August 24, 2010

Zuletzt gesehen: CARRIE (1976)

Seit ich als Kind Stephen Kings "Carrie" las, habe ich mich immer wieder an Brian De Palmas Kinoadaption des Stoffes gewandt, in der Hoffnung, der Film würde mich ähnlich fesseln und verstören wie Kings kluger Debütroman über die entfesselten Kräfte eines jungen repressiven Mädchens. Doch ich werde einfach nicht warm mit De Palmas Manierismen, die kaum etwas vom behutsam erarbeiteten, subtilen und sorgfältigen Psychohorror der Vorlage auf die Leinwand übertragen können. Der Film findet zu keinem homogenen Tonfall, an deplatziert komische reiht er wenig wirkungsvoll erschreckende Momente. Die starken Figuren des Buches sind im Film gut bis sehr gut besetzt, aber es fehlt De Palma an charakterlichem Fokus (vielleicht, weil er mehr damit beschäftigt ist die Kamera scharf zu stellen). Der visuelle Einfallsreichtum ist sicherlich beachtlich, und die üblichen handwerklichen Kniffe des Regisseurs sind bemüht, das in der Vorlage geradezu apokalyptische, quasi unverfilmbare Finale in zermürbende Bilder zu übersetzen. Dennoch bleibt "Carrie", zumindest für mich, nur eine schale Interpretation des psychologisch feinfühligen, brillant die Ängste junger Heranwachsender thematisierenden Romans. Und es hätte bei der Umsetzung eines derart femininen und theoretisch eine Fülle an Gender-Diskursen anstoßenden Stoffes doch einen Regisseur gebraucht, der – ohne mir den langen Kritikerbart vom vermeintlich misogynen De Palma anheften zu wollen – etwas mehr von Frauen versteht, als nur Duschszenen in Slow-Motion zu filmen.


50%

Kommentare:

  1. Die schöne Brian De Palma Werkschau hätte ich ja unkommentiert, aber gern gelesen vorbeiziehen lassen, aber 50% für „Carrie“ sind ein starkes Stück. Die einzige Erklärung bietet mir dein Vergleich mit Kings literarischer Vorlage, die du offenbar sehr gern hast. So sehr man sich auch bemüht, die Filme als eigenständiges Werk zu sehen, so wenig sollte man auch krampfhaft bestrebt sein, die Leseerfahrung wegzudrücken. Die Enttäuschungen über die Eigenart der Verfilmungen gerade bei sehr geliebten Büchern wird man wohl nie ganz verwinden können.
    Da ich Kings Buch nie gelesen habe, mag mir diese Gefühlskomponente fehlen.

    Weil ich den Film über die Jahre verteilt doch einige Male gesehen habe, sowohl als Teenager, wie als Erwachsener, kann ich deiner Einschätzung überhaupt nicht folgen. Das mag auch mit einer unterschiedlichen Generationserfahrung zusammenhängen.

    Was bitte gab es denn Anfang /Mitte der siebziger Jahre an auch nur annähernd vergleichbaren Horrorfilmen oberhalb der B-Movie-Genregrenze? Welcher Film davon nimmt denn die von dir geforderten „Gender-Diskussionen“ feinfühliger auf? Friedkins „Exorzist“ (1973) ? – vielleicht, naja, Donners „Omen“ (1976)? - eher nicht.
    Was Sissy Spacek und Piper Laurie hier leisten, stand damals im Genre allein auf weiter Flur und ist auch heute nicht unbeachtlich. Und so ganz unbeteiligt ist Brian DePalma daran ja auch nicht. Mit „Carrie“ hat DePalma ein beachtliches Teilgenre visuell miterfunden und geprägt.

    Die Duschszene hat natürlich etwas Exploitatives, ich verstehe deine Kritik, aber es scheint mir doch unangebracht hart im Kontext. Gemessen an den damals erst im Kino neu entstandenen Konzepten von Nacktheit stellt DePalmas männlicher Blick diese Szenen konzeptionell sehr begründet in einen Zusammenhang mit der inneren und äußeren Geschichte. Das mag heutigen Perspektiven nicht mehr völlig standhalten, aber so schlecht war und ist das nicht.

    Ich erinnere mich noch gut an den enormen Eindruck, den „Carrie“ auf mich beim ersten Ansehen gemacht hatte. Und nicht nur der Schockeffekt am Ende, der mich völlig unvorbereitet aus dem Sofa gehoben hat. Heute mag ja vieles patiniert sein, auch aus meiner Warte, aber deine 50% scheinen mir dann doch eine etwas zu eisige Vollstreckung nachgeborener Rezeptionsmodelle zu sein.

    Leider, wie immer sehr schlüssig und schön formuliert, argumentativ auch kaum zu widerlegen. Ich fühle mich wieder mal rezeptionstheoretisch sehr, sehr alt ;)
    Ich werde mich wohl mehr bewegen müssen :)

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  2. Was bitte gab es denn Anfang /Mitte der siebziger Jahre an auch nur annähernd vergleichbaren Horrorfilmen oberhalb der B-Movie-Genregrenze? Welcher Film davon nimmt denn die von dir geforderten „Gender-Diskussionen“ feinfühliger auf? Friedkins „Exorzist“ (1973) ? – vielleicht, naja, Donners „Omen“ (1976)? - eher nicht.

    Diese beiden Filme auf keinen Fall, schon gar nicht Friedkins Machwerk.

    Muss, weil ich finde, dass CARRIE (Buch) eine meisterliche Auseinandersetzung mit Geschlechterfragen darstellt, es denn einen Film geben, der das auch tut? Nicht unbedingt, oder? Gut, du betonst den zeitlichen Kontext. Der fehlt mir auf eine Art natürlich. Schnell überlegt fallen mir aber dennoch Filme ein, die in ihrer Gender-Thematik eine größere Relevanz haben, z.B. ROSEMARY'S BABY, THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE und besonders SHIVERS.

    Was Sissy Spacek und Piper Laurie hier leisten, stand damals im Genre allein auf weiter Flur und ist auch heute nicht unbeachtlich.

    Spacek und Laurie sind herausragend, aber besonders letztere erscheint mir eine eher hysterische Interpretation der Buchfigur. Nichtsdestotrotz ist das intensiv gespielt und beeindruckend, ja. Aber ich muss gestehen, ich fühlte mich an WHATEVER HAPPENED TO BABY JANE erinnert (Blasphemie, ich weiß, CARRIE ist kein Camp etc.pp., aber so liest man das als postmoderner Rezipient heute wohl).

    Die Duschszene hat natürlich etwas Exploitatives, ich verstehe deine Kritik, aber es scheint mir doch unangebracht hart im Kontext.

    Ich finde die Duschszene gar nicht schlecht (obwohl sie mir im Kontext der anderen De-Palma-Duschszenen eher fragwürdig vorkommt), ich sage nur, das es mehr gebraucht hätte. Was De Palma so auffährt, um Einblicke in das weibliche Leben seiner weiblichen Figuren zu gewähren, ist mir entweder zu platt oder schlicht zu chauvi (in der Vorlage beispielsweise ist Chris Hargensen [Nancy Allen] weitaus weniger entschlossen, Carrie eins auszuwischen, und wird eher von ihrem Freund dazu gedrängt, hier ist es genau umgekehrt, De Palma zeigt sogar, dass Chris ihren Freund erst mit einer Fellatio dazu bringen muss [roll:eyes], außerdem nervt es mich, dass bei De Palma Frauen ständig grundlos Backpfeifen kassieren]). Dennoch: Momente wie die Duschszene gefallen mir, sind auch sensibel und vielsagend, genügt aber nicht.

    Ich erinnere mich noch gut an den enormen Eindruck, den „Carrie“ auf mich beim ersten Ansehen gemacht hatte. Und nicht nur der Schockeffekt am Ende, der mich völlig unvorbereitet aus dem Sofa gehoben hat.

    Zu der Schlussszene möchte ich noch etwas anmerken. Sicher hat CARRIE auch hier einen gewissen Status inne, weil sein Last Scare zum Prototypen wurde. Aber ich mag diesen Schluss aus zwei Gründen nicht: Zum einen wird Sue Snell hier rückwirkend zu einem größeren Protagonisten, als sie eigentlich ist, im Prinzip sogar zur Hauptfigur, zum anderen erhält Carrie durch den Schluss eine dämonische Erscheinung, sie wird zum monströsen Symbol von Schrecken, der Sue ewig heimsuchen wird. Aber das finde ich blödsinnig, das ist sozusagen das Äquivalent zum selten doofen deutschen Untertitel „Des Satans jüngste Tochter“.

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  3. Leider hast du der Kritik, die in De Palma seit den Siebzigerjahren kaum mehr als den technokratischen Voyeur sehen will, kaum etwas hinzuzufügen.

    Diese Kritik (eigentlich ist es eher eine Polemik) fußt m. E. auf einem gravierenden Missverständnis vor allem US-amerikanischer Filmrezeption: Nach dieser ist Film die bildliche Umsetzung einer in Worten auf Papier stehenden oder aber ideell im Reich der Ideen umherfliegenden Geschichte, die dann gelungen oder gut ist, wenn diese Geschichte intelligent oder zumindest neu ist und die Bilder dies unterstreichen oder ihr zumindest nicht in die Quere kommen. Film ist aber in allererster Linie Bild.

    Das "Missverhältnis" das bei De Palma immer wieder angemahnt wird - im Prinzip der beliebte Style-over-Substance-Vorwurf - ist kein solches: De Palma verweigert sich einfach einer Versprachlichung eines bildlichen Mediums. Deswegen wirken seine Filme, will man sie denn einfach als "abgefilmte Quasirealität" begreifen, meist so abstrakt und gestellt. Das ist aber nicht Unvermögen oder Gewichse, sondern eigentlich die Essenz künstlerisch-schöpferischer Arbeit: dass Realität stlisiert und überformt wird, um Dinge ans Tageslicht zu holen, die sonst unsichtbar bleiben.

    De Palma erzählt fast ausschließlich über Bilder. Deine Kritik (ich glaube zu THE FURY), er kehre jeden Subtext nach außen, trifft m. E. nicht: Weil es weder diesen unter den Bildern liegenden Text noch überhaupt einen zugrundeliegenden Text bei ihm gibt. Der Text sind einzig und allein die Bilder.

    Ich will mich hier nicht weiter ereifern, dir haben seine Filme eben nichts/nicht so viel gegeben, dagegen lässt sich erst einmal nichts sagen. Und meine Werkschau - die mein bis dahin bestehendes De-Palma-Bild vollkommen auf den Kopf gestellt hat, liegt jetzt auch schon drei oder vier Jahre zurück. Nur: Deine Kritik ist, wie ich oben sagte, Mainstream. Du formulierst hier keine Gegenstimme, rüttelst nicht am Thron eines Etablierten, an dem bislang jede Kritik abgeprallt ist. Wenn es um die großen Stilisten des amerikanischen Kinos geht, spielt De Palma keine Rolle, seine Filme tauchen auch in keinem Kanon auf. Seine "Klassiker" sind entweder zu intellektuell (HI, MOM! oder GREETINGS) oder zu sehr "Genrekino" (SISTERS, DRESSED TO KILL, BLOWOUT, BODY DOUBLE), um großen Einfluss zu haben, und mittlerweile ist er zu alt, als dass man von ihm noch echte Impulse erwarten würde. Das Urteil über sein Werk ist doch längst gesprochen.

    De Palmas Filme müssen - abseits von ihrer überall gepriesenen formalen Meisterschaft - eigentlich überhaupt erst einmal wirklich wieder ernst genommen und von dem ganzen angehäuften rezeptionistischen Rattenschwanz, der einem den Blick auf das Werk verstellt, befreit werden. Für mich ist er zum Beispiel gar nicht so sehr der technisch versierte Kopfmensch (der, wie du sinngemäß schreibst, weiß, wo man die Kamera hinstellt, damit ein Bild gut aussieht), sondern tatsächlich ein eher in europäischer Filmtradition stehender Humanist (und ein politischer Filmemacher). Deshalb ist sein CASUALTIES auch so "weinerlich", wie du sagst: Weil De Palma tatsächlich mitleidet.

    Wir sind es von vergleichbaren Filmen so sehr gewohnt, von ihnen um unsere ehrlichen Emotionen betrogen zu werden, dass wir gar nicht mehr in der Lage sind, Aufrichtigkeit vorauszusetzen. Der Fehler an CASULATIES ist mithin nicht im Films selbst zu suchen, sondern in seiner Filmumwelt, die den Kriegsfilm zur Triebabfuhr instrumentalisiert hat. Aber um das zu erkennen, muss man erst die eigene Abgeklärtheit mal ablegen und die Bilder auf sich wirken lassen.

    So, das muss reichen. Ach ja, btw: Es gibt antürlich auch einpaar schwächere Filme in seinem Oeuvre. ;)

    Wollte das nur mal loswerden, weil mir die Texte hier fast ein bisschen wehgetan haben ...

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  4. Danke für die schöne Erläuterung, das wird vor allem SutterCain, der mich ja mit den ganzen De-Palma-Filmen versorgt hat, sehr munden.

    Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, wie du darauf kommst von einem Missverständnis zu sprechen. Ich sehe in De Palma auch gar nicht ausschließlich den Technokraten, genauso wenig versuche ich zu vermeiden, die langbärtigen Vorurteile über ihn zu reproduzieren. Du hast offenbar das Gefühl, das würde ich tun, ich hingegen nicht, da hättest du mal mein bisheriges De-Palma-Bild sehen sollen. Das ist hier eine wohlwollende Korrektur desselbigen.

    Dass meine Worte der allgemeinen De-Palma-Rezeption nichts hinzufügen mögen, ist mir übrigens völlig klar und ich käme auch nicht auf die Idee, jedenfalls nicht bewusst oder gewollt, dass dem anders sein sollte. Warum auch. Ich schreibe hier nur, was ich über die Filme denke, die ich teils wiederholt, teils erstmalig gesehen habe. Mich treibt da ehrlich gesagt auch kein Zwangverhalten an, die Filme jetzt unbedingt anders sehen zu müssen als die Masse oder die damalige Kritik, wenn sich das teils oder auch überwiegend decken sollte, dann soll es so sein, ist dann irgendwie nicht mein Bier. Ziel dieser persönlichen (!) Retro ist es jedenfalls nicht, den Mainstream zu brechen oder das in den Augen der De-Palma-Fans schiefe Wahrnehmungsbild des Regisseurs gerade zu rücken.

    Im Übrigen habe ich sehr andere Ansichten über Film im Grundsätzlichen, als dass ich ihn erst einmal nur als auf Bilder reduziert betrachte, genauso wie ich De Palmas Handwerk in dieser Hinsicht nicht gleich die purste Konsequenz daraus andichten wollen würde. Wenn der Text bei ihm nur aus Bildern besteht, wie du schreibst, finde ich das keinen sehr lesenswerten Text. Verstehe das irgendwie auch nicht. Dieser Ansatz mag ja auf dem direktesten Weg zum Kino führen, aber es ist gewiss nicht der einzige. Und vielleicht bevorzuge ich da eher die Abzweigungen.

    PS: Alles, was du geschrieben hast, erscheint mir etwas fragwürdig, wenn ich mir deine harsche Komplett-Aburteilung Dario Argentos ins Gedächtnis rufe.

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  5. Hi Rajko,

    meine 5.000-Zeichen-Antwort wurde eben leider von der Software abgelehnt. Jetzt bin ich zu erschöpft, um nochmal was zu schreiben. :)

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  6. Oh scheiße, sowas nervt. Ich beuge dem mittlerweile vor, weil mir das anderswo auch hin und wieder passiert, und kopiere meinen Text dann meistens.

    Na ja, andermal dann oder so. :)

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  7. Mr. Hankey24/8/10 19:59

    Ja auf diese Kritik hatte ich gewartet. 50% für DePalmas Meisterstück "Carrie" sind dabei zwar ein absolutes No-Go (weshalb wurde ja schon ausreichend erläutert), aber zumindest doch mehr, als ich gedacht hätte, vor allem weil ich ja auch deine Meinungen zu "Exorzist" (nicht mehr lange bis zur Blu-ray *love* ;))und "Das Omen" kenne! :)

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  8. Ich versuche es nochmal:

    Klar sollst du hier nicht die Filmrezeption revolutionieren. Wenn ich sagte, du fügst dem bestehenden Diskurs nichts hinzu, dann meinte ich damit, dass du in gewisser Weise präformiert an die Filme herangegangen bist. Du wiederholst eine Kritik, die an sich schon auf einer Ausblendung bestimmter Aspekte beruht, die man dann damit erklärt, dass bei De Palma ja eh nur die Oberfläche interessant ist. Das geht einher mit deiner (halb) scherzhaften Vermutung, De Palma sei bei CARRIE zu sehr mit dem Schärferegler beschäftigt gewesen.

    Ich finde es wichtig, Film erstmal so zu nehmen wie er ist, eigenes Missfallen nicht sofort als Mangel des Films zu begreifen, sondern davon auszugehen, dass im Film alles an seinem Platz ist. Sich zu öffnen, für Neues bereit zu sein. Ein selbsterfundener Aphorismus dazu: "Wenn ein Film nicht lustig ist, liegt das vielleicht nicht daran, dass er eine schlechte Komödie, sondern daran, dass er gar keine Komödie ist."

    Bilder und Texte: Du weißt, dass ich auch eher dem Erzählkino fröne. Ich ergehe mich nicht im Rausch bewegter Farbflächen, ich glaube, dass Bilder etwas bedeuten, aber nicht, dass sie nur die Übersetzung von Text sind. Wenn du sagst, hinter De Palmas Bildern stecke nichts oder sie seien plakativ, dann könnte das ja auch (rein spekulativ) daran liegen, dass du sie dir nicht gut genug angeschaut hast bzw. sie zu wörtlich übersetzt hast. (Es ist zum Beispiel ziemlich typisch für deine Rezeptionshaltung, dass du CARRIE nur auf Grundlage des Romans kritisieren kannst, als unbefriedigende Literaturverfilmung, anstatt ihn für sich zu betrachten.)

    Um selbst mal ein bisschen Inhalt zu liefern: De Palmas Filme erschöpfen sich längst nicht nur in selbstgefälliger Selbstreflexion (das einzige, was man ihm fast immer zubilligt), sie sind fast immer in ihrer Zeit verankert, befassen sich oft mit ganz konkreten Dingen. Darüber redet nur merkwürdigerweise niemand: BLOWOUT zum Beispiel ist auch als späte Reaktion auf Watergate zu verstehen, spiegelt die Verunsicherung der US-Bürger gegenüber ihrer Regierung und steigert das zum paranoiden Thrillerstoff, der wie ich finde zudem von einem sehr greifbaren Empathie für seine Figuren geprägt ist (Nutte hin oder her). Ich behaupte nicht, dass das das tollste Thema der Welt ist, aber über diesen von mir angesprochenen Humanismus in seinem Werk redet kaum jemand - wohl auch, weil sich dann der Vorwurf des "Gewichses" (nicht deine Worte) nicht mehr halten ließe.

    Zu guter letzt: Dass deine Texte nur subjektive Erlebnisberichte sind, gerät bei gönnerhaften Formulierungen wie "einer seiner veritableren Filme" etwas aus dem Blick. Das ist schon mit der ganz großen Filmkennergeste geschrieben. Und dann musst du es dir gefallen lassen, dass man dich ernster nimmt als du dich selbst. ;)

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  9. Oliver, du schleichst durch offene Türen bei mir, dabei würde ich dich jederzeit auch so durchlassen. Im Prinzip fühle ich mich missverstanden: Ich habe diese Retro gestartet, gerade weil ich meine Voreingenommenheit überdenken und korrigieren wollte. Ich habe die Filme quasi voreingenommen unvoreingenommen geschaut. Und ich finde auch, zumindest für mich kann ich das sagen, mit Erfolg. Denn ich bin kein Masochist und ich geile mich auch nicht an meinen Polemiken auf, sondern finde De Palmas Filme eben interessant genug, um sie mir nahezu allesamt anzuschauen und kurz zu besprechen (etwas, das ich noch bei keinem Regisseur hier gemacht habe übrigens).

    Ganz unabhängig davon muss ich aber auch sagen, dass, wenn ich eben zu gleichen Ergebnissen komme wie die sicher etwas sehr dünne allgemeine Wahrnehmung der De-Palma-Filme, vielleicht auch etwas dran ist an der saloppen Kritik seines Schaffenswerkes. Möchte ich nicht großartig beurteilen jetzt, aber ich labe mich nicht am De-Palma-Bild des Hitchcok-Epigonen und Frauenverächtlers. Wenn ich das teils so empfinde, dann (mittlerweile) unabhängig vom Negativkanon. Und, pardon, ich finde De Palma nun einmal etwas vulgär, etwas sehr ordinär und auch etwas platt mitunter. Aber das habe ich aber nicht permanent im Hinterkopf, ich habe mich vielmehr damit arrangiert, dass seine Welt eine eigene ist, eine, die recht weit von meiner entfernt liegt, die ich aber trotzdem gern bereise. BLOW OUT z.B., der mich jetzt absolut fasziniert hat, wäre früher locker von mir in diese Kerbe einkategorisiert worden. Nun ist das anders, denn der Film ist relativ vielschichtig und hat mich schwer begeistert. Dass er auch politische Bezüge trägt, fiel mir natürlich auch auf, habe ich nur nicht extra erwähnt (vor allem deshalb, weil der Film für mich andere noch stärkere Qualitäten besitzt und weil ich den Polit-Kontext nicht sonderlich beeindruckend fand, da würde ich den im selben Jahr erschienenen THE DEAD ZONE - übrigens m.E. die beste King-Verfilmung - vorziehen).

    CARRIE ist ein spezieller Fall und das betone ich auch extra. Es gelang und gelingt mir eben nicht, ihn von der prägenden Bucherfahrung abzukoppeln. Als Film ist er gut, aber er baut bei mir eben auf Eindrücken auf, die ich ganz konkret wesentlich stärker von der Vorlage gewinnen konnte.

    Möchte trotzdem noch mal erwähnen, dass dein Lobgesang auf die Kraft von Bildern mir deine Argento-Ablehnung (darauf wies mich einmal ein Freund bei filmforen hin) in diesem Zusammenhang etwas rätselhaft erscheinen lässt. Zumal De Palma und Argento für mich einige Gemeinsamkeiten aufweisen.

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  10. @Hankey:

    CARRIE hat ja, wie übrigens viele De Palmas, dieses Mal auch eine Aufwertung erfahren. Auch wenn das bei 50% schwer vorstellbar sein mag.

    Gegen THE OMEN habe ich übrigens nichts.

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  11. Im Gegensatz zu De Palma stellt Argento ja a) seine Bilder auch nicht vor narrative Hintergründe und dramaturgische Kulissen (Vor drei Tagen dachte ich nach der ersten Hälfte von OBSESSION: Wenn das jetzt ein Argento-Film wäre, würde er so toll weitergehen. Da es aber ein De Palma ist, wird es aber jetzt trashig, weil einen ganzen Film über gedankenverloren-mystische Haltlosigkeit durchzustehen, das kann so einer wie De Palma eben nicht) und b) arbeitet De Palma natürlich (anders als Argento) "im System" wodurch überhaupt erst Anlass besteht, ihn zum Querläufer zu erklären wofür Herr Nöding einen besonderen Fetisch zu haben scheint. Deswegen (vor allem a) findet er auch kein Schlupfloch in Argentos Filmen und urteilt Argento kurzerhand als Dilettanten ab weil sich dieser nicht mit seiner Auffassung von cineastischer Professionalität und akademisch aufdröselbarem Kino überschneidet. Bezeichnenderweise hat er bei Filmforen seinerzeit gerade auf eine gewisse, ausführlichere Pro-Argento-Darstellung nicht mehr geantwortet - er hätte die Argumente seines Gegenübers für Unsinn erklären oder das obligatorische, unverbindliche und achselzuckende "Ja, kann schon sein, sehe ich aber anders" schreiben müssen.

    Christoph W., Ex-Fan von Oliver Nöding

    PS: Wenn bei De Palma Humanismus und Empathie durchscheinen, so speist sich beides meist geradewegs aus seinem unfassbaren Zynismus, ein interessantes Paradoxon, welches allerdings in der Regel durch den Umstand verwässert wird, dass De Palmas Figuren immer mit psychologischem Realismus konstruiert werden, so ähnlich wie Argento das auch macht. Der kann das aber zum einen besser und ist zum anderen eher Melancholiker als Zyniker.

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  12. Weil das jetzt hier nochmal angesprochen wird, ich persönlich (und mit vollem Namen) angesprochen werde und ich eine Antwort auf den Argento-Einwurf schuldig geblieben bin:

    Ich habe Argento nicht komplett abgelehnt. Wenn sich das damals so gelesen hat, dann wohl nur, weil die Gegenstimmen mich gezwungen haben, etwas lauter zu werden. :)

    Seine Filme haben mich mal sehr fasziniert und manche seiner Filme - etwa SUSPIRIA (etliche Male gesehen, unter anderem zweimal im Kino), INFERNO, TENEBRAE oder auch STENDHAL SYNDROME – finde ich nach wie vor sehr gut. (Insofern habe ich durchaus mehrere Zugangs-Schlupflöcher gefunden, McKenzie.) Nur begeistern sie mich eben nicht mehr so, wie sie mich früher mal begeistert haben. Sie sind irgendwann nicht mehr mit mir mitgewachsen, erschöpften sich für mich in ihrer Fremdartigkeit, die ich irgendwann nicht mehr ganz so faszinierend fand.

    Meine Polemik damals richtete sich in erster Linie gegen Stimmen, die ihn zum Meister, seine Filme zu Meisterwerken hochschreien wollten, aber seinem Werk meistens auch nicht mehr abringen konnten, als dass sie eben atmosphärisch und traumgleich sind (ich verkürze hier etwas). Seine letzten Filme legen für mich zudem den Verdacht nahe, dass es mit seinem Genie nicht so weit her war und ist, er vielmehr das Glück hatte, mit erstklassigen Leuten zusammen arbeiten zu können. Was von seinen Filmen übrig bleibt, wenn man Beleuchtung, Ausstattung, Musik und Kamera abzieht, sieht man in den letzten Jahren. Meine ich, höre mir andere Stimmen aber gern an. (Ihr Einsatz, McKenzie!)

    Der Behauptung, De Palma und Argento hätten viel gemein, würde ich jederzeit widersprechen, mit meinen ganzen Kommentaren hier versuche ich ja klarzumachen, dass De Palmas Filme mehr sind als ihre sichtbare Oberfläche, woran ich bei Argento eben mittlerweile Zweifel habe.

    An McKenzie: Wusste bislang nicht mal, dass ich Fans habe/hatte, insofern finde ich es fast schon cool, dass es Leute gibt, die sich von mir "abgewendet" haben und mich nun so behandeln, als hätte meine Stimme tatsächlich Gewicht. Wie gesagt: Meine Argento-Kritik war damals auch aus programmatischen Gründen so überscharf formuliert. Ich finde einige seiner Filme immer noch sehr respektabel, nur interessieren sie mich eben nicht mehr so sehr. Und das Attribut "trashig" kann man auf seine Filme sicher mit ebensolcher Berechtigung anwenden wie auf De Palma, bei dem ich auch gar nicht abstreiten würde, dass er sich manchmal mit Genuss in die Abgründe der Exploitation begibt. Dass De Palma ein Zyniker sein soll, finde ich allerdings schon interessant. Vermute mal, McKenzie, dass du mit GREETINGS und Hi, MOM! - im Grunde linksliberale Protestfilme - nicht vertraut bist?

    Wieder @ Vincent: Habe mittlerweile ein paar mehr deiner Texte zu De Palma überflogen und gesehen, dass meine Vorwürfe nicht in ihrer ganzen Schärfe zu halten sind. Ein paar aber schon. Aber daran kannst du ja dann bei der nächsten Werkschau arbeiten. :)

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  13. Nun, ich schalte mich mal kurzerhand ein, da ich derjenige bin, der Argento als "talentierten Dilettanten" bezeichnet hat. Dies entstand aber weder aus dem Gedanken heraus, dass Argento ein nach akademischen Prinzipien (welche das sein sollen bliebe zu klären) nicht zu entschlüsselndes Prinzip verfolgen würde, noch das seine Filme über eine "gedankenverlorene-mystische Haltlosigkeit" verfügen (ein ebenfalls zu klärender Aspekt, da mir Argentos Konzepte gar nicht so gedankenverloren und haltlos erscheinen, sondern in ihrem irrationalen Vorgehen inzwischen sinnig), noch das er sich nicht an ein System gebunden fühlt. Worum es mir geht und was mir bei Argento Schwierigkeiten bereitete (ich habe sie überwunden) war, dass er seine "gedankenverloren-mystische Haltlosigkeit" eben nicht konsequent zu Ende verfolgt, sondern sich mit dem Rückfall auf klassische Narrationsmuster, die zum Teil britischen und im Zuge des cinema di plagio später auch italienischen Filmen entlehnt sind, selbst ein Bein stellt. Er erklärt zu viel, formuliert zu viel aus und nötigt mich damit, der Geschichte nicht mehr im Sinne ihrer traumartigen Struktur zu folgen, sondern sie als normierten Krimi zu sehen. Das habe ich nie so recht verstanden und mich deshalb gefragt, was der Mann erreichen will. Einen tatsächlich logischen Krimi im Sinne abduktiver Vorgehensweise kann und will er offensichtlich nicht drehen. Einen alle Grenzen sprengenden Vorstellungsrausch ist er aber auch nicht in der Lage zu schaffen(zumindest für mich). So kam ich damals zu der Überlegung, dass er sehr talentiert, aber nicht Willens oder nicht fähig ist, die conclusio seines eigenen Tuns zu vollziehen. Diese zaghafte Ablehnung des Exekutiven wird i.d.R von Nicht-Profis, eben Dilettanten praktiziert. Durch beständige Modifikationen meiner Rezeptionshaltung habe ich, nach nunmehr 18 Jahren, einen Schlüssel gefunden, der mir die Tür geöffnet hat und ich mich in den Film "fallen lassen" kann (ich begreife seine Rückgriffe auf traditionelle Narrationsmuster eher als das Durchlaufen der Ratio, welches die impliziten Gedankenbilder machen müssen, um überhaupt von uns im Schlaf als Traum wahrgenommen werden zu können und so wie die Ratio am Sortieren scheitert und Träume deshalb wirr und im Wachzustand fälschlicherweise kohärent wiedergegeben werden, muss auch der deduktive Geist im Argento-Universum versagen). Seitdem macht es mir Spaß Argentos Filme zu sehen. Im Grunde ein einfacher Vorgang kognitiver Öffnung, wie ich sie bei jedem Film oder Regisseur anstrebe, der mir nicht gefällt. Bei MAD MAX - JENSEITS DER DONNERKUPPEL habe ich mir mit meinem Urteil 15 Jahre und 2-3 Sichtungen in jedem einzelnen dieser Jahre Zeit gelassen, bevor ich mir eingestand, dass ich versagt habe und der Film mir einfach nicht gefällt.

    Dass Olli und auch ich sich damals im entsprechenden Thread nicht mehr zu Wort gemeldet haben, hing eher mit unserem Weggang von den Filmforen zusammen, der aus anderen Gründen stattfand.

    @ McKenzie

    Nebenbei finde ich Deine Psychologisierung anderer Personen im Netz etwas befremdlich. Olli hat gegenüber Rajko und seiner Haltung zu dePalma nur Vermutungen angestellt und sich nur auf den Text bezogen. Bei Dir klingen die wesentlich weiter gefassten Aussagen über Ollis Rezeptionsverhaltensweisen aburteilend wie bei einer Kanzelpredigt.


    Gruß, Marcos

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  14. Bei mir hat schon eine Sichtung genügt, um den dritten MAD MAX - besonders nach dem grandiosen Vorgänger - nicht zu mögen. :)

    Was Argento betrifft, enthalte ich mich jetzt mal bewusst. Werde mich seinem Werk auch noch mal etwas sorgfältiger widmen müssen, kenne bisher erst ca. 10 Filme.

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  15. Carrie dürfte bei mir der einzigste Film sein, den ich besser finde als die Buchvorlage. Sage ich mal als King-Fan. Ein Fan von dePalma war ich auch schon vorher. Aber 50% für den Film ? Na ja gut, alles Geschmackssache !

    @Rajko : Diese beiden Filme auf keinen Fall, schon gar nicht Friedkins Machwerk.

    Auch Geschmackssache ! Aber sowohl am "Omen", als auch am "Exorzisten" kommt man in der Filmgeschichte wohl nicht vorbei. Und das - besonders beim "Exorzisten" - zu Recht ! Sie haben nur die Ära der Hammer Filme und ähnlich gelagerten Filmen (dessen persönlicher Fan ich bin) entgültig abgelöst, aber vermutlich war es auch Zeit dafür.

    Carrie ist ein unbestrittenes Meisterwerk, als Buch und Film funktioniert es völlig eigenständig, wobei ich eben die filmsche Version noch vorziehe.

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  16. Bret Easton EllisVerified‏@BretEastonEllis

    The greatest, funniest, saddest, most gorgeous and complicated American movie ever made about women is "Carrie" by Brian De Palma (1976)...

    http://twitter.com/BretEastonEllis/status/258494159323815936

    :-)

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    1. Wenn es von einem der nervigsten Schriftsteller der Gegenwart kommt, muss es ja stimmen. :-)

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    2. Genau! Und heute zwitschert er noch etwas weiteres Wahres:

      https://twitter.com/BretEastonEllis/status/293984660294344704

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    3. Der Typ nervt. Gott sei Dank gibt kein Mensch was auf sein albernes Geschreibsel (sei es bei twitter oder in Buchform).

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  17. Ich habe Euch nun schon einige Male geschrieben, das ich keine Mails mehr bekommen möchte von Euch, aber irgendwie kommt das nicht an. Soll ich das jetzt als neue Spamattacke betrachten ?

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