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Februar 24, 2010

Kino: 9

Neun kleine Stoffpuppen kämpfen auf der menschenleeren Erde gegen eine Übermacht der Maschinen. Düster, bedrohlich und vor allem actionreich erzählt Shane Ackers "9" eine computeranimierte Schöpfungsgeschichte: In einer post- apokalyptischen Welt aus Schmutz und Metallresten begründen die kleinen durchnummerierten Geschöpfe eines verstorbenen Wissenschaftlers die Grundlage für neues Leben. Ein unkonventioneller, schöner, melancholischer Animationsfilm, der es Dank seiner Produzenten Tim Burton und Timur Bekmambetov ("Wanted") auf die große Leinwand geschafft hat.

Die Welt scheint nur noch eine einzige Ruine. Staubwolken tummeln sich in der Luft, rostige Schrotthaufen ragen bis zum Himmel, von Leben gibt es weit und breit keine Spur. Inmitten dieser dystopischen Öde erwacht der kleine 9, eine fragile Stoffpuppe. Verwirrt stolpert er umher, als er unerwartet Bekanntschaft mit Nummer 7 macht. Ehe sich 9 versieht, lernt er seine Kollegen 1-8 kennen, trifft auf das gigantische Metallmonster "Beast" und muss bald einige gefahrenvolle Missionen auf sich nehmen, um übermächtige Maschinen zu bekämpfen und schließlich das Erbe seines Erschaffers zu wahren.

In Ansätzen hat Regisseur Shane Acker diese Geschichte vor fünf Jahren schon einmal erzählt. Im gleichnamigen 10minütigen Animationsfilm kämpft 9 gegen ein bewegliches Schrottmonstrum, um die Seelen seiner Freunde zu befreien. In wenigen Minuten gelang es Acker, ganz unvermittelt, eine kleine futuristische Endzeitfantasie zu spinnen, die dem Zuschauer ebenso verwirrend wie faszinierend einen Ausschnitt aus dem Leben einer kleinen Stoffpuppe zeigte. Nachdem der Kurzfilm 2006 für den Oscar nominiert wurde, durfte Acker seine Idee mit prominenter Unterstützung nun noch einmal als großen kleinen Kinofilm ausbauen.

"9" war bereits in Kurzfilmform mit zahlreichen Anspielungen gespickt. Die Pixar-Lampe Luxo Jr. tauchte ebenso auf wie der Verweis auf bekannte Science-Fiction-Filme. Acker hat seine Kombination aus den kindgerechten Animationsmotiven unschuldig wirkender, niedlicher Stoffpuppen und den gewalttätigen Endzeitbildern eines "Matrix" oder "Krieg der Welten" für die Kinofassung entsprechend zugespitzt: Die kleinen Helden des Films müssen sich permanent gegen die verselbständigten Maschinen eines von künstlicher Intelligenz geführten Systems zur Wehr setzen, das ihnen und damit dem Film keine Ruhe gönnt.

Der Run-and-Hide-Charakter des ungewöhnlich actionreichen und mit 80 Minuten Spielzeit ohnehin recht kurzweiligen "9" ist selbst für ein erwachsenes Publikum mitunter eine Belastungsprobe. Wie in der Kurzfilmvorlage verzichtet Acker auf eine erklärende Exposition und füttert den Plot erst nach und nach mit spärlichen Informationen zum Auslöser der Apokalypse. Das ist vor allem in seiner Humorlosigkeit mutig und im immer noch kindlich besetzten amerikanischen Animationsfilm eine willkommene Ausnahme, aber es erklärt auch, wieso "9" ein PG-13-Rating erhielt und bei Publikum und Kritik in den USA durchgefallen ist.

Dabei hat Acker eines der noch am wenigsten Mainstream-Konventionen entsprechenden Details seines Kurzfilms für die Kinoadaption aufgegeben, im Gegensatz zur Vorlage verzichtet er hier nicht auf Dialoge. Das ist, wie schon in den letzten beiden Dritteln von Pixars Sci-Fi-Genrebeitrag "Wall-E", insofern schade, als es einen besonderen Reiz für die Untermalung der kommunikationslosen, verwilderten Endzeitwelt geboten hätte, würden sich die lebendigen Stoffpuppen wortlos verständigen müssen. Das hätte mit Sicherheit eine weitere Herausforderung, wenn nicht gar Zumutung für die Sehgewohnheiten eines Animations- filmpublikums bedeutet, aber eben auch eine besondere Note, um den ohnehin tristen, verstörenden Charakter des Films zu unterstreichen.

Immerhin jedoch, und hier bildeten sich einige Missverständnisse bei der Kritik, entsprechen die einfachen, präzisen und mitunter banalen Dialoge logischerweise den beschränkten Ausdrucksformen simpler Stofflappen auf zwei Beinen. Am Wirkungsvollsten erweckt Acker seine Figuren ohnehin mit mimischen und gestischen Bewegungen zum Leben: In den wenigen stillen Momenten seines Films wird der Einfluss Tim Burtons deutlich, wenn sich die letztlich kuriosen Gestalten in ihrer artifiziellen Andersartigkeit liebevoll umeinander kümmern. "9" pflegt nicht zufällig eine ästhetische und emotionale Verwandtschaft mit "Nightmare Before Christmas" oder "The World of Stainboy" – Burton mag hier, wie einst bei Henry Selick, einen Gleichgesinnten gefunden haben.

Tiefsinnig ist der Film bei alledem selten, und seine schlüssige, aber auch allzu simple Actiondramaturgie lässt wenig Raum für Existenzialismus oder die Widersprüchlichkeit eines Zukunftskonflikts der Künstlichkeiten. Dennoch ist "9" nicht zuletzt wegen seiner glasklaren, beeindruckend ausgeleuchteten und expressionistischen Computeranimation, der man das verhältnismäßig geringe Budget von 30 Millionen Dollarn nur selten ansieht, ein faszinierend beklemmender, geradezu dadaistischer Film. So möge Shane Acker der kommerzielle Misserfolg bitte nicht davon abhalten weitere Filme zu drehen.


65% - erschienen bei: gamona

Februar 02, 2009

Zuletzt gesehen: REQUIEM FOR A DREAM

Darren Aronofskys überinszenierter Blick auf eine Gesellschaft, die der Abhängigkeit verfallen ist. Die sozialkritischen Thesen des Films sind platt und unkonkret, die Bildmontage außergewöhnlich, experimentell und faszinierend. Aronofskys visuelle Handfertigkeiten wirken dabei aber zunehmend redundant und unkontrolliert, was dem erschöpfenden und verstörenden Charakter des Films hingegen nur zuträglich ist. Am Eindrücklichsten arbeitet "Requiem for a Dream" mit Filmmusik, die hier all ihre positiven und negativen Eigenschaften voll ausspielt. Der Handlungsteil um eine dem Suchtwahnsinn verfallende Ellen Burstyn ist besonders beispielhaft für Aronofskys penetrante Strategie der Zuschauermanipulation und ärgerlich insbesondere deshalb, weil er unglaubwürdig und wissenschaftlich irgendwo in den 70ern stecken geblieben ist. Wenn sich die dramatischen Ereignisse zum Ende zuspitzen und die Schnittfrequenz immer weiter erhöht wird, kann man Aronofskys Übermut durchaus schon als emotionale Vergewaltigung bezeichnen.


50%

Dezember 11, 2008

Kino: THE DAY THE EARTH STOOD STILL

Die hauseigenen Remakes bei der Fox gehen mit "The Day the Earth Stood Still" in die nächste Runde. Qualitativ bleibt es weiterhin ganz gruselig. Aus der pazifistischen Meditation über den Kalten Krieg im Original von Robert Wise entwickelt Scott Derrickson nun eine theologisch angehauchte Öko-Parabel, in der Keanu Reeves als Alien-Gentlemen auf der Erde landet, um Jennifer Connelly und ihrem Filmsohn – der in Wirklichkeit zum verzogenen Nachwuchs von Will Smith gehört – die Botschaft zu verkünden, dass die Menschen die Erde zerstören. Connellys "We can change"-Plattitüden haben allerdings Erfolg und geben Reeves mal wieder die Gelegenheit, den noblen Messias zu spielen. Der Film ist dümmlich, von der ersten bis zur letzten Minuten uninteres- sant und in seiner akribischen Nachstellung des bahn- brechenden Originals peinlich unbeholfen. Der vermeintliche Respekt, den das Remake dem Original mit seinem gesetzten Erzähltempo offenbar entgegenzubringen sucht, generiert dabei nur Langeweile. Richtig ärgerlich ist insbesondere die Musik von Tyler Bates, der hier das Erbe von Bernard Herrmann antritt: Dessen Score zum 1951er-Original ist natürlich unerreichbar, aber Bates’ primitives Hans Zimmer- Gedudel kann nur noch als Respektlosigkeit vor der Film- geschichte verstanden werden.


20%

April 06, 2007

Kino: LITTLE CHILDREN

Der Griff nach hysterischer Küchenpsychologie fällt seit Sam Mendes' "American Beauty" nicht mehr schwer: Die überspitzte Sezierung der US-amerikanischen Mittelschicht reifte unter Einsatz satirischer wie blanken Zynismus bedienender Erzählformen in den letzten Jahren zu einem dialektischen Prinzip heran, bei dem sich der sprichwörtlich unter den Teppich gekehrte Suburbia-Horror schließlich seinen Weg an die Oberfläche bahnen musste. Die schlagartig veräußerte Unterdrückung fand in diesem Film jedoch lediglich Ausdruck durch eine atonale Poesie des Verfalls und billige Konsenslacher, die die Figuren auf dünnes Eis beförderte und sie schlussendlich nur noch brutal einbrechen lassen konnte. Dass "American Beauty" seiner Plakativität zum Trotz ein stilbildender Status zugesprochen gehört, demonstrieren zahlreiche Fernsehserien ("Six Feet Under" oder "Despe- rate Housewives") ebenso wie Kinofilme (zuletzt "Running with Scissors") und allen voran die neue Arbeit von Todd Field: "Little Children".

Der Film entwirft in mehreren Handlungssträngen, die allesamt in einer kleinen Vorstadtgegend angesiedelt und miteinander verwoben sind, ein Panorama seelischer Abgründe. Er erzählt von einer unglücklichen Hausfrau und Mutter, die ihren Ehemann betrügt, von einem aus dem Gefängnis entlassenen Mann, der sich vor Kindern entblößte und bei seiner Mutter Schutz sucht, einem ehemaligen Polizisten, der von den Erinnerungen eines dramatischen Einsatzes geplagt wird und einem unzufriedenen Hausmann und Vater, der seine Ehefrau hintergeht. Einsamkeit, Frustration und Selbstzweifel be- stimmen diese Schicksale, die ihre gesellschaftlichen Rollen und Muster so anstandslos ausfüllen. Sie erscheinen wie Gefangene in einem einheitlichen System, das Glück und Zufriedenheit mit der Beschaffenheit des häuslichen Vorgar- tens gleichsetzt.

"Little Children"
schildert den Kampf dieser Menschen gegen eine alles durchdringende Scheinidylle, die ihre Sehnsüchte nicht akzeptieren möchte. Sie alle haben ihren vorläufigen Platz in der Gesellschaft gefunden, sind verheiratet und wohlhabend oder vorbestraft und mittellos, ihnen gleich ist nichts mehr als der einfache Wunsch geliebt zu werden. Doch wenn die Ankunft in der erstrebten Bürgerlichkeit keine Garantie für individuelles Glück liefern kann, ist der zersetzende Prozess unaufhaltbar. Fields Film ist stets von einer pessimistischen Vorahnung bestimmt, was seine komischen Momente kurzlebig gestaltet und die tragischen Episoden noch viel unerträglicher wirken lässt. Diese so großartig verkörperten Figuren werden nie missbraucht oder vorgeführt, sondern sind Teil eines sensibel in Szene gesetzten Gesellschaftsquerschnitts, der den Zuschauer zu einem stillen, bewegten Beobachter macht.

Die ruhige Erzählstimme besitzt somit auch die Funktion, die einzelnen Stücke zu verbinden und verleiht "Little Children" trotz seiner episodischen Struktur einen fließenden Charakter. Die inszenatorische Stärke des Films ist jedoch eine andere: Field verzichtet fast gänzlich auf bedeutungsschwangere Symbolik. Anders als "American Beauty", der in der Wahl seiner Mittel oft grobschlächtig vorging, den Zuschauer mit artifiziellen Metaphern erdrückte und dadurch zeitweilig in jenen Pastellkitsch verfiel, den er eigentlich zu entlarven versuchte, bleiben feiner Humor und stille Tragik auf einer konstanten Linie. Der Film erhält neben seiner naturalis- tischen Photographie und dem nüchternen Schnitt gerade durch den Verzicht von Überspitzung eine enorme Authen- tizität. Wenn sich die Hausmütter tagtäglich auf jenem Kinderspielplatz zum Lästerplausch versammeln, auf dem später ein kastrierter Päderast schaukeln wird, verbietet sich ohnehin jeder Zynismus von selbst: Das Philistertum richtet sich schließlich zugrunde – an einem Orte reiner Unschuld.


75%

Januar 16, 2007

Kino: BLOOD DIAMOND

Der liberianische Bürgerkrieg in den 90er Jahren bildet den zeitlichen und räumlichen Hintergrund für Edward Zwicks Film "Blood Diamond". Der Titel verweist auf die so genannten „Konflikt-Diamanten“, die als Währung der Rebellenführer, Terroristen und Schmuggler die Unruhen in Sierra Leone finanzierten, und auch als „Blutdiamanten“ bezeichnet werden – für die Gewinnung der begehrten Steine wurden zahlreiche Teile der afrikanischen Bevölkerung misshandelt, bis 1999 über 5000 Kindersoldaten zwangsweise rekrutiert. Der illegale Handel mit den Diamanten ist auch nach Beendigung des Krieges ein Problem: Nur schwer lässt er sich kontrollieren, gelangen Steine aus Konfliktregionen in den regulären Handel – ungewiss, welche korrupten Wirtschaftsunternehmen mit ihrer Beteiligung dadurch weiterhin Unruhen in Krisengebieten finanzieren.

Kein bedenkenloser Stoff für einen Hollywoodfilm, der selbst erklärt, seine anspruchsvolle Thematik in möglichst unterhaltsamer Verpackung präsentieren zu wollen. Oder umgekehrt. Zweifel sind auch berechtigt, wenn ausgerechnet der Regisseur solch erzkonservativer Machwerke wie "Glory" oder "The Siege" sich diesem Komplex widmet – doch „Blood Diamond“ gelingt es zunächst erstaunlich fesselnd, sein Anliegen zu vertreten. Die ersten Minuten sind beklemmend intensiv, Zwick zeigt das Grauen des Bürgerkrieges in schonungslosen Bildern amputierter Zivilisten, erschossener Frauen und Kinder und niedergebrannter Dörfer. Er vermittelt stilistisch sicher und distanziert die Atmosphäre seines Schauplatzes, führt all seine Figuren geschickt ein und bebildert ohne Umschweife den groben politischen Kontext des Films.

Sind die narrativen Stränge erst einmal geschnürt, entfernt sich der sicherlich ambitionierte "Blood Diamond" allerdings schnell von seiner strengen Nüchternheit. Zwick ist zunehmend weniger an problemorientierten Kernpunkten, denn kantenloser Abenteueraction interessiert. Über die reine Darstellung grausiger, Gänsehaut erzeugender Aufnahmen von Kindern mit Maschinengewehren geht das nicht hinaus – weder Ursachen noch Auswirkungen in ihrer eigentlichen Komplexität werden im Film behandelt (die Rebellen erscheinen als dumpfe Meuchelmörder und die Figuren im politischen Kabinett, beispielsweise Präsident Joseph Saidu Momohs, spielen überhaupt keine Rolle!). Stattdessen mimt Leonardo DiCaprio in einer Mischung aus den Bogart-Charakteren eines "The Treasure of the Sierra Madre" und dem Typus des Indiana Jones den egoistischen Schmuggler, trägt dabei jedoch nicht nur einige Zentimeter zu dick auf, sondern verdrängt vor allem den eigentlichen Mittelpunkt des Films: Die Geschichte eines Ex-Söldners, dessen Sohn entführt und zum Kindersoldaten ausgebildet wird.

Diese Schwerpunktverlagerung zugunsten einer unterhaltsamen Diamantenjagd ist nachvollziehbar, aber höchst bedauerlich. Zumal "Blood Diamond" trotz seines Verzichts auf konkrete Problematisierungen gern Antworten auf all seine tangierten Themenbereiche erteilt. Das hat spätestens im großen Finale fatale Auswirkungen, wenn der um jegliche Unschuld beraubte Junge die Handfeuerwaffe gegen die Arme seines Vaters eintauscht – so einfach und herzergreifend lassen ich komplexe Wahrheiten in kinogerechte Lösungen umdichten. Man könnte es deshalb ganz einfach böse formulieren: Der Film missbraucht seinen Gegenstand für eine mit konventioneller Spannungs- dramaturgie erzählte Schatzsuche, die im dösigen Ethno-Ambiente naiv und bisweilen überaus ärgerlich geriet. Letztlich werden in diesen belehrenden zwei Stunden nur Schauwerte und das gute Gewissen bedient.


40%