aber haben die beiden jeglichen Anhang von der Figur abgekapselt und sie sowohl in einen zeitlich als auch räumlich veränderten Kontext verpflanzt, dem Helden also einen gänzlich neuen Rahmen verpasst. "Indiana Jones and the Temple of Doom" – der Titel verweist immerhin deutlich auf die Franchisezugehörigkeit – erweist sich dabei nicht als Fortsetzung, die ihren Vorläufer geradeaus weitererzählt, sondern zwei Jahre zurückspringt inmitten eines illustren Abenteuers in Shanghai. Ein Prequel in der Tat, aber keines etwa wie "The Godfather: Part II", das als Mittelstück einer großen Trilogie so etwas wie einen epischen Bogen spannen würde. Der Film ergänzt seinen ersten Teil in keiner Hinsicht, sondern steht für sich als weiteres geschlossenes Abenteuer jenes Mannes, der trotz ranziger Lederjacke, miefigen Schlapphuts und Lederpeitsche jeder Gefahr und erst recht jeder Frau gewachsen ist.
 
Nach einer umwerfenden Busby Berkeley-Musicalnummer zu Cole Porters "Anything goes" beginnt "Indiana Jones and the Temple of Doom" schon in den ersten Minuten mit einer Folge schneller Actionszenen, die Massenpanik, Schießereien, eine Autoverfolgungsjagd, einen Flugzeugabsturz sowie eine turbulente Schnee- und Flussfahrt auf einem Schlauchboot umfassen, und die in einer derart halsbrecherischen Rasanz montiert sind, dass jeder zweistündige Actionfilm mit ihnen bereits bestens ausgelastet wäre. Allein die erste halbe Stunde des Films löst jedes Versprechen nach abenteuerlicher Unterhaltung ein, mit dem der Vorgänger gelockt haben dürfte. Spielberg inszeniert hier selbst die temporeichsten, logistisch schwierigsten Elemente kontinuierlich und in sich stimmig, sodass es ihm gelingt, den Prolog rein visuell zu erzählen und trotz seiner Dynamik übersichtlich zu halten. Wenngleich dieser lange Einstieg schon nahezu alle Probleme des Films zusammenfassend vorwegnimmt (er ist fast penetrant in seiner Schnelligkeit, die keine Ruhepausen zulassen will), stellt er eindrucksvoll die Raffinesse seines Regisseurs zur Schau, der mit erstaunlicher Lockerheit – zumindest innerhalb seiner Genrebewegungen – ein relatives Musterbeispiel für filmische Expositionen aufs Parkett schmettert.

Was dann folgt, ist ein buchstäblicher Abstieg: Der Großteil des Films spielt im Titel stiftenden ‚Tempel des Todes’, wo Menschenopfer gebracht und Kinder versklavt werden, und wo Anhänger eines Kali-Kults die große Finsternis über Indien heraufbeschwören. Ähnlich wie sich auch "The Empire Strikes Back" zu "Star Wars" als düsteres Zwischenkapitel verhält, stimmt "Indiana Jones and the Temple of Doom" mit seinen okkulten Spielereien einen horrorartigen Ton an, der sich deutlich vom komödiantischen, an junge Zuschauer adressierten Stil des Vorgängers und auch Nachfolgers unterscheidet. Das gigantische Set mit seiner herben, knallrot ausgeleuchteten Aura bildet nicht zuletzt durch John Williams’ musikalischen Trommel- und Männerchorteppich einen schaurig-schönen Spielplatz für die ausgiebigen Rituale und Kloppereien, mit denen der Film seinen Mittelteil ausfüllt. Vermutlich um der düsteren und mitunter auch brutalen Grundhaltung ein Gegenüber zu liefern, versucht Spielberg das gesamte Geschehen deshalb mit überaus albernem Humor zu verwässern. Die Gags bewegen sich dabei durchgängig auf Gaga-Niveau, während der Film außerdem unermüdlich auf Slapstick setzt. Spielberg inszeniert das gekonnt und trotz dümmlicher Klischees mit Witz, doch ihm gelingt es nicht, die offensichtliche Dichotomie zu überwinden: Der düstere Tempelhorror und leichte Abenteuerspaß könnten gegensätzlicher nicht sein.

Weil sich das alles jedoch so betont künstlich gibt, weil es sentimental erscheint und die Naivität alter Camp-Serials beschwört, funktioniert es mühelos. "Indiana Jones and the Temple of Doom" ist ein ausgestellter Studiofilm, die Kulissen springen einem förmlich ins Gesicht, und sein märchenhafter Charakter ist noch wesentlich ausgeprägter als im Vorgänger. Vermutlich fällt es deshalb auch leichter, als es eigentlich der Fall sein dürfte, die schon in "Raiders of the Lost Ark" fahrlässige Reproduktion von Rassenklischees hinzunehmen. Dass Spielberg und Lucas mit dem gesamten Konzept der Jones-Figur an alte B-Film-Kinoserien anknüpfen, obwohl sie stilistisch völlig andere Wege beschreiten, rechtfertigt jedoch nicht automatisch eine ungebrochene Übernahme veralterter Ideologien. Selbst mit Spielbergs Naivität, die seine Filme zum Vertreter jenes Kinos macht, in dessen Raum man sich ganz in unbeschwerte Träumereien verlieren kann – und die unbedingten Anteil an der Magie seiner Geschichten hat – lässt es sich nicht entschuldigen, dass die Inder als infantiles Klagevölkchen kolonialer Hegemonie abgestempelt werden, das scheinbar nur auf den richtigen weißen Mann gewartet hat, der ihnen den Weg ebnen wird. Neben den überzogenen Thug-Tempelszenen sind dies im Übrigen Elemente, die Spielberg und Lucas fast 1:1 aus George Stevens ausgeprägt rassistischem Abenteuerklassiker "Gunga Din" übernommen haben, in dem die Inder allerdings auch noch von weißen Darstellern mit Theaterschminke gespielt wurden. Während der Rassismus hier indes seinem zeitlichen Kontext zuzuschreiben ist, adaptiert "Indiana Jones and the Temple of Doom" nebst Settings und Aufmachung die Rassenideologie jedoch auch fast 50 Jahre später noch gleich mit. Derlei Impetus ließ sich im ersten Teil mit Hängen und Würgen auf die unernste Pulp-Mentalität abwälzen, doch erscheint das in der Fortsetzung ungleich schwieriger, immerhin entspringt diese Darstellung in "Gunga Din" – und darauf beziehen sich Spielberg und Lucas – bitterem Ernst. Beide haben sich davon später distanziert, und es ist anzunehmen, dass sie den Film aus diesem Grund auch nicht mögen.

Sicher nicht deshalb, aber zumindest recht einhellig, gilt dieser zweite Indiana Jones-Film überhaupt als schwächster Teil der Serie, und das dennoch zu Unrecht. Im letzten Drittel erhöht sich die ohnehin enorme Geschwindigkeit noch einmal und wartet mit einigen der spektakulärsten und aufwändigsten Szenen des Genres auf, die Spielbergs ganzes Können unter Beweis stellen. Es ist, als würde er sich von all dem Ballast befreien, den Lucas ihm mit den Tempelepisoden auferlegt hatte, und die ihn das gesamte Mittelstück über etwas unbeholfen zurückließen. Wenn der Film seine Figuren auf eine waghalsige Tunnelverfolgung durchs Innere des Berges befördert, dann lässt er auch ein wenig seine Schwächen hinter sich: Die hysterische, auf alles und jeden nur mit wildem Geschrei reagierende Kate Capshaw, den unausgegorenen Humor, die unnötigen Klischees – das alles verliert an Gewichtung in dieser virtuos in Szene gesetzten Berg- und Talfahrt, die meisterlich geschnitten ist aus Miniaturen und Live-Action-Shots, die ein perfektes Zusammenspiel aus dem treibenden, kraftvollen Score und fulminanten Toneffekten bildet. Eine Achterbahntour, die sich wie eine Attraktion zum eigenen Film anfühlt, fast doppelbödig und geradezu typisch für ihren Regisseur, der genau dieses Prinzip mit "Jurassic Park" noch auf die Spitze treiben sollte. Wenn dann selbst das Überbietende schließlich noch einmal überboten wird, "Indiana Jones and the Temple of Doom" also mit einem brillant photographierten Höhepunkt auf einer gigantischen Hängebrücke seine Abenteuerpforten schließt, kann jedes Nörgeln nur noch ein Nachhallen in weiter Ferne bedeuten: Das ist sicher kein unbedenkliches, aber doch unbestritten imposantes Kino.


90%

Kommentare:

  1. Also TEMPLE ist ganz klar der schwächste Teil der Reihe, alleine wegen der Capshaw, die einem sowas von auf die Nüsse geht, unfassbar, da hilft nicht mal der geniale Short Round (den ich viel lieber im 4. gesehen hätte, als diesen Milchbubi). Rajko, Rajko...

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  2. Diesem allgemeinen Capshaw-ist-so-nervig-Kanon kann ich mich nicht anschließen, ich finde die Figur super bezeichnend für Spielberg und "dezent" misogyn, aber dennoch recht komisch und den gewollten Genreklischees entsprechend.

    Welcher der schlechteste der Reihe ist, weiß ich nicht, das wechselt bei mir mit jeder Neusichtung wieder.

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  3. Diesem allgemeinen Capshaw-ist-so-nervig-Kanon kann ich mich nicht anschließen

    Hilfe!



    P.S.: Kann mir schon denken, was der Abschluss der Trilogie von dir erhalten wird....80%! *g*

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  4. Auf jeden Fall bist DU ein Spielberg-Fanboy, und deine Sinne sind völlig vernebelt... :P

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  5. TEMPLE OF DOOM ist der schlechteste! :P

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  6. Wow, tolle Analyse! Habe bislang noch nix so ausgefeiltes über die Indie-Filme gelesen. Sehr fein.
    Den Temple hab ich tatsächlich seit frühen Teenager-Jahren nicht mehr gesehen. Mal schauen, ob ich vor dem Start von Teil 4 noch einen Re-Run der Trilogie unterkriege.

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  7. Indy-Fanboy, wenn schon :P

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  8. @cleric:

    Wer hat dich gefragt? :P

    @Abspannsitzenbleiber:

    Danke vielmals.

    Re-Run ist Pflicht, machen doch eh grad alle, oder? ;)

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  9. Ich habe ja auch so meine Schwierigkeiten mit dem Tempel of Doom. Irgendwie kommt er echt sympathisch mit seiner Trashattitüde daher, aber so richtig Indy ist er ja in keinem Fall. Bundeslade, Heiliger Gral... da können so komische rot(?) glühende Steine ja nicht wirklich gegen anstinken. Also wenn ich zwischen einem der bisherigen Abenteuern wählen dürfte, der Tempel hätte es echt schwer bei mir.

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  10. Re-Run ist Pflicht, machen doch eh grad alle, oder? ;)

    Ich nicht...


    ... aber halt, mich hat ja keiner gefragt... :P ^^

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