Dezember 23, 2008

Kino: AUSTRALIA

Ein erstes großes Epos wollte er seiner Heimat Australien schenken, die erste kleine Enttäuschung seiner bisherigen Filmkarriere ist es geworden. Nun scheint Baz Luhrmanns gewaltige Ambition – und alles an "Australia" ist irgendwie gewaltig gewollt – jedem Bild fest eingeschrieben: Mit jener Inszenierungsfreude, jenem Elan und Stilwillen ins Leben gerufen, die schon seine Red Curtain-Trilogie zum unver- wechselbaren Theatralikrausch ausschmückten, ist das fast dreistündige Mega-Melodram in erster Linie eine Beschwörung an die Filmgeschichte – weniger an Down Under.

Weil sie glaubt, ihr Mann betrüge sie am anderen Ende der Welt, macht sich Lady Sarah Ashley (Nicole Kidman) kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges von London nach Australien auf. In Darwin trifft die ungehobelte Dame auf ihren Führer durch das Nothern Territory, den raubeinigen Vieh- treiber Drover (Hugh Jackman), mit dem sie nicht nur verbal aneinander gerät. Nachdem Sarah vor Ort überraschend vom Tod ihres Mannes erfährt, versucht sie dessen verbliebene Rinderfarm zu retten. Gemeinsam mit Drover und dem Aborigine-Mischling Nullah (Brandon Walters) muss sie sich auf ihrer Reise durch das australische Land gegen den zwielichtigen Vorarbeiter Neil Fletcher (David Wenham) und dessen Handlanger durchsetzen.

"Australia" ist ganz oft alles und irgendwie auch immer nichts. Er ist Liebesschnulze, nein, Schmachtfetzen par excellence, und er ist auch Kriegsspektakel, Rassismusdrama, Western- abenteuer. Er meint viel über die Kultur seines Landes, die Aborigines, die Kolonialisierung, die Städteentwicklung zu erzählen, und dazu gibt es weite Landschaftsaufnahmen mit untergehenden Abendsonnen und hüpfenden Kängurus, viel Outback-Romantik und noch viel mehr Ethno-Kitsch serviert. Aber eigentlich bildet all das nur historische Kulisse, deren Ausstattungsstaffage einzig Hintergrund sein darf für die mächtige Liebesgeschichte zwischen Nicole Kidman und Hugh Jackman. Und hier kommt der deutlichste Bezugspunkt zustande: Luhrmanns Postkartenepos wähnt sich als Gefühls- kitsch in der Tradition von "Gone with the Wind", als Geschlechterzwist wie in "African Queen" und als Kolonial- romanze à la "Casablanca".

Und es weht mehr als nur ein Hauch Filmgeschichte durch "Australia". Noch während der großartig überladenen, comic- artigen und fast anti-epischen Exposition erlaubt sich Luhrmann jene ungenierten Frechheiten, für die man seinen letzten Film "Moulin Rouge" so lieben musste. Jackman wird als Leone-Eastwood eingeführt, Kidman als, very sophisti- cated, aristokratische Zicke in Anlehnung an Katherine Hepburn. Der Übermut ist wunderbar, der Gestaltungsdrang zum Verlieben – die erste Hälfte ist brillantes Hülsenkino, in das Luhrmanns Liebe in großen Massen einströmt. Sie besteht aus Fetzen, Zitaten, Relikten, alles gebündelt zu denkwürdig schönen Szenen, einem Best-Of filmgeschichtlicher Ingre- dienzien. "Australia" ist lange Zeit ein Musical, dessen Songs durch postmoderne Magic Moments des Kinos ersetzt wurden. Die noch immer erfrischenden Brüche in Luhrmanns Umgang mit Referenzvorbildern, die nie ostentative Ironie sind auch hier, in seinem vierten Film, noch von bemerkenswerter Qualität.

Doch dann läuft "Australia" noch knapp 90 Minuten weiter. Und es zeigt sich, dass die Beschwörungseffekte keine weitere Bedeutung tragen, ja, fast penetrant ausgereizt werden: Der immer wiederkehrende Verweis auf den "Wizard of Oz" (Oz ist im Englischen die Abkürzung für Australia) verkommt ohne größeren Bezug zum repetitiven und später leider redundanten Einwurf, immer dann, wenn der Film gerade nicht zu wissen scheint, was er zu tun hat. Er offenbart seine Indifferenz, und vor allem, ja leider, dass es eigentlich nichts zu erzählen gibt. Dem Film fehlt die Tragweite, das wirklich Epische, das echte erzählerische Gewicht. Paul Thomas Anderson entwarf jüngst mit "There Will Be Blood" ein ätzen- des Nationaldenkmal, das auf ästhetischen Bildern der Filmgeschichte aufbaut. Luhrman nutzt dieselben Eindrücke, doch es reicht gerade einmal für den Rohbau, vielleicht nur gar ein paar Skizzen. Ein ansehnlicher Film ist es dennoch, aber einer ohne großen Atem und mit viel offener Luft nach oben.


65% - erschienen bei: den Fünf Filmfreunden

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