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Oktober 02, 2013

Gravity und die Kunst der Plansequenz

Plansequenzen kommen einer Idee von purem Kino oft deshalb so nahe, weil sie herkömmliche Gestaltungsmittel in die Unsichtbarkeit verdrängen. Im Weltraumdrama "Gravity" ist die Plansequenz jetzt gleichzusetzen mit absolutem filmischem Erleben. 

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September 30, 2013

Kino: GRAVITY

Keine zeitlichen oder räumlichen Alternativentwürfe, keine wissenschaftlichen Spekulationen, erst recht keine phantastischen Wesen oder Welten: Mit Science-Fiction hat das Weltraumdrama von Alfonso Cuarón nichts zu tun, gleichwohl es an einige große Sci-Fi-Klassiker gemahnt. "Gravity" ist ein Kammerspiel im All, ein laut- und schwereloser Katastrophenfilm, der buchstäblich um den Überlebenskampf zweier Astronauten kreist. Mit einem filmischen Erleben und Empfinden, das es so im Kino noch nie gegeben hat. [...]

Februar 12, 2012

Berlinale 2012: EXTREMELY LOUD & INCREDIBLY CLOSE [aka. Extrem laut und unglaublich nah]

Der 50jährige britische Theaterregisseur Stephen Daldry hat in 12 Jahren bislang nur vier Filme inszeniert. Gleich sein erster, das Coming-of-Age-Drama "Billy Elliot – I Will Dance", war schon ein weltweiter Publikums- und Kritikerliebling, an dessen Erfolg die darauf folgende Michael-Cunningham-Adaption "The Hours" nahtlos anknüpfen konnte. In diesem Mehrpersonen- stück, das Nicole Kidman und ihrer Nasenprothese 2003 alle Preise der Welt einbrachte, zeichnete sich bereits die formalästhetische Nähe zum festivalgewerblichen Award-Kino ab, mit der er zum Lieblingsengländer der Weinsteins gedieh. Obwohl dies im Entwurf noch ein sehr kluger, sogar komplexer Film war, sollte wenig später "Der Vorleser" schließlich die Befürchtungen bestätigen: Im Oscarsystem angekommen, rührte Daldry fortan die Schmalzsoße mit extra viel falschem Sentiment an. [...]

März 24, 2010

Kino: THE BLIND SIDE

Wie ein treudoofer Taugenichts mit Welpenblick stampft Michael Oher (Quinton Aaron) durch die Eingangspforten seiner neuen Schule, die Kinder bürgerlicher amerikanischer Christen zu vorbildhaften Gesellschaftern heranzieht. Sie werden erfolgreich sein im Leben, weil sie Geld haben. Da muss sich Michael, verniedlicht Big Mike genannt (weil er so groß und putzig und auch etwas doof ausschaut), natürlich wie ein Außenseiter fühlen, er kommt aus mittellosen Verhältnissen und er ist, im Gegensatz zu allen anderen, auch noch schwarz. Das ist hier, im Selbstverständnis des Films, ein natürlicher Nachteil, der ausgeglichen gehört. Und so kommt Michael das Schicksal in Gestalt einer weißen Frau zu Hilfe, als er eines Nachts im Regen den Highway entlang torkelt: Leigh Anne Tuohy (Sandra Bullock), glückliche Ehefrau und Mutter zweier Kinder, nimmt den hilflosen Tunichtgut selbstlos zu sich. In ihrer großen Villa richtet sie ihm die Couch her und lässt ihn bei sich und ihrer Familie wohnen. Es ist ein Akt der Nächstenliebe. Lediglich an gewisse Bedingungen geknüpft.

Michael ist von nun an das neue Haustier der Tuohys. In ihrer sorglosen Welt fremdelt er zunächst, aber die Familienmitglieder, allen voran der kleine Sohn, wissen ihn zu halten und abzurichten. Er darf beim kollektiven SuperBowl-Familienabend mitschauen, den jüngsten Spross mit Spiel, Spaß und Laune unterhalten, und er bekommt sogar ein Stück vom Thanksgiving-Braten ab. Das alles nimmt Michael stillschweigend hin, weil er eh nichts zu melden hat als jemand, der aus dem Ghetto kommt und keine Bildung genossen hat. Aber der Teenager wird erst noch erfahren müssen, was Demütigung bedeutet, als Leigh Anne in ihm das Potential eines echten Vorzeigehündchens entdeckt. Michael nämlich ist groß und schwer und massiv gebaut, also ein idealer Footballspieler. Deshalb wird er fortan zum Training geschickt und gezielt zum Sportstar ausgebildet, ehe sich die Vereine des Landes um ihn reißen und Mutter Tuohy sich auf die Schulter klopfen darf.

"The Blind Side" formt mit seiner rührig-süß erzählten Geschichte (natürlich: auf wahren Begebenheiten) die ältesten, klassischsten, urzeitlichsten aller nur denkbaren Rassenklischees zu einem modernen neoliberalen Märchen. Der Film gibt sich gönnerhaft und weltlich in seinem aufgeklärten Humanismus, den er von seiner beispielhaften Idee des wahren American Dream ableitet, in dem mithilfe Klassen- und Rassenübergreifender Chancen – wie sie der Footballsport beispielsweise ermöglicht – alle ethnischen Grenzen überwunden werden können. Arm und reich, schwarz und weiß kommen hier unter republikanischem Dach zusammen, um sich zu vereinen und ein Loblied auf die Gleichberechtigung einzustimmen. Dass der Film nie, zu keiner Zeit, keine einzige Sekunde lang nicht einmal ansatzweise eine Begegnung auf Augenhöhe zulässt, verrät seine scheinliberale Menschlichkeit schnell als reine Behauptung.

Tatsächlich schwelgt "The Blind Side" von vorn bis hinten in der reaktionären Vorstellung, ein Schwarzer sei immer auch ein Abweichler, dem der richtige Weg erst noch gezeigt werden müsse. Es ist die uralte Idee von der Disziplinierung des ungebändigten schwarzen Wilden, die der Film in modisch gehüllte, aber zutiefst konservative Bilder drückt. Hier nun zur gutmütigen weißen Frau variiert, die ihrem Schützling bürgerliche Ideale anerziehen und sich anschließend auf ihre gute Tat einen runterholen darf. Es geht ausschließlich um ihre ekelhafte Profilierung, die der Film auch noch selbstgefällig als Geste der Nächstenliebe verkaufen möchte. Im Blick hat die Geschichte lediglich die weibliche Hauptrolle, die als Verkörperung des neuen republikanischen Rollenverständnisses schlagfertige Karrierelady, treue Ehefrau und sorgsame Mutter in einem sein darf (und selbstverständlich rettende Hundemama). Nie aber vermittelt der Film, was der zum Objekt degradierte Michael wirklich denkt oder fühlt, seine Sicht interessiert offenbar ebenso wenig wie seine Hintergrundgeschichte, die nebulös bleibt. Vermutlich erwartet der Film, dass die Zuschauer sich diese – in ähnlich rassistischen Denkmustern – aus der Ghettoherkunft der Figur herleiten.

Dorthin entführt "The Blind Side" das Publikum im Übrigen nur ganz kurz, weil der Film Unbequemlichkeiten freilich meidet. Stattdessen nutzt er die Gelegenheit, um andere schwarze Figuren – also abgesehen von Michael, dem stummen Familienexperiment – entweder als Gangster oder Junkies zu charakterisieren, denen Sandra Bullock dann auch noch kräftig die Meinung geigt, während sie "ihren" Big Mike verteidigt: "If you so much as set foot downtown you will be sorry. I'm in a prayer group with the D.A., I'm a member of the NRA and I'm always packing.". Das alles ist eigentlich zu schlimm, um es zu glauben. Und man könnte diesen fürchterlichen Mist auch getrost ignorieren, hätte er in den USA nicht als erfolgreichster Film mit einer weiblichen Hauptdarstellerin auch noch einen Rekord aufgestellt. Das nun ist wirklich traurig und wirklich bezeichnend. Aber Frau Bullock erhielt für ihre Darstellung als menschliche Viehtreiberin ja sogar einen Oscar und Standing Ovations von der versammelten Hollywoodbagage – was kann einen da noch verwundern. Während amerikanische Zuschauer bei diesem Film ihr Gewissen polieren, verlässt man andernorts nur beschämt den Kinosaal.


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März 08, 2010

OSCARS 2010 - Everybody Loves A Winner

Ein paar Worte zur reichlich tristen Oscarverleihung, die da vergangene Nacht rasch über die Bühne gebracht wurde. Weitaus weniger innovativ, ideenreich und amüsant als unter der Regie von Baz Luhrman im letzten Jahr, wurden die Preise ohne inszenatorische Raffinesse vergeben, und am Ende blieb sogar trotzdem nicht einmal Zeit, um noch einmal die nominierten Best-Picture-Kandidaten vorzulesen. Das ging dann alles ganz schnell und unglamourös.

Und dennoch war die 82. Verleihung der Academy Awards kein allzu kurzweiliges Vergnügen, was wohl an der grauenhaften Moderation der beiden Hosts Steve Martin und Alec Baldwin gelegen haben dürfte (sollte diese Konstellation in irgendeiner Weise PR für ihren gemeinsamen Film “It’s complicated” betreiben?). So ungelenk, unkomisch und zahm wurden die Oscars wohl selten unterhalten.

Die wenigen Highlights besorgten dann andere. Ben Stiller zum Beispiel, der als Na’vi verkleidet noch den originellsten Beitrag zum eher unangenehmen, an diesem Abend aber offenbar sehr populären “Avatar”-Bashing abgab. Eine schöne Hommage an den verstorbenen Regisseur, Drehbuchautor und Produzenten John Hughes versammelte noch einmal die Stars des 80er-Jahre Coming-of-age-Kinos (darunter Molly Ringwold und Anthony Michael Hall). Und Jeff Bridges wurde in der “Crazy Heart”-Nominierungsrede von seinem einstigen Co-Star Michelle Pfeiffer anmoderiert, was sehr bewegend und wehmütig ausfiel und der Verleihung einen kurzen Augenblick wahrer Größe verlieh.

Größe, die dann zügig wieder von Sandra Bullocks tränendrüsiger Rede auf ein Normalmaß gestutzt wurde – ihre vor Political Correctness strotzende Laudatio gehörte zu den Tiefpunkten des Abends, ganz zu schweigen von den beschämenden und absolut unerklärlichen Standing Ovations für die einen Tag zuvor noch mit dem Razzie Award als schlechteste Schauspielerin ausgezeichnete “Blind Side”-Darstellerin (zum Film selbst in Kürze mehr – ich muss ihn erst noch verdauen). Auch eine völlig unmotivierte Montage diverser Horrorfilmausschnitte gehörte zu den Kuriositäten der Verleihung, zumal darin nur die üblichen amerikanischen Box-Office-Hits und Klassiker Erwähnung fanden, Meilensteine des Genres aus England oder Italien (Argento anyone?) aber völlig unberücksichtigt blieben. Richtig lustig wurde es aber, als eine wilde Tanzgruppe die nominierten Musikscores “interpretierte” – im Falle von Hans Zimmer und James Horner war das Kasperltheater ja noch angebracht, aber bei Marco Beltramis bedrückender “Hurt Locker”-Musik hatten die Choreographen verständlicherweise einige Darstellungsprobleme mit der Interpretation tänzelnder Bomben.

Eine überwiegend schlechte Show also. Aber: Mit guten Preisträgern. Und das ist natürlich wichtiger. Mit “The Hurt Locker” gewann endlich wieder ein Film, der auch wirklich gut ist und der die Aufmerksamkeit nur gebrauchen kann (beim Publikum fiel der Film trotz überwältigender Kritiken bekanntlich durch). Kathryn Bigelow erhielt als erste Regisseurin in der Geschichte der Academy Awards einen Oscar, was ihr nun hoffentlich die Anerkennung bringen wird, die sie schon mit ihren Genremeisterwerken “Near Dark” oder “Point Break” verdiente, und ihr Film über Bombenentschärfer im Irak trug mit sechs Auszeichnungen auch den verdienten Sieg des Abends davon.

Oktober 02, 2007

Zuletzt gesehen: THE PREMONITION

Eine Frau in Schwierigkeiten. Sandra Bullock heißt sie, und ihr Mann, der stirbt ganz plötzlich – in einer Vision, die immer wiederkehrt, immer mehr Informationen bereithält, bis … ja, bis es schließlich kommt, wie es eben kommen muss. Klaus Badelt dudelt dazu eine sich ständig wiederholende, an Dilettantismus kaum zu überbietende Melodie. Und der Film, "The Premonition", der ist auch ansonsten ziemlich scheiße. Lachhafte Dialoge wechseln sich mit gähnender Langeweile und 100%iger Vorhersehbarkeitsdichte ab, während die völlig chronologisch und simpel gestrickte und letztlich lediglich zerteilte Geschichte gnadenlos vor sich hin plätschert. Garniert mit hochpeinlichem Bibelgedöns und einem selten dämlichen Schlussbild ("every new life is a miracle"), ist der völlig sinnlose wie unspannende Mystery-Käse unbedingt abratenswert.


15%

Dezember 23, 2006

DVD: CRASH (2004)

"Million Dollar Baby"-Autor Paul Haggis unternimmt in seinem Spielfilmdebüt den Versuch, den mal latenten, mal offensichtlichen Rassismus in Alltags- und Stresssituationen fragmentartig zu verweben, in mehreren Einzelepisoden porträtiert er Menschen in der Metropole Los Angeles, Menschen schwarzer und weißer Hautfarbe, Mexikaner, Chinesen, Puertoricaner, und lässt ihre Schicksale einander tangieren. Korrupte weiße Polizisten, die ihrer rassistischen Gesinnung tagtäglich Luft machen, irakische Ladenbesitzer, die mexikanische Schlosser beschuldigen und angreifen, farbige Regisseure, die sich diskriminieren und beschneiden lassen, Staatsanwälte, Ermittler, Straßenjungs - Haggis beleuchtet all diese Figuren in ihrem ganz persönlichen Lebenselend, um sie am Ende der Erlösung zu übergeben.

Der Ansatz mag ambitionierter Natur sein, den immer wiederkehrenden, Titel gebenden Autocrash betrachtet der Film als Metapher für den Crash der Kulturen, wie Menschen verschiedenster ethnischer Herkunft aneinander stoßen, sich verspotten, beschimpfen, mit Vorurteilen begegnen. Autounfälle- oder Überfälle sind bei Haggis ein beständiges Symbol für die entlarvende Äußerung von Rassismus in all seinen Ausprägungen, als Scheingrund für den Hass, als Exempel für dessen unmaskierte Darstellung. Die scheinbar fatalen Differenzen zwischen den Kulturen und Rassen, die sind in "Crash" also eine Anhäufung von Unfällen, doch ohne Polemik möchte der Film seine These nicht formulieren. Tatsächlich betreibt Haggis eine folgenschwere Ursachenforschung, an deren Ende er sich mit belehrenden, überambitionierten Lösungsvorschlägen leider grandios verzettelt.

Denn bei aller Mühe, die sorgfältig entwickelten Stränge in einen Zusammenhang zu bringen, krankt der Film an seinen plump aufbereiteten Ansprachen, die er vor dem Zuschauer hält und ihn dabei einer aufdringlich moralinen Lehrstunde aussetzt. Auf die anfänglich abschreckenden, den automatischen Antirassismus des Publikums herauf- beschwörenden Sequenzen voller Gewalt in Wort und Tat folgen alsbald Zufälle und überkonstruierte Begegnungen der Figuren, die ausschließlich Läuterung und Selbsterkenntnis mit aussöhnender Vergebung koppeln und floskelartige Weisheiten predigen, anstatt den ungemütlichen Weg differenzierter Konfrontation zu gehen. Nicht Ohnmacht, nicht Unlösbarkeit finden hier Erwähnung, sondern vielmehr die bemüht unbemühte Erforschung der Ursachen des Rassismusproblems, die in verkalkuliertem Populismus mündet.

Haggis unterstützt seine Zuschauer eifrig dabei, sich entweder gewissenstark bestätigt zu sehen, oder andernfalls einer lauten Anklage beizuwohnen – ohne seine Gedanken einer tiefgründigen Analyse zu unterziehen. Fraglicherweise ist Rassismus in "Crash" letztlich nur ein Konstrukt aus individuell zusammengesetztem Lebensunmut, sowohl die wohlhabende Anwaltsfrau, die ihre Haushälterin demütigt, als auch der Streifenpolizist, der eine junge Frau sexuell belästigt, enttarnen sich als Opfer ihrer Frustration, ihre privaten Probleme und Unglückszustände machen aus ihnen offenbar die Monster des Alltags, als die sie gezeichnet werden. Diese massiv verkürzte wie simple These scheitert schon an ihrer Blindheit gegenüber der Realität, in dem sie das Problem verharmlost und als vereinfacht lösbar darstellt – schließlich müssen alle Rassisten offenbar nur ein wenig Selbstreflexion durchleben, um ihren Hass als ungerechtfertigt zu erkennen.

Der Crash ist dabei nicht nur Auslöser für dieses ungehemmte Deutlichmachen von blankem Rassismus, sondern Beginn einer Ereigniskette, die gleichsam auch wieder zur befreienden Versöhnung führt (Matt Dillon rettet die zuvor missbrauchte Frau aus den Flammen ihres Autowracks). Die dafür entwickelte Bild- und Motivwahl fällt ähnlich grob aus, erdrückende Ethno-Gesänge stören die sensiblen Momente des Drehbuchs, während die Kamera das Geschehen allzu majestätisch ablichtet. Die emotional überkandidelte Schlussmontage ist mit süßlichen Popsongs unterlegt und verzichtet auch nicht auf visuelle kathartische Effekte, wenn wallendes Feuer und flockiger Schnee als verschmelzende Elemente die Reinigung der Figuren bebildern. Die profane Offensichtlichkeit in Haggis’ Inszenierung ist bedauerlich vor allem für die durchweg brillanten Leistungen seines Ensembles, deren talentierte Schauspieler sich jedoch auf verlorenem Posten befinden.


20%
- erschienen bei: filmzentrale