Oktober 25, 2011

Kino: THE ADVENTURES OF TINTIN

Hunderttausend heulende Höllenhunde! Bereits 1983 sicherte sich Steven Spielberg die Filmrechte an "Tim und Struppi", doch erst jetzt schickt das ewige Hollywood-Wunderkind den wissbegierigen Reporter und dessen cleveren Foxterrier auf ihre erste große Kinoreise. Produziert von Peter Jackson und geschrieben unter anderem von "Scott Pilgrim"-Regisseur Edgar Wright, versammelt "Die Abenteuer von Tim und Struppi" ein internationales Team, das die berühmte Comicserie des Belgiers Hergé vorlagengetreu und mit beispiellosem Aufwand für die Kinoleinwand adaptiert.

"Das Geheimnis der Einhorn" ist der erste von vorerst zwei animierten Tintin-Kinofilmen, den noch unbetitelten zweiten Teil wird dann nicht mehr Spielberg, sondern Peter Jackson – voraussichtlich während seiner Arbeit an "The Hobbit" – drehen und fertig stellen (lassen). Zwar wurden Hergés weltweit gelesene und bereits 1929 erstmals veröffentlichte Abenteuergeschichten schon mehrfach in bewegte Bilder umgesetzt, aber sowohl die wenig bekannten Realfilme als auch die unterschiedlichen Zeichentrickversionen des Stoffes konnte man trotz ihres Charmes oder ihrer Beliebtheit bei Fans kaum als adäquate Verfilmungen der Vorlage bezeichnen.

Erst als Spielberg vor mittlerweile 30 Jahren von europäischen Filmkritikern auf die Verwandtschaft seines ersten Indiana-Jones-Films mit den rätselhaften Schatzsuchen der "Tim und Struppi"-Bände hingewiesen wurde, soll er die Comics kennen und lieben gelernt haben. Auf angeblich ausdrücklichen Wunsch Hergés übertrug man ihm nach dessen Tod die Filmrechte, doch eine anspruchsvolle Kinoadaption sollte auf sich warten lassen. Gerüchten zufolge plante Spielberg zwischenzeitlich eine Realfilmversion mit der androgynen Gwyneth Paltrow als Tim (?!), die jüngere (und nach wie vor zwiespältige) Motion-Capture-Technik jedoch inspirierte ihn nun zur Umsetzung des Stoffes als 3D-CGI-Animations- abenteuer.

Die Bände "Das Geheimnis der Einhorn" und "Der Schatz Rackhams des Roten" bilden die Grundlage des ersten Films, aber auch Elemente aus "Die Krabbe mit den goldenen Scheren" wurden vom Autorenteam in die Handlung eingeflochten. Tim (Jamie Bell) stößt darin auf ein altes Schiffsmodell, in dem sich Hinweise auf einen geheimnisvollen Schatz verbergen. Hinter diesem ist allerdings auch der skrupellose Sakharin (Daniel Craig) her, gegen den sich Tim, sein loyaler Hund Struppi und der stets volltrunkene Kapitän Haddock (Andy Serkis, der bisher womöglich einzige Performance-Capture-Star) auf alle erdenklichen Arten zur Wehr setzen müssen.

Der gelegentlich ein wenig höhepunktlose Einhorn-Zweiteiler erweist sich nicht unbedingt als idealer Einstieg für eine neue Tintin-Kinofilmserie. Zweifellos gehört Haddock (wie später auch Professor Bienlein) zu den beliebtesten Figuren und eigentlichen Stars der Comicserie, für einen ersten Film hätten sich Spielberg und Jackson jedoch vielleicht besser auf die ersten Bände konzentrieren sollen, um Tim und Struppi zunächst allein auf Abenteuerreise schicken und sie damit einem neuen Publikum vorstellen zu können. Gerade das umwerfend schöne erste Drittel des Films zeigt, dass man sich die Einführung weiterer fester Hauptfiguren und ein besonders großes Abenteuer auch bis zum zweiten Teil hätte aufsparen können.

Denn die ersten Minuten warten nicht nur mit einer sensationellen Titelsequenz, zahlreichen Anspielungen und Hinweisen auf die Vorlage und einem Quasi-Cameo von Hergé auf, sondern führen mit heimeligen Schauplätzen und ulkigen Sidekicks wie Schulze und Schultze (Simon Pegg und Nick Frost) geradezu wundersam in die Welt von Tim und Struppi ein. Die Detailverliebtheit in der Animation ist beeindruckend, und bei der Darstellung des Helden bleibt Spielberg den Comics erstaunlich treu: Tim ist ein Junge ohne Eigenschaften und Hintergrund, er wird erst durch sein Umfeld und bestimmte Handlungen annähernd charakterisiert.

Zur gewohnten Höchstform läuft Spielberg wieder einmal dann auf, wenn er Actionszenen geradezu kunstvoll arrangiert und durchspielt. In seinen Verfolgungsjagden und Duellen stecken mehr Ideen und Kniffe, als in jedem anderen computeranimierten Film, die teils sogar in digitale Plansequenzen gehüllten Actionstücke sind nichts außer beeindruckend – und dabei stets übersichtlich, nachvollziehbar und mitreißend choreographiert (in zudem sehr plastischem 3D). Das ist nicht selbstverständlich für einen klassischen Handwerker wie Spielberg, der bisher nicht nur völlig ungeübt war im digitalen Schnitt, sondern mit "Die Abenteuer von Tim und Struppi" schließlich überhaupt das allererste Mal einen vollständigen Trickfilm inszeniert.


60% - (vollständige Version) erschienen bei: gamona

Kommentare:

  1. Ich finde, Du solltest die Wertung in % abschaffen. Die lenkt zu sehr vom Text ab, ist weit aus weniger aussagekräftig, erzeugt jedoch eine voreingenommen Leseweise des Texts. ;-)

    Mich als "Tintin"-Fan hast Du jedenfalls irgendwie heiß auf den Film gemacht und das obwohl ich heftige Vorbehalte gegen den Stil und auch ein wenig gegen die Vorlage (eben aus den von Dir genannten Gründen) hatte. Nichtsdestotrotz habe ich Vertrauen in die Kompetenz Spielbergs.

    Wie schätzt Du die Chance des Films eigentlich an den Kinokassen?

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  2. Punktwertungen sind unverzichtbar, allein schon für diejenigen, die nur auf diese schauen, statt zu lesen.

    Was die Gewinnaussichten des Films betrifft: Schwer zu sagen. Hit auf jeden Fall, auf dem amerikanischen Markt eventuell unter Erwartung (läuft dort ja auch erst zu Weihnachten an!).

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  3. Alles von Filmstarts abgeschrieben. Schäm dich!

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  4. Mache ich immer, ist halt meine Lieblingswebsite. Wenn ich groß bin, möchte ich mal so schreiben wie die.

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  5. Sympathisches Projekt bekommt von dir sympathische 60 Prozent - laut meinem Tron: Legacy-Rechenschieber macht das einen schönen Kinobesuch für mich. Freu.

    Übersichtliche Actionplansequenzen in sehr plastischem 3D - Sabber.

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  6. Ich find die Comics blöd, den Trailer peinlich und das ganze Performance Capturing Gesülze der Kritiker unerträglich. Trotzdem glaube ich Fritz Göttler, der heute in der SZ schreibt, der Film lande in einem toten Niemandslands, "mit monströsen Figuren, die bei aller Rasanz, zu der die Dramaturgie sie verdonnert, ihre plastilinöse Plumpheit nicht kaschieren können. Sie sind nicht Mensch und nicht Phantasiewesen, kennen keinen Ort und keine Zeit, die ihnen gehören, haben keine kinetische Intelligenz, keine Leichtigkeit, keine Eleganz, keine Transparenz."

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  7. Wer liest schon SZ. Wer liest überhaupt Filmkritiken? Ich finde das meistens total langweilig. Andererseits bin ich natürlich froh, dass Menschen es trotzdem tun.

    Film ist selbstverständlich nix für Dich, hätte ich Dir auch ohne SZ in einem Halbsatz sagen können.

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  8. Ich finde Fritz Göttler i. d. R. sehr zwiespältig, aber irgendwie klingt dieser Auszug genau nach meinen unguten Gefühlen.

    Ansonsten hast du natürlich recht, was Filmkritik(en/er) angeht, Rajko - die sind echt die Pest. Glücklicherweise gehörst du ja nicht dazu, nicht wahr?^^

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  9. Naja, für mich sind Filmkritiken wichtig, um Filme aus einen Blickwinkel zu betrachten, der mir selber nicht einfallen würde und ihnen dadurch mehr abgewinnen zu können oder sie überhaupt interessant zu finden.
    Gerade Ronald Bluhm und du, ihr seid da sehr gut in der Lage, mit eurer begründeten Faszination ansteckend zu wirken.
    Für mich sind also nur positive Besprechungen von Relevanz, denn wenn ich einen Film von mir aus schon gut finde, kann da auch ein Verriss nichts mehr dran ändern. Peinlich ist mir eh nichts.

    Lediglich über Hinweise zu versteckten manipulativen Ansätzen bin ich zuweilen dankbar, sowas fällt mir aber in den allermeisten Fällen eh selber auf.

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  10. Was ich gänzlich vergaß: wie ist eigentlich Williams Soundtrack?

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  11. Habe ihn noch nicht gehört. Im Film kommt er ganz gut, aber eher Williams-Standard.

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