Dezember 22, 2006

Retro: HOME ALONE (1990)

Jedes Kind träumt davon, wenigstens einmal völlig auf sich allein gestellt, ohne belehrende Aufsicht dem eigenen Haus überlassen zu sein, um so richtig eben jene Dinge tun zu können, die man als 8jähriger ja eigentlich eher weniger darf: So viel Eis wie der Magen Platz hat, große Käse-Pizzas im Überfluss, spät aufbleiben, im großen Bett der Eltern nächtigen, R-Rated-Filme schauen und so weiter und so fort. Diese These stellt zumindest Chris Columbus’ Film "Home Alone" auf und adressiert neben den kleineren Zuschauern, die all den verbotenen Schabernack ihres Identifikations- freundes Kevin ein wenig miterleben dürfen, gleichzeitig auch deren Eltern, die manches Mal den Kopf schütteln, sich in ihrer fürsorglich schützenden Rolle unterm Strich aber bestätigt fühlen werden – die von John Hughes produzierte Weihnachtskomödie vereint gelungen mehr oder weniger frechen Humor mit viel Kitsch und Schmalz, ohne dass ihr das offensichtliche Kalkül, als perfekter Familienfilm konstruiert zu sein, zum Verhängnis wird.
Die Ausgangsidee bleibt dann auch die einzige wirkliche Idee, auf ihr stützt das stimmige Drehbuch, um zahlreiche Variationen des Themas aufsagen und zelebrieren zu können, sowie verschiedene Nebenplots, die sich um den daheim gebliebenen Knirps bilden, zu verknüpfen und bis zuletzt geschickt ausformulieren zu können. Überhaupt ist "Home Alone" wenig strapaziös für seine kleinen und großen Zuschauer, weil abgerundet und geschlossen erzählt, vor allem aber simplifiziert in seiner Dramaturgie, bei der Aktion auf Gegenaktion und Ursache auf Wirkung folgen. Die beim Zuschauer aufgebauten Erwartungen – Kevin wünscht sich lautstark, am nächsten Morgen ohne Familie aufzuwachen, der erste Auftritt des als Polizist verkleideten Banditen etc. – werden fortlaufend bestätigt und durchaus erfüllt, ebenso wie auch die deutliche Bildsprache stets eindeutig bleibt.
Seinen Charakter als Familienfilm erhält der hierzulande noch vorgreifender betitelte "Kevin – Allein zu Haus" einerseits durch die kindgerechte Darbietung von Streichen und Scherzen, die nie die Grenzen des wirklich Bösen tangieren (Kinder scheuen bekanntlich das Zähneputzen, während Kevin sich gar auf den Weg macht, um sich eine Zahnbürste zu besorgen), aber erstaunlich originell, zuweilen auch wirklich komisch daherkommen und die Sympathien zur Hauptfigur unterstreichen. Darüber hinaus thematisiert er (ungleich oberflächlicher) die Sicht der Erwachsenen und anderen Familienmitglieder, die der unbeschwerten Darstellung einer „sturmfreien Bude“ daheim mit einigen ernsthaften Momenten und sorgenvollen Gestiken gegenübersteht. Aufgelöst wird die (an und für sich ja sehr ernste) Thematik über den offensichtlichen Nenner, dass es ohne die Familie doch nur halb so schön sei. Der süßliche Touch behindert trotz seiner eigentlichen Penetranz nicht die frechen und dynamischen Comedy-Elemente des Films, deren halsbrecherische Slapstickeinlagen im Finale zu den Highlights zählen, obwohl das ursprüngliche Script weitaus weniger weihnachtliche Moral vorsah.
Die größte Stärke von "Home Alone" ist jedoch genau diese Vereinbarung, die ihn zum Film für jung und alt werden lässt. Die Figuren sind ihrer inhaltlichen Notwendigkeit entsprechend sorgfältig ausgearbeitet, wobei neben Kevin als kindlicher Charakter dessen Film-Mutter, gespielt von der sträflich unterschätzten Catherine O’Hara, gleichwertig erscheint und somit genau jenes Prinzip institutionalisiert, nach dem sich alle Zuschauergruppen angesprochen fühlen. Dass die Schärfe des ganzen an Wirkung verlieren könne, wenn die christlich-familiäre Botschaft über zwei Ecken daher schreitet, erscheint wegen der Unbeschwertheit des Films nicht zwingend. Denn der Kitsch, den die warmherzigen Aufnahmen von festlichem Kaminschmuck und flockigem Schnee aufweisen, und der sich von der sehr dominanten Musik aus der Feder John Williams’ über den Drang zu allgemeinen Liebesbekundungen gegen Ende erstreckt, hallt bedeutend weniger nach als die perfiden Gags und witzigen Dialoge, die durch das rotzfreche Spiel Macaulay Culkins und der sichtlichen Lust an der Freude der beiden Gegenspieler Joe Pesci und Daniel Stern bestärkt werden. 

80%

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