Dezember 03, 2007

Kino: THE GOLDEN COMPASS

Wer sich wie ich schon länger gefragt hat, was eigentlich Clare Higgins, die Frau mit den schrecklich toupierten roten Haaren aus "Hellraiser", so macht, der ist hier richtig. Man nehme das Design des Senatsplaneten Coruscant aus "Star Wars", die vermenschlichten und sprechenden Tiere aus "The Chronicles of Narnia" und mische dazwischen so ziemlich alles aus dem unerschöpflichen Tolkien-Fundus:

Das kleine Mädchen Lyra besucht ein College in Oxford – von innen sieht das übrigens schwer nach "Harry Potter" aus – und verbringt die meiste Zeit mit ihrem (Tier-)Dämon Pantalaimon, sowie dem Jungen Roger. Dazwischen wird viel gesabbelt, erklärt und wichtigtuerisch das als Parallelwelt angelegte Reich vorgestellt, bis Lyra mithilfe eines goldenen Kompasses (=Ersatzrelikt für den einen Ring) in die Arktis reist, wohin nämlich nicht nur Roger, sondern auch zahlreiche andere Kinder entführt wurden. Auf ihrer Reise muss sie sich mit Feen, Piraten und Eisbären herumschlagen, ehe es zu einem finalen Kampf mit den Tataren (aka. Kosaken) kommt.

"His Dark Materials" heißt der Romanzyklus von Philip Pullmann, dessen erster Teil nun unter der Fittiche von Chris Weitz inszeniert wurde. Der "About a Boy"-Regisseur stieg zwischenzeitlich aus dem Projekt aus, da er sich mit Größe und Verantwortung überfordert fühlte, kehrte schließlich aber wieder zurück. Die Unsicherheiten merkt man dem fertigen Film zu jeder Zeit an: "The Golden Compass" ist ein alles andere als gradliniger, homogener Fantasyfilm, sondern verhindert mit einer penetranten, kindischen Erklärungswut jeden Zugang zum Stoff. Nie wird die Geschichte visuell erzählt, immer tauchen neue Begrifflichkeiten auf, sprechen die Figuren weitere ellenlange Dialoge vor sich hin. Im Gegensatz zu Peter Jacksons "Lord of the Rings"-Trilogie erschließt sich die Welt des Films nicht von allein, sondern muss dauerhaft ihre Eigenständigkeit unter Beweis stellen.

Das ganze ist deshalb leider überaus didaktisch ausgefallen, sehr langweilig, holprig und uninteressant. Der Film besteht aus lauter Einzelteilen, die sich selbst erklären und ausstellen, vielen kleinen Szenen, Elementen und situativen Stückchen, die aneinandergereiht fürchterlich öde wirken. Dem Stoff, zumindest in Filmform, fehlt es an jeglichem Subtext und Bedeutung, die Geschichte funktioniert weder als Initiationsmetapher noch Identitätssuche, bleibt also im Gegensatz zur Tolkien-Verfilmung nicht nur formal, sondern auch inhaltlich ohne Belang. Letztlich wirkt "The Golden Compass" wie eine Ideenrevue ohne Ordnung und Zusammenhalt.

Besonders fehlt es der Adaption an starken Persönlichkeiten. Die Figuren sind durchweg platt, tauchen hier und da mal auf, haben aber eigentlich nicht wirklich etwas zu tun. Das gilt umso mehr für ihre Schauspieler, die alle entweder völlig unbeteiligt bleiben (Kidman, Craig oder Elliott) oder sich mit Mini-Sprechrollen von Tieren zufrieden geben müssen (Kathy Bates, Freddie Highmore). Richtig nervig ist das Unvermögen der Hauptdarstellerin: Die kleine Göre ist nicht nur unsympathisch und dumm, sondern auch noch eingebildet und aufgeblasen. Wenn sie dem Eisbärenkönig gegenübersteht, weiß sie anscheinend nicht, wo sie hingucken soll (CGI, wo bist du?), und auch sonst kann sie kaum einen vollständigen Satz geradeaus sprechen. Trauriger Tiefpunkt: Christopher Lee in einer einzigen Einstellung. Trauriger Hochpunkt: Ian McKellen als Stimme eines Eisbären.

Dass "The Golden Compass" auch dramaturgisch wenig Sinn ergibt (der Bärenkampf beispielsweise hält die Handlung nur auf), liegt wohl an den Kürzungen, Auslassungen, Umrandungen gegenüber der Vorlage, die aber schon merklich anders sein muss, um besser als dieser filmische Murks dastehen zu wollen. Immerhin ist Weitz' Film trotz seiner Ähnlichkeiten zum "Narnia"-Käse nicht mit christlicher Ideologie aufgeladen (man erinnere sich an den Weihnachtsmann, der Kindern Waffen in die Hand gab). Dass im Buch gar das Gegenteil der Fall sein soll, ist indes allerdings auch nicht zu vermerken. So bleibt dann ansonsten doch alles beim Alten: New Line will eine neue epische Trilogie generieren – und der "Lord of the Rings" schlägt noch immer hohe Wellen. Mir tut's nur für Frau Higgins leid, die hat schon wieder so eine hässliche Frisur abbekommen.


30% - erschienen bei: DAS MANIFEST

Kommentare:

  1. (man erinnere sich an den Weihnachtsmann, der Kindern Waffen in die Hand gab)

    Den hatte ich ganz vergessen, bzw. die einem fast schon ins Auge springende Kritik der ganzen Szene!

    AntwortenLöschen
  2. grammaton cleric4/12/07 13:24

    Hmm, ich kann es vielleicht nicht rational begründen, aber irgendwie geht von dem Film ein großer Reiz für mich aus. Habe schon NARNIA letztes Jahr verpasst (was Deiner M.n. ja alles andere als schlecht ist), aber irgendwie habe ich zur Weihnachtszeit immer das Bedürfnis, mir so etwas im Kino anzutun. Letztes Jahr war es BLACK X-MAX, der ja unerhört Scheiße war, ich im Nachhinein aber durchaus nochmal sehen würde.

    Und der Trailer sieht zumindest nach recht guten CGI aus, zumal ich die Idee mit dem Eisbären ziemlich nett finde. Und ja, ich weiß, es gibt besser Weihnachtsfilme (DIE HARD, LOTR [diE ich mir auch noch alle in der EE vor dem Fest geben will], CHRISTMAS VACATION [der ist Pflicht!!!]), aber irgendwie... ja... irgendwie eben.

    Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Zelebrierst Du als Atheist eigentlich das Fest?

    AntwortenLöschen
  3. @TheRudi:

    Würde man den Film mal allein auf seine ideologischen Implikationen hin untersuchen, wäre das ein Fall für die Sektenbeauftragten. ;)

    @Cleric:

    Ging mir auch so, ich hatte mir shcon etwas vom Film versprochen. Das Ergebnis aber ist nicht halb so schön, wie man es sich vorstellt (der reine Gedanke an Fantasy mit Eisbären etc. hat auch mir gefallen).

    Und klar feiere ich Weihnachten. Das hat doch mit der Kirche angesichts von Kapital- und Kommerzialisierung eh kaum noch was zu tun. *g*

    AntwortenLöschen
  4. grammaton cleric4/12/07 15:29

    Und klar feiere ich Weihnachten. Das hat doch mit der Kirche angesichts von Kapital- und Kommerzialisierung eh kaum noch was zu tun. *g*

    Das stimmt...

    AntwortenLöschen
  5. ich freue mich auch weiterhin auf den film und lese vorher aber noch das buch dazu, damit ich gegebenenfalls NOCH enttäuschter sein kann.

    und das zwischen den zeilen versteckte narnia-bashing habe ich jetzt übrigens einfach mal überlesen. finde den weiterhin recht sehenswert, und das hat wenig damit zu tun dass ich christ bin. nähere gründe stehen in meiner damals veröffentlichten kritik, bei der du freilich herzlich willkommen bist (bei kino.de)

    AntwortenLöschen
  6. Ich fand NARNIA einfach so schlecht, dass ich darüber eigentlich gar nicht weiter reden möchte und den ganzen Murks, den COMPASS jetzt wieder aufgefrischt hat, schnellstmöglich vergessen will.

    AntwortenLöschen
  7. NARNIA ging gar nicht. Dschihad im Kinderzimmer oder was? Mir stellen sich immernoch die Nackenhaare auf...

    Und THE GOLDEN COMPASS wird von mir einfach mal boykotiert. will ich nicht, brauch ich nicht.

    AntwortenLöschen