Oktober 06, 2008

Kino: EAGLE EYE

Ganz plötzlich widerfahren guten Menschen ganz scheußlich böse Dinge im Kino: Sie werden verfolgt, verdächtigt und verhaftet, trotzdem sie sich als treue US-Bürger nichts zuschulden haben kommen lassen. Die Paranoia-Thriller der 70er-Jahre hatten Ängste vor Bespitzelung und Abhör- systemen gespiegelt, in den 80ern gesellte sich dazu noch ein gehöriges Misstrauen gegenüber Computern und künstlicher Intelligenz, und bis heute schließlich scheinen die Geschichten vom kleinen Mann in großen Verschwörungen noch nicht zu Ende erzählt, wie beim "Enemy of the State" zum Beispiel, oder der neuesten Run-and-Hide-Hatz mit Shia LaBeouf: "Eagle Eye".

Jerry Shaw (LaBeouf) ist der Junge von nebenan: Er arbeitet in einem Kopierladen, wohnt in einer sympathischen Bruchbude, hat genauso wenig Geld auf dem Konto wie du und ich. Er ist einer von der soliden Sorte, ein Typ, der als Kind in einem Steven-Spielberg-Film wohl in einer kleinen Vorortsiedlung muntere Abenteuer erlebt und zu sich selbst gefunden hätte.

"Eagle Eye" ist in gewisser Hinsicht sogar ein Spielberg-Film, allerdings einer der nächsten Generation. Ausgedacht und produziert vom DreamWorks-Mogul, aber inszeniert vom Nachwuchs D.J. Caruso. Deshalb ist Jerry auch nicht das Kind einer verrückt erwachsenen, sondern der männliche Held einer Web 2.0-Welt. Und die kann ihre Hilfsmittel bekanntlich auch gegen den Menschen richten: Carusos Cyber-Utopie entwirft das Bild einer totalen technischen Verschwörung (kurz gesagt: exakt so wie im letzten "Die Hard").

Jerry, der eben noch um seinen gefallenen Soldatenbruder trauerte und sich von Daddy nicht geliebt fühlt, gerät von einer Sekunde zur nächsten in ein Erpressungsmanöver samt halsbrecherischen Verfolgungsjagden. Unbekannte Terroristen versuchen ihn zu einem Attentat zu zwingen, während sie durch komplette Manipulation und Steuerung aller technischen Systeme sogar das FBI auf ihn jagen. Ohne jede Hilfe beginnt für den Kopierjungen gemeinsam mit der allein erziehenden Rachel (Michelle Monaghan), die ebenfalls Hals über Kopf in das Komplott verwickelt wurde, ein Wettlauf gegen die Zeit – zwischen Erpressern und Staatskräften.

Die vielen, vielen Vorbilder, bei denen sich dieser unsäglich anstrengende, lautstarke Film bedient, muss man gar nicht unbedingt kennen, um "Eagle Eye", diesen bemüht aufge- frischten Beitrag zu einer gewissen Tradition des Genrekinos, als durch und durch missglückt zu empfinden. Anders als das Hitchcock-Remake "Disturbia", Carusos letzte Zusammen- arbeit mit Spielberg und LaBeouf, funktioniert "Eagle Eye" weder als Teenie-Update bewährter Vorbilder, noch eigenständiger Thriller von sympathischer Frische und Inszenierungslust.

Viel mehr wirkt diese Kiddie-Variante der Jason Bourne- Abenteuer nur wie der verzweifelte Versuch, eine abgestandene Geschichte mit unheimlich platten Gegen- wartsbezügen aufzupeppen, ohne freilich allzu deutlich im Ton zu werden. Das reizvolle Potential des Stoffes – dass der Überwachungsstaat nämlich keine Kontrolle, sondern schlimmstenfalls Kontrollverlust bedeutet, weil Terroristen ihn als Waffe benutzen können – wird natürlich nur angekitzelt, vorwiegend geht es um PG-taugliche Mainstream-Action, die einen in ihrer Primitivität und Belanglosigkeit nur noch anödet.

Klar, "Eagle Eye" könnte wenigstens als straighter, launiger, ja zumindest unterhaltsamer Verschwörungs-Thriller mit viel Drive und guter Action funktionieren, aber der Film will letztlich ja doch mehr sein, will Bewusstsein schaffen, will Formelunterhaltungskino ein wenig aufbrechen, so wie zuletzt "The Dark Knight" vielleicht. Am Besten alles in einem: Zeitgemäße Zerstörungsorgien mit einem Gewissen, sozu- sagen.

Aber ihm gelingt weder das eine noch das andere. Die Ansätze sind selbstredend nur Aufhänger, die Geschichte selbst driftet irgendwann in Science-Fiction-Gefilde ab, und das dummdreist-patriotische Ende verrät den möchtegern- flippigen Film sogar als gewohnt gestrig. Dass Caruso, wenn es ihm letztlich schon nur um flinke Action geht, aber gerade dort so versagt, wo man die bloßen Maßstäbe von Unterhaltungskino ansetzt, besiegelt dann vielmehr das eigentliche Scheitern von "Eagle Eye".

Die Actionszenen nämlich sind so unübersichtlich inszeniert und konfus geschnitten, dass sie streng genommen gar nicht richtig stattfinden. Der ganze Film ist in einer Hektik erzählt, die wohl um jeden Preis Spannung zu garantieren versucht, aber eher den Wunsch hervorruft, Caruso noch mal auf die Filmhochschule zurückzuschicken. Ein rasanter Thriller wird nämlich nicht allein dadurch temporeich und spektakulär, wenn man ohne erkennbare Struktur wild mit der Kamera herumwackelt und das dann zu einem Schnittgewitter verarbeitet, dem irgendwann der Zusammenhang verloren geht.

Womöglich soll die wirre Inszenierung aber auch das ein oder andere Loch, oder eher: die Gräben, in der Logik kaschieren (sollte dies der Versuch gewesen sein – er ist auf jeden Fall gescheitert). So steht schon die ganze Plot-Konstellation grundsätzlich auf wackeligen Beinen, wo doch die Terroristen (bzw. das, was später dahinter steckt) alles elektronisch kontrollieren können, von Telefonen bis zu Überwachungs- kameras, von Ampeln bis zu Zügen, ihr Attentat also doch viel unproblematischer verrichten könnten, als zwei wehrhafte Zivilisten diverse Risiken eingehen zu lassen. Und letztlich ist "Eagle Eye" auch genau deshalb so einschläfernd: Weil die ganze Motivation der Geschichte absolut nicht nachvollziehbar – und die Heldentaten eines Kopierjungen völlig unglaubwürdig erscheinen.

Nach dem hübsch-atmosphärischen "Disturbia" wirkt die neueste Spielberg-Caruso-Zusammenarbeit wie der Versuch, nervöse Action-Kids an die Grenzen ihrer Aufmerksamkeits- störung zu bringen: Ein einziges nervöses, zielloses, anstrengendes Wildern bei Vorbildern, zwanghaft auf Teenie- Unterhaltung gedrückt und komplett einfallslos inszeniert. "Eagle Eye" empfiehlt sich besonders für Zuschauer, die Tony Scott-Filme langweilig und prätentiös finden.


15% - erschienen bei: gamona

Kommentare:

  1. empfiehlt sich besonders für Zuschauer, die Tony Scott-Filme langweilig und prätentiös finden.

    LOL. Den muß ich mir unbedingt merken:)

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  2. Hm, wenn man den Text so liest könnte man meinen, dass du Paul Greengrass als Regisseur wesentlich lieber gesehen hättest. Der kann wenigstens hektisch inszenieren. :)

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  3. tztztz, 15 %!

    Ab Mittwoch weiß ich dann mehr! :-)

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  4. @clark:

    Gott bewahre, Greengrass sollte sein Talent nicht an solchem Crap verschwenden.

    @spidy:

    Och, dem Transformers-100%-spidey wird der bestimmt ganz dufte gefallen. ;)

    (PS: Shia ist hässlich, doof und scheiße)

    *hihihihi*

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  5. Was will ich mehr, wenn es dem Transformers-100%-spidey gefallen wird. :-))))

    Hätte fast was dummes gesagt, aber das verkneife ich mir! *gggg*

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  6. Ich les' immer Greengrass, du solltest dir unbedingt mal Flug 93 ansehen, der ist echt Klasse. Schönes Review!

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  7. @tyler:

    Habe ich und war zwar von der Regieleistung angetan, habe den Film aufgrund seiner Simulationsinszenierung insgesamt aber als geschmacklos empfunden.

    Danke. ;)

    @cleric:

    Doch!

    Und wenn du mir jetzt echt sagst, dass du diesen Dreck gut fandest, dann ... na ja, ändert sich auch nicht viel. ;)

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  8. Hehe, das war jetzt also die Ausformulierung des "wirklich schrecklich". Ja, nee, "Eagle Eye" ist wahrlich kein Knaller, aber 15%? Das finde ich dann doch ein wenig überzogen. Aber was soll das ganze Herum-Gerde: "Eagle Eye" ist ohnehin einer dieser Filme die man spätestens eine Woche nach dem Kino-Besuch schon wieder vergessen hat. ;-)

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  9. Ich fand ja bereits DISTURBIA zum Ko**en, deshalb wundert mich das hier nicht.

    Mal etwas OT: Was ist eigentlich mit dem GF los? Wurde das gehackt, oder was?

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  10. @c.h.:

    Hätte dem auch ohne zu zögern 5% gegegeben, kommt für mich alles auf's selbe hinaus: Scheiße. ;)

    Ist auf jeden Fall weit vorn auf der worst-Liste 2008.

    @jochen:

    Jepp, gehacked. Dürfte so schnell auch nicht wieder on sein.

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  11. Die Hälfte deines Textes könnte man in der Form problemlos unter BOURNE ULTIMATUM schreiben - herrlich.

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  12. Ich hätte meine Hand dafür ins Feuer legen können, dass sowas kommt. Du bist so, so predictable.

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  13. Du komischerweise auch. :P

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  14. Du komischerweise auch. :P

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  15. Du komischerweise auch. :P

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  16. Du komischerweise auch. :P

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  17. Du komischerweise auch. :P

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  18. Du komischerweise auch. :P

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  19. Du komischerweise auch. :P

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  20. Beim ersten Mal hätte ich's auch verstanden.

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  21. @Mr.Vega: Bin immer noch glücklich! *lol* *gggg* ;-))))))

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  22. Ich schäme mich nicht dafür, aber ich konnte nicht anders,ich musste Eagle Eye nochmals ansehen auch wenn dieser absolut kein guter Film ist! *gggg*

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  23. Gott, lade dir doch Bilder von dem Kerl runter oder so. Was für 'ne Zeit- und Geldverschwendung. ;)

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  24. Ich habe doch eine Jahreskarte, somit erst einmal keine Geldverschwendung und Zeitverschwendng schon mal gar nicht - bääääähhhhh! :-))))))))

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  25. Zeitverschwendung ist es trotzdem. So! ;)

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