Mit dem Kannibalen-Western "Bone Tomahawk" erscheint hierzulande einer der besten Filme des Jahres direkt auf DVD und Blu-ray. Unerwartet brutal spielt er die genreübliche Angst vor dem Anderen gegen die Zivilisationslogik seiner Figuren aus.
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Januar 21, 2016
Januar 14, 2016
TV: FARGO - SEASON 2
Neue Figuren, neue Erzählung: Die zweite Staffel der Anthologieserie "Fargo" atmet zwar noch immer den Geist des gleichnamigen Coen-Films von 1996, verweist inhaltlich jedoch deutlich weniger konkret auf ihn. Anstelle entscheidender Plotverschränkungen treten hier Anknüpfungspunkte, die lediglich eine atmosphärische Nähe zum Vorbild suchen. Mehr noch als im ersten Jahr geht Showrunner Noah Hawley dabei souveräne, wenngleich nach wie vor von blutrotem Schnee gesäumte Wege. An der teils nun reichlich absurden Stoßrichtung der Serie dürfte sich entscheiden, wer "Fargo" weiterhin die Treue hält. [...]
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August 18, 2015
Kino: SHE'S FUNNY THAT WAY
Regisseur Peter Bogdanovich ist eine Institution. Seine Karriere begann als Filmkritiker, später wurde er mit Meisterwerken wie "Die letzte Vorstellung" zu einem Aushängeschild des New-Hollywood-Kinos. Jahrzehntelang schrieb, drehte und produzierte er Filme ohne Unterlass, zuletzt sah man ihn vor allem als Darsteller in Gastrollen (etwa als Psychotherapeut bei den "Sopranos"). Nach 13 Jahren hat Bogdanovich nun allerdings wieder einen Kinofilm inszeniert: Die bis in kleinste Rollen starbesetzte Komödie "Broadway Therapy", im Original ausnahmsweise weniger treffend "She’s Funny That Way" betitelt. [...]
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Juli 31, 2013
Kino: THE CONJURING
Eine Beschwörung im doppelten Sinne: "Saw"-Regisseur James Wan erweckt in "Conjuring – Die Heimsuchung" nicht nur die Geister eines alten Landhauses, sondern auch das klassische Gruselkino zum Leben. [...]
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März 04, 2012
Zuletzt gesehen: YOUNG ADULT
Aus irgendeinem Grund hält sich Diablo Cody offenbar für die interessanteste Person der Welt. Triefte ihr Drehbuch zu "Juno" vor unerträglich schwachsinnigen Mädchenweisheiten, die sie darin ausnahmslos jeder Figur auf die Lippen drücken musste, versucht einen die zu Papier gebrachte Dümmlichkeit namens "Young Adult" nun mit genau dieser weltfremden Hipsterideologie einer an sich selbst scheiternden Schrift- stellerin zu versöhnen. Wahrscheinlich ist es deren allzu spürbar autobiographischen Zügen geschuldet, dass die wie immer im Cody-Universum hemmungslos herumplappernde Irre am Ende nicht den verdienten Weg zum Psychotherapeuten, sondern der Selbstbestätigung geht. Abseits der verlogenen Blödsinnigkeit dieses bereits zweiten Films, den der eigentlich nicht unfähige Jason Reitman nach Anleitung eines Drehbuchs dieser nervigen Trulla runterdreht, amüsieren das remarkable fancy Spiel Charlize Therons und manch kauzige Situatiönchen, die Cody vermutlich beim täglichen Schlürfen ihres Latte macchiatos eingefallen respektive schlicht ihrer kuriosen persönlichen Wahrnehmung entsprungen sind, aber natürlich mit Blick auf die Schlussszene nicht einmal infrage gestellt werden. Und liebe, liebe Diablo: Du bist nicht der einzige Mensch, der seine Pubertät in den 90ern erlebte. Also schnapp Dir Deine blöden Mixtapes und fahr nach Seattle. Tschüsschen mit Küsschen.
30%
August 29, 2011
Zuletzt gesehen: MIDNIGHT IN PARIS
Nach großzügigem Cannes-Buzz, begeisterten Feuilletonarien und sogar klingelnden Kinokassen versprach "Midnight in Paris" einen Woody Allen in alter Form, bestenfalls sogar in Tradition seiner filmreflexiven Vergnüglichkeiten à la "Purple Rose of Cairo". Erwartung vergebens. Auch im alten Europa, das Allen zuletzt noch einmal zu später Frische anregte (so frisch ein Film von ihm eben sein kann), haben nun erneut Altherrenulk und formale Lethargie den Regisseur fest in ihrer Hand. Mit der Idee, Owen Wilson als Woodys Alter Ego auf berühmte historische Persönlichkeiten aus Kunst, Musik und Literatur treffen zu lassen, weiß der Film nichts anzufangen. Statt einen künstlerisch diskursiven Dialog zwischen Gegenwart und Vergangenheit zu eröffnen, betreibt Allen ausschließlich Namedropping. Übrig bleibt ein einziger Leerlauf zwischen Paris-Postkartenstrecke und "gewitzten" Beziehungs- problemchen – eine müde pointierte, betagte Komödie für Bildungsbürger jedweder Couleur, in der es wieder einmal um rein gar nichts geht.
30%
30%
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Juli 21, 2011
Kino: INSIDIOUS
Die alte Mär verstorbener Menschen, deren ruhelose Seelen Kontakt zu den Lebenden suchen, hat den klassischen wie zeitgenössischen Horrorfilm zu zahllosen Geistergeschichten von verfluchten Häusern, übernatürlichen Kräften und Botschaften aus dem Jenseits inspiriert. Dutzendfach variierte sich das Haunted-House-Sujet zum eigenen Abguss, Gespenster und Entitäten belagerten alte Anwesen, ergriffen Besitz vom Menschen oder entführten gar unsere Kinder in ihr Zwischenreich aus Leben und Tod.
In der immer noch jüngsten Modifikation des Geistermythos’ vermengen sich japanische Horrortradition und westliche Urban Legends zum ästhetischen Klischee kleiner blasser Mädchen, deren lange schwarze Haare nicht nur Gesichter, sondern auch verborgene Schrecken verhüllen. Das Videoband als Medium übernatürlicher Aufnahme hat den Geisterhorror über kulturelle Grenzen hinaus erfolgreich in der Neuzeit installiert und doch nur wieder eine Schwemme an Old-School-Genrefilmen befördert, in denen Séancen gehalten und körperlose Mächte beschworen werden.
"Insidious", geschrieben uns inszeniert vom "Saw"-Team James Wan und Leigh Whannell, knüpft da an, wo sich die Geisterverwurstungskette zwischen Wiederholung ("Amityville Horror", 2005), Retro-Chic ("The Orphanage") und 2.0-Mockumentary ("Paranormal Activity") mittlerweile in sich selbst verheddert hat. Vom scheinbar verwunschenen Haus bis zur Besessenheit durch Dämonen zieht der Film sämtliche Register, und freilich darf es dabei immer noch etwas zackiger und lärmender zugehen als in den konkreten Vorbildern.
"Poltergeist" und "The Changeling" werden da ebenso bemüht wie "The Exorcist" oder "Entity" (mit der Besetzung von Barbara Hershey sogar als Zitat auf zwei Beinen), wobei zu vermuten ist, dass sich der Film einer Verortung seiner unoriginellen Horrorbilder angesichts bierernster Reproduktion aller erdenklichen Genreklischees und einer leicht befremdlichen Hartnäckigkeit in der Nachstellung sattsam bekannter Gruselstandards eher entziehen möchte. Aber "Saw" wiederum empfand sich selbst ja auch schon als erfinderisch und klug im Wiederkäuen abgestandener 90er-Jahre-Psychothriller.
"Insidious" (heimtückisch) beginnt, wie fast alle Spukhausfilme beginnen: Schönes Anwesen, entzückende Familie, blanker Terror. Mit merkwürdigen Geräuschen und unerklärlichen Erscheinungen kündigt sich Unheil an, ehe die Geister auch schon munter durchs Wohnzimmer spazieren. Das mit dem Traumhaus hatten sich Josh (Patrick Wilson) und seine Frau Renai (Rose Byrne) gewiss anders vorgestellt, und als dann noch ihr ältester Sohn ins Koma fällt, ziehen sie und ihre drei Kinder gleich schnurstracks wieder aus.
Doch auch im neuen Vororthäuschen wollen die paranormalen Aktivitäten nicht ablassen von der jungen Familie. Eine Teufelsfratze aus dem Jenseits hat es offenbar auf ihren komatösen Sohn abgesehen. Wie ein rasch bestelltes Medium (Lin Shaye, zu Ehren von Zelda Rubinstein) feststellt, trägt das Haus keine Schuld am Spuk, denn: "It's the boy who's haunted!" (das darf wohl als postmoderner Kniff verstanden werden). Ob nun verfluchtes Haus oder verfluchter Junge, an den Gesetzmäßigkeiten des Genres ändert sich freilich nichts. Also müssen sich zum Kontakt ins Jenseits doch wieder alle Händchen haltend um den Tisch herum versammeln, und dann geht’s ans Exorzieren.
Die bessere erste Hälfte fährt einige ausgespielte Gruselmomente auf. Wer anfällig ist für blitzschnelle Schocks, darf hier mehrmals heftig zusammen zucken. James Wan weiß, dass unzuverlässiges Erzählen effektivem Horror sehr zuträglich ist, genauso wie er auf schrille Soundeffekte und psychedelische Klangfetzen setzt, die ihre Wirkung nicht verfehlen. Mit dem Schauplatzwechsel im zweiten Teil des Films muss sich das Mindestmaß formalen Könnens allerdings schnell einer lautstarken Überbietungsmethodik fügen, wie man sie von Wan leider schon gewohnt ist.
Der anfänglich subtile Horror wird gnadenlos breitgetreten. Generisches Grauen erlangt plötzlich eine konkrete Form, und unheilvoller Grusel wandelt sich zum überwindbaren Schrecken. Der Zwang zur Kohärenz, zum Ausbuchstabieren und vollständigen Erklären des Horrors zwingt den Zuschauer vom unbehaglichen Schaudern in langweilige Sicherheit. In der zweiten Hälfte haut Wan dann richtig auf die Kacke: Statt Akzente setzt er auf Geister im Überfluss, Ausflüge ins Zwischenreich und dröhnende In-Your-Face-Effekte.
So motiviert man den Zuschauer allerdings nicht für eine Gespenstergeschichte, wenn deren übernatürliches Grauen doch sowieso per se nicht (be-)greifbar ist, also bestenfalls skizziert, nicht ausgemalt werden kann. Spätestens im überfrachteten Finale, wo die zuvor noch grob umrissenen Geisterfratzen permanent ins Close-Up-Bild grinsen, während Papa auf Rettungsmission im Jenseits seinen Sohn sucht (die verbliebenen zwei Kinder kippen übrigens irgendwann einfach aus der Handlung), verspielt "Insidious" seine anfänglichen Stärken für den üblichen Larifari-, Wischiwaschi- und Quatschiquatschi-Murks des gegenwärtigen Mainstream-Horrorfilms.
40% - erschienen bei: gamona
In der immer noch jüngsten Modifikation des Geistermythos’ vermengen sich japanische Horrortradition und westliche Urban Legends zum ästhetischen Klischee kleiner blasser Mädchen, deren lange schwarze Haare nicht nur Gesichter, sondern auch verborgene Schrecken verhüllen. Das Videoband als Medium übernatürlicher Aufnahme hat den Geisterhorror über kulturelle Grenzen hinaus erfolgreich in der Neuzeit installiert und doch nur wieder eine Schwemme an Old-School-Genrefilmen befördert, in denen Séancen gehalten und körperlose Mächte beschworen werden.
"Insidious", geschrieben uns inszeniert vom "Saw"-Team James Wan und Leigh Whannell, knüpft da an, wo sich die Geisterverwurstungskette zwischen Wiederholung ("Amityville Horror", 2005), Retro-Chic ("The Orphanage") und 2.0-Mockumentary ("Paranormal Activity") mittlerweile in sich selbst verheddert hat. Vom scheinbar verwunschenen Haus bis zur Besessenheit durch Dämonen zieht der Film sämtliche Register, und freilich darf es dabei immer noch etwas zackiger und lärmender zugehen als in den konkreten Vorbildern.
"Poltergeist" und "The Changeling" werden da ebenso bemüht wie "The Exorcist" oder "Entity" (mit der Besetzung von Barbara Hershey sogar als Zitat auf zwei Beinen), wobei zu vermuten ist, dass sich der Film einer Verortung seiner unoriginellen Horrorbilder angesichts bierernster Reproduktion aller erdenklichen Genreklischees und einer leicht befremdlichen Hartnäckigkeit in der Nachstellung sattsam bekannter Gruselstandards eher entziehen möchte. Aber "Saw" wiederum empfand sich selbst ja auch schon als erfinderisch und klug im Wiederkäuen abgestandener 90er-Jahre-Psychothriller.
"Insidious" (heimtückisch) beginnt, wie fast alle Spukhausfilme beginnen: Schönes Anwesen, entzückende Familie, blanker Terror. Mit merkwürdigen Geräuschen und unerklärlichen Erscheinungen kündigt sich Unheil an, ehe die Geister auch schon munter durchs Wohnzimmer spazieren. Das mit dem Traumhaus hatten sich Josh (Patrick Wilson) und seine Frau Renai (Rose Byrne) gewiss anders vorgestellt, und als dann noch ihr ältester Sohn ins Koma fällt, ziehen sie und ihre drei Kinder gleich schnurstracks wieder aus.
Doch auch im neuen Vororthäuschen wollen die paranormalen Aktivitäten nicht ablassen von der jungen Familie. Eine Teufelsfratze aus dem Jenseits hat es offenbar auf ihren komatösen Sohn abgesehen. Wie ein rasch bestelltes Medium (Lin Shaye, zu Ehren von Zelda Rubinstein) feststellt, trägt das Haus keine Schuld am Spuk, denn: "It's the boy who's haunted!" (das darf wohl als postmoderner Kniff verstanden werden). Ob nun verfluchtes Haus oder verfluchter Junge, an den Gesetzmäßigkeiten des Genres ändert sich freilich nichts. Also müssen sich zum Kontakt ins Jenseits doch wieder alle Händchen haltend um den Tisch herum versammeln, und dann geht’s ans Exorzieren.
Die bessere erste Hälfte fährt einige ausgespielte Gruselmomente auf. Wer anfällig ist für blitzschnelle Schocks, darf hier mehrmals heftig zusammen zucken. James Wan weiß, dass unzuverlässiges Erzählen effektivem Horror sehr zuträglich ist, genauso wie er auf schrille Soundeffekte und psychedelische Klangfetzen setzt, die ihre Wirkung nicht verfehlen. Mit dem Schauplatzwechsel im zweiten Teil des Films muss sich das Mindestmaß formalen Könnens allerdings schnell einer lautstarken Überbietungsmethodik fügen, wie man sie von Wan leider schon gewohnt ist.
Der anfänglich subtile Horror wird gnadenlos breitgetreten. Generisches Grauen erlangt plötzlich eine konkrete Form, und unheilvoller Grusel wandelt sich zum überwindbaren Schrecken. Der Zwang zur Kohärenz, zum Ausbuchstabieren und vollständigen Erklären des Horrors zwingt den Zuschauer vom unbehaglichen Schaudern in langweilige Sicherheit. In der zweiten Hälfte haut Wan dann richtig auf die Kacke: Statt Akzente setzt er auf Geister im Überfluss, Ausflüge ins Zwischenreich und dröhnende In-Your-Face-Effekte.
So motiviert man den Zuschauer allerdings nicht für eine Gespenstergeschichte, wenn deren übernatürliches Grauen doch sowieso per se nicht (be-)greifbar ist, also bestenfalls skizziert, nicht ausgemalt werden kann. Spätestens im überfrachteten Finale, wo die zuvor noch grob umrissenen Geisterfratzen permanent ins Close-Up-Bild grinsen, während Papa auf Rettungsmission im Jenseits seinen Sohn sucht (die verbliebenen zwei Kinder kippen übrigens irgendwann einfach aus der Handlung), verspielt "Insidious" seine anfänglichen Stärken für den üblichen Larifari-, Wischiwaschi- und Quatschiquatschi-Murks des gegenwärtigen Mainstream-Horrorfilms.
40% - erschienen bei: gamona
Dezember 07, 2009
Zuletzt gesehen: WATCHMEN
Thematisch und visuell ebenso stark überfrachtete wie zunehmend uninteressante Adaption der tiefsinnigen Superheldenreflexion Alan Moores, bei der Zack Snyder mitunter eindrucksvoll die Bilder der Vorlage verknüpft, ohne jedoch jemals eine gedankliche, erzählerische oder einheitliche Ordnung herzustellen. Sichtlich überfordert von der Komplexität des Comics weicht der Film den mitunter kritischen und offensiven Referenzen an die Comicgeschichte aus und verfällt in protzige Popkulturverweise, die stets falsche Verbindungen knüpfen: Die Haltung der Vorlage zum Superhelden als fragwürdiges Popphänomen gerinnt bei Snyder durch schmucke Ohrwürmer und infantile Filmzitate zum Gegenteil – seine Watchmen sollen als konventionelle Identifikationsfiguren taugen. Dem fügen sich ansehnliche, den Mainstream-Gewohnheiten zuspielende Action- und Härteeinlagen, die den philosophischen Fragen des Comics nur noch einen banalen Verhandlungsraum lassen, den Snyder in Dialogen zu finden glaubt, die so redundant wie ungelenk wirken. Ein an der filmischen und konventionellen Form gescheitertes Projekt, dem es gehörig an intellektuellem Willen fehlt.
40%
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April 06, 2007
Kino: LITTLE CHILDREN
Der Griff nach hysterischer Küchenpsychologie fällt seit Sam Mendes' "American Beauty" nicht mehr schwer: Die überspitzte Sezierung der US-amerikanischen Mittelschicht reifte unter Einsatz satirischer wie blanken Zynismus bedienender Erzählformen in den letzten Jahren zu einem dialektischen Prinzip heran, bei dem sich der sprichwörtlich unter den Teppich gekehrte Suburbia-Horror schließlich seinen Weg an die Oberfläche bahnen musste. Die schlagartig veräußerte Unterdrückung fand in diesem Film jedoch lediglich Ausdruck durch eine atonale Poesie des Verfalls und billige Konsenslacher, die die Figuren auf dünnes Eis beförderte und sie schlussendlich nur noch brutal einbrechen lassen konnte. Dass "American Beauty" seiner Plakativität zum Trotz ein stilbildender Status zugesprochen gehört, demonstrieren zahlreiche Fernsehserien ("Six Feet Under" oder "Despe- rate Housewives") ebenso wie Kinofilme (zuletzt "Running with Scissors") und allen voran die neue Arbeit von Todd Field: "Little Children".Der Film entwirft in mehreren Handlungssträngen, die allesamt in einer kleinen Vorstadtgegend angesiedelt und miteinander verwoben sind, ein Panorama seelischer Abgründe. Er erzählt von einer unglücklichen Hausfrau und Mutter, die ihren Ehemann betrügt, von einem aus dem Gefängnis entlassenen Mann, der sich vor Kindern entblößte und bei seiner Mutter Schutz sucht, einem ehemaligen Polizisten, der von den Erinnerungen eines dramatischen Einsatzes geplagt wird und einem unzufriedenen Hausmann und Vater, der seine Ehefrau hintergeht. Einsamkeit, Frustration und Selbstzweifel be- stimmen diese Schicksale, die ihre gesellschaftlichen Rollen und Muster so anstandslos ausfüllen. Sie erscheinen wie Gefangene in einem einheitlichen System, das Glück und Zufriedenheit mit der Beschaffenheit des häuslichen Vorgar- tens gleichsetzt.
"Little Children" schildert den Kampf dieser Menschen gegen eine alles durchdringende Scheinidylle, die ihre Sehnsüchte nicht akzeptieren möchte. Sie alle haben ihren vorläufigen Platz in der Gesellschaft gefunden, sind verheiratet und wohlhabend oder vorbestraft und mittellos, ihnen gleich ist nichts mehr als der einfache Wunsch geliebt zu werden. Doch wenn die Ankunft in der erstrebten Bürgerlichkeit keine Garantie für individuelles Glück liefern kann, ist der zersetzende Prozess unaufhaltbar. Fields Film ist stets von einer pessimistischen Vorahnung bestimmt, was seine komischen Momente kurzlebig gestaltet und die tragischen Episoden noch viel unerträglicher wirken lässt. Diese so großartig verkörperten Figuren werden nie missbraucht oder vorgeführt, sondern sind Teil eines sensibel in Szene gesetzten Gesellschaftsquerschnitts, der den Zuschauer zu einem stillen, bewegten Beobachter macht.
Die ruhige Erzählstimme besitzt somit auch die Funktion, die einzelnen Stücke zu verbinden und verleiht "Little Children" trotz seiner episodischen Struktur einen fließenden Charakter. Die inszenatorische Stärke des Films ist jedoch eine andere: Field verzichtet fast gänzlich auf bedeutungsschwangere Symbolik. Anders als "American Beauty", der in der Wahl seiner Mittel oft grobschlächtig vorging, den Zuschauer mit artifiziellen Metaphern erdrückte und dadurch zeitweilig in jenen Pastellkitsch verfiel, den er eigentlich zu entlarven versuchte, bleiben feiner Humor und stille Tragik auf einer konstanten Linie. Der Film erhält neben seiner naturalis- tischen Photographie und dem nüchternen Schnitt gerade durch den Verzicht von Überspitzung eine enorme Authen- tizität. Wenn sich die Hausmütter tagtäglich auf jenem Kinderspielplatz zum Lästerplausch versammeln, auf dem später ein kastrierter Päderast schaukeln wird, verbietet sich ohnehin jeder Zynismus von selbst: Das Philistertum richtet sich schließlich zugrunde – an einem Orte reiner Unschuld.
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