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Unnachahmlich photographierter, höchst atmosphärischer Gruselklassiker, der durch Carpenters Gespür für subtilen Horror absolut zeitlos ist.
0:00 Uhr – Jeepers Creepers 2 (Pro7)
Fast besser als sein Vorgänger. Stimmiger Teenie-Grusel mit den beiden typischen Victor Salva-Zutaten: Extra viele Klischees und halbnackte Jungs am laufenden Band.
1:45 Uhr – 8 MM (Pro7)
Der Film ist offenbar so befremdet von dem, was er abzubilden vorgibt, dass aus einer soliden Thrillernummer im S/M-Milieu eher ein verklemmter Reißer wurde. Nichts Neues vom Schumacher.
23:45 Uhr – Die Verurteilten (BR)
Gutes Gefängnisdrama, schöner Film über Freundschaft – aber Darabonts wahres Gesicht heißt: The Mist.
Sonntag, 02.03.
16:25 Uhr – Peggy Sue hat geheiratet (K1)
Für Coppola ein kleiner Fisch, aber mit viel Liebe fürs Detail inszenierte Komödie, die ganz Kathleen Turner gehört.
22:30 Uhr – Mann unter Feuer (Pro7)
Unfassbarer Schrott, der fast wehtut. Ein zielloses Gezappel ohne Sinn und Verstand.
0:15 Uhr – Under Fire (NDR)
Sehr guter Politthriller mit einer wunderbaren Joanna Cassidy und toller Musik. Unterschätzt.
Montag, 03.03.
21:00 Uhr – Der Unsichtbare Dritte (Arte)
Wer braucht James Bond, wenn man Cary Grant haben kann?
Dienstag, 04.03.
21:45 Uhr – To Die For (BR)
Sehr gute Medien-Satire. Obwohl von Gus van Sant.
Mittwoch, 05.03.
22:20 Uhr – Desperado (K1)
Aufwendigeres Remake von Rodriguez’ erstem Erfolgsfilm, ganz seiner zwischen coolem Gepose und harten Shoot Outs angesetzten Ästhetik verschrieben. Gekürzt.
0:35 Uhr – Weekend (ARD)
Filme von Godard sind wie ein nicht enden wollender Alptraum; kaltherzige, starre Gemälde, aufgeblasen, wichtigtuerisch, prätentiös.
Donnerstag, 06.03.
23:00 Uhr – Der schmale Grat (VOX)
Einer der besten Antikriegsfilme. Sagenhafte Bilder. Hoffentlich wird er sich eines Tages aus dem Schatten des zeitgleichen, ungleich schlechteren Spielberg-Beitrags lösen können.
Freitag, 07.03.
20:15 Uhr – Mit Schirme, Charme und Melone (RTL2)
Grauenhafte Adaption der Kultserie, in jeder Hinsicht misslungen.
22:00 Uhr – Lethal Weapon 2 (RTL2)
Überflügelt den Vorgänger mit viel Action und deutlich mehr Humor. Moralisch aber alles andere als unbedenklich. Und Mel Gibson nervt.
P.T. Andersons erster Film. Kenne ich noch nicht, wird aber vorgemerkt.
Der wirklich große Verlierer ist für mich ohnehin David Finchers "Zodiac", der von Warner offenbar nicht beworben, einfach vergessen oder übersehen wurde. Nominierungen für Film, Regie und Ausstattung wären hier unabdingbar gewesen. Selbiges gilt für "Sweeney Todd", der mindestens in fünf weiteren Kategorien nominiert hätte werden müssen. Auch "Hairspray" tauchte gar nicht auf, ebenso wie Andrew Dominiks "The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford" insgesamt übergangen wurde. Wo wir schon dabei sind: Javier Bardems Frisur in allen Ehren, aber die Verkörperung einer Figur, die reine Genrekonstruktion ist, sollte nicht höher eingestuft werden als die brillante, begnadete Performance, die Casey Affleck als Robert Ford darbot. Aber ich denke einfach schnell an Pedro Almodovar-Filme zurück und die Sache bekommt einen versöhnlichen Geschmack.
Der Autorenstreik hat auch so seine Spuren hinterlassen. Jon Stewart war gut, aber er war nicht so gut wie bei seinem ersten Einsatz. Der Moderationsteil fiel insgesamt auch merklich kürzer aus, die Gags waren in Ordnung bis wirklich großartig, aber doch eher spärlich gesät.
Auf "Die Fälscher" hätte man eigentlich wetten müssen, Holocaust zieht immer, erst recht aus Deutschland (was für die Academy sicherlich gleichbedeutend mit Österreich und der Schweiz sein dürfte). In dieser Kategorie wären dennoch "Auf der anderen Seite" und sicher auch "El Orfanato" besser aufgehoben gewesen. Überraschend hingegen die weibliche Nebenrolle: Tilda Swinton und ihr Derek Jarman-Getue in allen Ehren, aber an Cate Blanchett und "I'm not there." hätte kein Weg vorbei führen dürfen – die Frau ist ein besserer Bob Dylan als Bob Dylan selbst! Und so doof, pubertär und öde "Transformers" auch sein mag, was seine visuellen Effekte betrifft, hebt der die Messlatte auf ein neues Niveau, was man vom steif getricksten "The Golden Compass" nicht behaupten kann. "Juno" wurde mit dem Drehbuch von Diablo Cody (ist das ein Name?) abgefertigt, als sentimental favourite sozusagen, und das, obwohl gerade dieses mit seinen affektierten Dialogen zu den Schwächen des Films zählt. Andererseits: Wenn Stripperinnen Oscars gewinnen können, ist Hopfen und Malz doch noch nicht verloren.
Was bleibt, sind die wahren Gewinner: "Once" und der beste Song, "Sweeney Todd" und die großartige Ausstattung von Dante Ferretti. Daniel Day-Lewis für seine Jahrhundert- leistung, "Atonement" für seinen ebenso originellen wie eingängigen Soundtrack, und "Ratatouille" für sich selbst. Fünf zufriedene Oscars, da gab es tatsächlich schon schlechtere Schnitte.
(dürfte wohl ein klassischer sentimental winner werden, weil man die beiden ja angeblich so lange übergangen habe)
Performance by an actor in a leading role
(alles andere käme einem Skandal gleich)
Performance by an actress in a leading role
(eigentlich klar, aber die Cotillard räumt überall ab, vielleicht wendet sich das Blatt noch)
Performance by an actor in a supporting role
(obwohl Affleck ihn verdient hätte, aber den Film werden zu wenige Academy-Mitglieder gesehen haben)
Performance by an actress in a supporting role
Best animated feature film of the year
(wenn es ein Animationsfilm schon mal in die anderen Kategorien schafft, ist die Sache geregelt)
Best foreign language film of the year
Adapted screenplay
(sehr hochkarätig, schwierige Wahl)
Original screenplay
(klassischer Fall von: wir mögen den, der soll wenigstens etwas bekommen - oder darf man "Juno" nicht unterschätzen, immerhin ist es der einzige der Nominierten für den besten Film, der in den USA über 100 Mio. Dollar eingespielt hat!)
Achievement in film editing
(die Coens und ihr doofes Pseudonym)
Achievement in cinematography
(Wunschdenken)
Achievement in costume design
(keine Nominierung für "Sweeney Todd", skandalös)
Achievement in music (Original score)
(ich mochte "Ratatouille" mehr, aber tippe doch sehr stark auf "Atonement")
Achievement in music (Original song)
Achievement in sound editing
Achievement in visual effects
Best documentary feature
Best documentary short subject
Best animated short film
Best live action short film
17:45 Uhr – Der Glückspilz (Das Vierte)
Gewohnt großartig inszenierte Wilder-Komödie, die es am Ende aber jedem recht machen will und die Geschichte ein wenig unbefriedigend auflöst. Walter Matthau ist dennoch brillant.
Scorseses verhunztes Amerikaepos über die Geschichte der Gewalt: Sieht schön aus, ist aber fehlbesetzt, musikalisch ziemlich daneben und strapaziert das Nervenkostüm mit Day-Lewis’ Over-Acting (der sich hier aber nur warm spielt, wir man derzeit in den Kinos bestaunen darf). Gekürzt.
20:15 Uhr – Akte X: Der Film (VOX)
Aufwendig und seinerzeit ein wirkliches Erlebnis. Das Akte X-Phänomen ist jedoch ungemein dated und völlig in den 90ern stecken geblieben.
22:05 Uhr – Jeepers Creepers (RTL2)
Frei von Originalität und überaus konventionell gestrickter Teenhorror, der kein Klischee auslässt, von Victor Salva (pfui) aber routiniert in Szene gesetzt ist.
22:55 Uhr – Frenzy (ARD)
Schräger, schwarzhumoriger Spät-Hitchcock: Kein Meister- werk, aber virtuos in jeder Hinsicht.
Nicht unumstrittener Versuch, die Ursachen und Auswirkungen des Neo-Faschismus anhand von amerikanischen Suburbs zu untersuchen. Irgendwie setzt der Film räumlich und zeitlich an der falschen Stelle an, hat aber doch eine nachhaltige erzählerische Kraft.
23:15 Uhr - …und dennoch leben sie (NDR)
Auf dem De Sica-Gebiet habe ich absoluten Nachholbedarf.
0:00 Uhr – Hitcher, der Highwaykiller (K1)
Spannender Psychotrip, umwerfend geschrieben. Rutger Hauers One-Man-Show inkl. Homo-Subtext. Gekürzt.
0:05 Uhr – Boulevard der Dämmerung (BR)
Meisterwerk. Der beste Film über Hollywood. Zum Niederknien.
Sonntag, 24.02.
18:05 Uhr – Die Kaktusblüte (Das Vierte)
Unglaublich komisch. Und Goldie Hawn ist ein Engel.
20:15 Uhr – Krieg der Welten (Pro7)
Mit erstaunlicher Präzision widmet sich Spielberg in seinem ‚Anti-E.T’ einem düsteren, vor allem aber ungemein bedrohlich in Szene gesetzten Invasionsszenario, das von seinen beklemmenden Bildern, den überraschend dezenten 9/11-Anklängen und einem souveränen Tom Cruise lebt. Ein etwas gedehnter Mittelteil und der zwar zweideutige, aber tendenziös eher verkitschte Schluss verwehren Spielbergs bestem Film seit Jahren jedoch den Eintrag in die Filmgeschichtsbücher – obwohl kaum ein Film zuletzt so eindrucksvoll demonstrierte, wie man mit Effekten in Kombination mit Live-Action umzugehen hat. Verkannt.
0:30 Uhr – Oscarverleihung (Pro7)
Mehr dazu natürlich in Kürze.
Montag, 25.02.
20:15 Uhr – Jersey Girl (SAT.1)
Ich hoffe ja immer noch, dass Dilettant Kevin Smith eines Tages Berufsverbot bekommt.
22:15 Uhr – Das Imperium der Wölfe (ZDF)
Kenne ich nicht, aber der erste Teil war zum Kotzen.
Dienstag, 26.02.
22:10 Uhr – Copykill (WDR)
Der deutsche Titel hat mich immer verwirrt. Ansonsten guter Film, seit ich aber weiß, wer Harry Connick Jr. ist und was der so treibt, finde ich den nur noch halb so gruselig.
0:20 Uhr – Die wunderbare Macht (ARD)
Super, die ARD veranstaltet offenbar eine Sirk-Retro. Wunderbar. Gucken!
Mittwoch, 26.02.
23:40 Uhr – Velvet Goldmine (BR)
Geht zwar nicht ganz auf, aber Haynes’ Ambition bleibt unverkennbar. Finde ich gelungener als "I’m not there.".
0:35 Uhr – Haben und Nichthaben (HR)
So niveauvoll können Rip-Offs sein (in diesem Fall von "Casablanca"). Einer der wunderbarsten Hawks-Filme, absolut phänomenal gespielt.
Freitag, 29.02.
Gutmenschendrama mit besonders viel Kitsch und Pathos. Darabonts Tränendrücker – im Vergleich zu seinem letzten Film Gold wert.
22:05 Uhr – Fargo (Tele5)
Intelligente und dennoch verspielte Provinzsatire, schrullig bis Anschlag und toll geschrieben. Krankt für mich aber an den typischen Coen-Problemen (siehe Review zu "No Country for Old Men").
23:55 Uhr – Darkman (RTL2)
Raimis irre Comic-Achterbahnfahrt, optisch toll umgesetzt und musikalisch wunderbar untermalt von Danny Elfman. Gekürzt.
0:35 Uhr – Menu Total (Arte)
Schlingensief hat mir schon so manche Filmnacht gerettet. Der soll ja besonders schlimm sein, zumindest steht in meiner Programmzeitschrift, Wim Wenders habe bei der Uraufführung tobend den Saal verlassen. Ja, kann es denn ein besseres Gütesiegel geben?
Der grobkörnige Videolook erschreckt zunächst – "Hatsu-Koi" ist mit einem einfachen Camcorder gedreht, ohne gesonderte Beleuchtung. Ein Amateurfilm, wenn man es denn so nennen will: Die Crew bestand nur aus Regisseur Kouichi Imaizumi und einem zweiten Mann für Ton und Musik. Gemessen an seinen spärlichen Mitteln und Fehlern (unfreiwillige Komparsen, die in die Kamera schauen, Stative, die sich überall spiegeln) ist der Film durchaus bemerkenswert, und ausnahmslos gut gemeint sowieso. Eine kleine, etwas bemühte Coming of Age-Geschichte wird hier erzählt, mit sympathischen Laien, originellen Einfällen und einem liebenswerten Humor. Die Lockerheit in der Darstellung von Homosexualität ist geradezu erfrischend, während der Film – für asiatische Produktionen nicht allzu üblich – auch nicht auf recht explizite Sexszenen zwischen Männern verzichtet. Dass die Selbstfindung und Akzeptanz der eigenen Sexualität letztlich nur über den Bund der Ehe einen Weg findet, lässt sich angesichts des ansteckenden Elans von "Hatsu-Koi" verkraften. An Diskussionen über das ewige Streben nach Gleichberechtigung via Hetero-Bürgerlichkeit ist dieser Film ganz sicher auch gar nicht interessiert.
60%
"Drifter" behandelt ein vielfach aufbereitetes Sujet, das sich nachhaltig vor allem durch Ulrich Edel Filmadaption "Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" festgesetzt haben dürfte. Heidinger nährt sich den Betroffenen mit emotionaler, aber nicht räumlicher Distanz. Er folgt ihnen bis auf die Toilette und zeigt Spritzeninjektionen in der Nahaufnahme, Gespräche über Freier und Erfahrungen mit ihnen aus direkter Perspektive. Der Film verharrt in einem Zustand der Hilflosigkeit, die ihm nur einfaches, unaufdringliches und dennoch nahes Beobachten ermöglicht. Obwohl der Vorwurf der Sozialpornographie auch in der anschließenden Podiumsdiskussion nach der Kinovorführung nicht ausblieb, ist genau dies das deutlichste Zeichen für ein Gefühl des kollektiven Unbehagens, nichts tun zu können. "Drifter" steht vor dem alten Problem des Genres, ein soziales Problemfeld einzufangen, ohne eine ausschließlich starre Begaffung des Elends für ein in warmen Kinositzen eingerichtetes Publikum zu ermöglichen.
Heidinger, der hiermit seinen Abschlussfilm an der Film- und Fernsehakademie Berlin vorstellt, weiß sehr wohl um diese Gefahr. Und weitergedacht ist der Vorwurf auch geradewegs absurd: Die Dokumentation bildet ab, um komplexe Sachverhalte für ein unbeteiligtes, unwissendes Publikum zu transzendieren. "Drifter" nämlich erzählt von Jugendlichen, die einem tagtäglich am Berliner Zoo begegnen, ohne dass man sie wahrnimmt, weil sie nicht verwahrlost, nicht zweifelsfrei als Straßenkinder, Junkies und Stricher erkennbar sind. Der Film untersucht sozusagen eine Grauzone. Dafür bedient er sich mitunter auch der bewussten Inszenierung, dieses Gefühl kann die Dokumentation nicht unterdrücken. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie man sich dem Thema überhaupt dokumentarisch und damit glaubwürdig annehmen kann, ohne das Behandelte mit einer gewissen dramaturgischen Struktur zu versehen. Und so erweist es sich als eigentliche Stärke des Films, auf konventionelle Off-Stimmen und Zwischeninterviews zu verzichten, um stattdessen eher szenisch vorzugehen.
"Drifter" ist natürlich sehr bewegend, die Selbstlosigkeit dieser Jugendlichen, der Hass, den sie gegen sich aufbringen, die Perspektivlosigkeit beunruhigt und macht das Zusehen keinesfalls einfach. In einem anschließenden Foyergespräch, das ich mit dem Regisseur führte (die Berlinale erweist sich nicht zuletzt für diese unmittelbare Kontaktform als Segen), erläuterte er noch einmal sorgfältig und glaubhaft, wie er das Vertrauen der – ja, wie solle man sie eigentlich bezeichnen, wurde gefragt – ‚Protagonisten’ erlangte. Die dreimonatige ‚Kennlernphase’ ohne Kameras merkt man dem Film letztlich an, von der restlichen Vor- und Nachbearbeitungszeit gar nicht zu sprechen. Er habe von Anfang an konkret klargestellt, dass er einen Film mache – und auch, wie er ihn mache. Was manch einer demnach als inszeniert, konstruiert oder gezwungen empfinden mag, ist letztlich nur Ausdruck einer Bereitschaft zur Kooperation, einer vertrauten Hingabe. Wie sehr eine derartige Dokumentation indes von beiderlei Gewinn sein kann, zeigt das Schicksal von Daniel – er hat nach den Dreharbeiten einen Entzug gemacht und ist seit zwei Jahren clean.
75%
Wer dachte, die unbeholfene Altherrenromantik bei Gus Van Sant sei schon das schlimmste, was dem US-Independentfilm mit Blick auf nackte Jungs in den letzten Jahren widerfahren wäre, der wird von "Dream Boy" eines besseren belehrt. Regisseur James Bolton geht zwar gerade erst auf die 40 zu und rückt seinen schwulen Figuren nicht allzu unangenehm auf den Leib – dafür allerdings erzählt er eine ungemein abgestandene, einfallslose und beliebige Coming Out- Geschichte, die unübersehbar im Fahrwasser von "Brokeback Mountain" nach Luft schnappt. Auf Klischees wird ausnahmslos nicht verzichtet, da ist man schwul, weil der Vater in Kindheitstagen des Nachts öfter mal das Schlafzimmer aufgesucht hat, hasst und bestraft sich für die eigene Sexualität und benimmt sich überhaupt wie ein sozialer Krüppel. In ellenlangen, aber unbegründet bedächtigen Einstellungen werfen sich die beiden Teens erst verschüchterte Blicke zu und fummeln bald den lieben langen Tag herum. Über das pubertäre Getue, das der Film ebenso pubertär inszeniert, vergisst Bolton allerdings, wohin die Reise gehen soll. Die Figuren bleiben unheimlich blass, ganze Nebenstränge werden gewoben, um ungenutzt zu bleiben, Randcharaktere eingeführt, um im Nirgendwo zu verschwinden.
Schmerzen verursacht das Over Acting mancher Darsteller, so der Mutter Nathans, die als Alkoholwrack mit verwischter Schminke den streng religiösen Vater (merke: Bibeltreue kausalisiert unterdrückte Sexualität) anfleht, nicht den eigenen Sohnemann zu missbrauchen. Der baut sich in seinem Zimmer Fallen, in die der Papi tappt, um dann raus in den Wald zu rennen. Dort trifft er auf seinen heimlichen Cover Boy, der immer so dreinblickt, als würde er in der nächsten Bel Ami-Western-Produktion die Hauptrolle spielen und ständig etwas von "touch me, touche me" faselt. Dazu sieht man mal Aufnahmen von Wiesen und künstlerische Einstellungen gen Himmel, denn Wolken sind ja immer ein schönes Symbol, egal für was. Und zum Ende hin schließlich nimmt das Drama noch eine Kurve zum Spukhaushorror, um einen irgendwie metaphorischen Ausdruck für den banalen Tod einer Figur zu suchen. Das ist in der Tat so derart grauenvoll, dass nur ein Zitat im Press Kit für größere Würgreize sorgt – Bolton sei der neue Bergman, hat dem Regisseur jemand prophezeit. Jemand namens Gus Van Sant.
10%
Was lernen wir aus diesem Jahr Berlinale? Dieter Kosslick ist ein Alt-68er. Die Stones, Patti Smith und Neil Young scheinbar modern. Madonna macht jetzt auf Regisseurin und wertet das Produkt dann gleich im Internet aus. Für den Wettbewerb bleibt gerade noch die Resteware aus Übersee oder Weltpremie- ren, die die Welt bis dato auch aus gutem Grund nicht gesehen hat, übrig. Plakate können einen in hysterisches Lachen ver- setzen, so geschehen beim deutschen Motiv zu "The Other Boleyn Girl", auf dem Scarlett Johansson und Natalie Portman wie zwei Jungdirnen im lasziven Korsett posieren, während Eric Bana schaut, als würde er fragen, wie er sich da nur hinein verirrt haben dürfte. Dieter Kosslicks Englisch sollte endlich mal den Goldenen Bären gewinnen. Filmvorführer scheint kein erlernter Beruf zu sein. Die Variety-Sonder- ausgaben bestehen vorwiegend aus Screening-Terminen für den Filmmarkt. Getränkepreise am Potsdamer Platz wurden um 100% angezogen. Filmstudenten sehen gut aus, aber wirken angespannt und genervt, vermutlich weil die Buñuel-Retro immer ausverkauft ist oder ihr Abschlussfilm nicht auf der Berlinale gezeigt wird. Shahrukh Khan möchte niemals einen Schwulen spielen, posiert auf seinen Plakaten aber besser als jeder Gayporno-Star. Wichtig ist man, wenn um den Hals ein rotes Bändchen baumelt. Noch wichtiger ist man, wenn man dazu die schnieke Berlinaletasche umzuhängen und in der einen Hand einen Latte Macchiato und der anderen Notizblock und Kugelschreiber zu halten hat. Rauchverbot gilt überall, nur nicht auf Berlinale-Partys. Zumindest war das bei der Senator-Fete der Fall, zu meinem Glück. Und Harvey Weinsteins vielleicht auch, der war ebenfalls da. Presse- konferenzen werden nur von Pseudojournalisten besucht, die mit ihren Pseudofragen nicht einmal versuchen, irgendwie nicht pseudo zu wirken. Die Filmauswahl war schon berechenbarer, zumindest um einige Dritte Welt-Dramen, Folter-Dokus und Arme Menschen-Betroffenheitskino reicher. Ein "300" außer Konkurrenz hat gefehlt, ich hätte dafür vielleicht "Rambo" vorgeschlagen. Im Kino husten und schniefen alle vor sich, das reinste Bazillendomizil. Um Studentenermäßigungen zu bekommen, muss man alles, nur kein Student sein. Und der neue Bruce LaBruce soll zu den Highlights der Berlinale zählen – was genau sagt das eigentlich über die 58. Filmfestspiele aus?