Juli 14, 2007

Kino: DEATH PROOF

Gemessen an dem, was Quentin Tarantinos neuer Film vermutlich sein möchte, nämlich nicht nur eine ehrenwerte Verbeugung vor den sleaze movies der Grindhouse-Ära, sondern ganz sicher auch eben selbst ein Vertreter des schmuddeligen Exploitation-Kinos, scheitert er grandios. "Death Proof" wäre so und wohl bestimmt auch nicht so ähnlich kaum in einem schäbigen Double Feature mit urigen Zombies, irren Highwaykillern oder satanischen Teufelsweibern gelaufen, denn er ist ganz einfach – viel zu gut. Und das ist in der Tat ein Problem: Da kann Tarantino das Filmmaterial so kokett verunstalten wie es ihm beliebt, hier einen Drop Out reinsetzen und da ein paar Cigarette Burns platzieren, den Ton knacksen und springen oder das Bild auch mal eben beabsichtigt unbeabsichtigt schwarzweiß werden lassen. Doch das nimmt seinem Film nicht die Widersprüchlichkeit aus taktilästhetischer Nachahmung von Schlechtigkeit und beispiellos großartiger Inszenierung.

Alles trennt "Death Proof" von den Vorbildern. Kostengünstig produziert, mit wenig talentierten Darstellern besetzt und um Sell-Out-Moments herum konzipiert, sind sie doch nur auf das Wesentliche aus – Sex(ismus) und Gewalt(verherrlichung) bestimmen die Handlung, das Mittel als Zweck begriffen, um in den Mitternachtsvorstellungen ein paar schnelle Dollar zu scheffeln. So arbeitet Tarantino nicht. Sein Film orientiert sich lediglich in der amüsant infantilen Dramaturgie an den Vorbildern, manch ästhetische Verunglimpfung inbegriffen (das überrote Blut, das in gleichmäßigen Streifen auf den Scheiben des Autofensters klebt), und stellt sich mit bemerkenswertem Selbstbewusstsein aus: Old-School-Retro-Grindhouse- Kino, weil’s halt Spaß macht. Und weil man’s kann.

Grindhouse ist das nicht. Tarantinos Dialoge sind viel zu clever, mehrdeutig und verschachtelt, sein visueller Stil zu durchdacht, komponiert und ausgefeilt, um auch nur für eine Minute als Möchtegern-Schund funktionieren zu können. Sein Gespür für den richtigen Ton einer jeden Szene, die akzentuierte Musikauswahl und eben die Fähigkeit/Vorliebe, ganze Handlungsabschnitte über Banalitäten aufzuziehen und entsprechend gewitzt auszuschmücken, das alles ist eben nicht cheesy, sleazy oder campy, sondern einfach wunderbar edel. Und auch wenn Tarantinos Film bestenfalls als polierte Hommage durchgeht, so ist er als Nicht-Grindhouse-Film letztlich sogar Teil eines entrückt postmodernen Actionkinos, das mit Autos aus "Vanishing Point" die besten Stunts der jüngeren Filmgeschichte auffährt.

Da tut es "Death Proof" womöglich nur gut, dass er nach dem katastrophalen Einspielergebnis des Double-Feature-Projekts ähnlich wie auch Robert Rodriguez’ "Planet Terror" separat vermarktet wird, in einer längeren und souveräneren Version. Denn einerseits erscheint das Vorhaben des Films nicht mehr ganz so überambitioniert, wenn es aus dem Kontext des Grindhouse-Spektakels gelöst wird, vor allem aber gliedert sich "Death Proof" für sich genommen bereits in zwei Teile. Nachdem Kurt Russell, der lange nicht mehr so gut war wie in der Rolle des Maniac on the Loose Stuntman Mike, die drei vermeintlichen Heldinnen zur Strecke gebracht hat, erzählt der Film die nahezu gleiche Geschichte noch ein zweites Mal, mit anderen (starken) Frauen im Mittelpunkt und einem irren Schlussgag. Was sich hier irgendwo zwischen quietschenden Autoreifen, augenzwinkerndem Feminismus und schwungvollen Jukebox-Plattitüden bewegt, ist nichts weiter als gewollter, aber doch schwer amüsanter Retro-Trash auf höchstem Niveau, der Tarantinos Versprechen nach dem zweigeteilten "Kill Bill" dann sogar doch noch ein wenig einlöst: Zwei Filme zum Preis von einem. Danke vielmals.


80%

Kommentare:

  1. na bitte, so sehe ich das ganze doch in etwa auch. die bewertung ist sogar die selbe *g*

    Freut mich, wenn gleich ich dem Film gerne böse gewesen wäre. ging aber irgendwie nicht.

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  2. Ich bin gespannt. Den Trailer fand ich mal absolut scheiße.

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  3. Toll, ich durfte am Montag in der Sneak NEXT sehen, währen überall anders DEATH PROOF lief... :cry:

    Egal, bin schon sehr gespannt, wie einige im Kino auf die von Dir gennanten "Unreinheiten" reagieren werden, dürften die meisten doch wissen, dass der Filme eine Hommage an das Trashkino ist, nicht aber, dass dieses auch Audiovisuell eher müllig ist. Von der Idee (die konkrete Umsetzung kenne ich ja noch nicht), aber wirklich genial!

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  4. Schön dass Tarantino wieder genau das gemacht hat, was man nicht erwartet hätte. Es ist aber schon erstaunlich, dass es immer noch Kinogänger gibt, die Rodruigez für Tarantino und Tarantino für Miller halten;-) Selbst in der neuen TV Spielfilm, deren Redaktion eigentlich immer sehr treffsicher daherkommt, behauptet man in einem Promoartikel zu Death Proof und Planet Terror, Rodruigez wäre wegen Tarantinos Gastregie aus der Directors Guild ausgetreten, was wohl Frank Miller dazu sagen würde? Aber eine Frage brennt mir unter den Fingernägeln. Ist Death Proof jetzt Tarantinos fünfter, sechster oder siebenter Film?

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  5. heut ist übrigens wieder film blue moon...

    nicht, dass wieder jemand die ausrede hat, dass zu spät drauf hingewiesen wurde.

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  6. Hm, da die Antwort von mir bei der Transformers Kritik wohl nicht ankam und bei jedem Versuch da zu antworten, sich mein Rechner aufhängt (?) wollte ich dir nur mitteilen, dass ich den in L.A. gesehen hab, zusammen mit dem grandiosen Ratatouille. :-P

    Lob zur Death Proof Kritik! Grad die ersten Sätze, dass Tarantino mit einer Hommage an das Exploitations-Kino eigentlich gescheitert ist, hab ich in anderen Reviews anderer Filmmagazine vermisst. Dennoch ein MustSee Film für mich.

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  7. Ah ok. ;)

    Danke schön. Ich finde ja zumindest, dass man dem Film darüber hinaus etwas abgewinnen kann, weil ihn ganz einfach 'nur' deshalb zu verdammen, da er an seinne Ambitionen scheitert, ignoriert ein wenig die Tatsache, dass da unterm Strich trotzdem was nettes bei rum kommt.

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  8. Ich find' den einfach geil.

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