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April 20, 2019

Sex, Zensur und die Grenzen von MeToo

Haben Richtlinien zur Inszenierung von Nacktheit etwas mit Zensur zu tun? Können Filme die Welt retten? Und wo ist eigentlich der Sex geblieben? Über Chancen und Grenzen des Einflusses von MeToo auf die Unterhaltungsproduktion.

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Januar 25, 2018

Für eine Reform der Oscars

Nur wenige haben mitbekommen, dass Donald Sutherland vergangenes Jahr seinen ersten Oscar erhielt. Nominiert war der Schauspieler für Hollywoods vorgeblich wichtigsten Filmpreis bis heute nicht, obwohl er seit mehr als fünf Dekaden im US-Kinogeschäft tätig ist und Meisterwerke wie "Johnny zieht in den Krieg" oder "Eine ganz normale Familie" drehte. Der Honorary Award, den die Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS) dem lange übergangenen Sutherland 2017 überreichte, schloss somit zwar eine besonders große Lücke der Oscargeschichte. Doch ärgerlicherweise fand seine Verleihung unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, weil Ehrenoscars seit 2009 in einer heimlich wirkenden Zeremonie ohne Millionenpublikum ausgehändigt werden. [...]

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Oktober 25, 2011

Kino: THE ADVENTURES OF TINTIN

Hunderttausend heulende Höllenhunde! Bereits 1983 sicherte sich Steven Spielberg die Filmrechte an "Tim und Struppi", doch erst jetzt schickt das ewige Hollywood-Wunderkind den wissbegierigen Reporter und dessen cleveren Foxterrier auf ihre erste große Kinoreise. Produziert von Peter Jackson und geschrieben unter anderem von "Scott Pilgrim"-Regisseur Edgar Wright, versammelt "Die Abenteuer von Tim und Struppi" ein internationales Team, das die berühmte Comicserie des Belgiers Hergé vorlagengetreu und mit beispiellosem Aufwand für die Kinoleinwand adaptiert.

"Das Geheimnis der Einhorn" ist der erste von vorerst zwei animierten Tintin-Kinofilmen, den noch unbetitelten zweiten Teil wird dann nicht mehr Spielberg, sondern Peter Jackson – voraussichtlich während seiner Arbeit an "The Hobbit" – drehen und fertig stellen (lassen). Zwar wurden Hergés weltweit gelesene und bereits 1929 erstmals veröffentlichte Abenteuergeschichten schon mehrfach in bewegte Bilder umgesetzt, aber sowohl die wenig bekannten Realfilme als auch die unterschiedlichen Zeichentrickversionen des Stoffes konnte man trotz ihres Charmes oder ihrer Beliebtheit bei Fans kaum als adäquate Verfilmungen der Vorlage bezeichnen.

Erst als Spielberg vor mittlerweile 30 Jahren von europäischen Filmkritikern auf die Verwandtschaft seines ersten Indiana-Jones-Films mit den rätselhaften Schatzsuchen der "Tim und Struppi"-Bände hingewiesen wurde, soll er die Comics kennen und lieben gelernt haben. Auf angeblich ausdrücklichen Wunsch Hergés übertrug man ihm nach dessen Tod die Filmrechte, doch eine anspruchsvolle Kinoadaption sollte auf sich warten lassen. Gerüchten zufolge plante Spielberg zwischenzeitlich eine Realfilmversion mit der androgynen Gwyneth Paltrow als Tim (?!), die jüngere (und nach wie vor zwiespältige) Motion-Capture-Technik jedoch inspirierte ihn nun zur Umsetzung des Stoffes als 3D-CGI-Animations- abenteuer.

Die Bände "Das Geheimnis der Einhorn" und "Der Schatz Rackhams des Roten" bilden die Grundlage des ersten Films, aber auch Elemente aus "Die Krabbe mit den goldenen Scheren" wurden vom Autorenteam in die Handlung eingeflochten. Tim (Jamie Bell) stößt darin auf ein altes Schiffsmodell, in dem sich Hinweise auf einen geheimnisvollen Schatz verbergen. Hinter diesem ist allerdings auch der skrupellose Sakharin (Daniel Craig) her, gegen den sich Tim, sein loyaler Hund Struppi und der stets volltrunkene Kapitän Haddock (Andy Serkis, der bisher womöglich einzige Performance-Capture-Star) auf alle erdenklichen Arten zur Wehr setzen müssen.

Der gelegentlich ein wenig höhepunktlose Einhorn-Zweiteiler erweist sich nicht unbedingt als idealer Einstieg für eine neue Tintin-Kinofilmserie. Zweifellos gehört Haddock (wie später auch Professor Bienlein) zu den beliebtesten Figuren und eigentlichen Stars der Comicserie, für einen ersten Film hätten sich Spielberg und Jackson jedoch vielleicht besser auf die ersten Bände konzentrieren sollen, um Tim und Struppi zunächst allein auf Abenteuerreise schicken und sie damit einem neuen Publikum vorstellen zu können. Gerade das umwerfend schöne erste Drittel des Films zeigt, dass man sich die Einführung weiterer fester Hauptfiguren und ein besonders großes Abenteuer auch bis zum zweiten Teil hätte aufsparen können.

Denn die ersten Minuten warten nicht nur mit einer sensationellen Titelsequenz, zahlreichen Anspielungen und Hinweisen auf die Vorlage und einem Quasi-Cameo von Hergé auf, sondern führen mit heimeligen Schauplätzen und ulkigen Sidekicks wie Schulze und Schultze (Simon Pegg und Nick Frost) geradezu wundersam in die Welt von Tim und Struppi ein. Die Detailverliebtheit in der Animation ist beeindruckend, und bei der Darstellung des Helden bleibt Spielberg den Comics erstaunlich treu: Tim ist ein Junge ohne Eigenschaften und Hintergrund, er wird erst durch sein Umfeld und bestimmte Handlungen annähernd charakterisiert.

Zur gewohnten Höchstform läuft Spielberg wieder einmal dann auf, wenn er Actionszenen geradezu kunstvoll arrangiert und durchspielt. In seinen Verfolgungsjagden und Duellen stecken mehr Ideen und Kniffe, als in jedem anderen computeranimierten Film, die teils sogar in digitale Plansequenzen gehüllten Actionstücke sind nichts außer beeindruckend – und dabei stets übersichtlich, nachvollziehbar und mitreißend choreographiert (in zudem sehr plastischem 3D). Das ist nicht selbstverständlich für einen klassischen Handwerker wie Spielberg, der bisher nicht nur völlig ungeübt war im digitalen Schnitt, sondern mit "Die Abenteuer von Tim und Struppi" schließlich überhaupt das allererste Mal einen vollständigen Trickfilm inszeniert.


60% - (vollständige Version) erschienen bei: gamona

August 29, 2011

Zuletzt gesehen: RISE OF THE PLANET OF THE APES

Seltsam befremdliche und freilich ohnehin unnötige Vorgeschichte als narrative Vereinfachung einer bereits zuvor großzügig breitgetretenen Metapher, die nun ausgerechnet in ihrem Prequel- und damit Ergründungsgestus der ursprünglichen Idee dem sich ins eigene Verderben forschenden Menschen kaum Platz, geschweige denn Differenzierung einräumt - und die eigentliche "Erklärung" sogar noch in den Abspann verbannt. Stattdessen präsentiert sich "Rise of the Planet of the Apes" mit Fokus auf zur Schau gestellter Rechnerarbeit, über die sich der Film folgerichtig auch gleich vermarktet ("Von WETA Digital"). Zwischen digitalem Tiergetöse mit computeranimierten Plansequenzen und überraschend altmodischer Inszenierung (sorgfältiger Schnitt von Mark Goldblatt) entsteht eine mehr als irritierende Kluft. Überflüssig.


40%

Dezember 10, 2008

Kino: INKHEART

Die Fähigkeit, literarische Gestalten aus ihrem Buchseiten- kontext in die Wirklichkeit überführen zu können, bildet die Grundidee der noch recht jungen Erfolgsromane "Tintenherz", "Tintenblut" und "Tintentod", die Cornelia Funke mit ihrem Mix aus Abenteuer-, Fantasy- und Coming-of-Age-Geschichte zu einer gefragten internationalen Autorin machten. Im Kino allerdings ist der Stoff schwer vom Verfall seiner Magie bedroht: Was in der Vorlage frisch und originell wirken mag, erscheint als Filmadaption nur wie der müde Versuch des Studios, an den Kinokassen jene weihnachtliche Leerstelle zu füllen, die "Herr der Ringe" und "Harry Potter" hinterlassen haben.

Mo Folchart (Brendan Fraser) ist seit Jahren auf der Suche nach einer Ausgabe des Buches "Tintenherz", das ihm vor langer Zeit eine besondere Fähigkeit offenbarte: Wenn er aus Büchern vorliest, ist Mo in der Lage, Figuren oder Situationen daraus in die Realität zu übertragen. An einem gemütlichen Winterabend führte das einst zum schicksalhaften Verlust seiner Frau, die in dem Roman verschwand - denn: was einem Buch entsteigt, muss ersetzt werden. Etwas wird herauskatapultiert, etwas anderes hineingezogen.

Gemeinsam mit seiner zwölfjährigen Tochter Meggie (Eliza Bennett) stößt er in einem Antiquariat schließlich auf "Tintenherz". Doch ehe er sich versieht, befindet er sich mittendrin im Kampf gegen Capricorn (Andy Serkis), dem nunmehr in der wirklichen Welt angekommenen Schurken des Romans, der seine Weltherrschaftsfantasien in der Realität munter weiterspinnt. Da kommt ihm Mo gerade recht mit seinen Fähigkeiten, kann dieser ihm doch allerlei Wünsche erfüllen, wenn er sie nur vorliest.

So purzeln dann die Goldtaler aus "1001 Nacht" vom Himmel oder fegt der Wirbelsturm aus dem "Zauberer von Oz" übers Land - und bleibt Mo nur mit Hilfe der mürrischen Tante Elinor (Helen Mirren) und des Gauklers Staubfänger (Paul Bettany), der zurück in die Welt des Romans gelangen möchte, die Chance, dem Schrecken Capricorns ein Ende zu setzen.

Zwar bietet die Geschichte Gelegenheit für einige amüsante Reflexionen über das Erzählen, so zum Beispiel der fiktive Autor des Buch-im-Films "Tintenherz" auf seine selbst kreierten Figuren stößt, aber streng genommen ist die Idee doch merklich altbacken: Michael Ende hat das mehr oder weniger gleiche Thema zum Beispiel in der "Unendlichen Geschichte" verhandelt, und selbst bis ins Mainstream-Kino Arnold Schwarzeneggers war der postmoderne Stoff sehr ähnlich mit "Last Action Hero" schon durchgedrungen.

Überhaupt erscheint "Tintenherz" in seiner Filmform nun ein wenig merkwürdig, denn der Appell ans Lesen, den Funke mit der Geschichte um die Erschaffung magischer Welten durch die reine Fantasie des Verstandes im Sinn gehabt haben mag, geht im Kino selbstredend verloren. Vor allem aber offenbart sie nun in komprimierter und filmische Konventionen befol- gender Form ihre eigentlichen Schwierigkeiten mit einer inneren Logik.

So ist es schon ein klein wenig wunderlich, dass die Helden des Films oftmals rätseln, wie sie sich aus bestimmten Situationen befreien oder überhaupt dem ganzen Schlamassel ein Ende bereiten können. Dabei braucht es doch nur, wie das einfallslose Finale zeigt, einen Stift zur Lösung: Denn alles, was Mo und seine Tochter, die beide mit der ‚Silberzunge' gesegnet sind, vorlesen, erfüllt sich bekanntlich - da hätte es sich doch angeboten, den ein oder anderen aufgeschriebenen Wunsch, dieses und jenes passende Buchzitat vorzulesen. Nicht?

Und an der sich selbst ad absurdum führenden Plot- Konzeption liegt es nicht allein, dass aus "Tintenherz" bis auf wenige Momente ein höchst langweiliger und liebloser Fantasy-Popanz wurde. Zäh inszeniert und unschön ausgestattet, entwickelt der Film zu keiner Zeit ein wirkliches Gespür fürs Phantastische. Es fällt der Adaption sichtlich schwer, die von Funke in der Vorlage beschworene Magie der aus Büchern hervortretenden Märchenwesen und Begebenheiten abgespeckt zu bebildern. Eher wird das, was auf dem Papier noch funktionieren mag, ohne Regieeinfälle oder originelle Effekte umgesetzt.

Selbst die Besetzung kann nicht gegen die sinnfällige Geschichte und ihre braven Bilder anspielen. Dass Brendan Fraser sogar die ursprüngliche Inspiration für Funkes Romanfigur gewesen sein soll, ist im Film bestenfalls zu erahnen. Er bleibt unauffällig und scheint ohnehin nur noch den Actionheld-Gang seiner "Mumien"-Filme einlegen zu können. Richtiggehend peinlich hingegen wirkt der Versuch Helen Mirrens, sich nach ihrer disziplinierten Oscar- Performance in "Die Queen" einer exaltierten Spielfreude zu ergeben - ihr Ritt auf einem Einhorn jedenfalls zählt zu den besonders unfreiwilligen Lachern in "Tintenherz".

Die an und für sich schöne Idee bleibt ungenutzt: Im Film verliert sie jede Plausibilität, während die Geschichte keinen Stolperstein auslässt. Da hätte es einen Regisseur benötigt, der den Stoff zumindest visuell verarbeiten kann. So enttäuscht "Tintenherz" als neues weihnachtliches Fantasy- Highlight ebenso wie "Der Goldene Kompass" im letzten Jahr. Da wünscht man sich wirklich, Brendan Fraser würde als Mo mal etwas Tolkien vorlesen - dann könnte Andy Serkis auch wieder den Gollum geben. Und es wäre um die winterliche Kino-Fantasy wieder deutlich besser bestellt.


30% - erschienen bei: gamona