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Januar 08, 2015

Kino: ST. VINCENT

Man sollte eigentlich meinen, das Wohlfühlkino habe sich mit der beliebten Figurenkonstellation aus altem Sauertopf und niedlichem Dreikäsehoch ausreichend selbst kuriert. Vielleicht aber gehört es auch zum Wesen generationsübergreifender Geschichten, dass man sie einfach wieder und wieder erzählt. Und dabei so großzügig überzuckert, bis eben auch der letzte Zuschauer sie für wahrhaftig hält. [...]

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April 08, 2014

Kino: SABOTAGE

Mit Arnold Schwarzenegger ist nicht mehr viel los, zumindest an den Kinokassen. Dort verzeichnen dessen Filme inzwischen entweder herbe Verluste ("The Last Stand") oder bleiben weit hinter den Erwartungen zurück ("Escape Plan"). „Sabotage“, der neue kräftig beworbene Arnie-Kracher, bescherte dem einstigen Hitgaranten nun sogar seinen schlechtesten US-Start seit 30 Jahren. Nicht zu Unrecht, wie man leider sagen muss. [...]

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September 25, 2007

Kino: THE BRAVE ONE

Nach seinem bemerkenswerten IRA-Drama "Breakfast on Pluto" inszeniert Neil Jordan wieder in den USA. Vielleicht um etwas Geld zu verdienen. Oder auch die Arbeit mit Jodie Foster als Fußnote in der Schaffensvita zu verewigen. Wie die meisten US-Produktionen des Iren ist "The Brave One" von einer herausragenden Lustlosigkeit in Regie und Inszenierung gekennzeichnet, vielleicht ist es sogar der schlechteste Film, den Jordan bislang zu verantworten hat.

Erica Bain (Foster) ist Radiomoderatorin in
New York. Ihrer zarten und schmächtigen Erscheinung steht eine einfühlsame Intelligenz gegenüber, sie kann auf Menschen eingehen, steht mit beiden Beinen im Leben. Eines Nachts spazieren sie und ihr Freund David (Naveen Andrews) im Park, sie führen den Hund aus, küssen sich, albern herum – und werden von brutalen Straßengangstern überfallen. Wochen später erwacht Erica aus dem Koma, David hat den Angriff nicht überlebt. Fortan ist die Frau geplagt von Angstzuständen und Panikattacken. Als sie dann unerwartet in einen weiteren Überfall gerät, wehrt sie sich: Und beginnt einen Rachefeldzug auf eigene Faust.

Das Übel beginnt wohl mit der Erwartungshaltung: Beim "The Crying Game"-Regisseur hätte man guten Gewissens eine – wenn schon nicht ideologisch einwandfreie – so doch zumindest differenzierte, komplexe, uneindeutige, ja wenigstens eine gedankliche Auseinandersetzung mit dem leidigen Selbstjustizstoff vermuten dürfen. Das haben sie uns doch uns vorgemacht, die großen Meister. Diejenigen, auf die sich Jordan so plump beruft. Auf Martin Scorsese etwa, auf "Taxi Driver" also – den mit der jungen Jodie Foster und der Musik von Bernard Herrmann. "The Brave One" zitiert fleißig, grobschlächtig, auf sich selbst verweisend. Und macht es dem Zuschauer besonders unangenehm. Selbst wenn das hingegen nur halb so peinlich wie langweilig ist.

Weil der Film so arglos vor sich hin plätschert, möchte man schnell mutmaßen, dass Jordan an einer weniger spekulativen, denn behutsamen Annäherung interessiert scheint. Viel zu tun hat der Mann allerdings nicht. Seine Jodie Foster inszeniert sich unweigerlich selbst: Die Rolle als zerbrechliche, agile und hilflose Frau, die sich nach schmerzlicher Pein zur Emanzipation aufrafft, hat sie sicherlich schon einige Dutzend Mal gespielt. Die Kamera steigt ihr stets nach, und mehr als Mitleid für die Hauptfigur soll dabei auch nicht herumkommen. Doof nur, dass "The Brave One" ähnlich wie jüngst "Death Sentence" vorheuchelt, an Graustufen interessiert zu sein, anders als dieser aber nicht einmal für zwei Stunden gesunde Exploitation genügt.

Jordan bzw. Foster zeigen den ersten Überfall mit vehementer Brutalität, an deren Intensität der Film ganz bewusst zu keiner Zeit mehr anknüpfen wird. Die weiteren Morde als Akt der Eigenvergeltung werden niemals in Frage gestellt, obwohl es fast schon so wirkt, als provoziere Fosters Figur jeglichen Konflikt. Ob ein Überfall im Spirituosengeschäft oder eine Pöbelei in der U-Bahn – der Film fährt eine konstante moralische Linie, immer sollen die Sympathien bei der gebeutelten Moderatorin liegen, ohne dass hier nach Ursachen in gesellschaftlichen und/oder politischen Institutionen gesucht wird. Richtig unangenehm, fast schon grotesk wird’s zum Ende, wenn Terrence Howard als gutmütiger, seines Zeichens selbst von Justitia losgelöster Polizist der weinerlichen Foster die Waffe in die Hand drückt, um schließlich den Gangleader erschießen zu können. An Jordans Gespür fürs Mehrdeutige, für Subtilität und trockenen Witz denkt man hier dann schon längst nicht mehr. Ein wahres Trauerspiel.


25%
- erschienen bei: DAS MANIFEST

Dezember 23, 2006

DVD: CRASH (2004)

"Million Dollar Baby"-Autor Paul Haggis unternimmt in seinem Spielfilmdebüt den Versuch, den mal latenten, mal offensichtlichen Rassismus in Alltags- und Stresssituationen fragmentartig zu verweben, in mehreren Einzelepisoden porträtiert er Menschen in der Metropole Los Angeles, Menschen schwarzer und weißer Hautfarbe, Mexikaner, Chinesen, Puertoricaner, und lässt ihre Schicksale einander tangieren. Korrupte weiße Polizisten, die ihrer rassistischen Gesinnung tagtäglich Luft machen, irakische Ladenbesitzer, die mexikanische Schlosser beschuldigen und angreifen, farbige Regisseure, die sich diskriminieren und beschneiden lassen, Staatsanwälte, Ermittler, Straßenjungs - Haggis beleuchtet all diese Figuren in ihrem ganz persönlichen Lebenselend, um sie am Ende der Erlösung zu übergeben.

Der Ansatz mag ambitionierter Natur sein, den immer wiederkehrenden, Titel gebenden Autocrash betrachtet der Film als Metapher für den Crash der Kulturen, wie Menschen verschiedenster ethnischer Herkunft aneinander stoßen, sich verspotten, beschimpfen, mit Vorurteilen begegnen. Autounfälle- oder Überfälle sind bei Haggis ein beständiges Symbol für die entlarvende Äußerung von Rassismus in all seinen Ausprägungen, als Scheingrund für den Hass, als Exempel für dessen unmaskierte Darstellung. Die scheinbar fatalen Differenzen zwischen den Kulturen und Rassen, die sind in "Crash" also eine Anhäufung von Unfällen, doch ohne Polemik möchte der Film seine These nicht formulieren. Tatsächlich betreibt Haggis eine folgenschwere Ursachenforschung, an deren Ende er sich mit belehrenden, überambitionierten Lösungsvorschlägen leider grandios verzettelt.

Denn bei aller Mühe, die sorgfältig entwickelten Stränge in einen Zusammenhang zu bringen, krankt der Film an seinen plump aufbereiteten Ansprachen, die er vor dem Zuschauer hält und ihn dabei einer aufdringlich moralinen Lehrstunde aussetzt. Auf die anfänglich abschreckenden, den automatischen Antirassismus des Publikums herauf- beschwörenden Sequenzen voller Gewalt in Wort und Tat folgen alsbald Zufälle und überkonstruierte Begegnungen der Figuren, die ausschließlich Läuterung und Selbsterkenntnis mit aussöhnender Vergebung koppeln und floskelartige Weisheiten predigen, anstatt den ungemütlichen Weg differenzierter Konfrontation zu gehen. Nicht Ohnmacht, nicht Unlösbarkeit finden hier Erwähnung, sondern vielmehr die bemüht unbemühte Erforschung der Ursachen des Rassismusproblems, die in verkalkuliertem Populismus mündet.

Haggis unterstützt seine Zuschauer eifrig dabei, sich entweder gewissenstark bestätigt zu sehen, oder andernfalls einer lauten Anklage beizuwohnen – ohne seine Gedanken einer tiefgründigen Analyse zu unterziehen. Fraglicherweise ist Rassismus in "Crash" letztlich nur ein Konstrukt aus individuell zusammengesetztem Lebensunmut, sowohl die wohlhabende Anwaltsfrau, die ihre Haushälterin demütigt, als auch der Streifenpolizist, der eine junge Frau sexuell belästigt, enttarnen sich als Opfer ihrer Frustration, ihre privaten Probleme und Unglückszustände machen aus ihnen offenbar die Monster des Alltags, als die sie gezeichnet werden. Diese massiv verkürzte wie simple These scheitert schon an ihrer Blindheit gegenüber der Realität, in dem sie das Problem verharmlost und als vereinfacht lösbar darstellt – schließlich müssen alle Rassisten offenbar nur ein wenig Selbstreflexion durchleben, um ihren Hass als ungerechtfertigt zu erkennen.

Der Crash ist dabei nicht nur Auslöser für dieses ungehemmte Deutlichmachen von blankem Rassismus, sondern Beginn einer Ereigniskette, die gleichsam auch wieder zur befreienden Versöhnung führt (Matt Dillon rettet die zuvor missbrauchte Frau aus den Flammen ihres Autowracks). Die dafür entwickelte Bild- und Motivwahl fällt ähnlich grob aus, erdrückende Ethno-Gesänge stören die sensiblen Momente des Drehbuchs, während die Kamera das Geschehen allzu majestätisch ablichtet. Die emotional überkandidelte Schlussmontage ist mit süßlichen Popsongs unterlegt und verzichtet auch nicht auf visuelle kathartische Effekte, wenn wallendes Feuer und flockiger Schnee als verschmelzende Elemente die Reinigung der Figuren bebildern. Die profane Offensichtlichkeit in Haggis’ Inszenierung ist bedauerlich vor allem für die durchweg brillanten Leistungen seines Ensembles, deren talentierte Schauspieler sich jedoch auf verlorenem Posten befinden.


20%
- erschienen bei: filmzentrale