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Oktober 15, 2019

Zum 20-jährigen Jubiläum von Fight Club

Vor 20 Jahren kam Fight Club in die Kinos. Zunächst ein kommerzieller Flop, hat sich der Film von David Fincher schnell zum aufdringlichen Klassiker gemausert.

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Januar 13, 2014

Kino: 12 YEARS A SLAVE

Oscar-Saison ist Themenkino-Saison. Zeit für Hollywood, sich den "wahren" großen Geschichten und noch größeren Gefühlen anzunähern, ohne dabei mit Komplexität oder gar Unbequemlichkeit für Unruhe zu sorgen. "12 Years a Slave" aber, der Golden-Globe-Gewinner und Oscarfavorit 2014, ist ein vergleichsweise aufrichtig inszeniertes Drama über eines der besonders unterrepräsentierten Themen im amerikanischen Kino. [...]

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November 29, 2013

The Counselor, das Kritikerecho & rollende Köpfe

Nicht nur zu viele Köche, auch höchstverehrte Pulitzerpreisträger, High-Profile-Filmemacher und Schauspieler können den Brei gehörig verderben. "The Counselor" ist das anschauliche Versagen all seiner beteiligten Talente – und der Erwartungen an sie. 

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November 26, 2013

Kino: THE COUNSELOR

Köpfe würden rollen, wenn sich der Staub erst einmal gelegt habe, schrieb Peter Debruge, einer der Chefkritiker des altehrwürdigen Branchenblatts Variety, im Fazit seines Komplettverrisses zu Ridley Scotts "The Counselor". Und es werde kein schöner Anblick sein, das (Sinn-)Bild all der enthaupteten Talente, die diesem Film ihr Vertrauen schenkten, so Debruge. Eine bitterböse Besprechung, deren Urteil jedoch von der US-Kritik fast einhellig geteilt wurde. [...]

Juni 26, 2013

Kino: WORLD WAR Z

Brad Pitt muss als UN-Gesandter ein Mittel gegen die größte Pandemie der Menschheitsgeschichte finden – im teuersten Zombiefilm aller Zeiten. "World War Z", ein verhindertes Meisterwerk.

Juni 14, 2011

Kino: THE TREE OF LIFE

Jeder neue Film von Terrence Malick ist ein Ereignis, allein weil es ein neuer Film von Terrence Malick ist. Fünf großartige Langspielfilme in vierzig Jahren, keine öffentlichen Auftritte und gerade mal eine Handvoll Photos seiner Person haben zu einer Legendenbildung beigetragen, die ihn als einen der herausragenden amerikanischen Regisseure unserer Zeit ausweist.

Nach
"Badlands" (1973), "Days of Heaven" (1978), "The Thin Red Line" (1998) und "The New World" (2005) nun der "Tree of Life", Malicks ganz eigenes Epos von Schöpfung und anderen überlebensgroßen Themen. In Cannes wurde dieses wahlweise ausgebuht und beklatscht, gewann aber trotzdem die Goldene Palme als bester Film. Das Gemüterspalten zwischen Empörung und Faszination ist eigentlich die beste Voraussetzung für "The Tree of Life", Malicks Magnum Opus.

Eine durchgehende Geschichte erzählt der Film nicht, seine Struktur ist labyrinthisch und streng assoziativ. Gerahmt wird er von Monologen, Rückblenden und Gedankenfetzen eines Geschäftsmannes (Sean Penn), der nach schwerer Kindheit und dem Verlust des Bruders in einer Sinnkrise aus Fragen nach Diesseits und Jenseits gefangen ist. Sein Vater (Brad Pitt) war ein strenger Patriarch, gescheitert an eigenen Lebenszielen, seine Mutter (Jessica Chastain) eine bedingungslos gutherzige Hausfrau.

Malicks Entwurf der archaischen Kernfamilie führt zunächst einmal zum Ursprung aller Existenz. In einer unklaren Mischung aus Kreationismus und Evolutionstheorie gebären seine Bilder den Kosmos, die Welt und das Leben aus dem Nichts, angereichert mit Zitaten Hiobs. Zyniker werden das als aufgeblasene Trash-Esoterik bezeichnen, Polemiker als hochnotpeinliches Schwimmen in der eigenen Ursuppe. Ich nenne es betörenden Größenwahn. Alles oder nichts: Ein audiovisueller Gedankenstrom, ausgetragen aus Bedeutungs- schwangerschaft im ganz großen Stil.

140 Minuten lang zelebriert Malick Bilder von Schöpfung, Entwicklung und vermutlich göttlichen Interventionen. Seine Schauspieler sind Statisten, die mit wenigen Dialogen auskommen und sich den fragmentarischen Zusammenhängen ihres Regisseurs fügen müssen. Zu den anbetungswürdigen Bildern des derzeit besten Kameramanns der Welt, Emmanuel Lubezki, lässt Malick vorzugsweise Musik sprechen und überlegt Urknall und spielende Kinder auf Wiesen mit Mahler, Brahms und Smetana, sowie gelegentlichen Original- kompositionen des wiederum derzeit besten Filmkomponisten der Welt, Alexandre Desplat.


"The Tree of Life"
geht einem quasi universellen Existentialismus auf den Grund. Er fragt, ob der Mensch biologisch oder göttlich ist, ob er sich nur im Erleben seiner selbst verstehen oder doch nur Teil einer allgemeinen Ordnung sein kann. Malicks Film aber ist keine Lehrstunde in Philosophie, viel zu unkonkret sind seine Sinneseindrücke, Gedanken und Ausschnitte, um sie zum Diskurs erklären zu können. Auf eine berauschende Art montiert er Bilder und Musik zu einer ständigen Bewegung, in der der Zuschauer angeregt ist, dem spirituellen Strom gedanklich zu folgen. Anders als bei Ingmar Bergman oder Andrei Tarkowski ist die Beschäftigung mit Gott dabei noch eine Option, keine Voraussetzung.

Filme, die sich an solch gewaltige Themen wagen, die über Ursprung, Sein und Vergänglichkeit sinnieren, um die passende Entstehungsgeschichte allen Lebens gleich noch mitzuliefern, laufen immer Gefahr, sich zu verheben an der eigenen Überambition. Einem Spät- bzw. Alterswerk wie "Tree of Life" kann und wird man genauso Senilität unterstellen, wie man dies bei Francis Ford Coppolas "Youth Without Youth" oder anderen GGFÜA-Filmen getan hat – den "ganz großen Filmen über alles", wie Ekkehard Knörer sie einst treffend bezeich- nete.

Gerecht wird man einem Meister wie Malick damit gewiss nicht. Sein Film ist persönlich und intim, nicht erhaben. Wenn man
"Tree of Life" mit Stanley Kubricks "2001" vergleichen möchte, so wie zahlreiche Cannes-Kritiker, weil er an dessen Bildgewalt und Auseinandersetzung mit der conditio humana anknüpfe, muss man auch hinzufügen, dass Malick nicht vom Dinosaurierbaby zum menschlichen Säugling wie Kubrick vom Knochen zum Raumschiff schneidet. Er verzichtet auf vordergründige Komplexität und kreiert auch keine Bilder einer bloßen Aussage wegen. Bei Malick geht es um Mensch und Natur, nicht Technik und Technizismus.

Es ist schwer, der Begeisterung für diesen Film sinnvoll Ausdruck zu geben. Das bloße Aufzählen von durchaus widersprüchlichen Eindrücken – ergreifend, metaphysisch, verrückt, transzendal, gigantisch, banal, meditativ, anstrengend, vollkommen – wird ihm nicht gerecht und führt doch nur zu plattitüdenhafter Unklarheit und Behauptung. Es ist ganz profan: Entweder man findet einen Zugang zu diesem Film oder man findet ihn nicht. Es mag eine Frage der Haltung sein, Sinnlichkeit erfahrbar werden zu lassen und anzunehmen, oder eben sich ihr zu verwehren.



95%
- erschienen bei: gamona

September 18, 2009

Kino: THE TIME TRAVELER'S WIFE

Manche Filme entziehen sich ihrer Erzähllogik sehr klug, indem sie etwas per se Unlogisches als so selbstverständlich voraus- und ins Bild setzen, dass man sich nur zu gern von den heilsam eskapistischen Fäden einer großen Geschichte einspinnen lässt – für den Genrefilm ist das schließlich auch ein apodiktisches Prinzip. Die Rezeption findet dann bestmöglich irgendwo auf einer irrationalen Gefühlsebene statt, allerhöchstens stolpert man aufmerksam über die Unlogik innerhalb der eigenen Unlogik und stellt doch das große Behauptungskonstrukt nicht in Frage. "The Time Traveler’s Wife" bricht diese Erwartungshaltung noch stärker herunter, er möchte schlicht ein Film sein, den man spüren und ertasten muss. Es ist eine wattebauschig-gediegene Kitschanhäufung voller definierter Emotionen und zielgruppenorientierter Appelle: Ein Film für Frauen, die Monogamie und ewige Liebe nicht für eine Erfindung der Kirche halten.

Henry DeTamble steht im Mittelpunkt einer Handlung, die ebenso unvermittelt wie unmotiviert ihren Anfang nimmt: Er ist das Opfer eines genetischen Defekts (in jeder Hinsicht allzu adäquat: Eric Bana), der ihn willkürlich und unkontrolliert durch die Zeit reisen lässt. Meist führt ihn der plötzliche Raumentzug in die Vergangenheit, an Orte, die wahrscheinlich von seinem Unterbewusststein gesteuert werden. Diese unkonventionelle Eigenschaft könnte ein großer Spaß sein, würde Henry sein Schicksal nicht als quälende Stigmatisation begreifen, die die Beziehung zu seiner stets im Hier und Jetzt zurückgelassenen Frau Clare (Rachel McAdams) auf eine repetitive Probe stellt. Immerhin ist Henry seiner treudoofen Liebsten auf Zeitreisen nicht untreu, im Gegenteil – er landet sogar einmal im Gebüsch neben einer Wiese, auf der Clare gerade ein Picknick veranstaltet. Da ist sie zwar noch ein kleines Kind und er dank Zeitkontinuumsregel splitterfaser- nackt, aber der Grundstein für ihre immerwährende Liebe ist mit diesem Pädo-Sinnbild zweifelsfrei gelegt.

Und so durchzieht diesen Film ein ständiger Hauch von Wehmut, Sehnsucht, unerfüllter Liebe. Das ist formal in einer beachtlich lethargischen Schönbilder-Ästhetik gehalten, die faltenfrei und farbenbunt chronologisch Jahre und Zeiten durchläuft bis zum unaufhaltbaren dramaturgischen Brücken- schlag. Wie ein Geist stolpern Eric Bana und seine von Drehbuch und Regie zur totalen Konturenlosigkeit verdammte Figur durch diesen penetrant schwermütigen Taschentuch- heuler, der seinem Titel noch nicht einmal gerecht wird: Die in die völlige Passivität verdrängte "Frau des Zeitreisenden" bleibt eine Schattengestalt, deren Probleme vom hilflosen Zurückbleiben und ständigen Alleinsein der Film keine einzige Minute thematisiert. Stets folgt er vielmehr Henrys irrelevanten, uninteressanten, einschläfernden und letztlich keinerlei schlüssigen Logik folgenden Quickies in der Zeit, ohne bedeutende Teile der Handlung seiner Frau zu widmen. Man möchte nicht glauben, dass Oscargewinner Joel Rubin mit diesem Wohlfühlpamphlet nach Audrey Niffenegger sein eigenes großartiges "Ghost"-Drehbuch plündert.

Das alles erinnert nicht selten an den seltsamen Fall des "Benjamin Button", und witzigerweise hat Brad Pitt diese Adaption des Bestsellerschmachtfetzens auch noch produziert. Hier wie dort wird über Vergänglichkeit und eine alle Zeiten und Hindernisse überdauernde Romanze sinniert, hier wie dort geschieht das ebenso schleppend wie fremdartig. Der Exil-Schwabe Robert Schwentke verliert sich dabei in seinem zweiten Hollywoodfilm nach "Flightplan" in präzis gelackten Bildern, die keinen Raum für Emotionen und wirkliche Konflikte lassen. Das hätte ein spannender Film über die Unmöglichkeit von Liebe oder auch eine schöne Vanitas-Metapher werden können, stattdessen lässt uns "The Time Traveler’s Wife" zwei gepflegt langweilige Stunden in die gequält leidigen Gesichter seiner Hauptdarsteller blicken: Unendliche Leere.


20% - erschienen bei den: 5 Filmfreunden

Januar 29, 2009

Kino: THE CURIOUS CASE OF BENJAMIN BUTTON

Ein Mann kommt greis zur Welt und stirbt als Neugeborenes. Das ist die Idee, die David Fincher zu einem fast dreistündigen Konzeptfilm inspiriert hat. "The Curious Case of Benjamin Button" schildert also eben den seltsamen Fall des Herrn Benjamin Button, der paradoxerweise in einem Altersheim aufwächst. Er lernt ein kleines Mädchen kennen, doch ihr Verhältnis kann nur das eines alten Großvaters zu seiner jungen Enkelin sein. Irgendwann treffen sie sich in der Mitte ihres Lebens wieder – gleichaltrig. Eine tragische Liebes- geschichte ist der Film, aber auch eine Zeitreise durch das Amerika des 20. Jahrhunderts, eine stetig und inbrünstig Kinomagie heraufbeschwörende Filmausstellung – und ganz besonders ist es technokratisches Fincher-Experimentierwerk der fürchterlichsten Sorte.

Die kuriose Idee also, die der Film schon im Titel andeutet, ist natürlich nicht ernst zu nehmen: Sie ist im schlimmsten Fall ein Gimmick, im besten eine Metapher. Finchers Film ist auf den ersten Blick märchenhaft, surreal und träumerisch, er scheint die Idee für ein Gedankenspiel nutzen zu wollen, weniger um aus ihr einen Genreeffekt oder einen dramaturgischen Clou nach dem anderen zu generieren. Doch, nun ja, es ist eben ein David Fincher, der sich daran versucht, und seines nüchternen, reduzierten, dem Sujet verpflichteten Meisterstücks "Zodiac" zum Trotz kann der Regisseur nicht der Versuchung für die Technik dieser Geschichte erliegen, für das Pragmatische, die Filmsprache und ganz besonders die Akribie, die alles Rätselhafte, Magische und Menschliche ausblendet.

Was also ein Film hätte werden können, der sich seine absurde Ausgangsidee zu Eigen macht, um eine allegorische, metaphorische oder – wenn es denn nun sein muss – auch intellektuelle Meditation über die Diskrepanz zwischen Körper und Geist, über Vergänglichkeit, die Wertigkeit von Zeit und natürlich den Irrsinn der Liebe anzustimmen, ist eben doch nur ein Beweihräuchern an der eigenen Genialität. Die Idee, und das ist alles: die Idee, bleibt grotesk, albern und schwachsinnig, weil sie nicht in ein Märchen übersetzt, sondern immer wieder vorgeführt wird. Hier ist der Film, neben zahlreichen banalen Übereinstimmungen in der Plot-Struktur, seinem geistigen Vorgänger "Forrest Gump" am Ähnlichsten. Nicht gerade wunderlich, dass in beiden Fällen derselbe Drehbuchautor zugange war.

Deshalb ist "The Curious Case of Benjamin Button" das sperrige, höchst langweilige und somit uninteressante Auswälzen einer einzigen Idee auf rein ästhetischem Niveau. Er bietet nichts an, das über sorgfältige Ausstattung, wohlfeine Kameraarbeit und vordergründige Spezialeffekte hinausginge. Es ist ein Fincher-Spiel der besonders unange- nehmen Sorte, unterkühlt, ausladend und nur mit sich selbst beschäftigt. Und der Film ist keine Ode an das Leben, sondern seine Tricktechnik. Was Francis Ford Coppola und seiner ambitioniert verkopften Auseinandersetzung mit dem Wesen von Zeit und Alter in "Youth Without Youth" im letzten Jahr nur Häme einbrachte, das taugt hier allerdings in epischer Mainstream-Manier soeben für 13 Oscar-Nominierungen. Wahrlich: ein seltsamer Fall.


30% - erschienen bei den: FÜNF FILMFREUNDEN

Dezember 16, 2007

Kino: THE ASSASSINATION OF JESSE JAMES...

"... by the Coward Robert Ford" – das ist ein ganz schön langer Titel für einen ganz schön langen Film. Und er verrät auch bereits die ganze Geschichte mitsamt ihres Ausgang. Aber das ist ohnehin von nicht allzu großem Belang, denn Andrew Dominik geht es in seinem gerade erst zweiten Spielfilm mehr um den Heldenmythos seiner Figur, um eine Neuausrichtung des Genres und das Festhalten eines ganz bestimmten Moments, eines Moments im ausklingenden 19. Jahrhundert, wo ein Feigling sein Idol erschoss. Allerdings eines der Westernidole schlechthin: Thomas Howard – Jesse James.

Brad Pitt spielt diese Figur als Ikone, die sich majestätisch über ihr Umfeld positioniert und die Entstehung als eigene lebende Legende mitverfolgt. Dem Stolz seines Jesse James ist eine verkümmerte Todessehnsucht gleich. Ganz so als wüsste er vom Ende seiner Karriere, vom baldigen Abgesang, steht er zwischen weiten Gräsern, blickt auf sein gespiegeltes Ich im Eis und verweilt in seinem Garten, eine Zigarre rauchend, auf den Tod wartend. Dieser Mann ist 34, doch seine bewegte Geschichte steht ihm ins Gesicht geschrieben: Es wirkt wie das Gesicht eines welken Antihelden.

Dominiks Neuinterpretation basiert auf einer 1983 veröffentlichten Literaturvorlage und unterscheidet sich merklich vom verklärenden Grundtypus vergangener Jesse James-Bearbeitungen. Dieser gebrochene Räuber und Mörder hat nichts Ehrenwertes mehr an sich, ist niemand, der ein klassisches Amerika vor seinem Frühkapitalismus schützt, der Banken und Züge überfällt, um zu einer Outlaw-Legende des kleinen großen Privatmannes zu reifen – und doch ist er ein Star, ein früher Popstar sozusagen. Er ziert die Titelseiten der Zeitungen, liefert Stoff für Comics, Geschichten, Erzählungen über ihn. Und er hat Fans, Verehrer, so wie den jungen Bob Ford, der seiner Bande angehört, aber beständig an seine Unfähigkeit erinnert wird. Er steht im Schatten des Jesse James, obwohl er genauso groß ist, genauso blaue Augen hat und seinem Idol doch sowieso ebenbürtig sei, wie er es eines Abends am Essenstisch verkündet. Was nur Gelächter erntet.

Der Film streift sein anfängliches Bild, geprägt von einem dicht inszenierten nächtlichen Zugüberfall, immer nur beiläufig, aber die vermeintliche Heldenbande um Jesse James skizziert er als ziellose und verwirrte Gruppe brutaler Taugenichtse. Diese Männer sind keine ritterlichen Geber, die den Vormarsch der Industrialisierung mit südstaatlichem Post-Bürgerkriegseifer zu bekämpfen versuchen, um die Habseligkeiten der ‚großen’ an die ‚kleinen’ zurückzubringen. Auch wenn der Film die Verklärung seines untersuchten Mythos’ selbst zugeben muss, sei es in der Presse, der Rechtssprechung oder der Kultur – schließlich wird all das Gesehene zu einem Stück trivialen Theaters verkommen –, achtet er ganz bewusst darauf, neue Blickwinkel auf Jesse James und seine Mitstreiter zu schaffen. Denn indem diese Gefolgschaft in sich verraten und zersetzt endet, kreiert der Film auch eine Metapher für die Unaufhaltsamkeit der Moderne, deren Züge sprichwörtlich längst am Anrollen sind. Man hat hier eine Meditation über den Western vor sich, die bald zum Abgesang werden muss.

Dies übernimmt zu einem wesentlichen, wenn nicht dem wesentlichsten Teil des Films die Bildsprache. "The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford" nennt Bilder sein eigen, die man in dieser Form noch nicht gesehen haben dürfte. Sie werden durchbrochen von Licht, immer wieder, immer und überall, es flutet die dichten Wälder bei Nacht, es strahlt die kargen Bäume kurz vor der Hinrichtung an, es reflektiert am ewigen Eis und an sonnengelben Kornfeldern. Man meint den winterlichen Schnee spüren und die Ernte riechen zu können, die diese Bilder ablichten. Sie erinnern an die Kompositionen eines Terrence Malick, und sie brechen mit optischen Western-Klischees weiter Prärien, unendlicher Länder und daraus abgeleiteter Freiheit.

Besonderen Fokus aber legt Dominik dabei gar nicht zwangsläufig auf seine mythische Figur, sondern widmet sich sorgfältiger deren Anhänger Ford. Dieser ist weniger Feigling, als selbst bestimmter Schmied des eigenen Glücks. Er kämpft an der Seite seines Vorbildes, bis er ihm schließlich den Rang einer Legende abzunehmen versucht. Hier erweist er sich zumindest in einer Hinsicht als würdiger Nachfolger: So wie Jesse James mitunter weniger Energie in seine Straftaten zu stecken, als vielmehr die eigene Reputation zu organisieren scheint, so reift Ford vom Zeitungssausschnitte sammelnden Bewunderer zum eigenen Objekt der Begierde, zumindest in der Versuchung. Freilich ist Casey Affleck hier eine Sensation, mit welch steinerner und zugleich zarter Mimik, verschlossener Hilfsbedürftigkeit und unberechenbarer Handlungskraft er die unsichere Möchtegern-Legende verkörpert, mit welch unterdrücktem Hass seine Blicke erfüllt sind, wie sie gleichermaßen auch eine unausgesprochene Liebe zum Idol auszustrahlen meinen, das wird zweifellos zu den nennenswertesten schauspielerischen Leistungen des Jahres gehören.

Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford schließlich gleicht eher einer freiwilligen Vollstreckung. Dem Blick nach Erlösung scheint hier Rechnung getragen, es ist, als wenn Jesse James dem Tod schon so lange ins Gesicht hatte blicken wollen. Seine Kraftlosigkeit durchzieht jedes Bild des Films, sowie jede Einstellung, in der vergeblich ein Stück Lebensenergie zurückerlangen will. Doch weder das traute Heim, noch die spielenden Kinder oder sublime Anziehung zum Ziehjungen Ford sind Ansporn genug. Die tragischste Figur ist überdies ohnehin der ungekrönte Westernheld Ford, der auch nach seiner Tat nur weiterhin Gegenstand einer ständigen Verballhornung sein kann. Ein Verlierer davor und danach, sogar den eigenen Abgesang darf er abends in der Trinkerspielunke über sich ergehen lassen. Und so wird ein Akt, der neue Helden hervorbringen sollte, zum persönlichen Lebenstrauma: Über 200mal spielt Ford die Ermordung auf der Bühne nach. Am Ende war’s dann doch nur großes Theater, die Legendenmär.


80%