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November 29, 2013

The Counselor, das Kritikerecho & rollende Köpfe

Nicht nur zu viele Köche, auch höchstverehrte Pulitzerpreisträger, High-Profile-Filmemacher und Schauspieler können den Brei gehörig verderben. "The Counselor" ist das anschauliche Versagen all seiner beteiligten Talente – und der Erwartungen an sie. 

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Mai 27, 2013

Kino: TO THE WONDER

Mit fast 70 Jahren hat Terrence Malick noch einmal jene Arbeitswut gepackt, von der Anhänger seiner unvergleichlich leidenschaftlichen Kinopoesie vier Jahrzehnte lang nur träumen konnten. Zu seinem neuen Film "To the Wonder" habe ich einen etwas längeren Text für gamona und einen knapperen für BRASH beigesteuert.

Oktober 29, 2012

Kino: SKYFALL

50 Jahre alt wird die langlebigste Kinoserie der Filmgeschichte – und gleich in den ersten Minuten von "Skyfall" stürzt James Bond 007 versehentlich von einer Kugel getroffen in die Tiefe. Natürlich überlebt unser Held, doch die Schuld lastet schwer auf M alias Judi Dench. Sie gab den Schießbefehl, und sie ist auch das Primärziel eines rachsüchtigen ehemaligen MI6-Agenten, dessen Attentatspläne der angeschlagene Bond vereiteln muss. [...]

Dezember 04, 2008

Kino: VICKY CRISTINA BARCELONA

Schon kurz nach der Ankunft im sonnigen Barcelona treffen die beiden Freundinnen Vicky (Rebecca Hall) und Cristina (Scarlett Johansson) auf den verführerischen Spanier Juan Antonio (Javier Bardem), der die hübschen Damen zu einem erotischen Wochenendausflug einlädt. Vicky, die kurz vor der Hochzeit steht, lässt sich von Cristina schließlich überreden, dem attraktiven Künstler zu folgen. Beide verfallen dann auch sofort dem Charme Juan Antonios: Cristina beginnt eine Beziehung mit ihm, Vicky stürzt kurz vor ihrer Hochzeit in ein Gefühlschaos. Doch auch Maria Elena (Penélope Cruz), die temperamentvolle Ex-Frau des Casanovas, hat noch Interesse an Juan Antonio.

Woody Allen ist womöglich der beständigste und zuver- lässigste aller Autorenfilmer und Altmeister und Regie- legenden. Jedes Jahr ein neuer Film, jedes Jahr eine weitere lockere Geschichte, in der viel geredet, geliebt und gezankt wird. Damit versetzt er immer wieder aufs neue Publikum und Kritik in Entzücken, ist Ehrengast auf Festivals und Liebling aller Filmstudenten, und vermittelt in seinen Arbeiten doch nie den Eindruck, etwas beweisen zu müssen. Mehr noch, waren insbesondere die letzten Filme des Regisseurs unbeschwerte, leichte, locker-flockige Angelegenheiten – bei einem Œuvre ohnehin bemerkenswert vieler luftiger Filme. Und oft geht es darin um nichts außer zwischenmenschliche Albernheiten, Altherrenromantik und Populärweisheiten.

In den letzten Jahren hat Allen ja nun das alte Europa und damit viele schöne Postkartenmotive für sich entdeckt. Mit Umzug und Umorientierung verbunden ist demnach auch ein notgedrungener Perspektivwechsel: Nicht unbedingt auf Weitsicht eingestellt, sind Allens Neuentdeckungen in England und, wie nun hier, Spanien nichtsdestotrotz um einiges wohlfeiner. Die Abgestandenheit seiner sonstigen Filme scheint erst einmal beseitigt – oder zumindest kaschiert – und das neu gewonnene Urlaubsflair hat den altersmilden Regisseur offenbar sogar noch einmal richtig in Schwung gebracht. So ist "Vicky Cristina Barcelona" eine wirklich schöne, witzige, ja gar erotische Liebeskomödie, die all das Geplapper, Inhaltslose und Nichtssagende typischer Allen- Filme überhaupt nicht braucht.

Das dritte Mal in Folge ist auch Scarlett Johansson dabei. Und der Regisseur ist wohl richtig beflügelt von der blonden Schönheit, die nicht viel kann, aber bei Allen glücklicherweise auch nicht viel tun muss. Er setzt sie hübsch in Szene – und dann darf sie einfach drauf losmachen, die Scarlett. Das funktioniert gut. Und noch besser funktioniert das bei Penélope Cruz, die dank "Volver" nach einem Dutzend Hollywood-Flops wieder da angelangt ist, wo man sie am Liebsten sieht: Als leidenschaftliche Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs. Ihre herrlich klischeeartige Figur macht mit all ihren Wutausbrüchen und Verzweiflungstaten große Freude. Cruz stiehlt allen die Show – das konnte man ja auch noch nicht allzu häufig von ihr behaupten.

"Vicky Cristina Barcelona" empfiehlt sich also als bester Sommerfilm, den man sich diesen Winter so anschauen kann. Und für die Möglichkeit, vor dem nasskalten Wetter in einen sonnig-schönen Film flüchten zu können, muss man dem Woody ja auch ein wenig dankbar sein.


60% - erschienen bei: den FÜNF FILMFREUNDEN

Februar 02, 2008

Kino: NO COUNTRY FOR OLD MEN

Irgendwo an der mexikanischen Grenze, nahe des Rio Grande: Vietnamveteran Llewelyn Moss (Josh Brolin) entdeckt beim Jagen in der Einöde das blutige Ausmaß eines schief gelaufenen Drogendeals. Neben mehreren Leichen stößt er dabei auch auf zwei Millionen US-Dollar, die er ungefragt mit sich nimmt. Alsbald sind ihm deshalb nicht nur eine Horde Mexikaner auf der Spur, sondern auch die Auftragskiller Anton Chigurh (großartig: Javier Bardem) und Carson Wells (Woody Harrelson), die das Geld per Funksignal verfolgen. Doch der ansässige Sheriff Bell (Tommy Lee Jones als Provinzbulle, dem männlichen Pendant zu Frances McDormand in "Fargo") bekommt Wind von der Sache und versucht Moss und dessen Ehefrau zu schützen. Das ist kein Land für alte Männer.

Einen Film der Coen-Brüder zu gucken ist wie zwei Stunden in einem Filmwissenschaftsseminar zu sitzen. Da bekommt man mächtig viel um die Ohren gehauen, viel kompetentes Wissen und viel tadelloses Handwerk vorgesetzt, ganz wunderbarer Anschauungsunterricht ist das. Und wie es sich für schludrige Dozenten gehört, machen die beiden das nie staubtrocken oder ätzend theoretisch, sondern immer mit einer augenzwinkernden Pointe zwischen den Lippen, einem Gag hier und einem Insider da, damit bei all dem Lernstoff immer auch der Spaß gesichert ist – denn letztlich geht es ja doch nur um den großen Witz, um alles, nur nicht um Ernsthaftigkeit.

Wenn man nach zwei Stunden "No Country for Old Men" zu Schmunzeln beginnt, weil all das, was man hier gesehen hat, doch nur reinster Absurdität entspringen kann, dann wird das besonders deutlich. Dieser Film hat keine größeren Ambitionen, nicht wirklich etwas mitzuteilen und auch keine Position zu vertreten, die den filmischen Tellerrand überschreitet. Er ist wie letztlich nahezu jeder Coen-Film ein Ausstellungsstück, das Ergebnis eines langen und intensiven Filmstudiums seiner Macher, ein in bewegte Bilder verpacktes Analysebuch über die Beschaffenheit des Kinos. Keine Reflektion etwa, denn Reflektion heißt Stellung beziehen, sondern nur ein einfaches Vorführen, ein dezent intellektuelles Demonstrieren. "No Country for Old Men" ist kein Theorem, untersucht keine Genremuster, paraphrasiert keine Methoden des Kinos, stellt sie nicht in einen Zusammenhang. Er bedient sie lediglich so offensichtlich, dass er zeigt, sie verstanden zu haben, ohne daraus einen Mehrwert oder eine Absicht zu bilden.

Der Film bleibt deshalb zumindest gefühlsmäßig eine distanzierte, kühle und weitestgehend unmenschliche Spielerei auf beachtlichem Niveau. Wie die Coens mit Zuschauererwartungen umgehen, sie bedienen oder mit ihnen brechen, wie sie eine ungemein verkürzte, knappe und dennoch völlig mit filmischem Raum ausgefüllte Geschichte erzählen, wie sie auf Details achten, die an anderen Filmemachern völlig vorbeigehen – seien es Schleifspuren von Gummischuhen auf dem Boden, nachdem ein Polizist dort qualvoll erwürgt wurde, oder eine so sorgfältige Ausstattung, dass man meint den modrigen Geruch der Holzwohnwägen riechen zu können (Roger Deakins sei Dank) –, das alles ist ziemlich brillant und auch ziemlich einmalig. Und während die Regisseure eine Geschichte über Zufall und Schicksal, über Raum und Zeit erzählen, führen sie vor allem die Berechenbarkeit des Kinos vor, die Standards, die Typisierungen, die Konventionen. Oder wäre das nicht bereits eine Deutung, die dem postmodernen Filmverständnis der beiden widerspräche?

Ein wirkliches Problem muss man daraus nicht zwangsläufig ableiten, immerhin funktionieren die Filme der Coens immer auch als stinknormales Erzählkino, wenngleich sie mehr als das sein wollen. Dass die inszenatorische Brillanz der beiden jedoch in letzter Konsequenz so ungenutzt bleibt, weil sie zu nichts, das außerhalb ihres Kinoradius' liegt, Stellung beziehen, bleibt ein wenig bedauernswert. Denn all die Figuren sind letztlich leblos, bleiben reine Filmkonstrukte, wie einem "No Country for Old Men" nichts über Menschen oder über das Leben erzählt, sondern lediglich über das Kino. Wenn Filme ein Makrouniversum widerspiegeln, so beschwören die Coens alles nur auf Mikroniveau. Ohne wahre Leidenschaft für die Inhalte, sondern einer pragmatischen Verpflichtung fürs Formelle.

Wenn die Regisseure dabei hinter der Leinwand sitzen und durch sie hindurch kommentieren, ist das amüsant wie gleichermaßen störend. So wird der der Geschichte folgende Zuschauer spätestens nach zwei (unglaublich spannenden) Dritteln aus dem Film geworfen, wenn ihre Erzähler das Zepter endgültig in die Hand nehmen und mit aufgesetzten Ellipsen die Handlung zerbröseln. Es geht also gar nicht darum, was erzählt wird, sondern nur wie es erzählt wird, ohne doppelten Boden und ohne Ausweichmöglichkeit für ein Publikum, das an kokettem Filmschwall nicht interessiert ist. "No Country for Old Men" kann man deshalb als formal perfekte Beschwörung ans Kino, an seine Funktionsweise und seine Mechanismen lesen – oder ihn einfach als zwölften Coen-Film betrachten, bei dem es wieder einmal um nichts anderes als reine Technokratie geht.


60% - erschienen bei: DAS MANIFEST