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Kino: SPEED RACER - Preview
Sein Gesicht wirkt verspannt, die Augenbrauen ziehen sich zusammen, die Schweißperlen rinnen ihm über die Stirn: Gleich geht es los, 3, 2, 1 – Go! Speed Racer rast davon, er düst durch Wüstenlandschaften und über Eisberge, schmettert an tropischen Stränden vorbei und knallt über die illustren Rennbahnen der Endlos-Rallye. Seine Kontrahenten: Racer X und Taejo Togokhan. Seine Freundin: Trixie, ihm zur Hilfe aus der Luft, mit einem roten Hubschrauber, gegen die Pistenrivalen. Und die Eltern natürlich: Pops Racer und Mom Racer, in Sorge um ihren Sohn und das Familienunternehmen. Das Leben als bunter Rennstall sozusagen: Die ersten vier Minuten, die man der Presse aus diesem Farbenrausch vorführt, erzählen schon die ganze Geschichte des Films. Es sind kurze Ausschnitte zu einem langen Trailer montiert, von Produzent Joel Silver begeistert angekündigt. "Speed Racer" basiert auf der japanischen Zeichentrickserie "Mach Go Go Go", die wiederum die 60er-Jahre Mangas von Tatsuo Yoshida adaptierte, und gehört mit einigen Veränderungen gegenüber der Originalserie zu den bekanntesten TV-Evergreens der USA. Obwohl Warner schon lange die Rechte für einen Kinofilm besaß, ging das Projekt nach zahlreichen gescheiterten Entwicklungsversuchen schließlich letztes Jahr in Produktion und wird hierzulande am 8. Mai starten.
Dass sich hinter der Kinoversion des Stoffes nur die Brüder Andy und Larry Wachowski verbergen können, zeigt schon der innerhalb von nur vier Minuten überaus inflationäre Einsatz ihrer einst populären Bullet Time-Technik. Die gab es zwar schon vor der "Matrix"-Trilogie, so richtig stilbildend aber ließen erst die Wachowskis das Blei aus allen Einstellungen einfrieren. Folgerichtig rammen hier unentwegt Autos in Slow Motion über- und aufeinander, auch wenn das Stilmittel selbst ebenso zum eigenen Klischee verkam, wie es irgendwie auch noch immer in den Spät-90ern feststeckt. Dass der Film bei diesen ersten Eindrücken wie eine familienfreundliche Mischung aus "Cars" und "Familie Feuerstein" daherkommen musste, ließ schon die Führung für Pressevertreter durch die Babelsberg-Studios im Sommer 2007 vermuten: Kurz bevor die erste Drehklappe am vierten Juni fallen sollte, galt es erste quietschbunte Setbauten und Automodelle zu bestaunen, um sich anschließend in einer Pressekonferenz erzählen zu lassen, dass Susan Sarandon auf Blutwurst stünde, Emile Hirsch das Zeug aber nie wieder anfassen wolle. Die Regisseure suchte man dabei allerdings vergebens, sie meiden öffentliche Auftritte und geben so gut wie keine Interviews. Photos waren zudem streng verboten, die Geheimhaltung des vom Deutschen Filmförderfonds mit neun Millionen Euro unterstützten Projektes oberstes Prinzip.
Um also etwas tiefer in die Produktion des schätzungsweise 100 Mio. US-Dollar teuren Films blicken zu können, musste man andere Wege und Mittel finden. Zum Beispiel als Komparse anheuern. Das ging ganz einfach, immerhin suchte die entsprechende Agentur in Berlin flächendeckend nach Statisten, die eigentlich nur zwei Kriterien erfüllen sollten: Zum einen in eine der zahlreichen seltsamen Gruppierungen, die die Fangruppen in den Zuschauerblöcken im Film bilden würden, passen, und ferner nicht unbedingt auch noch im zweiten, quasi eine Ecke weiter zeitgleich produzierten Stauffenbergfilm "Valkyrie" eine Rolle im Hintergrund bekleiden (im Übrigen galt letzteres aber als vernachlässigenswert). Eine Handvoll Photos und einen kurzen Anruf später konnte man sich also schon inmitten zahlreicher anderer Hinzuverdienender einfinden: An einem heißen Sommertag, in einem noch heißeren Zelt, zu einer schweißtreibenden Kostümprobe. Viele asiatischstämmige Komparsen sind zu beobachten, später aber sehen sie neben ihren vielerlei Sprachen sprechenden Kollegen relativ gleich aus: In schwarze Klamotten verpackt (die Hitze, die Hitze!), mit Lederjacken, Ketten und Schmuck behangen, und in Chucks und Vans gestülpt – insgesamt roch das irgendwie nach einer Mischung aus Emo-Look und Altrockerattitüde, von dem ganzen schwarzen Kajal um die Augen, dem triefenden Gel in den Haaren und weißen Puder im Gesicht gar nicht zu sprechen. Jetzt konnte einem klar werden, warum insbesondere tätowierte Menschen gesucht (und teilweise auch gefunden) wurden. Es blieb einzig die Frage, was so viel möchtegern-gothic-chic wohl in einem kunterbunten Knallbon- bonfilm wie "Speed Racer" verloren habe.
Eine Woche später, 6 Uhr morgens. Glücklicherweise waren die Komparsenbetreuerinnen nun um Aufklärung bemüht. Auf großen Produktionsentwürfen (pre)visualisierten sie die kommenden Szenen, es wurde also ernst: Drehbeginn. Auf dem Plan: Eine Szene vorm Racer X-Fanpulk. Das ist der Typ, der unserem Helden zunächst Böses will, ehe sich das Blatt schließlich wendet. Niemand scheint zu wissen, dass Matthew Fox diesen Racer X gibt, und dass das der Typ ist, den alle eigentlich als sexy Drei-Tage-Bart-Doktor aus "Lost" kennen. Um die nur teilweise euphorisierten und meist abgeklärten, mitunter auch desinteressierten Statisten nicht unnötig in Aufregung zu versetzen, wird diese Information unausge- sprochen bleiben. Was auch für Rain, den koreanischen Sänger und Superstar gilt, der hierzulande durch "I’m a Cyborg, But That’s Ok" höhere Bekanntheit erlangte, nur offenbar nicht unter den "Speed Racer"-Komparsen (aber das ist Ok). Die sind ohnehin mit Schwerstarbeit beschäftigt, haben also gar keine Zeit für Starrätsel. Nachdem sie nämlich die Green Screen-Halle betreten und akribisch darauf geachtet haben, nicht auf eines der Kabel am Boden zu treten oder die vielen Markierungen zu übersehen, müssen sie zwei Stunden lang schreien. Und zwar so laut, dass kostenlose Hustenbonbons zeitweise lukrativer als jede Gage erscheinen. "Racer X", "Racer X", "Racer X", und "yeah", "yippee", "here, here, here". Zu sehen gab es dabei nur eine kleine, einen Meter entfernte Siegertribüne, auf der Racer X und Taejo Togokhan sich grimmig anschauten, während hübsche Damen einen Siegerpokal in den Händen hielten. Der Rest erstrahlte in hellem grün.
Schauspielerisches Talent schien unter den Komparsen also durchaus vonnöten, vor allem, weil die Herren Fox und Rain sich bei den Aufnahmen der Gegenschnitte offenbar Witze erzählten, oder – was wahrscheinlicher ist – angesichts der tumb kreischenden Meute vor ihnen nicht das Lachen verkneifen konnten. Weil die ekstatischen Begeisterungs- stürme unter den Statisten aber noch nicht ausreichten, spornten die Wachowskis das muntre Treiben mit vollem Körpereinsatz persönlich an. Eigentlich vermutete man die beiden auf ihren Regiestühlen hinter einer großen schwarzen Wand vor Monitoren, doch sie wuselten die ganze Zeit auf der Tribüne herum und prüften Einstellungen, Winkel und was man wohl sonst so als Regisseur macht. Von der immer wieder publizierten Annahme, dass der Larry nun eine Lana sei, konnte man sich indes auch ein eigenes Bild machen, was aber von geringer Priorität war, als einigen klar wurde, dass diese Szene eine Siegerehrung vor Journalisten zeigen sollte (deshalb auch die Kameras, mit denen die Komparsen herumknipsen sollten). Nur: Warum sehen die Presseleute in diesem Film aus, als würden sie gerade von einem Cradle of Filth-Konzert kommen? Doch man wusste es ohnehin nicht, das hier würde vermutlich nur ein kleiner, verschwindend geringer Teil eines großen bunten Ganzen sein. Die Szene ist im Kasten, draußen darf getrunken, gegessen und weiter geschwitzt werden. Emile Hirsch gesellt sich zu den Komparsen, um mit Kollege Fox ein Zigarettchen zu rauchen. Speed Racer und Racer X mal ganz privat.
Dass es im gesamten Film keine einzige Live-Action-Szene geben, bis auf wenige Set-Interieurs und die Schauspieler also alles animiert sein würde, schien dann spätestens mit dem nächsten Drehtag besiegelt. Von den rund 70 Komparsen blieben noch ca. 15 übrig, die einige besondere Aufgaben übernehmen sollten. Das hieß dann wohl im Klartext: Second-Unit-Kleinarbeit. Es war schließlich noch heißer als zuvor an diesem Freitag Ende August, und die Wartepausen besonders zahlreich (Herumsitzen ist überdies die Aufgabe, die ein Komparse in der Regel am vehementesten bewältigen muss). Mit Kaffee und Kuchen, Zigaretten und dusseligem Gequatsche, penetranten Belästigungen gegenüber vorbei- laufenden Technikern, Lichtleuten, Aufnahmeleitern, Kostümfrauen oder Studio-Babelsberg-Mitarbeitern, vergeht so ein 10-14 Stunden-Drehtag dann schließlich doch. Es gab für die Statisten immerhin noch zwei letzte Hürden, bevor die Dreharbeiten zu "Speed Racer" in der Woche darauf abgeschlossen werden sollten (die Postproduktion würde ungefähr noch einmal das Doppelte an Zeit veranschlagen). In einem gigantisch hohen Green-Screen-Studio mussten noch Reaktionen des Publikums gefilmt werden, wie sie die vorbeischnellenden Flitzer bejubeln und beklatschen. In Zweiergruppen nahm man dazu auf einem erhöhten Quadrat platz (alles grün, so grün, dass man farbenblind hätte werden können) und orientierte sich an markierten Kreuzen links, in der Mitte und rechts. Auf Kommando sollte man schreien, aufspringen, in seinem Programmheft lesen oder Popcorn essen – und sich mit imaginären Sitznachbarn austauschen, die – so hieß es – auch Monster sein könnten, die später eingefügt würden. Manche dachten dabei an Jar Jar Binks und das Podrennen. Dass man sich dabei ziemlich bescheuert vorkommen konnte, und hier dann tatsächlich gewisse Darstellerfähigkeiten gefragt waren, interessierte am Set indes niemanden. Die Crew sah das ganz pragmatisch. Recht hatte sie ja. Mehr Gage gab es trotzdem nicht.
Schlussendlich wurden die verbliebenen Kleindarsteller, zu denen die einstigen Komparsen nun selbsterklärend gereift waren, in eine benachbarte Halle gefahren, um nacheinander einzeln photographiert zu werden. Dafür war es notwendig, sich auf eine drehbare Plattform zu stellen und die Arme auszustrecken, um von allen Seiten dreidimensional erfasst zu werden. Es wurde erklärt, dass die Massen abseits der Rallye vervielfältigt würden, aus 10 Personen mache man mit dem Computer einfach 1000 – das spare Zeit, Geld und Komparsen. Zu Recht war allen etwas mulmig dabei, und man erinnerte daran, zuvor ausgiebige Abtretungsrechte unter- zeichnet zu haben. Doch es ließ sich nicht leugnen, dass sich jeder dabei irgendwie ein wenig wichtig fühlte, so als Teil eines großen Hollywoodfilms. Auch wenn sie rasch wieder vorbei waren, die fünf Minuten Ruhm.
erschienen bei: DAS MANIFEST
Photos ©2007 Warner Bros. Entertainment/Norbert Kesten
Mai 28, 2007
Retro: THE FRIGHTENERS (1996)
Nicht erst seit Jerry Zuckers "Ghost" weiß man als Zuschauer von körperlosen Seelen, die sich nach dem plötzlichen Tod nicht für den Weg gen Himmel, sondern ein unbefristetes Weilen als spirituelle Kraft auf Erden entschieden haben. Weniger dramatisch als schaurig-schön erzählt auch Peter Jackson in "The Frighteners" eine feinfühlig zwischen Geisterhorror und Buddy-Komödie ausbalancierte, schicksalhafte Geschichte über Leben und den Tod. Mit Kosten von rund 30 Millionen US-Dollar war es nach dem sensiblen Coming of Age-Drama "Heavenly Creatures" die erste hoch budgetierte Studioproduktion des neuseeländischen Regisseurs. Unterstützt durch Robert Zemeckis, der seinen alten Freund Michael J. Fox für das Projekt gewinnen konnte (der einstige "Back to the Future"-Star benötigte dringend ein Comeback), durfte Jackson den Film trotz erheblicher Bedenken von Seiten der Universal in seinem Heimatland produzieren.Das bedeutete eine Form der künstlerischen Freiheit, die keinesfalls selbstverständlich war: So sollte nicht etwa ILM, sondern die völlig unbekannte Effektschmiede WETA die visuellen Tricks beisteuern und wurden nicht etwa wenige Wochen, sondern gleich ganze sechs Monate Drehzeit veranschlagt. Vor allem aber durfte Jackson sämtliche seiner langjährigen Teamkollegen verpflichten, darunter Editor Jamie Selkirk oder Kameramann Alun Bollinger. Zemeckis, der vor allem mit seinem werbewirksamen Namen Pate stehen sollte, besuchte die Dreharbeiten insgesamt nur zwei Mal, ließ Jackson also einen enormen Freiraum. Dieser schrieb das Drehbuch gemeinsam mit Gattin Fran Walsh noch während des Drehs mehrfach um, immer wieder wurden Handlungs- details geändert, weggenommen oder hinzugefügt. Da den beiden nach Beendigung von "Heavenly Creatures" nicht viel Zeit für die Pre-Produktion blieb, fertigte Jackson für das Finale keinerlei Storyboards an – tatsächlich hatte er selbst nach Drehbeginn noch kein Konzept für das Ende des Films.
Von den insgesamt also recht eigenwilligen Produktions- umständen bekam Zemeckis indes wenig mit, den US-Geldgebern schien Vertrauen ohnehin besser als Kontrolle – am anderen Ende der Welt würde es der viel versprechende Kiwi-Regisseur schon irgendwie machen. Anders als es sein etwas verklärter Ruf behauptet, ist "The Frighteners" deshalb auch kein Film eines lediglich ausführenden und willenlosen Zemeckis-Rekruten (wie etwa der nicht unähnliche "Poltergeist" mehr eine Spielberg-, denn Hooper-Produktion war), sondern ein überaus kruder Genrefilm, der den exaltierten Humor früherer Jackson- Arbeiten mit den Formen des Mainstream-Kinos vereinbart. Das ist jedoch Stärke und Schwäche zugleich: Zwar ist der Film souverän inszeniert, das aber durch "Heavenly Creatures" hellauf begeisterte Arthauspublikum dürfte sich von ihm ebenso abwenden wie die eingeschworene Horrorgemeinde – denn "The Frighteners" ist weder anspruchsvolles Kunstkino, noch ein opulentes Gorefest. Dieser Disharmonie im Ton ist es vermutlich auch geschuldet, warum dem Film kein finanzieller Erfolg zuteil wurde und das zu Klassifizierungen neigende Publikum ausblieb.
Dabei ist Jacksons siebente Regiearbeit ein mit originellen Ideen geradezu überladenes Abenteuer, das mit enormem Drive, seinerzeit phänomenalen Spezialeffekten und kauzig-guten Darstellerleistungen aufwartet. "The Frighteners" glänzt insbesondere durch seinen visuellen Einfallsreichtum, mit dem die Geschichte erzählt wird – die verhältnismäßig komplexe Handlung wird ohne nennenswerte Längen beständig durch Aktion erklärt und vorangetrieben. Die wenigen Schwächen bei der Zeichnung einiger Nebenfiguren (Ray, der unruhige Ehemann und Gartenzwerg- liebhaber wird mit fortlaufender Dauer sinnlos aus dem Film katapultiert) werden durch die für den Regisseur typische Motiventwicklung verdrängt. So ist Frank Bannister der Prototyp des Jackson-Verlierers. Ganz so wie Lionel Crosgrove ("Braindead") befindet auch er sich auf der Schwelle zwischen kindlicher Naivität und gedrungener Adoleszenz. Sein Trauma – den Tod der Ehefrau, verschuldet auch durch das ewige Festhalten am Jungsein – gilt es zu überwinden, er muss sich emanzipieren von den Dämonen der Vergangenheit. Damit etabliert sich ein weiteres Mal das Initiationsmotiv, das Jackson mit verschiedenen Figuren in seiner epischen "The Lord of the Rings"-Trilogie, für die dieser Film heute als Freifahrtsschein gewertet werden kann, noch verfeinern wird.
"The Frighteners" ist auch ein sperriger Film, einer mit Ecken und Kanten, der sich einer eindeutigen Zuordnung entsagt. Seine verschiedenen Genreeinflüsse – Horror, Comedy, Serial Killer-Drama – und der illustre Umgang mit ihnen brachte Jackson auch vielfach den Vorwurf ein, der Film sei unausgegoren und konzeptlos. Das ist jedoch im Gegenteil eher eine der Stärken von "The Frighteners": Jackson nimmt den Zuschauer mit auf eine ausgelassene Achterbahnfahrt, die ungehemmt immer wieder den Ton wechselt und sich wenig schert um die Einschränkungen des Mainstream-Kinos. Danny Elfmans mit klassischen Horrorzitaten versehene Partitur unterstreicht die wenig formalistische Inszenierung, in dem sie mit Percussions, wilden Streichern und Spukhauschören das Tempo des Films wahlweise vorantreibt oder dämpft. Dass Jackson hier vor allem eine gänzlich triviale und gerade deshalb so amüsante Gruselkomödie zelebriert, sollte dabei nicht vergessen werden: "The Frighteners" ist innerhalb des Jackson-Oeuvres nämlich vor allem auch eine überaus bedeutsame Fingerübung.
