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Oktober 21, 2013

Zuletzt gesehen: Q&A [TÖDLICHE FRAGEN] (1990)

Ein weiterer, vergleichsweise weniger bekannter Polizeifilm von Sidney Lumet, dessen Spätwerk nicht nur wahre Wunder birgt, sondern der eigenen Meisterschaft mit einer ganz selbstverständlich anmutenden Ruhe und Präzision freien Lauf lässt. "Q&A" ist Crime Plotting im besten Sinne, erzählt aber (anders als dies auch immer wieder schnarchnasige Polizeifilme jüngeren Datums tun) nicht von Loyalität, Korruption und anderem langweiligen Männersentiment, sondern fast beiläufig von institutionalisiertem Rassismus, offenkundiger Homophobie, subkulturellen Milieus und (natürlich, Lumet halt) auch ganz besonders von familiären Fesseln. Einmal mehr thront Timothy Hutton über allem, besonders über einem leider im Method Acting verlorenen Nick Nolte, der als Rumpel-Bulle mit Hampelmaxenschauspiel zeitweise den Hans Albers gibt. Vom Meisterwerk trennt diesen klug geschriebenen, souverän inszenierten Film letztlich nur der grausige Soundtrack, manch Drehbucheinfall aus Seitenraschelhausen sowie ein unerwartet genreverpflichtetes Finish, das aber wiederum von einer niederschmetternden Schlussszene rückvergütet wird.


70%

Oktober 07, 2013

Zuletzt gesehen: DANIEL (1983)

Aus dem "Buch Daniel" von E. L. Doctorow hat Sidney Lumet einen Film "Daniel" erarbeitet, der die fiktionalisierte Geschichte des denkwürdigen Rosenberg-Falls nicht nur in Kinobilder übersetzt, sondern als politisches Melodram noch einmal neu denkt. Die erweiterte Perspektive des Stoffes, in der die Rekonstruktion des schrankenlosen Antikommunismus und entsprechenden Schauprozesses mit der Verurteilung und Hinrichtung zweier, wie heute bekannt ist, unschuldig bzw. unzureichend angeklagter Rüstungsspione zu einem Erinnerungsszenario des Sohnes verdichtet wird, behält der Film bei. Daniel (wie immer sagenhaft: Timothy Hutton) muss sich, Jahre nach dem Tod der Eltern, dem schweren Kindheitstrauma entgegenstellen, es persönlich und aber auch historisch bewältigen. Die Suche nach einer Wahrheit inszeniert Lumet ebenso als Daniels Suche nach sich selbst, wie in seinem nur wenige Jahre später gedrehten "Running on Empty" erkundet er mit ruhiger Hand die seelischen Spuren, die Risse in der Persönlichkeit eines Heranwachsenden, die Frage nach der Identität eines Menschen, der eben nicht nur von den Eltern (politischer Aktivismus als private Tyrannei), sondern dem ganzen System im Stich gelassen wurde. Im Versuch eines narrativen Essays gelingt dem Film diese Verschränkung auf einfühlsamste, teils bitterste Art, immer eindeutig, aber auch immer klug. "Is there such a thing as too much hope?", so die suggestiv fragende, bestürzende Erkenntnis eines Jungen, in dessen trostlosem Blick sich die ganze fatale Verrücktheit der McCarthy-Ära spiegelt.


90%

Oktober 18, 2010

Zuletzt gesehen: THE GHOST WRITER

Konzentrierter und kluger Thriller, dessen konventionell anmutende Inszenierung in präzisen Bildern von sorgfältiger Eleganz und gediegener Nüchternheit die eigentliche politische Komödie hinter den unheilvollen Spannungsbögen ein wenig verschleiern mag. Der lakonische Humor des Films wechselt sich spannend und überraschend vergnüglich mit gleichfalls amüsanten wie faszinierenden Variationen früherer Polanski-Themen um Paranoia, Isolation und Verschwörungsmächten ab. Mit Blick für erstaunliche und entscheidende Details, auf den Punkt inszeniert, selbst in kleinsten Nebenrollen hervorragend besetzt und schlicht wundervoll anzuschauen ist "The Ghost Writer" bis zum bitteren Ende der beste Polanski seit einer halben Ewigkeit – und ein umso erstaunlicherer Film, da er quasi aus dem Gefängnis heraus fertig gestellt werden musste.


85%

August 28, 2008

Zuletzt gesehen: THE FALCON AND THE SNOWMAN

John Schlesingers nüchterne Rekonstruktion eines wahren Falls aus den 70er-Jahren: Christopher Boyce (Timothy Hutton) und Andrew Daulton Lee (Sean Penn), zwei junge Kerle aus gut situiertem Hause, verkaufen geheime Staatsdokumente eines amerikanischen Waffenlieferanten an die Sowjetunion. Der konventionell und ohne nennenswerte Einfälle inszenierte Film scheint heute mehr oder weniger vergessen, vermutlich da sein Stoff an Brisanz eingebüßt hat. Dabei ist Schlesingers hochinteressante Melange aus Politthriller und Spionagedrama raffinierter als viele ihrer Genrekollegen: Der Film nimmt sich völlig zurück und vertraut ganz auf die Urteilskraft seines Publikums. Durch den Verzicht auf moralische und ideologische Interventionen fallen zwar Charaktertiefe, aber auch bereitwillige Motivations- und Identifikationsangebote weg, "The Falcon and the Snowman" ist aber vermutlich auch deshalb so authentisch, weil er mit bewussten Auslassungen arbeitet und zuletzt mehr als eine Frage offen lässt – was bei einem spannenden, eigentlich der genereüblichen Gradlinigkeit und Erklärungswut verpflichteten Film nicht selbstverständlich ist. Randnotiz: Nachdem Daulton Lee 1998 aus dem Gefängnis entlassen wurde, hat Sean Penn ihn als persönlichen Assistenten eingestellt – da hätte Schlesinger ja ohnehin kaum mithalten können…


70%

Dezember 19, 2007

Retro: ORDINARY PEOPLE (1980)

Der Titel verlautet es: Gewöhnliche Leute stehen im Mittel- punkt von Robert Redfords Regiedebüt "Ordinary People". Der Film gewann 1981 vier Oscars, darunter für seinen Regisseur, das Drehbuch und auch für den Besten Film. Und das in jenem Jahr, als Martin Scorsese einen wilden Stier und David Lynch gar den Elefantenmenschen auf die Leinwand losließ. Nur, ein wenig hat man das Gefühl, als spräche heute kein Mensch mehr über Redfords insgesamt sehr stilles Familiendrama, das eine Brücke zwischen den ausschwei- fenden, im gleichen Moment aber auch bedrückend leisen Melodramen eines Douglas Sirk und den abgeklärten, desillusionierten und zynischen Filmen über innerfamiliäre Krisen der letzten Jahre schlägt.

Das könnte daran liegen, dass Redfords Bild einer all-american-family, einer gehobenen Mittelstandsfamilie, deren nur allzu natürliche und menschliche Probleme eine gesellschaftlich konstituierte Fassade zum bröckeln bringen, dass dieses zwar nicht subversive, weil in jeder Hinsicht mit offenen Karten spielende Drama nicht viel neues zu berichten weiß. Es ist einfach, sehr didaktisch und gesetzt inszeniert, konzentriert und behutsam erzählt. Es wirkt beschränkt in der Reichweite seiner Wirkung, als würde Redford nur Spießbürger adressieren wollen, wohlhabende Vorstadtmenschen mit großen Häusern und noch größeren Gärten, die sich zwar einem vorgehaltenen Spiegel ausgesetzt sehen, die behandelte Problematik aber als einzige wirklich nach- vollziehen können. "Ordinary People" wurde schon bei seiner Veröffentlichung als zu brav gewertet, als gut gemeint, aber an den Zeiten des Aufbruchs vorbei denkend. "Raging Bull", "Gloria", "Tess" und "The Elephant Man" hießen die Filme, die den amerikanischen Mainstream 1980 von innen unterliefen.

In der Tat weist Redfords Film Schwächen auf, er ist nicht immer so subtil wie in seinen stärksten Momenten, widersteht nicht immer der Versuchung, seinen Figuren die Selbsterkenntnisse in den Mund zu legen und den Zuschauern somit das Denken zu erleichtern, ebenso wie die durchweg brillanten Darsteller in einigen Szenen zu Over-Acting neigen, obwohl sich ihr Regisseur noch als großartiger Schauspiel- führer erweisen wird. Aber dennoch: Das Schauspiel. "Ordinary People" darf schon deshalb nicht übersehen werden, da in ihm einer der talentiertesten, der faszinierendsten und meistbegabten Schauspieler der 80er Jahre sein Leinwanddebüt gibt. Timothy Hutton heißt er, und zweifellos gehört sein Oscar zu den weisesten Entscheidungen, die die Academy je getroffen hat. Die Leistung des seinerzeit erst 19jährigen Jungen zeichnet sich durch eine enorme Präsenz aus. Wie Hutton den selbstmordgefährdeten, an psychosomatischen Störungen leidenden High School-Schüler mit unsicherer Körpersprache, reflexartigen Bewegungen und ungemein einfühlsamer Introvertiertheit spielt, das scheint selbst gestandene Mimen wie Donald Sutherland und Mary Tyler Moore als besorgte Eltern in zurückhaltendes Erstaunen zu versetzen.

Die Geschichte selbst ist überschaubar, sie bebildert den allmählichen Verfall eines bürgerlichen Ideals, wie ein gut situiertes Ehepaar an der Kälte ihrer Beziehung scheitert, wie ein Ehemann und Vater nicht den patriarchalischen Erwartungen gerecht werden und dadurch die Ansprüche seiner Gesellschaft nicht erfüllen kann, wie ein Sohn die Schuldkomplexe am Unfalltod seines Bruders zu bewältigen sucht. Redford zeigt gewöhnliche Probleme in mehr oder weniger gewöhnlichen räumlichen Situationen. "Ordinary People" wirkt immer ein wenig gestellt in dem was er darstellen soll, doch gerade diese gewisse Künstlichkeit, die überhöhte Sicht verleiht ihm auch eine besondere Note – ein hinsichtlich seiner standardisierten, klassischen, beinahe archetypischen Settings sowohl ästhetisches, als auch inhaltliches Prinzip, das später vor allem Alan Ball aufgriff. Redford kreiert einfache Rahmen und Grundmuster für umso komplexere Figuren und Konflikte. Er schöpft das nicht immer unbedingt aus, liefert aber ein formales Modell, auf das zahlreiche thematisch ähnliche Filme zurückgriffen, aus jüngerer Vergangenheit besonders "Imaginary Heroes".

Von außerordentlicher Kraft sind die Szenen, in denen Huttons Figur seinem (idealisierten, aber von Judd Hirsch überaus eindrucksvoll gespieltem) Psychotherapeuten gegenübersitzt. Die Dialoge sind in diesen Momenten von besonderer, emotionaler Intelligenz, und der gesamte szenische Aufbau, die Musik und der Fokus sind schlicht, zurückhaltend und auf das wesentliche abgestimmt. Keinesfalls selbstverständlich ist auch die im zeitlichen Kontext zu betrachtende Heran- gehensweise an das Thema Suizid und eine gänzlich normale Auseinandersetzung mit Psychotherapie, die hier als legitimer Weg zur Lösung vorgeschlagen wird. Unverkennbar haben diesbezüglich Ben Affleck und Matt Damon für ihr Drehbuch zu "Good Will Hunting" abgeschaut, mit erschreckenden Unterschieden indes: Die Therapieszenen in "Ordinary People" besitzen jene glaubwürdige Schlichtheit, die dem hysterischen bis unangenehm peinlichen Gus van Sant-Film gänzlich fehlt. Während Robin Williams’ Figur den Patienten dort regelrecht penetrierte und der Film das in naiver Kurzsichtigkeit auch noch für richtig verklärte, geht der von Hirsch gespielte Arzt behutsam mit dem Schüler um – selbst als dieser kurz vor einem Anfall steht.

Redford hat seine erste Regiearbeit einmal als Melodram bezeichnet, in dem eine Familie mehr daran interessiert sei, wie sie wahrgenommen wird – nicht wie sie wirklich ist. Nachdem der Film inhaltlich fast alle vier Jahreszeiten durchstanden hat, kann da nur ein ernüchterndes, ein zu erwartendes und doch hoffnungsvolles, weil realistisches Schlussbild zurückbleiben. Jeder Figur wird hier der nötige Platz eingeräumt, sie alle werden vom Film respektiert, ohne dass ihnen Schmerz erspart bliebe. Es ist fast erstaunlich, wie sehr "Ordinary People" auf forcierte Konflikte, Emotionen und Höhepunkte verzichtet. In seiner intimen Inszenierung ist der Film ganz sicher eines der besten Familiendramen. Irgendwo zwischen "All That Heaven Allows" und "American Beauty".


80%