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November 13, 2014

Kino: DUMB AND DUMBER TO

"Dumm und Dümmer", recht charmante Blödelkomödie, großer Kassenerfolg, mittlerweile auch Kultfilm. Mit Fangemeinde, Happenings und allem was dazu gehört. 20 Jahre und eine Karriere von Jim Carrey ist das schon her, fühlt sich allerdings auch so an. Nun, zwei Dekaden später, kommt die offizielle Fortsetzung, hierzulande etwas bemüht "Dumm und Dümmehr" getauft. Eine Verzweiflungstat, nicht allein der Titel. [...]

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April 29, 2010

Kino: I LOVE YOU PHILLIP MORRIS

Eine wahre Geschichte, zumindest so weit es das Kino zulässt: Steven Russell (Jim Carrey) ist der All-American-Dad, er hat einen guten Job, eine Frau, ein Kind und auch ein schönes Haus. Das alles hakt dieser Film jedoch schon mit der Titelsequenz ab, um dem sorgenfreien Leben des Steven Russell zügig ein Ende zu bereiten. Mit einem Autounfall – man denke an John Waters’ "A Dirty Shame" – kommt dem Lebemann eine einschneidende Erkenntnis: Er ist schwul. Und damit nicht gemacht für sonntägliche Kirchengänge und kuscheligen Ehe-Sex. Jetzt sehen wir Steven ganz schnell ganz anders: In neuesten Designer-Klamotten und mit markigen Kerlen an seiner Seite. Das ist der Moment, an dem viele Besucher die Sneak Previews hierzulande auch angesichts durchaus etwas expliziterer Szenen schlagartig verließen. So kann man es zumindest immer wieder vernehmen.

Weil der Lebenswandel jedoch seine kostspieligen Schattenseiten hat, entschließt sich Steven zu eher unkonventionellen Methoden der Geldbeschaffung. Um sich und seinem neuen Freund finanziellen Wohlstand zu garantieren, betrügt er Versicherungen – und landet damit zügig im Gefängnis. Dort lernt er Phillip Morris (Ewan McGregor) kennen und lieben, und dort beginnt der Film seine eigentliche (Liebes)Geschichte zu erzählen. Was Steven hingegen an Lügen, Diebstählen und Trickbetrügereien auffährt, um diese Liebe halten und in die Freiheit verlagern zu können, das sprengt jeglichen Rahmen.

"I Love You Phillip Morris", der trotz seines irreführenden Titels nichts mit dem gleichnamigen Zigarettenhersteller gemein hat, ist eine klassische Betrügerkomödie. Nicht so raffiniert und stilsicher wie Steven Spielbergs sehr ähnlicher "Catch Me If You Can", aber gewiss doppelbödiger. Denn die beiden Regisseure Glenn Ficarra und John Requa erzählen keineswegs eine gewöhnliche Gaunergeschichte, die lediglich die Konvention des klassischen Liebespaares gegen eine schwule Beziehung eintauschen würde. Sondern der, wenn man ihn so nennen will, Geschlechterbruch ist hier als gezielte Provokation zu verstehen und damit ursächlich für die mutigste und cleverste Hollywoodkomödie seit Jahren.

Denn der Film greift nicht das langbärtige Komödienklischee auf, das für gewöhnlich allen queeren Mainstream-Comedys in irgendeiner Variation zur Massentauglichkeit verhilft. Nämlich das der Versicherung, alles von normativen Gesellschafts- bildern abweichende sei letztlich nur Mittel zum Zweck oder schlichte Behauptung – und damit ungefährlich. So schlüpfte Robin Williams einst als "Mrs. Doubtfire" in Fummel, um wieder seinen Kindern nahe sein zu können. Transsexualität genügte hier als Joke, so lange sich dahinter kein Ernst zu verbergen drohte und die einzige wirklich schwule Figur als tuntiger Visagist auftrat. In "I Now Pronounce You Chuck & Larry" wiederum spielten Adam Sandler und Kevin James ein schwules Pärchen wider Willen, das nur wegen Pensionsvorteilen eine Lebensgemeinschaft bildete. Am Ende führen sie den CSD in New York an (es bedarf schließlich heterosexueller Initiative, um homosexuelle Rechte einzuklagen) und der Film meint ein Plädoyer für Schwule einzustimmen – doch küssen wollen sich die Männer hier trotzdem auf keinen Fall.

Das alles sind Komödien, die in ihrem Humorverständnis von Gleichberechtigung träumen, aber Homophobie nur nähren. Ihr Erfolg war einer rein heterosexuellen Perspektive und damit komfortabler Publikumssicherheit geschuldet. "I Love You Phillip Morris" nun spinnt eine wirkliche und umweglose Liebesgeschichte zwischen Männern. Hier spielen zwei heterosexuelle Hollywoodstars zwei homosexuelle Typen, die nur ihrer Liebe wegen ein Paar sind. Schwulsein ist hier gar so selbstverständlich, dass sich der Film nicht nur den Verzicht auf böswillige Klischees leisten, sondern auch ganz einfach hauptsächliche eine tradierte Gaunergeschichte erzählen kann. In deren Mittelpunkt eben nicht Frau und Mann, sondern Mann und Mann stehen. So einfach ist das, und leider doch so bemerkenswert. Deshalb kann man Ficarras und Requas Film als einfachen Betrügerspaß abwatschen, in dem die Protagonisten eben lediglich schwul seien. Oder als gewagten und überaus geglückten Versuch, aus Hollywoods üblichen Genreannäherungen an queere Comedy-Stoffe auszubrechen.


75% - erschienen bei den: 5 FILMFREUNDEN

November 05, 2009

Kino: A CHRISTMAS CAROL

Unzählige Male wurde sie in Film und Fernsehen durch die Mangel gedreht, die Weihnachtsgeschichte um den mürrischen Misanthropen Ebenezer Scrooge, der am heiligen Abend Besuch von drei Geistern erhält und schließlich zu einem geläuterten Gutmenschen reift. Nur wenige der vielen Adaptionen und Variationen des Stoffes hielten sich jedoch so treu an die Vorlage wie die allerneuste Version des festlichen Belehrungsstückes aus dem Hause Disney.

"Eine Weihnachtsgeschichte" beruft sich also wieder auf die klassische Erzählung – sie wurde nicht wie so oft zu einem Musical oder einer Komödie variiert. Im Zentrum steht, natürlich, der grantige Geizhals Scrooge, der vom Geist der vergangenen, gegenwärtigen und künftigen Weihnacht heimgesucht wird. Die wohl gesonnenen Gespenster reisen mit ihm zu Stationen seiner Kindheit und Jugend und eröffnen ihm schließlich den Blick auf sich und sein Umfeld, ehe sich Scrooge vom Menschenfeind zum gutherzigen Großväterchen besinnt.

Der durch die "Zurück in die Zukunft"-Trilogie mit Zeitreisen vertraute Regisseur Robert Zemeckis verarbeitet die Charles-Dickens-Geschichte zu einem weihnachtlichen Motion-Capture-Blockbuster, in dem er wie bereits bei seinem "Polarexpress" und "Beowulf" die Bewegungen der Darsteller in computergenerierte Animationen überträgt. Dieses Abbild der Realität soll paradoxerweise wiederum realistisch wirken, was erneut zu der Frage führt, warum Zemeckis so sehr auf diesen Umweg schwört, statt die Geschichte nicht gleich herkömmlich zu inszenieren und das Geld in entsprechende Spezialeffekte zu investieren.

Denn das Ergebnis der digitalen Bilder ist genauso ernüchternd wie in den beiden formalen Vorläufern: Die Bewegungen sind staksig und ungelenk, die Augen der Figuren wirken unnatürlich und befremdlich, und die Gesichter erinnern in ihrer Plastizität an Wachsfiguren. Statt zu stilisieren, zu verfremden und damit auf das eigentliche Animationshandwerk – die Erschaffung von Bilderwelten aus dem Nichts – zurückzugreifen, imitiert die Technik eine Realität, die sie doch nie erreichen kann.

Schade also, dass auch "Disneys Eine Weihnachtsgeschichte" in der Motion-Capture-Sackgasse landet, denn Zemeckis bringt den Stoff ansonsten überraschend sorgfältig und sogar dialoggetreu auf die große Leinwand. Erstaunlich dabei vor allem, dass er sich viel Zeit lässt für die über- und in ihrer moralischen Schlichtheit auch durchschaubare Geschichte, dass er die Geisterbesuche nur wenig effekthascherisch in Szene setzt und sich stattdessen mehr auf die vielseitige Leistung seines Hauptdarstellers konzentriert.

Nachdem schon so unterschiedliche Schauspieler wie Michael Caine, Patrick Stewart oder Bill Murray in die Rolle des miesepetrigen Scrooge geschlüpft sind, übernimmt nun Blödelgesicht Jim Carrey den Part – und den der drei Weihnachtsgeister gleich noch mit. Carrey erweist sich als Idealbesetzung: Dass sein Scrooge eine enorme Präsenz hat, ist dabei mehr seinem mimischen und gestischen Können, denn der eigentlich schauspielfeindlichen Motion-Capture-Technik zuzuschreiben. Carrey schafft es zumeist gegen die bizarr-befremdliche Animation anzuspielen.

Die digitalen Gesichtsakrobatiken des Komikers bleiben dann auch der einzige Schauwert des Films, der die Geschichte eher spröde visualisiert. Zemeckis hält sich mit allzu überdrehten Actioneinlagen zwar zurück, was durch den verhaltenen Einsatz schneller Bewegungen vor allem dem 3D-Erlebnis zugute kommt (für das der Film konzipiert wurde), setzt aber auch keine optischen Schwerpunkte. Lediglich die Titelsequenz spielt auf eindrückliche Art mit räumlichen Verhältnissen.

Freunde der Dickensschen Originalgeschichte dürften hingegen nicht nur von der inhaltlichen und sprachlichen Vorlagentreue begeistert sein, sondern auch mit Freude zur Kenntnis nehmen, dass Zemeckis sich für das Design des Films an den ursprünglichen Kupferstichen orientiert hat. Die drei Weihnachtsgeister schließlich wurden selten so exakt nach den Beschreibungen der Erzählung in Szene gesetzt. Umso enttäuschender, dass auch sie dank der sperrig-unschönen Motion-Capture-Bilder nie wirklich zum Leben erweckt werden – sondern so lieb- und seelenlos bleiben müssen wie alle Figuren.


40% - erschienen bei: gamona

August 05, 2008

Zuletzt gesehen: BATMAN FOREVER

Der Franchise-Neustart gilt trotz seines enormen Einspiels heute als wüstes Camp-Debakel, das mit grellen Neonfarben und kunterbunten Sets gegen den zeitgemäß düsteren Ansatz des Mythos’ vorging, in dem es sich weniger auf die Burton-Filme bzw. die Neuerschaffung der Figur durch Frank Miller berief, sondern eher wie die Kinoversion der schrillen 60er-Jahre-TV-Serie erschien. Seltsam eigentlich, immerhin gibt Val Kilmer einen nachdenklichen Bruce Wayne, der immer noch unter der vermeidlichen Schuld des Elterntodes zu leiden hat. Das Bonbon-Flair bildet hier demnach eher einen deutlichen Kontrast, wenngleich Joel Schumacher sich darin augenscheinlich besonders gern austobt. Dass er dabei keinerlei Sensibilität oder Gespür für die Figuren aufbringt, Actionszenen so gar nicht inszenieren kann und vor allem dringend das Over-Acting von Tommy Lee Jones, der sich offenbar von Jim Carrey hochschaukeln lässt, hätte unterbinden müssen – keine Frage. Schließlich ist der ehemalige Schaufensterdekorateur Schumacher hauptsächlich an hübschen Accessoires wie Batmans Nippel am Kostüm oder Robins schmuckem Ohrring interessiert. Aber zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich "Batman Forever" nach nochmaligem Sehen nun sogar ein wenig mag...


30%

März 20, 2007

Kino: THE NUMBER 23

Es ist bekannt, dass der Nirvana-Frontmann Kurt Cobain 1967 geboren wurde und 1994 verstarb. Eher weniger bekannt hingegen, dass die Summe aus den einzelnen Zahlen (1+9+6+7 und 1+9+9+4) bei beiden Jahresdaten 23 ergibt - irgendwie unheimlich, oder? Ist es ein Zufall, dass William Shakespeare am 23. April 1564 zur Welt kam und sie 52 Jahre später ebenso am 23. April wieder verließ? Oder Julius Caesar durch 23 Messerstiche starb und das lateinische Alphabet aus 23 Buchstaben besteht?

Diese Fragen werden auch im "Illuminatus"-Komplex der Autoren Robert Anton Wilson und Robert Shea nicht endgültig beantwortet, sondern vielmehr wird darin ihr Grundstein gelegt. Die 23-Numerologie mit ihren konspirativen Theorien und Vermutungen beschreibt die Annahme, alle Ereignisse und Begebenheiten stünden in einem direkten oder indirekten Zusammenhang mit der Zahl 23 und ihre Quersumme 5.

Viele Wege führen nach Rom: Mit etwas Knobelarbeit lässt sich eine derartige Verbindung problemlos zu jedwedem Gegenstand herstellen. Das umfangreiche Konstrukt 23 und die Mythisierung dieser Zahl sind fester Bestandteil der Postmoderne, ob in Literatur, Film oder Musik. In Deutschland hat sich Hans-Christian Schmid dem Phänomen mit "23 – Nichts ist so wie es scheint" gewidmet - und vielmehr einen Film über den Zeitgeist der 80er-Jahre, als auf den Titel bezogenen Verschwörungsthriller inszeniert.

In seinem - Achtung! - 23. Werk beschäftigt sich nun auch Regisseur Joel Schumacher mit der Unglückszahl. Jim Carrey spielt Walter Sparrow, einen durchschnittlichen Vorstadt- typen und Familienvater, der von seiner Frau Agatha (Virginia Madsen) ein mysteriöses Buch erhält: "The Number 23" von Topsy Kretts (für alle, die sich mit Subtilitäten schwer tun: den Namen einfach laut aussprechen). Darin geht es um den von der unheilvollen Zahl besessenen Detective Fingerling (ebenfalls Carrey), der einen ungewöhnlichen Mordfall aufklären muss. Sparrow ist so fasziniert von dem Roman, dass er dessen Inhalt bald für bare Münze nimmt: Er hält die Übereinstimmungen zwischen ihm und dem fiktiven Fingerling nicht für Zufall, sondern Bestimmung.

Mit unmodischen Bildern einer eher gediegenen Ästhetik bewegt sich "The Number 23" inhaltlich auf steifem Retro-Terrain. Der Thriller erinnert wechselhaft und recht beliebig an Vorbilder wie "Memento", "Lost Highway" oder "Fight Club", allerdings ohne deren Unberechenbarkeit. Denn leider krankt Schumachers zur Verworrenheit bemühter Selbstfindungstrip an seiner trivialen Erzählweise: Der Zuschauer dürfte das Puzzle so vorschnell zusammen haben, dass der Film mit manch konstruierter Falschfährte kaum mehr hinterherkommt.

Um das Mysterium 23 geht es hier tatsächlich keinesfalls. Vielmehr erweist sich das Theater um die Zahl, die im Verlauf der Geschichte bald keine Rolle mehr spielt, als unfreiwilliger McGuffin. Der paranoide Wahn Sparrows resultiert eher aus seiner Diskrepanz zwischen Realität und Selbstwahrnehmung, denn einer numerologischen Verschwörung. Einmal mehr übt sich Schumacher in plattem Budenzauber, wenn er in sein Szenenbild dennoch immer wieder variierte Verweise zur Titel gebenden Zahl integriert: Zigfach blendet er auf die Neonreklame eines Hotels, bis auch der letzte Kinobesucher begriffen hat, dass das wohl ein Hinweis auf die allgegenwärtige 23 sein könnte.

Ehe der obligatorische Schluss-Twist dann herbeieilt - in nahezu jeder Inhaltsangabe ist er bereits zu erahnen - bleibt nur die Frage, warum "The Number 23" den End-90er- Filmtrend mit Paukenschlagfinale nur verschlafen haben könnte. Vielleicht ja sogar deshalb, weil Schumacher ganz einfach warten wollte, bis er sein Pensum von 22 Arbeiten erreicht hat. Übrigens: Bevor der Regisseur sich der Filmerei zuwandte, arbeitete er als Dekorateur für Schaufenster. Manchmal sollte eben vielleicht auch ein Schumacher bei seinem Leisten bleiben.


40% - erschienen bei DAS MANIFEST