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November 26, 2009

Kino: THE TWILIGHT SAGA - NEW MOON

Die pubertären Tage der wunderhübschen Bella sind gezählt: Sie ist 18 Jahre alt und damit eigentlich erwachsen geworden. Trotzdem muss sie sich nach wie vor mit schwersten Teenienöten herumschlagen, die so leidvoll wie scheinbar unüberwindbar und bestimmt so notwendig wie natürlich ihr quälendes Mittelklasseleben bestimmen: Da sitzt die Hübsche monatelang an ihrem Fenster, während die Jahreszeiten vorüberziehen und die Popsongs in der Endlosschleife fest hängen. Und alles nur, weil der ewig 17jährige Edward das kleine Städtchen Forks verlassen hat, um keine Gefahr mehr für seine geliebte Sterbliche und die durstige Familie darzustellen. Der anmutige Blutsauger hat damit indes das Feld für eine ganz andere übernatürliche Genrespezies geräumt – Bella wird nun vom Indianer Jacob umgarnt, der sich jetzt außerdem regelmäßig in einen pelzigen Werwolf verwandelt und daher anders als im Vorgänger jede Szene halbnackt bestreitet. Geil!

Das Gefühlswirrwarr ist der rote Faden in "New Moon", ganz so wie in "Twilight". Es ist eine Schmonzette für junge Mädchen und alle, die es gern sein wollen. Es ist ein Film, der emotional funktionieren und der viel über unerfüllte Liebe, Sehnsucht, Hingabe, unstillbares Verlangen, Herzschmerz und besonders das erste Mal erzählen möchte. Letzteres spielt natürlich keine Rolle, im ersten Teil nach Stephenie Meyers unverschämt erfolgreicher Buchserie musste ein harmloser Kuss ohne Zunge als Höhepunkt genügen. Und auch hier ist an Sex eigentlich gar nicht zu denken, würden Bellas lustvolle Blicke und ihr sehnlichster Wunsch nach einem kräftigen Vampirbiss nicht ein simples Chiffre für diesen doch nur allzu ordinären Gedanken bilden: Warum also kann der schmierige Edward nicht einfach mal seine Beißerchen rausholen und es der Bella gepflegt besorgen, damit der ja doch irgendwie grundlos wehleidige Tonfall auch dieses zweiten "Twilight"-Filmes hinfällig wird? Vermutlich, weil "New Moon" wie sein Vorgänger als romantisches Kintopp für die Generation Enthaltsamkeit fungieren und deshalb auf jedwede Form von körperlicher Nähe verzichten muss.

Der leicht reaktionäre Einschlag von "Twilight" hat sich allerdings nicht allzu bemerkenswert in die Fortsetzung geschummelt, die endlosen Dialoge über schmerzhafte Nähe und unmögliche Berührungen sind mehr oder weniger verschwunden: Das Loblied aufs große Warten trällert Regisseur Chris Weitz zurückhaltender als Catherine Hardwicke, Regisseurin des ersten Films. Dennoch bleiben Zielgruppenabweichlern die ganzen Probleme dieser Geschichte merklich fremd – man will einfach nicht so recht verstehen, wo in all dem Emo-Quark aus Wortschwall und Gefühlschaos eigentlich der Grund für die zweistündige Unzufriedenheit liegt, die ausnahmslos alle Figuren befallen hat. So mag sich "New Moon" sorgfältig in die Erlebniswelt seiner jugendlichen Heldin einfühlen und mit Kristen Stewart auch eine enorm begabte und vielseitige Hauptdarstellerin gewonnen haben, erscheint nichtsdestotrotz als ebenso inhalts- wie ideenloses Replikat einstiger Jugendfilme, dem er ungleich weniger feinfühlig Genreelemente beimengt, die frei von Tiefsinnigkeit offensichtlichste Werwolfs- und Vampirmythen bemühen.

Und bestimmt, es ist ein Leichtes, dieses kurios erfolgreiche Phänomen (die Einspielergebnisse sprechen für sich) mit Sarkasmus und böswilliger Ironie nicht ernst zu nehmen. Doch die beiden "Twilight"-Filme, so banal sie vermitteln, so ideologisch sie gestrickt sein mögen, so überraschend schlecht sie inszeniert, getrickst und bebildert sind, treffen ganz offensichtlich einen Publikumsnerv. Es ist nicht die schlechteste Unterhaltung des Kinojahres, und gewiss ist es auch kein so dummdreister Film wie, sagen wir, zum Beispiel einer über kämpfende Riesenroboter aus dem Weltall. Trinken wir das Glas also doch einmal halbvoll und freuen uns über die Wertschätzung von Literatur, überforderte Jungdarsteller, ständig nackte Oberkörper. Und – immerhin – bei aller Verdammung des männlichen Körpers zum absoluten Sexobjekt über die Re-Emanzipation der jungen Frau im Kino. Bis zum dritten Blutsauger-Werwolfs-Gemisch, bis zum Sommer 2010 dann.


50% - erschienen bei den: 5 FILMFREUNDEN

Dezember 03, 2007

Kino: THE GOLDEN COMPASS

Wer sich wie ich schon länger gefragt hat, was eigentlich Clare Higgins, die Frau mit den schrecklich toupierten roten Haaren aus "Hellraiser", so macht, der ist hier richtig. Man nehme das Design des Senatsplaneten Coruscant aus "Star Wars", die vermenschlichten und sprechenden Tiere aus "The Chronicles of Narnia" und mische dazwischen so ziemlich alles aus dem unerschöpflichen Tolkien-Fundus:

Das kleine Mädchen Lyra besucht ein College in Oxford – von innen sieht das übrigens schwer nach "Harry Potter" aus – und verbringt die meiste Zeit mit ihrem (Tier-)Dämon Pantalaimon, sowie dem Jungen Roger. Dazwischen wird viel gesabbelt, erklärt und wichtigtuerisch das als Parallelwelt angelegte Reich vorgestellt, bis Lyra mithilfe eines goldenen Kompasses (=Ersatzrelikt für den einen Ring) in die Arktis reist, wohin nämlich nicht nur Roger, sondern auch zahlreiche andere Kinder entführt wurden. Auf ihrer Reise muss sie sich mit Feen, Piraten und Eisbären herumschlagen, ehe es zu einem finalen Kampf mit den Tataren (aka. Kosaken) kommt.

"His Dark Materials" heißt der Romanzyklus von Philip Pullmann, dessen erster Teil nun unter der Fittiche von Chris Weitz inszeniert wurde. Der "About a Boy"-Regisseur stieg zwischenzeitlich aus dem Projekt aus, da er sich mit Größe und Verantwortung überfordert fühlte, kehrte schließlich aber wieder zurück. Die Unsicherheiten merkt man dem fertigen Film zu jeder Zeit an: "The Golden Compass" ist ein alles andere als gradliniger, homogener Fantasyfilm, sondern verhindert mit einer penetranten, kindischen Erklärungswut jeden Zugang zum Stoff. Nie wird die Geschichte visuell erzählt, immer tauchen neue Begrifflichkeiten auf, sprechen die Figuren weitere ellenlange Dialoge vor sich hin. Im Gegensatz zu Peter Jacksons "Lord of the Rings"-Trilogie erschließt sich die Welt des Films nicht von allein, sondern muss dauerhaft ihre Eigenständigkeit unter Beweis stellen.

Das ganze ist deshalb leider überaus didaktisch ausgefallen, sehr langweilig, holprig und uninteressant. Der Film besteht aus lauter Einzelteilen, die sich selbst erklären und ausstellen, vielen kleinen Szenen, Elementen und situativen Stückchen, die aneinandergereiht fürchterlich öde wirken. Dem Stoff, zumindest in Filmform, fehlt es an jeglichem Subtext und Bedeutung, die Geschichte funktioniert weder als Initiationsmetapher noch Identitätssuche, bleibt also im Gegensatz zur Tolkien-Verfilmung nicht nur formal, sondern auch inhaltlich ohne Belang. Letztlich wirkt "The Golden Compass" wie eine Ideenrevue ohne Ordnung und Zusammenhalt.

Besonders fehlt es der Adaption an starken Persönlichkeiten. Die Figuren sind durchweg platt, tauchen hier und da mal auf, haben aber eigentlich nicht wirklich etwas zu tun. Das gilt umso mehr für ihre Schauspieler, die alle entweder völlig unbeteiligt bleiben (Kidman, Craig oder Elliott) oder sich mit Mini-Sprechrollen von Tieren zufrieden geben müssen (Kathy Bates, Freddie Highmore). Richtig nervig ist das Unvermögen der Hauptdarstellerin: Die kleine Göre ist nicht nur unsympathisch und dumm, sondern auch noch eingebildet und aufgeblasen. Wenn sie dem Eisbärenkönig gegenübersteht, weiß sie anscheinend nicht, wo sie hingucken soll (CGI, wo bist du?), und auch sonst kann sie kaum einen vollständigen Satz geradeaus sprechen. Trauriger Tiefpunkt: Christopher Lee in einer einzigen Einstellung. Trauriger Hochpunkt: Ian McKellen als Stimme eines Eisbären.

Dass "The Golden Compass" auch dramaturgisch wenig Sinn ergibt (der Bärenkampf beispielsweise hält die Handlung nur auf), liegt wohl an den Kürzungen, Auslassungen, Umrandungen gegenüber der Vorlage, die aber schon merklich anders sein muss, um besser als dieser filmische Murks dastehen zu wollen. Immerhin ist Weitz' Film trotz seiner Ähnlichkeiten zum "Narnia"-Käse nicht mit christlicher Ideologie aufgeladen (man erinnere sich an den Weihnachtsmann, der Kindern Waffen in die Hand gab). Dass im Buch gar das Gegenteil der Fall sein soll, ist indes allerdings auch nicht zu vermerken. So bleibt dann ansonsten doch alles beim Alten: New Line will eine neue epische Trilogie generieren – und der "Lord of the Rings" schlägt noch immer hohe Wellen. Mir tut's nur für Frau Higgins leid, die hat schon wieder so eine hässliche Frisur abbekommen.


30% - erschienen bei: DAS MANIFEST