Seit einigen Wochen spekulieren Medien und Politpessimisten über die Wahrscheinlichkeit eines Dritten Weltkrieges. Von einer Neuauflage des Ost-West-Konflikts ist da die Rede, geopolitische Bedrohungsszenarien durchmischen sich mit Verschwörungstheorien. Die dystopische Romanze "How I Live Now" handelt nun tatsächlich vom Ausbruch eines Atomkrieges, der im Kinozeitalter von "Twilight" natürlich nicht ohne Teenagerliebe erzählt werden darf. [...]
weiterlesen
Posts mit dem Label Ronan werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Ronan werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Mai 27, 2014
Juni 28, 2011
Kino: THE WAY BACK
Drei Männer erreichen 1941 Indien, nachdem sie aus einem sibirischen Arbeitslager für Kriegsgefangene entkommen konnten. Mehr als 4000 Meilen zu Fuß, der Verlust treuer Gefährten und extreme körperliche Grenzerfahrungen lagen hinter ihnen. Peters Weirs fünfzehnter Spielfilm dramatisiert ihren Weg zurück in die Freiheit als existenzialistischen Todesmarsch vor zeitgeschichtlichem Hintergrund. Schweres und im besten Sinne altmodisches Erzählkino, das den australischen Regisseur nach jahrelanger Kinoabstinenz wieder zur Höchstform motiviert.
In einem sowjetischen Arbeitslager des stalinistischen Regimes beschließen sieben Gefangene den lebensgefährlichen Ausbruch. Angeführt vom Polen Janusz (Jim Sturgess) gelingt den Männern kurzerhand die Flucht aus dem Gulag. Das ist jedoch erst der Anfang. Mr. Smith (Ed Harris), Valka (Colin Farrell), Zoran (Dragos Bucur), Voss (Gustaf Skarsgård), Tomasz (Alexandru Potocean), Kazik (Sebastian Urzendowsky) und Janusz treten einen endlosen Marsch an, der sie durch die Mongolei, Tibet und schließlich über den Himalaya nach Indien führen soll.
"The Way Back" beginnt als konventionelles Gefängnisdrama im Zweiten Weltkrieg, doch Weir stellt nach der zunächst vergleichsweise problemlosen Flucht zügig klar, dass für seine Helden der Weg das Ziel ist. Der Film konzentriert sich ausschließlich auf die Route der Flüchtlinge, auf die Hindernisse, die es zu überwinden gilt, und auf die allmählich schwindende Lebenskraft der Männer. Diese müssen Wälder, Gebirge und Wüsten durchqueren, sich ohne Vorräte durch monatelange Strapazen quälen. Nur drei von ihnen überleben den langen Weg.
Als Zuschauer ist man über zwei Stunden lang an diese Gruppe gebunden. Die zunächst holzschnittartigen Figuren, die entlang funktionaler dramaturgischer Linien gezeichnet scheinen (gutmütiger Naivling, unberechenbarer Bösewicht, der weise Alte etc.), erhalten nach und nach konkretere Züge. Weir ist erfreulicherweise kein Regisseur, der alles auserzählen muss. Seine Charaktere bewahren sich eine gewisse Unnahbarkeit, was auch ihrer Situation entspricht, in der sie trotz eines lebenswichtigen Zusammenhalts vor allem auf sich allein gestellt sind ("Kindness. That will kill you here."). Und er arbeitet mit subtilen Andeutungen, Umrissen und Auslassungen.
Überhaupt ist "The Way Back" ein eindrucksvoller Regiefilm. Er lebt von feinen Zwischentönen, wohl überlegten Entschei- dungen in der Verdichtung des langen Marschs und einer starken Dynamisierung der Figuren, ohne ihnen viele Worte in den Mund zu legen. Als sich den Männern auf ihrem Weg ein Mädchen anschließt (Saoirse Ronan), erhält die Gruppe ein soziales Verbindungsglied. Durch sie erfährt das Publikum zumindest ansatzweise, wer diese wortkargen Ausbrecher eigentlich sind, was unnötiges Drehbuchrascheln – trotz einer eher ereignisorientierten Handlung – wirkungsvoll vermeidet.
Über seine gesamte Laufzeit hinweg hält der Film eine enorme Spannung, ohne die Geschehnisse mit (dramaturgischen) Stolpersteinen anzuheizen. Allein der Überlebenskampf der Männer ist so intensiv, dass es keiner weiteren Konstruktion bedarf. Die Gruppe muss keine zusätzlichen Hindernisse überwinden, und es kommt auch nicht zu künstlichen Konfrontationen. Stattdessen verkürzt Weir die lange inhaltliche Zeitspanne mit harten Sprüngen und bricht alle Zusätze auf die einfache Prämisse eines fast aussichtslosen Überlebenskampfes herunter.
Neben der logistisch komplexen und schnörkellosen Inszenierung beeindruckt "The Way Back" vor allem durch seine Besetzung. Der Film ist durchweg großartig, absolut präzise und ohne Show-Off-Momente gespielt. Andere Regisseure hätten sich hier gewiss zu publikumswirksamem Kitsch und Melodramatik hinreißen lassen. Weir nimmt den Zuschauer zwar an die Hand, (mit)laufen aber muss er schon noch allein. Zum wundervollen Umgang mit den Schauspielern sei unbedingt hinzugefügr, dass diese durch ein in jeder Hinsicht außergewöhnliches Make-Up unterstützt werden, das den körperlichen Verfall der Figuren stark akzentuiert.
Leider wird der ausnahmslos exzellente Gesamteindruck des Films auf den letzten Metern erheblich getrübt. Die Konzentration aufs Wesentliche schloss glücklicherweise auch einen Verzicht auf politische Stellungnahmen ein, weil das Überleben der Gruppe im Vordergrund stand. Am Ende aber möchte sich "The Way Back" plötzlich zur großen Geschichtspolitik aufschwingen, indem er mit abschließenden Texttafeln den Werdegang des Kommunismus beziffert (inklusive Mauerbau, Glasnost und Perestroika!). Diese Verlagerung von individuellen Schicksalen hin zum großen politischen Kontext verleiht dem Film ein abschweifendes Framing und hinterlässt einen unnötigen, etwas befremdlichen Nachgeschmack.
70% - erschienen bei: gamona
In einem sowjetischen Arbeitslager des stalinistischen Regimes beschließen sieben Gefangene den lebensgefährlichen Ausbruch. Angeführt vom Polen Janusz (Jim Sturgess) gelingt den Männern kurzerhand die Flucht aus dem Gulag. Das ist jedoch erst der Anfang. Mr. Smith (Ed Harris), Valka (Colin Farrell), Zoran (Dragos Bucur), Voss (Gustaf Skarsgård), Tomasz (Alexandru Potocean), Kazik (Sebastian Urzendowsky) und Janusz treten einen endlosen Marsch an, der sie durch die Mongolei, Tibet und schließlich über den Himalaya nach Indien führen soll.
"The Way Back" beginnt als konventionelles Gefängnisdrama im Zweiten Weltkrieg, doch Weir stellt nach der zunächst vergleichsweise problemlosen Flucht zügig klar, dass für seine Helden der Weg das Ziel ist. Der Film konzentriert sich ausschließlich auf die Route der Flüchtlinge, auf die Hindernisse, die es zu überwinden gilt, und auf die allmählich schwindende Lebenskraft der Männer. Diese müssen Wälder, Gebirge und Wüsten durchqueren, sich ohne Vorräte durch monatelange Strapazen quälen. Nur drei von ihnen überleben den langen Weg.
Als Zuschauer ist man über zwei Stunden lang an diese Gruppe gebunden. Die zunächst holzschnittartigen Figuren, die entlang funktionaler dramaturgischer Linien gezeichnet scheinen (gutmütiger Naivling, unberechenbarer Bösewicht, der weise Alte etc.), erhalten nach und nach konkretere Züge. Weir ist erfreulicherweise kein Regisseur, der alles auserzählen muss. Seine Charaktere bewahren sich eine gewisse Unnahbarkeit, was auch ihrer Situation entspricht, in der sie trotz eines lebenswichtigen Zusammenhalts vor allem auf sich allein gestellt sind ("Kindness. That will kill you here."). Und er arbeitet mit subtilen Andeutungen, Umrissen und Auslassungen.
Überhaupt ist "The Way Back" ein eindrucksvoller Regiefilm. Er lebt von feinen Zwischentönen, wohl überlegten Entschei- dungen in der Verdichtung des langen Marschs und einer starken Dynamisierung der Figuren, ohne ihnen viele Worte in den Mund zu legen. Als sich den Männern auf ihrem Weg ein Mädchen anschließt (Saoirse Ronan), erhält die Gruppe ein soziales Verbindungsglied. Durch sie erfährt das Publikum zumindest ansatzweise, wer diese wortkargen Ausbrecher eigentlich sind, was unnötiges Drehbuchrascheln – trotz einer eher ereignisorientierten Handlung – wirkungsvoll vermeidet.
Über seine gesamte Laufzeit hinweg hält der Film eine enorme Spannung, ohne die Geschehnisse mit (dramaturgischen) Stolpersteinen anzuheizen. Allein der Überlebenskampf der Männer ist so intensiv, dass es keiner weiteren Konstruktion bedarf. Die Gruppe muss keine zusätzlichen Hindernisse überwinden, und es kommt auch nicht zu künstlichen Konfrontationen. Stattdessen verkürzt Weir die lange inhaltliche Zeitspanne mit harten Sprüngen und bricht alle Zusätze auf die einfache Prämisse eines fast aussichtslosen Überlebenskampfes herunter.
Neben der logistisch komplexen und schnörkellosen Inszenierung beeindruckt "The Way Back" vor allem durch seine Besetzung. Der Film ist durchweg großartig, absolut präzise und ohne Show-Off-Momente gespielt. Andere Regisseure hätten sich hier gewiss zu publikumswirksamem Kitsch und Melodramatik hinreißen lassen. Weir nimmt den Zuschauer zwar an die Hand, (mit)laufen aber muss er schon noch allein. Zum wundervollen Umgang mit den Schauspielern sei unbedingt hinzugefügr, dass diese durch ein in jeder Hinsicht außergewöhnliches Make-Up unterstützt werden, das den körperlichen Verfall der Figuren stark akzentuiert.
Leider wird der ausnahmslos exzellente Gesamteindruck des Films auf den letzten Metern erheblich getrübt. Die Konzentration aufs Wesentliche schloss glücklicherweise auch einen Verzicht auf politische Stellungnahmen ein, weil das Überleben der Gruppe im Vordergrund stand. Am Ende aber möchte sich "The Way Back" plötzlich zur großen Geschichtspolitik aufschwingen, indem er mit abschließenden Texttafeln den Werdegang des Kommunismus beziffert (inklusive Mauerbau, Glasnost und Perestroika!). Diese Verlagerung von individuellen Schicksalen hin zum großen politischen Kontext verleiht dem Film ein abschweifendes Framing und hinterlässt einen unnötigen, etwas befremdlichen Nachgeschmack.
70% - erschienen bei: gamona
Mai 25, 2011
Kino: HANNA
Irgendwo in einer verschneiten finnischen Landschaft lebt das junge Mädchen Hanna (Saoirse Ronan) mit ihrem Vater Erik (Eric Bana). Sie heizen die Waldhütte mit Holz und ernähren sich von erlegtem Wild, wenn Erik seine Tochter nicht gerade in verschiedenen Sprachen unterrichtet, bildet er sie zur mörderischen Nahkämpferin aus. Eines Tages kommt der Moment, an dem Hanna wissen möchte, warum sie und ihr Vater so leben und was denn eigentlich mit ihrer Mutter geschehen sei. Darauf hatte der ehemalige CIA-Agent Erik sie und sich selbst lange vorbereitet. Auf einer unausweichlichen Mission quer durch Europa muss sich Hanna gegen die gefährliche Geheimdienstlerin Marissa (Cate Blanchett) und deren eigenwillige Killerbande zur Wehr setzen, während sie neue Erfahrungen in einer ihr vollkommen unbekannten Welt macht.
Es ist unmöglich, Joe Wrights "Hanna" angemessen zu vermarkten. Die Trailer suggerieren einen herkömmlichen Actionthriller im Luc-Besson-Chic, die Poster suchen eine gewisse ästhetische Nähe zu Hit-Girl aus "Kick-Ass". Dem Verleih kann man es nicht verübeln, er muss die amerikanisch-britisch-deutsche Koproduktion irgendwie ans Mainstream-Publikum tragen. Gerade das wird ihm andererseits nicht gelingen, weil "Hanna" ein durch und durch europäischer Film ist, zudem mit aller Eigenart, und weil er Genre vorgibt, ohne jemals Genreerwartungen erfüllen zu können. Wenn überhaupt, ist Wrights vierte Regiearbeit ein archetypisches Kindermärchen, erzählt mit der Unerbittlichkeit einer Geschichte des 21. Jahrhunderts.
Hanna zieht aus, um die Welt zu entdecken. Sie verlässt die Märchenhütte im verschneiten Nirgendwo, um sich auf eine traumähnliche Reise voller Gefahren und Unwirtlichkeiten zu begeben. Ihr Kampf gegen skrupellose Agenten markiert einen entscheidenden Übergangsritus in ihrem Leben, am Ende muss sie sich der bösen Hexe stellen, um zu einer Identität zu finden. Wright erzählt "Hanna" als Initiationsabenteuer eines Teenagers und als Geschichte der Zivilisation, vom anfänglichen Leben in steinzeitlichen Verhältnissen bis hin zur Plattenbausiedlung in Berlin. Zuletzt begegnet das Märchen seiner eigenen Illusion: In den vermoderten Überresten des Spreeparks im Plänterwald landet die böse Hexe im Wolfsmaul einer Wildwasserbahn!
Dies ist einer der verrücktesten Schlussakte der jüngeren Filmgeschichte. Konventionsloses Kino, das einen immer da hinführt, wo man es am Wenigsten erwartet. Joe Wright, zwischen gepflegter Jane-Austen-Adaption und bekömmlichem Oscarmaterial bisher nur schwer als Autorentalent zu fassen, empfiehlt sich schlagartig als einer der aufregendsten europäischen Regisseure der Gegenwart. Sein visueller Stil ist einer der aktuell außergewöhnlichsten im englischsprachigen Mainstream-Film, seine formale Experimentierfreude ein Hochgenuss für Freunde unprätentiöser Ultrakunst. Dass "Hanna" es vermutlich schwer haben wird ein Publikum zu finden, unterstreicht nur seine Einzigartigkeit. Laut Wright ist dieser Film immerhin von Ashbys "Being There", Herzogs "Kaspar Hauser" und Spielbergs "E.T." inspiriert – darauf muss man auch erst einmal kommen.
Es ist unmöglich, Joe Wrights "Hanna" angemessen zu vermarkten. Die Trailer suggerieren einen herkömmlichen Actionthriller im Luc-Besson-Chic, die Poster suchen eine gewisse ästhetische Nähe zu Hit-Girl aus "Kick-Ass". Dem Verleih kann man es nicht verübeln, er muss die amerikanisch-britisch-deutsche Koproduktion irgendwie ans Mainstream-Publikum tragen. Gerade das wird ihm andererseits nicht gelingen, weil "Hanna" ein durch und durch europäischer Film ist, zudem mit aller Eigenart, und weil er Genre vorgibt, ohne jemals Genreerwartungen erfüllen zu können. Wenn überhaupt, ist Wrights vierte Regiearbeit ein archetypisches Kindermärchen, erzählt mit der Unerbittlichkeit einer Geschichte des 21. Jahrhunderts.
Hanna zieht aus, um die Welt zu entdecken. Sie verlässt die Märchenhütte im verschneiten Nirgendwo, um sich auf eine traumähnliche Reise voller Gefahren und Unwirtlichkeiten zu begeben. Ihr Kampf gegen skrupellose Agenten markiert einen entscheidenden Übergangsritus in ihrem Leben, am Ende muss sie sich der bösen Hexe stellen, um zu einer Identität zu finden. Wright erzählt "Hanna" als Initiationsabenteuer eines Teenagers und als Geschichte der Zivilisation, vom anfänglichen Leben in steinzeitlichen Verhältnissen bis hin zur Plattenbausiedlung in Berlin. Zuletzt begegnet das Märchen seiner eigenen Illusion: In den vermoderten Überresten des Spreeparks im Plänterwald landet die böse Hexe im Wolfsmaul einer Wildwasserbahn!
Dies ist einer der verrücktesten Schlussakte der jüngeren Filmgeschichte. Konventionsloses Kino, das einen immer da hinführt, wo man es am Wenigsten erwartet. Joe Wright, zwischen gepflegter Jane-Austen-Adaption und bekömmlichem Oscarmaterial bisher nur schwer als Autorentalent zu fassen, empfiehlt sich schlagartig als einer der aufregendsten europäischen Regisseure der Gegenwart. Sein visueller Stil ist einer der aktuell außergewöhnlichsten im englischsprachigen Mainstream-Film, seine formale Experimentierfreude ein Hochgenuss für Freunde unprätentiöser Ultrakunst. Dass "Hanna" es vermutlich schwer haben wird ein Publikum zu finden, unterstreicht nur seine Einzigartigkeit. Laut Wright ist dieser Film immerhin von Ashbys "Being There", Herzogs "Kaspar Hauser" und Spielbergs "E.T." inspiriert – darauf muss man auch erst einmal kommen.
Februar 17, 2010
Kino: THE LOVELY BONES
Nirgends ist es so schön wie – im Himmel. Dort segeln gigantische Flaschenschiffe über meterhohe Wellen, verwandeln sich malerische Kornfelder in wallende Seen und lässt es sich auf munter umher fliegenden Luftbällen nach Lust und Laune gut gehen. Bei all dem Spaß, den die 14jährige Susie in diesem Film zwischen Himmel und Erde via Vorstellungskraft generiert, bleibt die Frage zweitrangig, warum Regisseur Peter Jackson uns den Tod als Paradies erklären oder überhaupt zwei Stunden mit klebrigen Digitalwelten unterhalten möchte. Denn: Was auch immer er sich beim Schreiben und Drehen eingeworfen haben sollte – "In meinem Himmel" ist das rare Beispiel eines Films, bei dem ganz und gar nichts stimmt.
An welchem Punkt nun hat es der selbsternannte Erzähler Jackson eigentlich verlernt, seine ganze Energie nicht nur ans große teure Spektakel zu verschwenden, sondern auch starke Charaktere in kraftvollen Geschichten zum Leben zu erwecken? Sollte dem neuseeländischen Regisseur tatsächlich durch seine einrucksvoll auf die große Leinwand adaptierte "Herr der Ringe"-Trilogie der Blick fürs Wesentliche verloren gegangen sein? Oder ist "In meinem Himmel" schlicht nur zufällig als böser Ausrutscher und vorläufiger Tiefpunkt in Jacksons Karriere zu begreifen?
Es ist, ganz zunächst einmal, ein Film über ein ermordetes Mädchen. Das wandelt kurz vor ihrer Erlösung schon nach wenigen Filmminuten leidvoll durch ein farbenprächtiges Zwischenreich, von dem aus es verzweifelt Kontakt zu ihren (leider) noch lebendigen Liebsten aufzunehmen versucht. Obwohl das freilich nie gelingen mag, lässt Jackson die verschiedene Susie dennoch die gesamte Handlung per Voice-over moderieren: Mal sehen wir sie gackernd mit anderen toten Mädchen herumalbern, mal wehleidig in ständigen Close-Ups grundlos erstarren. In jedem Fall trägt ihre großzügige Screentime zum eigentlichen Plot schon einmal sage und schreibe nichts bei.
Dieser dümpelt nicht in träumerischen LSD-Gefilden vor sich hin, sondern ist bemüht darum, das elterliche Drama des Kindverlusts in einem 70er-Jahre-Setup mit einer kriminalistischen Thriller-Dramaturgie zu vereinbaren. Die Handlung von "In meinem Himmel" also lässt sich wie folgt zusammenfassen: Ein um die verschwundene Tochter trauerndes Ehepaar (Mark Wahlberg & Rachel Weisz) versucht den zwei Türen weiter wohnenden Kindermörder (Stanley Tucci) ausfindig zu machen, während das tote Mädchen (Saoirse Ronan) im Jenseits – mal lachend, mal weinend – einen Vollrausch nach dem anderen durchlebt.
Das ist, in wahrlich jeder Hinsicht, eine große Belastungsprobe für den Zuschauer. Jackson sind subtile Töne, feine Nuancen und dezente Regieeinfälle – sofern er sie jemals beherrscht haben sollte – unwiederbringlich abhanden gekommen. Seine Interpretation eines schrecklichen Sexualmordes und dessen tragischer Verarbeitung gerinnt zur grotesk überinszenierten CGI-Seifenoper. In permanenten Schwenks, Zooms, Zeitlupen- und Freeze-Effekten gibt er dem Zuschauer einen aufdringlichen emotionalen Leitfaden durch seine Geschichte, Groschenheft-taugliche Kitschbilder wechseln sich mit geschmacklosen, absurd überzeichneten Klischeevorstellungen ab.
So ist der von Stanley Tucci (kurioserweise oscarnominiert) bemüht gespielte Kindermörder nicht weniger als die groteske Kinoreinkarnation eines Serienkillerstereotyps auf zwei Beinen, das "Psychopath" auf die Stirn geschrieben und dennoch ganz der unauffällige Nachbar von nebenan. Als Mark Wahlberg – selten so unglaubwürdig und verkrampft wie in der Rolle eines verzweifelten Familienvaters – ihm dann schließlich aus heiterem Himmel (sprichwörtlich) auf die Schliche kommt, fällt dem Film dafür bezeichnenderweise kein triftigerer Grund als eine quasi jenseitige Intervention seiner verstorbenen Tochter ein.
Der Titel gebende Himmel (bzw. das Zwischenreich, in dem sich Susie aufhält) fungiert dabei als roter Faden durch eine alle Genres abgrasende Handlungsstruktur, die nur über ihren Hang zum Süßlichen eine konsistente Form zu finden glaubt. Die Bilder von bunten Schmetterlingen und anderer pastellfarbener Infantilität spiegeln allerdings weniger das Seelenleben eines 14jährigen Mädchens, als sie die banale Vorstellungskraft eines Kleinkindes abbilden. Richtig bekloppt wird es aber erst, wenn Susie sich im Nimmerland von anderen Opfern des Mörders erklären lässt, dass man nicht zurück-, sondern nach vorn blicken müsse: "Of course it’s beautiful, it’s heeeeeeaven!".
Alles in diesem Film klotzt und kleckert. Es ist ein Manifest an plakativen erzählerischen und visuellen Effekten. Was in der Vorlage vermutlich als stilles meditatives Drama über die beklemmende Verarbeitung eines Todes oder den schmerzhaften Abschiedsprozess funktioniert, wird bei Jackson zur lautstarken Pixel-Melange aus schwelgerischer Fantasy und reißerischem Thriller aufgeblasen. Akzente setzt der Film keine, er schwankt unentschlossen zwischen Erzählabsichten und verfängt sich doch nur wieder in der Green-Screen-Endlosschleife. Über die Message, dass es sich tot womöglich besser lebt, mag man angesichts dieses gigantischen formalen Kauderwelschs gar nicht erst nachdenken.
"In meinem Himmel" ist schlicht das komplett missglückte Gegenstück zu Jacksons eigenem "Heavenly Creatures". Die Erschaffung einer eskapistischen Traumwelt zweier Mädchen entwarf er da noch schlüssig und weitgehend zurückhaltend als Fluchtpunkt innerhalb eines ebenso tragischen wie grausamen Kriminalfalls. Nunmehr scheint seine Filmsprache indes von megalomanischem Kitsch regiert, dem Erzählung und Figuren hoffnungslos aufgeliefert sind. Der brutale Tod eines 14jährigen Mädchens auf der Leinwand geht nicht automatisch unter die Haut, an die Nieren oder aufs Gemüt, nur weil der Film das Bild unentwegt mit Gefühlsduseleien zukleistert. Irgendwann sieht man hier nichts mehr und will es auch gar nicht mehr sehen – Peter Jacksons Himmel ist die reine Hölle!
20% - erschienen bei: gamona
An welchem Punkt nun hat es der selbsternannte Erzähler Jackson eigentlich verlernt, seine ganze Energie nicht nur ans große teure Spektakel zu verschwenden, sondern auch starke Charaktere in kraftvollen Geschichten zum Leben zu erwecken? Sollte dem neuseeländischen Regisseur tatsächlich durch seine einrucksvoll auf die große Leinwand adaptierte "Herr der Ringe"-Trilogie der Blick fürs Wesentliche verloren gegangen sein? Oder ist "In meinem Himmel" schlicht nur zufällig als böser Ausrutscher und vorläufiger Tiefpunkt in Jacksons Karriere zu begreifen?
Es ist, ganz zunächst einmal, ein Film über ein ermordetes Mädchen. Das wandelt kurz vor ihrer Erlösung schon nach wenigen Filmminuten leidvoll durch ein farbenprächtiges Zwischenreich, von dem aus es verzweifelt Kontakt zu ihren (leider) noch lebendigen Liebsten aufzunehmen versucht. Obwohl das freilich nie gelingen mag, lässt Jackson die verschiedene Susie dennoch die gesamte Handlung per Voice-over moderieren: Mal sehen wir sie gackernd mit anderen toten Mädchen herumalbern, mal wehleidig in ständigen Close-Ups grundlos erstarren. In jedem Fall trägt ihre großzügige Screentime zum eigentlichen Plot schon einmal sage und schreibe nichts bei.
Dieser dümpelt nicht in träumerischen LSD-Gefilden vor sich hin, sondern ist bemüht darum, das elterliche Drama des Kindverlusts in einem 70er-Jahre-Setup mit einer kriminalistischen Thriller-Dramaturgie zu vereinbaren. Die Handlung von "In meinem Himmel" also lässt sich wie folgt zusammenfassen: Ein um die verschwundene Tochter trauerndes Ehepaar (Mark Wahlberg & Rachel Weisz) versucht den zwei Türen weiter wohnenden Kindermörder (Stanley Tucci) ausfindig zu machen, während das tote Mädchen (Saoirse Ronan) im Jenseits – mal lachend, mal weinend – einen Vollrausch nach dem anderen durchlebt.
Das ist, in wahrlich jeder Hinsicht, eine große Belastungsprobe für den Zuschauer. Jackson sind subtile Töne, feine Nuancen und dezente Regieeinfälle – sofern er sie jemals beherrscht haben sollte – unwiederbringlich abhanden gekommen. Seine Interpretation eines schrecklichen Sexualmordes und dessen tragischer Verarbeitung gerinnt zur grotesk überinszenierten CGI-Seifenoper. In permanenten Schwenks, Zooms, Zeitlupen- und Freeze-Effekten gibt er dem Zuschauer einen aufdringlichen emotionalen Leitfaden durch seine Geschichte, Groschenheft-taugliche Kitschbilder wechseln sich mit geschmacklosen, absurd überzeichneten Klischeevorstellungen ab.
So ist der von Stanley Tucci (kurioserweise oscarnominiert) bemüht gespielte Kindermörder nicht weniger als die groteske Kinoreinkarnation eines Serienkillerstereotyps auf zwei Beinen, das "Psychopath" auf die Stirn geschrieben und dennoch ganz der unauffällige Nachbar von nebenan. Als Mark Wahlberg – selten so unglaubwürdig und verkrampft wie in der Rolle eines verzweifelten Familienvaters – ihm dann schließlich aus heiterem Himmel (sprichwörtlich) auf die Schliche kommt, fällt dem Film dafür bezeichnenderweise kein triftigerer Grund als eine quasi jenseitige Intervention seiner verstorbenen Tochter ein.
Der Titel gebende Himmel (bzw. das Zwischenreich, in dem sich Susie aufhält) fungiert dabei als roter Faden durch eine alle Genres abgrasende Handlungsstruktur, die nur über ihren Hang zum Süßlichen eine konsistente Form zu finden glaubt. Die Bilder von bunten Schmetterlingen und anderer pastellfarbener Infantilität spiegeln allerdings weniger das Seelenleben eines 14jährigen Mädchens, als sie die banale Vorstellungskraft eines Kleinkindes abbilden. Richtig bekloppt wird es aber erst, wenn Susie sich im Nimmerland von anderen Opfern des Mörders erklären lässt, dass man nicht zurück-, sondern nach vorn blicken müsse: "Of course it’s beautiful, it’s heeeeeeaven!".
Alles in diesem Film klotzt und kleckert. Es ist ein Manifest an plakativen erzählerischen und visuellen Effekten. Was in der Vorlage vermutlich als stilles meditatives Drama über die beklemmende Verarbeitung eines Todes oder den schmerzhaften Abschiedsprozess funktioniert, wird bei Jackson zur lautstarken Pixel-Melange aus schwelgerischer Fantasy und reißerischem Thriller aufgeblasen. Akzente setzt der Film keine, er schwankt unentschlossen zwischen Erzählabsichten und verfängt sich doch nur wieder in der Green-Screen-Endlosschleife. Über die Message, dass es sich tot womöglich besser lebt, mag man angesichts dieses gigantischen formalen Kauderwelschs gar nicht erst nachdenken.
"In meinem Himmel" ist schlicht das komplett missglückte Gegenstück zu Jacksons eigenem "Heavenly Creatures". Die Erschaffung einer eskapistischen Traumwelt zweier Mädchen entwarf er da noch schlüssig und weitgehend zurückhaltend als Fluchtpunkt innerhalb eines ebenso tragischen wie grausamen Kriminalfalls. Nunmehr scheint seine Filmsprache indes von megalomanischem Kitsch regiert, dem Erzählung und Figuren hoffnungslos aufgeliefert sind. Der brutale Tod eines 14jährigen Mädchens auf der Leinwand geht nicht automatisch unter die Haut, an die Nieren oder aufs Gemüt, nur weil der Film das Bild unentwegt mit Gefühlsduseleien zukleistert. Irgendwann sieht man hier nichts mehr und will es auch gar nicht mehr sehen – Peter Jacksons Himmel ist die reine Hölle!
20% - erschienen bei: gamona
August 06, 2009
News: THE LOVELY BONES - Trailer
Der Trailer zum neuen Film von Peter Jackson, einer Spielberg-Produktion. Erinnert an "Heavenly Creatures", dürfte aber den ersten Bildern nach zu urteilen ziemlich fantastisch werden. Tolle Besetzung auch (bis auf Mark Wahlberg).
Abonnieren
Posts (Atom)