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November 08, 2013

Zuletzt gesehen: PRINCE OF THE CITY (1981)

Dem eigenen Bekunden nach habe die gegenüber Serpico ungleich komplexere Illustration des Polizeiapparates Sidney Lumet dazu bewogen, mit dem epischen Prince of the City Robert Daleys gleichnamiges Buch über einen maßgeblich vom ehemaligen NYPD-Officer Robert Leuci initiierten Korruptionsskandal zu verfilmen. Tatsächlich erscheint der dargestellte Prozess einer moralischen Rehabilitation über mehrere Instanzen hinweg (Familie, Kollegen, Justizsystem) derart detailreich, ambivalent und schließlich auch zermürbend, dass Lumets Polizeidrama schon mehr als ein gewisses Grundinteresse am entsprechenden Betrieb voraussetzt. Der sehr einnehmenden ersten folgt dabei eine doch recht strapaziöse zweite Hälfte: Treat Williams trägt reichlich dick auf in seinem Spiel eines sukzessive wahnsinnigen internen Spitzels, die zuvor so spannenden Beobachtungen sich gegenseitig bedingender Milieus weichen einem etwas zu sehr auf Cop-Befindlichkeiten verlegten Egotrip. Das so sehr betonte Gesetz der Straße ("I know the law. The law doesn't know the streets.") bleibt letztlich seltsam theoretisch, die Junkies und Dealer und Prostituierten verschwinden zügig von der Bildfläche. Da erscheinen mir Sidney Lumets Beobachtungen in seinem später inszenierten Q and A um einiges sorgfältiger. So ist dies unterm Strich "nur" ein sehr guter Film mit einem ergreifenden Schlussbild.

November 07, 2013

Zuletzt gesehen: GUILTY AS SIN [JENSEITS DER UNSCHULD] (1993)

Erstaunlicherweise, zumindest mit Blick auf das Produktionsjahr, kein Sex-, sondern merklich gediegener Psychothriller, in dem Don Johnson – anders als es sich ja durchaus angeboten hätte – nicht den vögelfreudigen Michael Douglas gibt. Stattdessen terrorisiert er als Frauenmörder nach Herzenslust und aber auch allen Regeln der Overacting-Kunst seine arme Anwältin Rebecca De Mornay, die erst neugierig und dann widerwillig dessen Unschuld beweisen muss (vgl. auch Glenn Close im gar nicht so unähnlichen Jagged Edge). Edelschlockmeister Larry Cohen hat hier ein Drehbuch geschrieben, das selbst Justizanalphabeten in ungläubiges Staunen versetzt, und Sidney Lumet hat dieses Drehbuch mit fast absurdem, vielleicht ja sogar ironischem Ernst in Bilder übersetzt. Einige hübsche Inszenierungsideen, etwa Freeze-Frame-Johnson in bläulicher Rückblende, und die Bedeutsames suggerierende Musik von Howard Shore, der seine Thriller-Scores mit einer nicht zu unterschätzenden Subtilität schreibt, werten diesen hochvergnüglichen, überaus dusseligen Thriller zweifelsfrei auf. Als besondere Highlights erweisen sich ein Gerichtssaal, der in seiner Ausstattung an 90er-Jahre-Großraumdiscos erinnert, und ein sagenhaft kurzes, wahrlich unfassbares Finish, das man gesehen haben sollte. Es bleibt dabei: Auch einen Lumet im Ulk- statt Meisterregisseursmodus kann die Filmgeschichte nicht missen wollen.

November 04, 2013

Zuletzt gesehen: DEATHTRAP [DAS MÖRDERSPIEL] (1982)

Eine beinahe sklavisch vorlagengetreue Kinoadaption des langjährigen Broadway-Kassenknüllers von Ira Levin, der mit dem trickreichen Meta-Krimispiel über Systematik und Funktionalität trivialer Theaterstücke ein Meisterwerk kreierte. Von der Bühne ins Kino übertragen, müsste Deathtrap eigentlich an Sinn einbüßen (das Stück über Stücke innerhalb eines Stückes als Film?), würde Sidney Lumet sich den Stoff nicht mit gewohnt leichter Hand zueigen machen – und ihn ganz einfach verwandeln: Die Geschichte absurder Krimiwendungen im Theater funktioniert er schlicht zu einer Geschichte absurder Krimiwendungen im Kino um, ohne dass das augenzwinkernde, aber nicht minder effektive Gedankenspiel über Autorenschaft und Publikumsgunst dabei an Vergnüglichkeit einbüßt. Sowohl die irrwitzige erste als auch die clevere zweite Hälfte dieses Films sind auf ihre ganz eigene Art stimmig, auch weil Lumet das spürbar Theatrale trotz Schauplatzreduktion mit den genuinen Mitteln des Kinos rasiert. Levins Vorlage ist freilich ein derartiger Selbstläufer, dass auch überbefähigte Filmemacher sich nur noch an sie zu halten brauchen. Und so veränderte Lumet lediglich eine entscheidende Stelle, die zu präzisieren den wichtigsten Twist dieser an Wendungen und Kniffen wahrlich nicht armen Plot- und Overacting-Groteske preiszugeben hieße. Dass diese Änderung zum damaligen Kinostart indes eine Kontroverse provoziert haben soll, nachdem sie bereits von der englischsprachigen Kritik großzügig ausgeschlachtet wurde, erscheint unerklärlich – und macht Deathtrip, den Film, heute auch zu einem erinnerungswürdigen Relikt.

Oktober 25, 2013

Zuletzt gesehen: STRIP SEARCH [DAS VERHÖR] (2004)

Dass Sidney Lumets brisantes Fernsehkammerspiel über "außerordentliche Maßnahmen" zur Terrorbekämpfung im unmittelbaren 9/11-Klima 2004 eine Kontroverse entfache, verwundert kaum. Dass aber die sonst so diskursfreudige TV-Institution HBO genau diese vorschnell selbst abwickelte, indem sie Strip Search von, so heißt es, ursprünglich 120 auf 56 (!) Minuten zurechtstutzte, ohne Ankündigung im Spätprogramm versendete und erst nach Zuschauerprotesten ein einziges Mal wiederholte, verwundert wiederum sehr. In der hierzulande verfügbaren, immerhin 85minütigen Fassung nun lässt sich zumindest nicht so recht nachvollziehen, was eine derartige Zensur zu provozieren vermochte. Zwar kann Lumets Film über zwei in Wort und Bild weitgehend identische, rechtsstaatswidrige Verhörsituationen, die eine indes beim chinesischen, die andere beim US-amerikanischen Geheimdienst, freilich als offensiv empfunden werden, weil er die Terrorbekämpfung des vermeintlich demokratischen mit der des sozialistischen Staates gleichsetzt. Jedoch ist der didaktische Ansatz des Films, trotz seiner konkreten historisch-politischen Einordnung, viel zu artifiziell, um nicht zumindest lediglich als linksliberales Gedankenspiel bedenkenlos zur Ausstrahlung freigegeben werden zu können. Die Vernehmungen jedenfalls, von denen Sidney Lumet während seiner langen Karriere ja nicht wenige inszenierte, sind großartig verdichtet, engagiert gespielt und in der (gewiss grobschlächtigen) Gegenüberstellung auch bemerkenswert trocken. Ein gutes Stück weit ist dies, vor allem hinsichtlich des Schlussbildes von Glenn Close, vielleicht der Film, den Kathyrin Bigelow mit Zero Dark Thirty drehen wollte, um dann intellektuell an ihm zu scheitern.

Oktober 22, 2013

Zuletzt gesehen: THE MORNING AFTER (1986)

Gut zu wissen, dass Sidney Lumet auch Edeltrash zu meistern verstand. Obgleich dieser High-Profile-Thriller, in dem sich alles ganz buchstäblich um den Cocktail für eine Leiche dreht, nach etwa einem Drittel zum Liebesmelodram gedeiht (fließende Genregrenzen, ein Traum!), ist der beachtliche Ernst dieser Hitchcockschen Plotprämisse mit neonfarbenem Eighties-Überzug schon sehr beachtlich. Während Paul Chihara auf der Tonspur wahlweise Sopransaxofon und Herrmann-Zitate dirigiert (kurios-interessanter Score allemal), üben sich die Mordverdächtige Jane Fonda und der mysteriöse Fremde Jeff Bridges in einem mehr als eigenwilligen Schlagabtausch rätselhafter Screwball-Dialoge (der einzige offizielle Drehbuch-Credit des kurzzeitigen Filmproduzenten James Cresson). Das alles ist wunderbar anzuschauen, enorm unterhaltsam, immer ein bisschen kaputt. Fondas Performance als alkoholkranker, runtergewirtschafteter Star von anno dazumal (garstigster Moment: "They were grooming me to be the next Vera Miles.") kann eigentlich nur als Geschenk an ihre schwulen Fans verstanden werden (oder eben Hollywood-Metatext), die der Film überdies auch mit seinen Nebenrollen – Raul Julia als heterosexueller Friseur?!; Kathy Bates in einem einminütigen Cameo?! – ausreichend verwöhnt. In gewisser Hinsicht ist "The Morning After" die sanfte Sidney-Lumet-Version eines notgeilen Brian-De-Palma-Films, und das ist natürlich als Kompliment zu verstehen.


70%

Oktober 21, 2013

Zuletzt gesehen: Q&A [TÖDLICHE FRAGEN] (1990)

Ein weiterer, vergleichsweise weniger bekannter Polizeifilm von Sidney Lumet, dessen Spätwerk nicht nur wahre Wunder birgt, sondern der eigenen Meisterschaft mit einer ganz selbstverständlich anmutenden Ruhe und Präzision freien Lauf lässt. "Q&A" ist Crime Plotting im besten Sinne, erzählt aber (anders als dies auch immer wieder schnarchnasige Polizeifilme jüngeren Datums tun) nicht von Loyalität, Korruption und anderem langweiligen Männersentiment, sondern fast beiläufig von institutionalisiertem Rassismus, offenkundiger Homophobie, subkulturellen Milieus und (natürlich, Lumet halt) auch ganz besonders von familiären Fesseln. Einmal mehr thront Timothy Hutton über allem, besonders über einem leider im Method Acting verlorenen Nick Nolte, der als Rumpel-Bulle mit Hampelmaxenschauspiel zeitweise den Hans Albers gibt. Vom Meisterwerk trennt diesen klug geschriebenen, souverän inszenierten Film letztlich nur der grausige Soundtrack, manch Drehbucheinfall aus Seitenraschelhausen sowie ein unerwartet genreverpflichtetes Finish, das aber wiederum von einer niederschmetternden Schlussszene rückvergütet wird.


70%

Oktober 07, 2013

Zuletzt gesehen: DANIEL (1983)

Aus dem "Buch Daniel" von E. L. Doctorow hat Sidney Lumet einen Film "Daniel" erarbeitet, der die fiktionalisierte Geschichte des denkwürdigen Rosenberg-Falls nicht nur in Kinobilder übersetzt, sondern als politisches Melodram noch einmal neu denkt. Die erweiterte Perspektive des Stoffes, in der die Rekonstruktion des schrankenlosen Antikommunismus und entsprechenden Schauprozesses mit der Verurteilung und Hinrichtung zweier, wie heute bekannt ist, unschuldig bzw. unzureichend angeklagter Rüstungsspione zu einem Erinnerungsszenario des Sohnes verdichtet wird, behält der Film bei. Daniel (wie immer sagenhaft: Timothy Hutton) muss sich, Jahre nach dem Tod der Eltern, dem schweren Kindheitstrauma entgegenstellen, es persönlich und aber auch historisch bewältigen. Die Suche nach einer Wahrheit inszeniert Lumet ebenso als Daniels Suche nach sich selbst, wie in seinem nur wenige Jahre später gedrehten "Running on Empty" erkundet er mit ruhiger Hand die seelischen Spuren, die Risse in der Persönlichkeit eines Heranwachsenden, die Frage nach der Identität eines Menschen, der eben nicht nur von den Eltern (politischer Aktivismus als private Tyrannei), sondern dem ganzen System im Stich gelassen wurde. Im Versuch eines narrativen Essays gelingt dem Film diese Verschränkung auf einfühlsamste, teils bitterste Art, immer eindeutig, aber auch immer klug. "Is there such a thing as too much hope?", so die suggestiv fragende, bestürzende Erkenntnis eines Jungen, in dessen trostlosem Blick sich die ganze fatale Verrücktheit der McCarthy-Ära spiegelt.


90%

April 08, 2008

Kino: BEFORE THE DEVIL KNOWS YOU'RE DEAD

Über zu wenig Aufmerksamkeit wird sich "Before the Devil Knows You're Dead" sicher nicht beschweren können, trotz seines verhaltenen Starts und einem nichts sagenden deutschen Titel (Tödliche Entscheidung). Es ist Sidney Lumets beachtliches Comeback mit 83 Jahren, ein sou- veränes, handfestes Familiendrama mit Noir-Einschlag, eine dicht inszenierte, konzentriert erzählte, tragische Geschichte. Sie ist genauso ihren Figuren verpflichtet wie Lumets frühere Filme, von "12 Angry Men" bis "Running On Empty", der ebenfalls die Stabilität der Institution Familie untersuchte. Und diese Geschichte spannt einen Bogen annähernd bis zur Tragödie griechischen Ausmaßes: Ein schief gelaufener Juwelencoup, initiiert von zwei Brüdern, der eine (Philip Seymour Hoffman) verschuldet und drogensüchtig, der andere (Ethan Hawke) labil und mittellos, die die eigenen Eltern per Versicherungsbetrug ausnehmen wollen. Doch als die Mutter (Rosemary Harris) den Überfall nicht überlebt, gerät der Plan aus dem Ruder – ihr Ehemann und Vater (Albert Finney) hat darauf nichts anderes mehr im Sinn, als den Täter zu finden.

Eine simple Prämisse, die mit ihrer Rückblendenerzählung zunächst auch simpel umgesetzt scheint. Doch Lumet interessiert sich nur wenig für clevere Verstrickungen und Zeitsprünge, ergötzt sich nicht am filmischen Vexierspiel – es geht ihm nicht einmal gänzlich um die Krimiaspekte seines Thrillers. "Before the Devil Knows You're Dead" ist ein kraftvolles Familiendrama, fest in den Zügeln seines Erzählers gespannt: Eine moralische Lehrstunde ohne Belehrung, eine Reflexion über Familie als Träger und Stabilitätsfaktor, als einzige Konstante im allgemeinen gesellschaftlichen Werte- verfall, von dem so viele US-amerikanische Filme gerade in diesen Tagen berichten. Doch bei Lumet liegt all das Übel im Innern begraben, die Gier und Sorglosigkeit, das Abgründige und Verdorbene – es erwächst innerhalb der Familie. Die sorgfältig ausgearbeiteten Figuren sind alles in dieser altmodisch erscheinenden, doch mit dispositivem Bewusstsein erarbeiteten Charakterstudie, die zudem von brillanten Schauspielern getragen wird.


70%