Januar 08, 2009

Kino: KINOSTARTS - 08.01.2009

  • Jerichow (Drama, D 2008)
  • Warten auf Angelina (Komödie, D 2008)
  • Alter und Schönheit (Drama, D 2008)
  • Die Perlmutterfarbe (Tragödie, Bayern 2008)
  • Transporter 3 (Action, USA/F 2008)
  • Warlords (Kriegsaction, CN 2008)
  • Sieben Leben (Kannibalismus-Drama, USA 2008)

Januar 06, 2009

Zuletzt gesehen: BLACK NARCISSUS

Man will gar nicht glauben, dass "Black Narcissus" bereits 1947 produziert wurde. Andererseits ließe sich so einfach auch gar kein zeitlicher Bezug ausmachen: Das Gefühl für Orientierungslosigkeit ist Michael Powells und Emeric Pressburgers Film in beinahe jeder Einstellung eingeschrieben – und die Verortung wird noch zusätzlich mittels extremer Stilisierung erschwert: So ist der Film nahezu komplett in den Pinewood-Studios gedreht, verwirrt und begeistert jedoch ununterbrochen mit spektakulären Außenaufnahmen Indiens, die keine sind. Jack Cardiffs Kameraarbeit ist schlicht sensationell, atemberaubend und übermächtig, die Matte Paintings und Farbgestaltung bis heute unübertroffen (und der ungeheure Einfluss auf Regisseure wie Dario Argento nicht zu übersehen). Ein Technicolor-Rausch von einem Film, wahrlich. Powell und Pressburger erweisen sich im Umgang mit ästhetischen Prinzipien dabei überraschend verspielt, sie nutzen changierende Farb- und Lichtsetzung mal zugunsten einer fiebrigen Atmosphäre, die die an und für sich konfuse Handlung begleitet, dann wieder für melodramatische Effekte oder Orientmärchen-Pomp. Dass "Black Narcissus" dabei als sorgfältiges, filmisch interpretiertes Stimmungsbild ebenso wie als Film über Wahnsinn und Hysterie erscheint, liegt nicht zuletzt am enervierenden Spiel insbesondere Deborah Kerrs, deren Rolle zu einem Karriere-Archetypen werden sollte – eine Variation der ‚repressiven Nonne’ gab sie später noch einmal meisterhaft in Jack Claytons "The Innocents".


75%

Januar 05, 2009

Retro: BAD BOY BUBBY (1993)

Mit Begeisterung wurde "Bad Boy Bubby" bei den Filmfest- spielen von Venedig 1993 aufgenommen und mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. Der große Erfolg blieb im Anschluss zwar trotz überragender Kritiken aus, dennoch scheint sich Rolf de Heers Kaspar-Hauser-Variation als Kultfilm bewährt zu haben. Dementsprechend wurde eine ange- messene Veröffentlichung auf DVD nicht nur hierzulande lang erwartet. Das Nachwuchs-Label Bildstörung hat, nach eigenen Angaben in enger Zusammenarbeit mit dem Regisseur, der Wartezeit nun ein Ende bereitet. Der gute Ruf des Films, in dem der 35 Jahre lang in einer dreckigen kleinen Wohnung eingesperrte Bubby erstmals ans Tageslicht gerät, gibt hingegen Rätsel auf: Hinter ihrer aufgesetzt bescheidenen Indie-Fassade ist die australische Produktion schlimmster Mainstream-Sozialkitsch.

Der erste Akt schildert in 30 eindringlichen Minuten noch das Martyrium des Titelhelden, dem Opfer einer Lebenslüge der Mutter. Ständige Schikanierungen und inzestuöser Missbrauch bilden den Alltag des zurückgebliebenen Mannes, bis er seine Eltern schließlich einfach tötet und sein Wohnloch verlässt. Hier vollzieht sich dann auch der radikalste Wechsel des Inszenierungsstils, als Bubby die Welt außerhalb zu erforschen beginnt. In der ursprünglichen Originalfassung ändert sich das im Widescreen zusätzlich eingepferchte Vollbild-Format des ersten Drittels, das am ehesten einem Guckkasten gleicht, in schönstes Cinemascope – bereits das ist ein Ausdruck der einfallslosen, plakativen Strategie des Films, adäquate Bilder für die absurde Geschichte zu finden. Was daran jedoch einzig fasziniert ist der ungebrochene Einfluss, den der "Wizard of Oz" offenbar noch heute zu haben scheint, nicht die ausgestellte Indifferenz der Photographie.

Auf seiner Selbsterkundungsreise erlebt Bubby dann natürlich einige verrückte Dinge: Er wird verprügelt und in den Arsch gefickt, landet im Knast und danach gar als Pfleger im Behindertenheim, ehe er letztlich zum Rockstar aufsteigt. Im Prinzip nimmt der Film auf einem provinziellen Niveau die dümmlich-naive Gutmenschenmoral eines "Forrest Gump" vorweg, alles ist dabei mit klebriger Melancholie und prätentiösem Kunstwillen samt Pseudo-Theodizee in Szene gesetzt. Ein schrecklich schwachsinniger Film mit einem bedauernswerten Mangel an Aufrichtigkeit. Und schlimmer noch: Wenn Bubbys Leidensweg schließlich durch Frau, Kind und Reihenhaus ein Ende findet, möchte man nur noch Kotzen.


30% - (als DVD-Review) erschienen bei: DAS MANIFEST

Januar 04, 2009

TV: Fernsehtipps vom 05.01. - 11.01.2009

Montag, 05.01.

21:00 Uhr – Frühstück bei Tiffany (Arte)

Entzückender Film, aber vermutlich wirklich die Fehlbesetzung des Jahrhunderts.

22:15 Uhr – Armageddon (ZDF)

Gut: Das Getrickse. Schlecht: Der Film.

0:10 Uhr – Stadt der Frauen (HR)

Halte ich nach wie vor für einen der schwächeren Fellinis. Wirkt wie ein spätes Werk-Resümee an Bildern, denen irgendwie der Inhalt fehlt.

1:05 Uhr – Buddenbrooks (ARD)

Die Version mit Liselotte Pulver. Ist jetzt zwar auch keine besonders aufregende Verfilmung, aber besser als der TV-Trash von Breloer, der momentan in den Kinos läuft, sicher allemal. Hat übrigens eine sehr bewegte und spannende Produktionsgeschichte.

Dienstag, 06.01.

15:30 Uhr – Cry-Baby (RTL2)

Ein Traum.

20:15 Uhr – The Sentinel (ZDF)

Dröge inszenierter Thriller mit ausgelutschter Handlung und geliftetem Michael Douglas. Versucht verzweifelt TV-Strategien aus "The Shield" und "24" aufs Kino zu übertragen, kommt aber eigentlich rund 15 Jahre zu spät.

22:05 Uhr – The Game (RBB)

Eine leere Fingerübung. Als Plot-Film unlogisch und vorhersehbar, als Versuchsanordnung über (Computer)Spiel-Mechanismen zu durchsichtig. Den besseren Beitrag über filmische Konstruktion hat da Michael Mann mit "Collateral" abgeliefert.

23:00 Uhr – Eden (Arte)

Ein Film übers Kochen mit Charlotte Roche. Keine Ahnung, muss man das sehen?

Mittwoch, 07.01.

22:30 Uhr – Fortress – Die Festung (K1)

Herrlich bizarrer Sci-Fi-Edel-Trash über den Babyboom von Stuart Gordon, läuft allerdings stark gekürzt.

Donnerstag, 08.01.

20:15 Uhr – Kevin – Allein zu Haus (VOX)

Nostalgie-Liebling. Wirklich exzellentes Sendedatum...

20:15 Uhr – Beverly Hills Cop (SAT.1)

Buddy-Film, der alles bietet: Einen Helden mit Ödipus-Komplex, genretypische Homo-Chiffres, Synthie-Musik und Judge Reinhold. Mehr dated geht nicht.

23:45 Uhr – Der Pate 3 (Arte)

Coppola ist natürlich nicht mehr ganz bei der Sache. Einiges ist schludrig inszeniert, die Besetzung nicht immer geglückt, aber dennoch wurde der zu Unrecht gescholten. Ist immer noch 10mal besser als sämtliche amerikanischen Mafiafilme der 80er.

Freitag, 09.01.

22:15 Uhr – End of Days (Pro7)

Horror-Action-Gemisch zum Milleniums-Hype. Wenn der Film überhaupt einmal funktioniert hat, dann nur zur Kinoaufführung.

Samstag, 10.01.

20:15 Uhr – Body Heat / Heißblütig – Kaltblütig (Das Vierte)

Lawrence Kasdans Film Noir-Hommage. Ich habe und hatte eine Schwäche für den Film, was vor allem an der gottgleichen Kathleen Turner und John Barrys Musik liegt.

22:30 Uhr – 13 Geister (Pro7)

Den Charme des Originals ersetzen blutige und einfallsreiche CG-Tricks. Von allen Dark Castle-Remakes noch das netteste.

22:30 Uhr – Nightwatch (Das Vierte)

Lange nicht mehr gesehen. Habe ich aber als einen der effektivsten Thriller überhaupt in Erinnerung. Bornedal lässt nichts aus, verzichtet aber dennoch selbst im Schlussteil auf die üblichen Genre-Grobschlächtigkeiten.

Sonntag, 11.01.

20:15 Uhr – Harry Potter und die Kammer des Schreckens (Pro7)

Großartig, wie Chris Columbus die Waage hält zwischen kindlicher Erlebniswelt und den nahenden Schrecken des Erwachsenwerdens. Mein Lieblingsfilm der Serie.

23:30 Uhr – Chanson d’Amour (ARD)

Depardieu als Schlagersänger. Klingt gruselig, aber Mathieu Almaric ist immerhin dabei. Bestimmt typisch beschwingter französischer Mainstream.

23:35 Uhr – Terminator 3: Rebellion der Maschinen (Pro7)

Kurzweilige Franchise-Wiederbelebung im PG-Gewand mit guten Actionszenen. Macht im Großen und Ganzen Spaß, funktioniert aber auch nur noch als Zitat.


TV-Tipps gibbet auch beim Tumi, Christian und Fincher.

Januar 03, 2009

Die TV-Tipps....

... werden jetzt wie früher wieder den Zeitraum von Montag bis Sonntag umfassen und demnach immer sonntags online gehen. Also keine "Sorge". ;)

Dezember 31, 2008

Kino: TWILIGHT

Das bisschen Popkultur-Prosa, das heute so die Bestseller- listen anführt, ist mit Literatur ja selbst kaum mehr noch in einen semantischen Zusammenhang zu bringen. Kürzlich erst, anlässlich der Kino-Adaption von "Tintenherz", galt es sich noch über den Erfolg der unlogischen Trivialromane von Cornelia Funke zu wundern, da steht schon die nächste Konvertierung vom jungen Erfolgsbuch zum Erfolgfilm ins Haus: Die Teenie-Schmonzette "Twilight", powered by Jugendbuchautorin Stephenie Meyer, wurde von Catherine Hardwicke zu einer Kinoversion umgemodelt, die in den USA ein Vielfaches ihrer Kosten wieder eingespielt hat. Ein richtiger Hit also, die pubertäre Vampirromanze.

Irritierend allerdings, in jeder Hinsicht. Schon das Summit- Entertainment-Logo zu Beginn wirkt, nun ja, ein wenig trashig - gleichwohl die Independent-Schmiede sich mittlerweile mit Edel-Camp wie "Never Back Down" zumindest finanziell "gemausert" hat - und diesen Eindruck vermag die ebenso unbeholfene wie arg videomäßige Inszenierung in den folgenden zwei Stunden auch nicht so wirklich zu widerlegen. Der Film soll 37 Mio. Dollar gekostet haben, in seinen besten Szenen sieht er gerade einmal nach 10 Mio. aus. Aber gut, das ist nur der äußere Schein - sei's drum, wenn Hardwicke hier eine hübsche Blutsauger-Geschichte zu erzählen hat, dann soll die Ästhetik ruhig mal hinten anstehen.

Doch das Plotchen, in dem sich ein Mädchen in einen Jungen verliebt, der aber ein Vampir ist und sie deshalb nicht küssen, geschweige denn entjungfern mag, dieses Gemisch aus Romeo-und-Julia-Plattitüden und einfallslosen Zitaten des stilbildenden Teen-Vampirfilms "The Lost Boys" ergibt eine inhaltlich einschläfernde und ideologisch äußerst bizarre Biedermeier-Schnulze, die dann doch schickes Bildwerk und ein sicheres Händchen benötigt hätte. Hardwicke setzt den mädchenhaften Impetus des Stoffes zwar ambitioniert mit viel Seitenrascheln um, und gewiss: darin wird das Hitpotential gelegen haben, aber das zähe - nicht etwa bewusst kontemplative, stilsichere oder einem bestimmten sinnlichen Erzählrhythmus dienliche - Dahinplätschern der denkbar unaufregenden Geschichte ist schon irgendwie ziemlich scheiße.

Vor allem, weil sich "Twilight" sehr wichtig vorkommt mit dem, was er da verhandelt: Dem romantischen Leiden des Vampirs, der keine Körperlichkeit besitzt, und den semi-erwachsenen Adoleszenznöten des Mädchens, das ja auch irgendwie nur ein Vampir sein möchte. Die unfreiwillige Unterdrückung sexueller Lust scheint bei Hardwicke jedoch zum Segen verkommen, so denn der Film nichts anderes als Enthalt- samkeit beschwört. Und da erinnert man sich dann irgendwie wieder an ihren letzten Film, an den Bibel-Trash "The Nativity Story", der ein fröhlich-misogynes Loblied auf Zwangs- verheiratung einstimmte, und der auch erklären mag, warum Hardwicke sich wohl für den Stoff empfohlen haben könnte.

Immerhin unterhält "Twilight", vielleicht gerade weil er zutiefst sexuelle Motive mit bravem Kitsch zu verdrängen sucht, gelegentlich durch eine amüsante Absurdität: Schließlich ist Edward, der schöne High-School-Nosferatu, faktisch schon ein uralter Sack, weshalb seine so qualvolle Anziehungskraft zur minderjährigen Bella (!) auch als unfreiwillig originelle Variation einer pädophilen Zuneigung verstanden werden kann. Natürlich muss man sich derlei im Subtext zusammen spinnen, der glatte und keimfreie PG-13-Grusel würde ja im Traum nicht auf die Idee kommen, seine eigentlich gar nicht so uninteressanten Ansätze ein wenig zu phrasieren. Ein Trost vielleicht: Die komplexe Version eines ähnlichen Stoffes gibt es im Kino momentan mit "Let the Right One in" zu be- wundern.


40% - erschienen bei: DAS MANIFEST

Dezember 28, 2008

Das war's: Rückblick 2008 - Tops & Flops

Im Gegensatz zu den letzten beiden Jahren werde ich die Tops und Flops zusammenfassen und keine spezielle Flop 10 erstellen. Habe irgendwie keine Lust mehr, den Crap auch noch zu ranken, schlimm genug, dass ich so viel Scheiße sehen musste. Deshalb soll der ausführliche Platz den großartigen Filmen vorbehalten sein. Hier also nun alle Filme des Jahres, die ich gesehen habe, absteigend aufgelistet, beginnend mit der Top 10:


10. Drifter
(Sebastian Heidinger)

Sehr überlegt inszenierter Dokumentarfilm über die Jugendprostitution am Bahnhof Zoo, jenseits von "Christiane F.". Mit emotionaler, nicht aber räumlicher Distanz nähert sich Heidinger einem sozialen Problembereich in der Nische: Das Quasi-Lichten einer Grauzone geschieht mit der nötigen Subtilität und für einen jungen Regisseur von der Film-Uni erstaunlich unprätentiös. Ein Film, der mich nicht zuletzt wegen seines unkonventionellen, szenischen Konzepts beeindruckt hat.


9. Once (John Carney)

Eine wundersame Liebesgeschichte über die Kraft der Musik. Sicher, ein wenig ist der irische Independentfilm cheesy inszeniert, manchmal gar orientierungslos, aber er ist dabei eben auch unbeholfen sympathisch und stets aufrichtig. Mit zwei großartigen Hauptdarstellern und noch großartigerer Musik einer der schlicht schönsten Filme des Jahres.


8. Mamma Mia! (Phyllida Lloyd)

Nach einem Trailer mit hoher Fremdschämgarantie erwies sich die Kinoumsetzung des beliebten Stage-Musicals um die ABBA-Klassiker als unbekümmertes Camp-Fest, das so viel Lebensfreude und Gute Laune versprüht wie kein anderer Film 2008. Eskapismus in Reinkultur, wunderbar besetzt. Und mit Mut zur Peinlichkeit.


7. WALL·E (Andrew Stanton)

Ein Film über die stille Liebe zweier Roboter. Inmitten "Hello, Dolly!" als kommunikativer Vermittler - die Sprache eines jahrhundertealten Films auf Video reift zur einzigen Sprache eines volldigitalen Films, der 700 Jahre in der Zukunft spielt. Die erste Hälfte gar von ungeheuerer Brillanz, eine bewegende und komplexe Studie über Einsamkeit und Verstummung – in einem Kinderabenteuer! Danach schlittert "Wall-E" zwar über bekanntes Terrain, dennoch hat Pixars Quasi-"E.T. 2.0" mein Herz im Sturm erobert.


6. Le Scaphandre et le papillon (Julian Schnabel)

Julian Schnabels Interpretation eines Schicksals. Von Jean-Dominique Bauby, der nach einem Schlaganfall vollständig gelähmt ist – und nur mit seinem linken Auge kommunizieren kann. Bauby schrieb im Krankenhaus ein Buch: Er diktierte es ausschließlich über seinen Lidschlag, nur wenige Tage nach Veröffentlichung starb er 1997. Diese unglaubliche, bewegende Geschichte verarbeitet Schnabel als filmische Rekonstruktion zu einem humanistischen Manifest. Zunächst experimentell, später konventionell, aber immer mit einem Höchstmaß an inszenatorischer Konzentration. Da ich dieses Jahr erstmalig Dalton Trumbos Meisterwerk "Johnny got his Gun" gesehen habe, blieb der große Effekt der filmischen Erzählsubjektive leider aus, dennoch ist "Schmetterling und Taucherglocke" ein großartiger Film. Und es ist fast allein Janusz Kaminskis Film.


5. Otto; or, Up With Dead People (Bruce La Bruce)

Ein poetischer Zombiefilm. Otto, der queere Untote, watschelt durch die Überreste des Plänterwaldes, fährt mit der U1 durch Berlin – und landet in einem Underground-Film einer lesbischen Kapitalismuskritikerin. Zwischen Gedärm und Blut und Bauchhöhlenficks findet Bruce La Bruce einfühlsame Bilder für Coming-Out-Nostalgie und Sinnsuche. Ein höchst faszinierender, verspielter Film. Mit Sicherheit die größte Überraschung des Jahres.


4. Låt den rätte komma in (Tomas Alfredson)

Der originellste, abgründigste, schönste Vampirfilm seit langer, langer Zeit. Klug und komplex spinnt er Motive von Anne Rice weiter, erinnert dabei manches Mal an Astrid Lindgren. In erster Linie aber ist es ein Film über Kinder, der sich in vielerlei Hinsicht sehr überlegt mit Sexualität und Gewalt auseinandersetzt. Ein bemerkenswertes Seherlebnis.


3. Les Chansons d'amour (Christophe Honoré)

Was zunächst wie eine leicht verrückte Hommage an Jacques Demys "Les Parapluies de Cherbourg" erscheint (immerhin spielt Catherine Deneuves Tochter auch noch eine tragende Rolle), ist nicht weniger als das entzückend schönste Filmmusical des Jahres. Verspielt, leichtfüßig und oft auch sehr frech erzählt Christophe Honoré hier eine ganz wunderbar beiläufig queere Geschichte über Liebe und Tod in regnerischen Bildern. Die Songs sind absolut großartig, die Schauspieler umwerfend. Und das ganz besonders Tolle an diesem Film ist seine Bezugnahme auf die Nouvelle Vague und die ewig gleichen Mann-Frau-Beziehungsgeschichten eines Jean Luc Godard – nur um deren heterosexuelle Klischees zu überwinden. Es ist außerdem der einzige Film, der mir in diesem Kinojahr Freudentränen entlocken konnte.


2. Sweeney Todd – The Demon Barber of Fleet Street (Tim Burton)

Tim Burton hat sich nicht länger vor der Herausforderung eines Realfilmmusicals gedrückt. Und er ist nicht, wie selbst viele Altmeister, an der inszenatorischen Komplexität des Genres gescheitert. Noch dazu hat es der Regisseur nicht gescheut, die heiligste Kuh aller Musicals zu adaptieren, nämlich Stephen Sondheims Jahrhundertkomposition vom teuflischen Barbier auf Rachefeldzug. Das Ergebnis ist überwältigend: So ökonomisch und punktgenau inszenierte Burton seit "Ed Wood" nicht mehr. Die perfekte Schauspielführung, das brillante visuelle Konzept, die betörende Neueinspielung der Musik – auch nach 6 Sichtungen allein in diesem Jahr mein persönlicher Lieblingsfilm 2008.


1. There Will Be Blood (Paul Thomas Anderson)

Nach einem großartigen ("Boogie Nights"), einem herausragenden ("Magnolia") und einem entzückend- schönen ("Punch-Drunk Love") Film hat P.T. Anderson hier sein erlesenes Meisterwerk vorgelegt. Wenn es im Jahre 2008 noch gelingt, ästhetisch so außerordentlich originell wirken und neue filmische Gestaltungsmittel derart beeindruckend für sich beanspruchen zu können, dann gehört das natürlich ganz oben an die Jahresspitze. Andersons Kraft durchdringt dabei jede Ebene der Inszenierung, der Film über ein Monster wird zum Monstererlebnis, im völligen Bewusstsein seiner künstlerischen Mittel. Der beste amerikanische Film seit "Brokeback Mountain".


Runner Up's:

All the Boys Love Mandy Lane / Australia / Before the Devil Knows You’re Dead / Boy A / Cloverfield / Dead Man’s Shoes / Hellboy II: The Golden Army / High School Musical 3: Senior Year / In Bruges / Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull / Mala Noche / No Country For Old Men / Run, Fatboy, Run / Savage Grace / Wanted / You Belong to Me

Gehobenes Mittelfeld:

Caramel / Control / Diary of the Dead / El Orfanato / Hatsu-Koi / Hellbent / How to Lose Friends & Alienate People / Iron Man / Presto / The Darjeeling Limited / The Dark Knight / The Savages / Transsiberian / Vicky Cristina Barcelona / We Own the Night / Wolke 9 / Youth Without Youth

Annehmbar:

Dan in Real Life / Du levande (You, the Living) / Fireflies in the Garden / I'm Not There / Into The Wild / Jackass 2.5 / Juno / Quantum of Solace / You Kill Me

Kleine Geistesblitze nicht ausgeschlossen:

[REC] / Be Kind Rewind / I am Legend / Lars and the Real Girl / Science of Horror – Wenn die Kettensäge zum Penis wird / Speed Racer

Daneben:

Cassandra’s Dream / Die Welle / Frontière(s) / Rambo / Star Wars: The Clone Wars / The Bucket List / The Good Night / The Incredible Hulk / The Mummy: Tomb of the Dragon Emperor / You Don’t Mess With the Zohan

Brechmittel:

À l'intérieur (Inside) / Babylon A.D. / Der Baader Meinhof Komplex / Doomsday / Inkheart / KeinOhrHasen / Krabat / Mirrors / Paranoid Park / Prom Night / Saw IV / The Day the Earth Stood Still / The Mist

Körperverletzung:

10,000 B.C. / Bedtime Stories / Camp Rock / Dream Boy / Eagle Eye / Funny Games U.S. / La Terza madre (Mother of Tears) / Never Back Down / Street Kings / The Accidental Husband / The Happening

Guilty Pleasure:

The Women

Dezember 27, 2008

TV: Fernsehtipps vom 27.12.2008 - 02.01.2009

Samstag, 27.12.

16:15 Uhr – Shrek – Der tollkühne Held (Pro7)

Der beispielhafteste Film im Produktionsschema von DreamWorks: Postmoderne, bis zum Erbrechen ausgestellte Filmzitate, schwungvolle Popnummern und ein erhöhter Niedlichkeitsfaktor generieren den ultimativen Familienfilm, der nicht nur wegen seines potthässlichen Helden und der grottigen Animation, sondern auch deshalb unendlich nervt, weil sein ironisches Selbstverständnis nur Maskerade ist.

20:15 Uhr – Enthüllung (RTL2)

Super-Trash, in dem mal wieder eine selbstbestimmte Frau dem sexgierigen Michael Douglas böse mitspielt. Von vorn bis hinten hochgradig albern und schon zur Zeit der Entstehung völlig dated.

22:00 Uhr – Mission: Impossible (ZDF)

Furiose und extrem spannende Kinoadaption der TV-Serie, die sich aber viel zu ernst nimmt und das Team der Vorlage auf eine One-Man-Show reduziert. Cruise spielt stellenweise unglaublich mies, dennoch einer von drei guten De Palma-Filmen.

22:10 Uhr – Christine (Das Vierte)

Es gibt eigentlich nichts Gruseligeres als einen 58er-Plymouth, der die heißen Dates seines High-School-Besitzers aus Eifersucht erledigt. Eine in vielerlei Hinsicht bemerkenswert blöde King-Adaption von Carpenter.

23:35 Uhr – Herr der Ringe – Die zwei Türme (RTL)

Gerade erst wieder geschaut, wie jedes Jahr zu Weihnachten. Ist einfach ganz tolles und magisches und vereinnahmendes Fantasy-Kino mit einem nahezu perfekt adaptierten Drehbuch und durchdrungen von wahrlich beeindruckendem Inszenierungswillen. Im Fernsehen kann man sich das natürlich nicht anschauen, da a) im falschen Bildformat und b) nur in der völligen unrhythmischen Kinofassung ausgestrahlt. Der zweite Film profitiert von der längeren Version nämlich am Stärksten.

23:40 Uhr – Batman (ZDF)

Der erste große und ernsthafte Batman-Kinofilm. Burton hat damit, was irgendwie vergessen scheint, bis heute den Weg für zahlreiche Comic-Adaptionen geebnet, dennoch ist der Film nicht wirklich gut.

2:15 Uhr – Damönisch (Pro7)

Bisserl arg simpel konstruiertes, aber effektives Regiedebüt von Bill Paxton. Gut gespielt und manchmal sogar etwas unheimlich, ist das okaye Thrillerkost der besonders blasphemischen Art.

Sonntag, 28.12.

13:35 Uhr – Der Polarexpress (RTL)

Tom Hanks als PC-generierter Lokomotivfahrer zeigt den Weg nach oben – so schön kann Weihnachten mit Leni Riefenstahl sein.

20:15 Uhr – The Village – Das Dorf (Pro7)

Das bisschen Getöse um angedichtete Metalevel oder Farbdramaturgie beeindruckt mich herzlich wenig, der Film hat bis auf wenige Momente nichts zu bieten außer dem üblichen Shymalan-Budenzauber. Neben Nolan das meistüberschätzte "Wunderkind" der End-90er.

0:10 Uhr – True Lies (Pro7)

Die letzte Sichtung liegt noch gar nicht lang zurück. Der Film macht immer noch sehr viel Spaß, ist in der ersten Hälfte geradezu königlich geschrieben und gibt Schwarzenegger viel Gelegenheit für ein, na ja, ähm, einigermaßen facettenreiches Spiel. Der Star ist zweifellos Jamie Lee Curtis (ich liebe sie!), aber was schon noch erwähnt werden muss: Halleluja, ist Cameron hier wieder im Hardcore-Chauvi-Modus unterwegs. (habe ich gerade halleluja geschriebn?)

Montag, 29.12.

22:15 Uhr – Batman Begins (ZDF)

Ich bin Bruce Wayne, ich runzle mit der Stirn. Ich kann auch Batman sein, dann spreche ich ganz tief. Und ich stecke in einer persönlichen Krise, das erkennt man daran, dass sich meine Gesichtsmuskeln verziehen. Deshalb ist in meinem Film alles ganz ernst und düster und wichtig.

23:35 Uhr – Beim Sterben ist jeder der Erste (Tele5)

Ich verzichte jetzt mal auf den Ideologieeinwurf und sage, dass das ein toll inszenierter Genre-Prototyp mit sehr interessanten Entwürfen von räumlicher und gesellschaftlicher Struktur ist.

Dienstag, 30.12.

Nix.

Mittwoch, 31.12.

Nix.

Donnerstag, 01.01.

7:10 Uhr – Rent (SAT.1)

Aus der kritischen Geschichte über urbane Lebensräume bastelt Columbus ein glatt poliertes From-Stage-To-Screen-Musical, das um jegliche Zwischen- und Grautöne bereinigt wurde, völlig oberflächlich bleibt und mit dem queeren Input der Vorlage kaum noch was gemein hat. Columbus entwickelt keinerlei Gespür für den Stoff – was in der Vorlage temperamentvoll, unangepasst, dreckig ist, verkommt hier zum angepassten Wohlfühlballett mit einfallslos inszenierten Musicalnummern. Sehr schade.

20:15 Uhr – X-Men: Der letzte Widerstand (RTL)

Ziemlich bräsiger dritter Mutanten-Film, dem das Fehlen von Bryan Singer jederzeit anzumerken ist. Gibt zwei, drei gute Action-Pieces, ansonsten werden viele Figuren und Geschichten verschenkt (besonders Phönix) und augenscheinlich nur versucht, möglichst effizient auf ein überladenes Finale hinzusteuern. Nicht schlecht, aber enttäuschend.

20:15 Uhr – Forrest Gump (SAT.1)

Das Loblied auf den American Dream trägt Robert Zemeckis mit Bravour vor. Leider fehlt der absurden, sinnbildlich die (vermeintliche) Einzigartigkeit der US-Geschichte demonstrierenden Geschichte nahezu jede Ironie – die Beschwörung einer Kultur-Fantasie ist ebenso naiv wie ernst gemeint und filmt hübsch an jedem Schatten vorbei. Die verklärende Pseudoleichtigkeit des Films ist dabei natürlich nur ein Ablenkmanöver, Zemeckis hat hier freilich einen hübsch reaktionären Hollywoodzauber entworfen.

20:15 Uhr – Planet der Affen (K1)

Das Original. Ganz, ganz großartiger Science-Fiction-Film, der viel mehr zu bieten hat als offensichtlich verhandelte ethnische Fragen. Erwähne ich jetzt Burtons Remake? Nee, erwähne ich nicht.

22:40 Uhr – Poseidon (ARD)

Sehr trashige Neuverfilmung des Katastrophen-Klassikers. Petersen will so schnell zur Sache kommen, dass eigentlich irgendwie gar nichts kommt – völlig unspektakulärer, unepischer Wassertank-Film, der aber schwer unterhaltsam ist.

Freitag, 02.01.

20:15 Uhr – Der Anschlag (Pro7)

Jack Ryan-Mission. Der Anschlag selbst ist eine hübsche kurze Computerdemo, der Rest gepflegte Langeweile.

20:15 Uhr – Harry Potter und der Feuerkelch (ZDF)

Fand ich wieder besser als den plastischen dritten Film. Kann mich aber ehrlich gesagt an nichts mehr erinnern seit dem Kinobesuch.

22:50 Uhr – Sleepy Hollow (ZDF)

Visuell nichts anderes als ein Meisterwerk. Aber der Film ist auch ein komplexer Gender-Kommentar, und natürlich auch eine ganz großartige Auseinandersetzung mit Zeitepochen und darüber hinaus noch eine astreine Genrearbeit. Vielleicht Burtons stärkster Metafilm. Demnächst mehr im zweiten Teil meiner kleinen Retrospektive. Auf ZDF übrigens dringend zu meiden: Die senden den Film in einer völlig veränderten Fassung, bei der Farben und Helligkeit grauenhaft modifiziert wurden.


TV-Tipps gibbet auch beim Tumi, in Kürze beim Christian und beim Fincher.