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Februar 18, 2011

Berlinale 2011: TOAST

Filme, die gern lieb gehabt werden wollen. "Toast" erzählt die "wahre" Geschichte von Nigel Slater, der als Kind (Oscar Kennedy) im Großbritannien der 60er Jahre das Kochen für sich entdeckte und später (Freddie Highmore) zu einem der beliebtesten Köche des Landes avancierte. Der Film zeigt Nigel als jungen Außenseiter mit besonderer Mutterliebe und entsprechend problematischem Verhältnis zum Vater (Ken Stott), welcher nach dem Tod seiner Ehefrau noch einmal heiratet (Helena Bonham Carter) und seinem Sohn damit das Leben zur Hölle macht. Zuflucht findet Nigel deshalb besonders im Kuchenbacken, Fischbraten und Pasteten- formen, aber auch der Liebe zu Männern. Jetzt müsste man eigentlich noch schreiben, dass der schüchterne Junge sich irgendwann aus den konservativen bürgerlichen Fesseln befreit und nach London aufbricht, so wie es im Programmheft steht, aber das enthält einem der Film im Grunde vor. Er ist zu Ende, wenn die Geschichte überhaupt erst in Fahrt kommt. The teenage years of Nigel Slater – und weiter?
"Toast" ist eine britische Fernsehproduktion, die sogar schon in der BBC lief, es aber aufgrund ihrer Thematik und wohl auch mangels Alternativen irgendwie noch zur Berlinale-Sektion "Kulinarisches Kino" geschafft hat. Damit ist im Wesentlichen bereits alles gesagt. Die Geschichte ist zwar ganz schön und niedlich, wird aber von einer abwechselnd klebrigen und recht ideenlosen Inszenierung begleitet, die sich vor allem auf hübsch zubereitetes Essen konzentriert und gegen die auch die solide Besetzung kaum anspielen kann. Sämtliche Liebeswürdigkeiten der Geschichte werden leider mindestens drei Lagen zu dick aufgetragen, dazu Piano hier und Piano da, und ein Voice-Over darf auch nicht fehlen. Die tränendrüsige Baukastendramaturgie hätte "Toast" sicherlich nicht gebraucht. Und wer hat eigentlich irgendwann mal beschlossen, dass Kindheit und Jugend in gediegenen Qualitätsfilmen (oder Biopics) immer als pastellfarbene Feel-Good-Nostalgie verkauft werden müssen? In Erinnerung bleiben daher einzig die wunderbare Titelsequenz und das neu entdeckte Jungtalent Oscar Kennedy.

40% - erschienen bei den: 5 Filmfreunden

September 30, 2009

Zuletzt gesehen: FINDING NEVERLAND

Ein hübsche kleinteilige Rekonstruktion der Entstehungs- geschichte Peter Pans, die mehr mutmaßt als hinterfragt und Johnny Depp als zurückhaltenden, sensiblen, schnulzigen Autoren zum Helden eines magischen und unkonventionellen Liebesmärchens erklärt. Inszenatorisch die dichteste, rundeste und schlüssigste Regiearbeit Marc Forsters, formuliert der Film sein Verständnis von der Macht der Fantasie als in den Alltag und die allgemeine Vorstellungskraft eingreifendes Gut jedoch derart naiv, offensichtlich und mitunter platt gefühlsduselig, dass er nie standhalten kann beispielsweise mit den originellen und Erzählstrategien reflektierenden Imaginationsentwürfen Tim Burtons im vergleichbaren "Big Fish".


50%

Dezember 03, 2007

Kino: THE GOLDEN COMPASS

Wer sich wie ich schon länger gefragt hat, was eigentlich Clare Higgins, die Frau mit den schrecklich toupierten roten Haaren aus "Hellraiser", so macht, der ist hier richtig. Man nehme das Design des Senatsplaneten Coruscant aus "Star Wars", die vermenschlichten und sprechenden Tiere aus "The Chronicles of Narnia" und mische dazwischen so ziemlich alles aus dem unerschöpflichen Tolkien-Fundus:

Das kleine Mädchen Lyra besucht ein College in Oxford – von innen sieht das übrigens schwer nach "Harry Potter" aus – und verbringt die meiste Zeit mit ihrem (Tier-)Dämon Pantalaimon, sowie dem Jungen Roger. Dazwischen wird viel gesabbelt, erklärt und wichtigtuerisch das als Parallelwelt angelegte Reich vorgestellt, bis Lyra mithilfe eines goldenen Kompasses (=Ersatzrelikt für den einen Ring) in die Arktis reist, wohin nämlich nicht nur Roger, sondern auch zahlreiche andere Kinder entführt wurden. Auf ihrer Reise muss sie sich mit Feen, Piraten und Eisbären herumschlagen, ehe es zu einem finalen Kampf mit den Tataren (aka. Kosaken) kommt.

"His Dark Materials" heißt der Romanzyklus von Philip Pullmann, dessen erster Teil nun unter der Fittiche von Chris Weitz inszeniert wurde. Der "About a Boy"-Regisseur stieg zwischenzeitlich aus dem Projekt aus, da er sich mit Größe und Verantwortung überfordert fühlte, kehrte schließlich aber wieder zurück. Die Unsicherheiten merkt man dem fertigen Film zu jeder Zeit an: "The Golden Compass" ist ein alles andere als gradliniger, homogener Fantasyfilm, sondern verhindert mit einer penetranten, kindischen Erklärungswut jeden Zugang zum Stoff. Nie wird die Geschichte visuell erzählt, immer tauchen neue Begrifflichkeiten auf, sprechen die Figuren weitere ellenlange Dialoge vor sich hin. Im Gegensatz zu Peter Jacksons "Lord of the Rings"-Trilogie erschließt sich die Welt des Films nicht von allein, sondern muss dauerhaft ihre Eigenständigkeit unter Beweis stellen.

Das ganze ist deshalb leider überaus didaktisch ausgefallen, sehr langweilig, holprig und uninteressant. Der Film besteht aus lauter Einzelteilen, die sich selbst erklären und ausstellen, vielen kleinen Szenen, Elementen und situativen Stückchen, die aneinandergereiht fürchterlich öde wirken. Dem Stoff, zumindest in Filmform, fehlt es an jeglichem Subtext und Bedeutung, die Geschichte funktioniert weder als Initiationsmetapher noch Identitätssuche, bleibt also im Gegensatz zur Tolkien-Verfilmung nicht nur formal, sondern auch inhaltlich ohne Belang. Letztlich wirkt "The Golden Compass" wie eine Ideenrevue ohne Ordnung und Zusammenhalt.

Besonders fehlt es der Adaption an starken Persönlichkeiten. Die Figuren sind durchweg platt, tauchen hier und da mal auf, haben aber eigentlich nicht wirklich etwas zu tun. Das gilt umso mehr für ihre Schauspieler, die alle entweder völlig unbeteiligt bleiben (Kidman, Craig oder Elliott) oder sich mit Mini-Sprechrollen von Tieren zufrieden geben müssen (Kathy Bates, Freddie Highmore). Richtig nervig ist das Unvermögen der Hauptdarstellerin: Die kleine Göre ist nicht nur unsympathisch und dumm, sondern auch noch eingebildet und aufgeblasen. Wenn sie dem Eisbärenkönig gegenübersteht, weiß sie anscheinend nicht, wo sie hingucken soll (CGI, wo bist du?), und auch sonst kann sie kaum einen vollständigen Satz geradeaus sprechen. Trauriger Tiefpunkt: Christopher Lee in einer einzigen Einstellung. Trauriger Hochpunkt: Ian McKellen als Stimme eines Eisbären.

Dass "The Golden Compass" auch dramaturgisch wenig Sinn ergibt (der Bärenkampf beispielsweise hält die Handlung nur auf), liegt wohl an den Kürzungen, Auslassungen, Umrandungen gegenüber der Vorlage, die aber schon merklich anders sein muss, um besser als dieser filmische Murks dastehen zu wollen. Immerhin ist Weitz' Film trotz seiner Ähnlichkeiten zum "Narnia"-Käse nicht mit christlicher Ideologie aufgeladen (man erinnere sich an den Weihnachtsmann, der Kindern Waffen in die Hand gab). Dass im Buch gar das Gegenteil der Fall sein soll, ist indes allerdings auch nicht zu vermerken. So bleibt dann ansonsten doch alles beim Alten: New Line will eine neue epische Trilogie generieren – und der "Lord of the Rings" schlägt noch immer hohe Wellen. Mir tut's nur für Frau Higgins leid, die hat schon wieder so eine hässliche Frisur abbekommen.


30% - erschienen bei: DAS MANIFEST

November 02, 2006

Kino: A GOOD YEAR

Für den Genuss eines guten Weins reist man in die französische Provence, das wissen nicht nur Kenner und Liebhaber der Vitis vinifera, sondern auch der Londoner Finanzhai Max Skinner. Dieser verfolgt allerdings andere Interessen, als er in das sonnige Südfrankreich reist: Sein Onkel, zu dem er viele Jahre keinen Kontakt mehr hatte, ist verstorben – und als einziger noch lebender Blutsverwandter erbt Max das gesamte Anwesen des alten Mannes. Doch der Charme des brüchigen Hauses kann Max ebenso wenig begeistern wie der große Weinberg im Garten, obwohl er als Kind eine beträchtliche Zeit an diesem Platz verbrachte. Mit dem Verkauf des Grundstücks kann es dem Investment-Banker also nicht schnell genug gehen, käme da nicht die bezaubernde Cafébesitzerin Fanny des Weges, um dem selbst verliebten Reibeisen allmählich die wahren Dinge des Lebens zu offenbaren.

In der Tat, dieses Gefühl, das schon der grobe Inhalt von Ridley Scotts Literaturadaption "A Good Year" verrät, das hat seine Berechtigung: Es ist eine dieser leichten Geschichten vom Leben, die hier erzählt wird, ein wenig komisch, ein wenig tragisch, und möglichst alle zufrieden stellend. Mit 68 Jahren wird Regisseur Scott seine mittlere Lebenskrise wohl lange hinter sich haben, es ist also anzunehmen, dass er auf seine alten Tage nun einfach ein wenig bedächtigere, nachdenklicher stimmende Filmbilder entwirft. Da Scott selbst Besitzer eines französischen Weinguts ist, wird die Geschichte wohl oder übel persönliche Züge tragen, nicht zuletzt da er mit Peter Mayle, dem Autor der Vorlage "Ein guter Jahrgang" (der weitaus treffendere Titel), befreundet sein soll. Die Zielgruppe dieses Films scheint damit auch schon einigermaßen ausgemacht.

Natürlich wird hier nicht Halt gewährt vor den großen Themen des Lebens, "A Good Year" erzählt von Liebe und Hass, Sehnsucht und Schmerz, Selbstfindung und Ich-Gewinn, vor allem aber handelt er von der Leichtigkeit der Dinge. Max Skinner, das ist ein abgebrühter Geldmacher, wie man sich abgebrühte Geldmacher auch vorstellt: Dunkel gekleidet, leger, eben gut aussehend, aber mit zynischen Weisheiten um sich werfend, abgeklärt und realistisch. Manch einer würde sagen: verbittert. So jemand kann wohlhabend sein, aber sich kaum an einfachen Dingen erfreuen. Deshalb erscheint die Meldung des verstorbenen Onkels wie eine Fügung des Schicksals – Max weiß noch nicht, dass der Aufenthalt in der Provence sein Leben verändern wird. Der Zuschauer hingegen vermutet da schon eher, dass das von Scott düster und regnerisch inszenierte London keine Alternative zur Pastellfarbenen Schönheit Südfrankreichs sein kann.

Nein, er weiß es sogar. Der Zuschauer würde doch vermutlich verrückt, wenn es der charmanten Marion Cottilard ("Mathilde – Eine große Liebe") nicht gelänge, das Herz des pragmatischen Russel Crowe ("A Beautiful Mind") zu erobern. An Überraschungen fehlt es diesem ambivalenzlosen Film also ein wenig, was offenbar noch immer kein Grund sein muss, diese Lebensfabel in weniger als 120 Minuten zu erzählen. Und so nimmt sich Scott die Zeit, die er für nötig hält, um Max Skinner durch die Provence zu führen. Hier wird nicht mit Eindrücken gegeizt: Strahlend schöne Bilder erblicken das Licht der Leinwand, raffinierte Einstellungen charakterisieren diese Orte von Wärme und Herzhaftigkeit. Und das ist es auch schon wieder, dieses Gefühl. Max weiß noch nicht, dass dieser Schauplatz Erinnerungen an seine Kindheit zurückbringen wird, unweigerlich Szenen der Vergangenheit reproduziert. Der Zuschauer ist ihm dagegen erneut voraus, wenn Kameraführung und sorgfältige Details der Ausstattung auf die Verbindungen von Gegenwart und Vergangenem verweisen.

Um die Erwartungen, die bei so viel Fatalismus schnell gedämpft werden, dennoch beständig zu halten, spart Scott keineswegs mit weiteren Kontrastierungen. Die böse Welt (London) besteht aus anrüchigen Sekretärinnen, halsabschneiderischen Kollegen, tristem Design. Die gute Welt (Provence) ist dagegen eine ganz und gar lebendige, hier dominieren warme Eindrücke, französische Gelassenheit – und natürlich hübsche Frauen. Wenn ein Ort überhaupt geeignet ist, um seine Tugenden zu entdecken, dann ist es wohl dieser. Nicht nur Max, sondern auch seine Verkörperung Russell Crowe fühlt sich sichtbar wohl in diesem Ambiente, in dem man sein Bad-Boy-Image ablegen und sich als gesetzter Schauspieler präsentieren kann. "Dafür möchte ich aber mindestens den zweiten Oscar haben", denkt sich der Australier vielleicht, ungeachtet seiner formlosen Darstellung. Crowe hat den Hundeblick zwar abgelegt, doch er scheint ernster als jemals zuvor – und hat seine Figur augenscheinlich nicht begriffen.

Die inhaltliche Trivialität rückt dabei in den Hintergrund, wenn die Stimmung dieses Films eben doch eine wunderbar sentimentale sein kann. Das allerdings scheint Vor- und Nachteil zugleich: "A Good Year" adelt die Einfachheit von Glück, die Selbsterkenntnis, ein besserer Mensch zu werden. Er betont die Schönheit des Natürlichen. Und so leicht diese Altherrenromantik auch sein mag, sie kokettiert mit einem Luxus, der für viele nicht greifbar ist.


30%