Februar 02, 2008

Kino: NO COUNTRY FOR OLD MEN

Irgendwo an der mexikanischen Grenze, nahe des Rio Grande: Vietnamveteran Llewelyn Moss (Josh Brolin) entdeckt beim Jagen in der Einöde das blutige Ausmaß eines schief gelaufenen Drogendeals. Neben mehreren Leichen stößt er dabei auch auf zwei Millionen US-Dollar, die er ungefragt mit sich nimmt. Alsbald sind ihm deshalb nicht nur eine Horde Mexikaner auf der Spur, sondern auch die Auftragskiller Anton Chigurh (großartig: Javier Bardem) und Carson Wells (Woody Harrelson), die das Geld per Funksignal verfolgen. Doch der ansässige Sheriff Bell (Tommy Lee Jones als Provinzbulle, dem männlichen Pendant zu Frances McDormand in "Fargo") bekommt Wind von der Sache und versucht Moss und dessen Ehefrau zu schützen. Das ist kein Land für alte Männer.

Einen Film der Coen-Brüder zu gucken ist wie zwei Stunden in einem Filmwissenschaftsseminar zu sitzen. Da bekommt man mächtig viel um die Ohren gehauen, viel kompetentes Wissen und viel tadelloses Handwerk vorgesetzt, ganz wunderbarer Anschauungsunterricht ist das. Und wie es sich für schludrige Dozenten gehört, machen die beiden das nie staubtrocken oder ätzend theoretisch, sondern immer mit einer augenzwinkernden Pointe zwischen den Lippen, einem Gag hier und einem Insider da, damit bei all dem Lernstoff immer auch der Spaß gesichert ist – denn letztlich geht es ja doch nur um den großen Witz, um alles, nur nicht um Ernsthaftigkeit.

Wenn man nach zwei Stunden "No Country for Old Men" zu Schmunzeln beginnt, weil all das, was man hier gesehen hat, doch nur reinster Absurdität entspringen kann, dann wird das besonders deutlich. Dieser Film hat keine größeren Ambitionen, nicht wirklich etwas mitzuteilen und auch keine Position zu vertreten, die den filmischen Tellerrand überschreitet. Er ist wie letztlich nahezu jeder Coen-Film ein Ausstellungsstück, das Ergebnis eines langen und intensiven Filmstudiums seiner Macher, ein in bewegte Bilder verpacktes Analysebuch über die Beschaffenheit des Kinos. Keine Reflektion etwa, denn Reflektion heißt Stellung beziehen, sondern nur ein einfaches Vorführen, ein dezent intellektuelles Demonstrieren. "No Country for Old Men" ist kein Theorem, untersucht keine Genremuster, paraphrasiert keine Methoden des Kinos, stellt sie nicht in einen Zusammenhang. Er bedient sie lediglich so offensichtlich, dass er zeigt, sie verstanden zu haben, ohne daraus einen Mehrwert oder eine Absicht zu bilden.

Der Film bleibt deshalb zumindest gefühlsmäßig eine distanzierte, kühle und weitestgehend unmenschliche Spielerei auf beachtlichem Niveau. Wie die Coens mit Zuschauererwartungen umgehen, sie bedienen oder mit ihnen brechen, wie sie eine ungemein verkürzte, knappe und dennoch völlig mit filmischem Raum ausgefüllte Geschichte erzählen, wie sie auf Details achten, die an anderen Filmemachern völlig vorbeigehen – seien es Schleifspuren von Gummischuhen auf dem Boden, nachdem ein Polizist dort qualvoll erwürgt wurde, oder eine so sorgfältige Ausstattung, dass man meint den modrigen Geruch der Holzwohnwägen riechen zu können (Roger Deakins sei Dank) –, das alles ist ziemlich brillant und auch ziemlich einmalig. Und während die Regisseure eine Geschichte über Zufall und Schicksal, über Raum und Zeit erzählen, führen sie vor allem die Berechenbarkeit des Kinos vor, die Standards, die Typisierungen, die Konventionen. Oder wäre das nicht bereits eine Deutung, die dem postmodernen Filmverständnis der beiden widerspräche?

Ein wirkliches Problem muss man daraus nicht zwangsläufig ableiten, immerhin funktionieren die Filme der Coens immer auch als stinknormales Erzählkino, wenngleich sie mehr als das sein wollen. Dass die inszenatorische Brillanz der beiden jedoch in letzter Konsequenz so ungenutzt bleibt, weil sie zu nichts, das außerhalb ihres Kinoradius' liegt, Stellung beziehen, bleibt ein wenig bedauernswert. Denn all die Figuren sind letztlich leblos, bleiben reine Filmkonstrukte, wie einem "No Country for Old Men" nichts über Menschen oder über das Leben erzählt, sondern lediglich über das Kino. Wenn Filme ein Makrouniversum widerspiegeln, so beschwören die Coens alles nur auf Mikroniveau. Ohne wahre Leidenschaft für die Inhalte, sondern einer pragmatischen Verpflichtung fürs Formelle.

Wenn die Regisseure dabei hinter der Leinwand sitzen und durch sie hindurch kommentieren, ist das amüsant wie gleichermaßen störend. So wird der der Geschichte folgende Zuschauer spätestens nach zwei (unglaublich spannenden) Dritteln aus dem Film geworfen, wenn ihre Erzähler das Zepter endgültig in die Hand nehmen und mit aufgesetzten Ellipsen die Handlung zerbröseln. Es geht also gar nicht darum, was erzählt wird, sondern nur wie es erzählt wird, ohne doppelten Boden und ohne Ausweichmöglichkeit für ein Publikum, das an kokettem Filmschwall nicht interessiert ist. "No Country for Old Men" kann man deshalb als formal perfekte Beschwörung ans Kino, an seine Funktionsweise und seine Mechanismen lesen – oder ihn einfach als zwölften Coen-Film betrachten, bei dem es wieder einmal um nichts anderes als reine Technokratie geht.


60% - erschienen bei: DAS MANIFEST

Kommentare:

  1. Ja! Der erste der den Film "zerstört", überall überschlagen sich die Lobpreisungen, doch an Rajko kommt keiner vorbei, wenn er nicht Steven Spielberg heißt ;)

    Find ich gut, mal kein "Oh wie geil"-Review zu lesen, bin selber schon gespannt, wie er mir dann im Kino gefallen wird.

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  2. Also ich fand ihn schon gut, so ist es nicht. Nur eben habe ich gewisse Grundsatzprobleme mit den Coens, die mich nicht zum endgültigen Kniefall bewegen.

    NO COUNTRY FOR OLD MEN ist für mich Fun auf beachtlicher Höhe, als solcher schätzenswert, aber insgesamt für meine Begriffe - wie alles von den Coens - überbewertet und aufgebauscht.

    Hm, das klingt schon wieder böse, dabei mag ich den Film und werde ihn auch umgehend ein weiteres Mal schauen. ;)

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  3. Zwar bin ich in einigen Aspekten anderer Meinung - wer hätt's gedacht? -, so kann ich Deine Kritik dennoch absolut nachvollziehen. Wenn ich Dich richtig verstehe, sagst Du ja, dass die Filme der Coens an einer Geschichte, die einen berührt und bisweilen in die 'Realität' übergreift, nicht interessiert sind, sondern in ihrer eigenen (theatralischen) Welt leben und sich in dieser nach Lust und Laune austoben, nicht?

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  4. So in etwa, genau.

    Mir fehlt vor allem eine bestimmte Sicht, die übers Kino hinausgeht, etwas, das ich mitnehmen kann, ein Statement zur Wirklichkeit.

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  5. Aber ist das nicht bei ca. 3/4 aller (aktuellen) Filme das Problem - ich sage nur Popcorn-/Blockbuster-Kino...? Dass solche Filme wie Akins Neuer (ohne ihn gesehen zu haben), SWEENEY & Co. viel zu kurz kommen in der heutigen Kinolandschaft, dürfte ja klar sein. Wobei es sicherlich auch Ausnahmen gibt...

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  6. Möglich. Vielleicht stört es mich bei den Coens auch aufgrund ihrer allgemeinen Rezeption oder wiel ich ihre Filme an und für sich ja mag und gerne mehr daraus filtern würde, als ich letztlich kann.

    Ein wenig wirkt es für mich deshalb auch wie an den großen Gag verschwendetes Handwerk.

    Bei den meisten Filmen erwarte ich derlei auch nicht, aber die Coens gelten ja schon als gut und groß und kultiviert. So begnadete Filmemacher sollten ihren movie-movie-Radius ruhig mal erweitern.

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  7. Genau das ist es was ich an den Coens liebe. Das was Tarantino als Movie Movie beschreibt. Nur mit dem Unterschied, daß bei den Coens die (Anti)Helden aus der Movie Welt stammen und sich mit Charakteren aus der Movie Movie Welt konfrontiert sehen. Daß da am Ende ihrer Filme nicht viel außer reiner Unterhaltung übrig bleibt, ist nicht unbedingt ein Manko, ich sehe dies eher als Stärke ihrer Filme an. Ist irgendwie mit einem großen leckeren Burger zu vergleichen. Schmeckt wunderbar, ohne jede Spur von Nachhaltigkeit. Ich hoffe No Country ist auch einer dieser dicken fetten und leckeren Burger. Hört sich nach Deinem Review jedenfalls so an:)

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  8. Weil ich es doch sehr interessant fand, möchte ich an dieser Stelle mal eine Review-Rückmeldung wiedergeben, die mir der ofdb-user Fastmachine hinterließ:

    "Selten kommt es vor, aber dein Coen-Review hat dann doch einen Nerv bei mir so getroffen, dass ich einige Bemerkungen rings um den heißen Brei herum verstreuen möchte.

    Deine Charakterisierung des Gesamtwerkes der Coen-Brüder ist zwar provokant zugespitzt, aber sehr treffend, auch wenn ich die künstlerischen Eingeweide der Coens, die du fachgerecht seziert hast, anders deute. Aber nun gut, alle Eingeweideschau hat ihre handwerklich überprüfbare Seite, deren exakt vorgeführte Rituale vernebeln, dass es sich im Grunde um die Ausschau nach den Gespenstern handelt, von denen man selbst umgetrieben wird.
    So gesehen, bin ich als Leser mit deinem Review rundrum glücklich.

    Problematisch bleibt für mich die Verbindung von allgemeiner Werkcharakterisierung und Kritik am Film selbst. Es gibt einige knappe, präzise Bemerkungen zum Film, die das Review gut einleiten. Den größten Teil des Textes hälst du dich aber sehr weit entfernt von der Besonderheit des Films. Mir fehlen da einige Bemerkungen auf mittlerer Abstraktionsebene. Der Text nimmt gar keine Rücksicht auf die sehr unterschiedliche Realisierung der Coenschen Grundhaltung in ihren Werken, er interessiert sich gar nicht für ihre Entwicklung im Laufe der Jahre.
    Hier wäre vielleicht noch ein Absatz angebracht, sollte der Text mal irgendwo anders publiziert werden, wo der Umfang nicht so limitiert ist.

    Zitat: 'NO COUNTRY FOR OLD MEN kann man deshalb als formal perfekte Beschwörung ans Kino, an seine Funktionsweise und seine Mechanismen lesen – oder ihn einfach als zwölften Coen-Film betrachten, bei dem es wieder einmal um nichts anderes als reine Technokratie geht.'

    Hm. Ja? Die bestechende Logik deiner Argumentation bringt mich fast dorthin, aber nur fast, denn ich glaube es nicht ganz. Und du wohl auch nicht, nur Mr.Hyde, der aus dem "aber", das Dr. Jekyll nebenbei anklingen lässt, ein kaltherziges Lob von gefühlten -273 Grad macht.
    Dein Talent, den Text zwischen Lob und Ironisierung pendeln zu lassen, liegt jederzeit sprachlich und intellektuell auf der Höhe, spielt aber witzigerweise ähnlich "unmenschlich" mit den verstandenen Mustern, wie du es den Coens vorwirfst.
    Einem so unterhaltsamen Polemiker wie dir, der mit kalter Feder schreibt, was er mit heißem Herzen fühlt und dann allen Ernstes die Coen-Brüder wegen ihres uneigentlichen Gestus anklagt, höre ich allein schon wegen dieser Chuzpe gerne zu. *g*

    Du willst eine klare Position? Ein klares Gefühl? Etwas, das über den Tellerrand des Kinos hinausgeht? Du meinst, man müßte hinter den bühnenbildnerischen Illusionen der Coens etwas ausmachen können, damit der Film ein Herz hätte? Und bei den Coens enthüllte sich nach allen Schleiertänzen nicht die nackte Wahrheit, sondern das Nichts? Oh Coen-Brüder, wo seid ihr?

    Ich lese mit Begeisterung weiter. *g*"

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  9. Interessant. Ich war durchaus der Ansicht, dass der Film einige Aussagen zur amerikanischen Gesellschaft und zu urtümlicher Gewalt generell auf extrem unterhaltsamer Basis trifft. Kleine Dinge, wie das Kontrollieren der Schuhsohlen nach dem Verlassen eines Hauses als einziger und trotzdem absoluter Hinweis auf das Ableben einer Nebenrolle und die Nebensächlichkeit, in der der Tod des Hauptcharakters der ersten zwei Drittel verkündet wird. Mich hat das beeindruckt, fast schon verstört.

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  10. Aber diese "kleinen Dinge", die du da nennst, sind für mich wiederum nur Statements bzw. Bekenntnisse zum Kino, zum Film, zur gestalterischen Funktionalität des Mediums, nicht zu etwas, das darüber hinaus ginge.

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