Dezember 08, 2006

Retro: THE GREAT MCGINTY (1940)

Der eine war immer ehrlich, der andere ein Lügenbaron – in einer mexikanischen Bar geraten zwei Männer aneinander, die jeweils nur für eine Minute aus ihrem Schema ausbrachen. Erzählt wird die Geschichte von letzterem, dessen einzig ehrlicher Moment ihm sogleich zum Verhängnis wurde. Dan McGinty (Brian Donlevy) war demnach nicht immer Barmann, sondern einst ein umher streunender Obdachloser, der es durch eine Verkettung von Zufällen und geschickten Umwegen bis zum Gouverneur schaffte. Das alles nahm seinen Anfang, als der Landstreicher seine Wählerstimme vom Bürgermeister erkaufen ließ – dies jedoch unbemerkt an die 40mal – und damit Interesse wie Karriereangebot der Parteihöchsten erntet. Erst die Sekretärin Catherine (Muriel Angelus), die McGinty einvernehmlich aus Prestigegründen heiratet, spornt ihn an, seine neu gewonnene Macht nicht politischen Lügen zu opfern.

McGinty, das ist ein Tramp, wie der naive Regisseur aus "Sullivan’s Travels" gern einer gewesen wäre, hablos, schlendernd und überaus gerissen, wenn es dem alltäglichen Überlebenskampf dienlich ist. Für den nötigen Dollar verkauft man schließlich seine Wählerstimme, ist der Einfluss auf die Bewegungen der Körper Politik und Gesellschaft doch ohnehin verschwindend gering, um außerdem nicht mit der Wimper zu zucken, das auch immer und immer wieder zu tun. Hier betrügen oberste Instanzen, das können kleine Landstreicher erst recht!

Diese märchenhafte Geschichte einer blitzschnellen, steilen Karriere, die Entsprechung des amerikanischen Traums – vom Tellerwäscher zum Millionär – interessiert Preston Sturges bezeichnenderweise ungleich mehr als die des suizidgefährdeten anderen Mannes, der, wie dem Voice Over im Prolog zu entnehmen ist, stets ein aufrechtes Leben führte, jedoch schnell zum stillen Zuhörer degradiert wird. Hier ist kein Platz für ehrenhafte Wahrheiten, man bewegt sich im politischen Raum ewigen Auf- und Abstiegs, es geht um die ganz Großen über den ganz Kleinen, um Macht, Moral und Korruption, da ist es natürlich der Lügenbold McGinty, dem die Aufmerksamkeit gebührt.

"The Great McGinty"
, Sturges’ Auftakt zu einer schillernden, visionären Kinoodyssee durch die 40er-Jahre, die viele der besten und wichtigsten Filme des Genres hervorbringen sollte, ist eine an satirischer Bissfestigkeit kaum steigerbare, überbordend direkte Abrechnung mit den amerikanischen Demokratieverhältnissen, ein einziges überzogen lautes Statement: Politik, das ist nur eine gewaltige Farce. Nicht Mehrheiten, sondern wenige wohlhabende Verwalter von Besitztümern, keine wahrheitsgetreuen Prinzipien oder Tugenden, vielmehr Schein über Sein und erputschte Machtansprüche bestimmen diesen politischen Apparat, dessen Scheinlegitimierung nicht den Erfolg seiner Initiierenden verhindern kann.

Mit dieser bitterbösen Weltanschauung tritt Sturges gegenüber vielen Kollegen seiner Zeit ungewöhnlich weit hervor, er chiffriert Tabuthemen der goldenen Filmära mit ausfallendem Slapstick und scheinbar unbewusst exaltierter, physischer Komik, um sein kommerzielles Regiedebüt zur radikalen Anschauungspraxis umzufunktionieren: Diese vermeintlich leichte Komödie über die Absurditäten des Lebens ist die in lebendige Bilder gehauchte Zerstörung amerikanischer Illusionen. McGintys Erfolgssträhne kennt erst in dem Moment ein Ende, als er sich – unmittelbar verliebt in die eigentlich zum Zwecke des Machtanspruchs geehelichte Catherine – einen Ausrutscher in die nunmehr fremde Welt der Realität erlaubt. Seine plötzliche Entscheidung, politisches Handeln in den Dienst des bedürftigen Volkes zu stellen, führt ihn direkt durch die Hände seiner Vorgesetzten ins Gefängnis.

Das ist nicht nur ironischer Ausdruck einer Unmöglichkeit von Herrschaft durch wahre Demokratie, sondern gleichzeitig die Umkehrung der ausgangs träumerisch verlockenden Fantasie, alles sei möglich – selbst der Weg von der Straße ins Luxusapartment. Hier gelingt es Sturges vielleicht noch nicht gänzlich, die obligatorisch herben Wortgefechte, die süffisanten Dialoge und filmischen Mittel, insbesondere die Montage mit ihren konnotierten Auslassungen und Einschüben, in Einklang mit vehementer Gesellschaftskritik zu bringen, doch sein anatomisches Bild vom Wesen des Menschen besitzt bereits die selbe Schlagkraft, wie sie auch die nachfolgenden Filme des Regisseurs aufweisen.

70%

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