Januar 25, 2018
Für eine Reform der Oscars
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November 04, 2012
Zuletzt gesehen: THE HUNGER GAMES
Juli 08, 2008
Zuletzt gesehen: JOHNNY GOT HIS GUN
Jeder sensorische Kontakt ist ihm unmöglich, weil Joe nicht mehr hören, nicht mehr sehen, nicht mehr sprechen kann. Er hat keine Arme und keine Beine, kein Gesicht und kein Raum-Zeit-Gefühl mehr. Trotzdem wird der US-Soldat im ersten Weltkrieg am Leben erhalten, weil er als Testmaterial noch dienlich sein kann – und seine Hirnrinde so irreparabel geschädigt sei, dass er ohnehin kein Bewusstsein mehr habe. Dass das anders ist, belegt die subjektive Erzählung von "Johnny Got His Gun". In assoziativen, abstrakten Ereignisketten vermengt Dalton Trumbo virtuos Traum- und Realszenen, mischt Erinnerungen hinzu, surreale Bunuel- Settings und sogar einen grandiosen Donald Sutherland als Jesus, der darum bemüht ist, Joe Fragen nach seinem Bewusstseinszustand zu beantworten (und dabei scheitert). Jede Vision, jeder Traum, jede Erinnerung findet Äquivalente im eigentlichen Spielraum, einer kleinen Abstellkammer, in die Joes Bett gestellt wurde (und die als schwarzweiß reflektierte Projektion einer möglichen Realität fungiert). Hier treffen schließlich Priester und General aufeinander, die jede Verantwortung gegenseitig abzuwälzen versuchen.Wahrlich beachtlich, wie ein Film mit so simplen Mitteln und so reduziert eine derart adäquate, ergreifende Metapher für den Krieg finden kann, dass man alle anderen Genrebeiträge – denen die Flucht aufs Kriegsfeld auch gleich jede Sicht verstellt – guten Gewissens vergessen kann. "Johnny Got His Gun" ist ein intensiver, ein kluger, ein wichtiger Film, der verstanden hat, dass man all die genreimmanente Kriegsverklärung aus Heldenpathos und Kameradschaftstod mit einem einfachen, präzisen und einprägsamen Ansatz umgehen kann: Der Qual, nicht sterben zu können und zu dürfen, der ausbleibenden Katharsis, der absoluten Hilflosigkeit, die bleibt. Trumbos eigene Romanadaption ist durch ihren Verzicht, ihre Reduktion und ihre Aussparung nicht nur die vermutlich beste filmische Annäherung an das unfassbare Kriegssujet, sondern auch eine bedingungslose Antwort auf die immerwährende Euthanasie- Debatte.
90%
Dezember 19, 2007
Retro: ORDINARY PEOPLE (1980)
Der Titel verlautet es: Gewöhnliche Leute stehen im Mittel- punkt von Robert Redfords Regiedebüt "Ordinary People". Der Film gewann 1981 vier Oscars, darunter für seinen Regisseur, das Drehbuch und auch für den Besten Film. Und das in jenem Jahr, als Martin Scorsese einen wilden Stier und David Lynch gar den Elefantenmenschen auf die Leinwand losließ. Nur, ein wenig hat man das Gefühl, als spräche heute kein Mensch mehr über Redfords insgesamt sehr stilles Familiendrama, das eine Brücke zwischen den ausschwei- fenden, im gleichen Moment aber auch bedrückend leisen Melodramen eines Douglas Sirk und den abgeklärten, desillusionierten und zynischen Filmen über innerfamiliäre Krisen der letzten Jahre schlägt. Das könnte daran liegen, dass Redfords Bild einer all-american-family, einer gehobenen Mittelstandsfamilie, deren nur allzu natürliche und menschliche Probleme eine gesellschaftlich konstituierte Fassade zum bröckeln bringen, dass dieses zwar nicht subversive, weil in jeder Hinsicht mit offenen Karten spielende Drama nicht viel neues zu berichten weiß. Es ist einfach, sehr didaktisch und gesetzt inszeniert, konzentriert und behutsam erzählt. Es wirkt beschränkt in der Reichweite seiner Wirkung, als würde Redford nur Spießbürger adressieren wollen, wohlhabende Vorstadtmenschen mit großen Häusern und noch größeren Gärten, die sich zwar einem vorgehaltenen Spiegel ausgesetzt sehen, die behandelte Problematik aber als einzige wirklich nach- vollziehen können. "Ordinary People" wurde schon bei seiner Veröffentlichung als zu brav gewertet, als gut gemeint, aber an den Zeiten des Aufbruchs vorbei denkend. "Raging Bull", "Gloria", "Tess" und "The Elephant Man" hießen die Filme, die den amerikanischen Mainstream 1980 von innen unterliefen.
In der Tat weist Redfords Film Schwächen auf, er ist nicht immer so subtil wie in seinen stärksten Momenten, widersteht nicht immer der Versuchung, seinen Figuren die Selbsterkenntnisse in den Mund zu legen und den Zuschauern somit das Denken zu erleichtern, ebenso wie die durchweg brillanten Darsteller in einigen Szenen zu Over-Acting neigen, obwohl sich ihr Regisseur noch als großartiger Schauspiel- führer erweisen wird. Aber dennoch: Das Schauspiel. "Ordinary People" darf schon deshalb nicht übersehen werden, da in ihm einer der talentiertesten, der faszinierendsten und meistbegabten Schauspieler der 80er Jahre sein Leinwanddebüt gibt. Timothy Hutton heißt er, und zweifellos gehört sein Oscar zu den weisesten Entscheidungen, die die Academy je getroffen hat. Die Leistung des seinerzeit erst 19jährigen Jungen zeichnet sich durch eine enorme Präsenz aus. Wie Hutton den selbstmordgefährdeten, an psychosomatischen Störungen leidenden High School-Schüler mit unsicherer Körpersprache, reflexartigen Bewegungen und ungemein einfühlsamer Introvertiertheit spielt, das scheint selbst gestandene Mimen wie Donald Sutherland und Mary Tyler Moore als besorgte Eltern in zurückhaltendes Erstaunen zu versetzen.
Die Geschichte selbst ist überschaubar, sie bebildert den allmählichen Verfall eines bürgerlichen Ideals, wie ein gut situiertes Ehepaar an der Kälte ihrer Beziehung scheitert, wie ein Ehemann und Vater nicht den patriarchalischen Erwartungen gerecht werden und dadurch die Ansprüche seiner Gesellschaft nicht erfüllen kann, wie ein Sohn die Schuldkomplexe am Unfalltod seines Bruders zu bewältigen sucht. Redford zeigt gewöhnliche Probleme in mehr oder weniger gewöhnlichen räumlichen Situationen. "Ordinary People" wirkt immer ein wenig gestellt in dem was er darstellen soll, doch gerade diese gewisse Künstlichkeit, die überhöhte Sicht verleiht ihm auch eine besondere Note – ein hinsichtlich seiner standardisierten, klassischen, beinahe archetypischen Settings sowohl ästhetisches, als auch inhaltliches Prinzip, das später vor allem Alan Ball aufgriff. Redford kreiert einfache Rahmen und Grundmuster für umso komplexere Figuren und Konflikte. Er schöpft das nicht immer unbedingt aus, liefert aber ein formales Modell, auf das zahlreiche thematisch ähnliche Filme zurückgriffen, aus jüngerer Vergangenheit besonders "Imaginary Heroes".
Von außerordentlicher Kraft sind die Szenen, in denen Huttons Figur seinem (idealisierten, aber von Judd Hirsch überaus eindrucksvoll gespieltem) Psychotherapeuten gegenübersitzt. Die Dialoge sind in diesen Momenten von besonderer, emotionaler Intelligenz, und der gesamte szenische Aufbau, die Musik und der Fokus sind schlicht, zurückhaltend und auf das wesentliche abgestimmt. Keinesfalls selbstverständlich ist auch die im zeitlichen Kontext zu betrachtende Heran- gehensweise an das Thema Suizid und eine gänzlich normale Auseinandersetzung mit Psychotherapie, die hier als legitimer Weg zur Lösung vorgeschlagen wird. Unverkennbar haben diesbezüglich Ben Affleck und Matt Damon für ihr Drehbuch zu "Good Will Hunting" abgeschaut, mit erschreckenden Unterschieden indes: Die Therapieszenen in "Ordinary People" besitzen jene glaubwürdige Schlichtheit, die dem hysterischen bis unangenehm peinlichen Gus van Sant-Film gänzlich fehlt. Während Robin Williams’ Figur den Patienten dort regelrecht penetrierte und der Film das in naiver Kurzsichtigkeit auch noch für richtig verklärte, geht der von Hirsch gespielte Arzt behutsam mit dem Schüler um – selbst als dieser kurz vor einem Anfall steht.
Redford hat seine erste Regiearbeit einmal als Melodram bezeichnet, in dem eine Familie mehr daran interessiert sei, wie sie wahrgenommen wird – nicht wie sie wirklich ist. Nachdem der Film inhaltlich fast alle vier Jahreszeiten durchstanden hat, kann da nur ein ernüchterndes, ein zu erwartendes und doch hoffnungsvolles, weil realistisches Schlussbild zurückbleiben. Jeder Figur wird hier der nötige Platz eingeräumt, sie alle werden vom Film respektiert, ohne dass ihnen Schmerz erspart bliebe. Es ist fast erstaunlich, wie sehr "Ordinary People" auf forcierte Konflikte, Emotionen und Höhepunkte verzichtet. In seiner intimen Inszenierung ist der Film ganz sicher eines der besten Familiendramen. Irgendwo zwischen "All That Heaven Allows" und "American Beauty".
80%