Juli 30, 2008

Kino: THE DARK KNIGHT

Der Joker lädt zu einem "sozialen Experiment": Zwei Schiffe auf der Flucht vor Gotham City, der Stadt, über die das Unheil hereingebrochen ist. Das Unheil explodierender Gebäude und Straßenschlachten, öffentlicher Anschläge und Übergriffe, Terrordrohungen und kollektiver Angst. Zwei Schiffe, auf dem einen Zivilisten, Durchschnittsbürger, Normalverdiener, Steuerzahler, die gewöhnlichen Einwohner Gothams. Auf dem anderen Schwerverbrecher, Knackis, jene, gegen die Harvey Dent, Lt. James Gordon und der dunkle Rächer einen verzweifelten Kampf führen, jene also, "die bereits eine Chance gehabt haben", wie ein Mann zu sich und seinem Gewissen sagt. Beide Schiffe nun werden um Mitternacht in die Luft gehen, weil der Joker Bomben auf ihnen platziert hat. Es sei denn, vorher erklärt sich eine der beiden Gruppen bereit, das jeweils andere Schiff per Zündschlüssel explodieren zu lassen. Wer in der Lage ist, andere Leben zu opfern, darf das eigene behalten.

Während die Minuten verstreichen, wächst der Druck gegen die Vernunft, gegen Ordnung und gegen Menschlichkeit. Auf dem Schiff der "rechtschaffenen" Bürger Gothams wird schließlich abgestimmt, die Auszählung der Zettel ergibt eine unmoralische Mehrheit, doch niemand ist letztlich in der Lage, die Bombe hohgehen zu lassen. Die Gefangenen bekommen kein Abstimmungsrecht zugesprochen, sie diskutieren still und überlegen vor den Augen des bewaffneten Personals. Dann tritt ein Häftling hervor, er entreißt dem Polizisten den Zündschlüssel und wirft ihn über Bord. Die Entscheidung ist auch hier gefällt – zwei Bewährungsproben für die Demokratie, die sich zu einer Notlösung reduzieren lassen musste.

Dieser Teil des zweiten Batman-Films von Christopher Nolan findet als Parallelmontage im großen Finale von "The Dark Knight" statt, hat eher McGuffin-Charakter und erscheint auf Spannung und Dehnung konzipiert. Und es ist dennoch der Moment, in dem der Film sein Potential ganz ausschöpft, in dem er seine Schwerpunkte, Analogien und metaphorischen Verweise zu einer Problemstellung subsumiert: Wie die Macht des Terrors die Macht des Staates unterläuft. Ein schwerer Unterbau von Gegenwartsbezügen, dem alle Action und alle Unterhaltung nichts anhaben kann.
Blickt man zurück auf Tim Burtons Interpretation des Stoffes, also auf "Batman Returns", der Fortsetzung des erfolg- reichen, aber unkontrolliert inszenierten ersten Films um den düsteren Flattermann, so verhält sich "The Dark Knight" wie ein unabdingliches Ergänzungsstück: Burton schaute seinen Monstern – und zu denen zählte er auch Batman – tief ins Innere, er dichtete sie zu tragischen Gestalten der Nacht um, gefangen in menschlichen Masken, verloren in einer materialisierten Gesellschaft, auf der Suche nach Identität. Die enorme Hingabe zu seinen Figuren ließ Burton zwar immer mehr von der Vorlage abrücken, dennoch darf "Batman Returns" als die vielschichtigste Comicverfilmung bezeichnet werden. Was bei Burton hingegen eine untergeordnete Rolle spielte, gleichwohl es zu den festen Bestandteilen der Erzählung und Ausgestaltung gehörte, war die Erschaffung eines Gotham Citys als moderne Großstadtwelt, die an die Grenzen ihrer Staatsprinzipien gerät.

Ein Komplex also, der in Nolans Vorgänger "Batman Begins" bereits thematisiert, zugunsten einer arg angestrengten Charaktervertiefung des Titelhelden jedoch hinten angestellt wurde, bildet nun die vorrangige Auseinandersetzung im Film. Ausgehend bereits vom Kinoplakat, das den dunklen Ritter vor einem Wolkenkratzer mit brennendem Fledermausmuster zeigt, wirkt "The Dark Knight" wie eine an konkreten Bezugspunkten kaum stärker zu überhöhende Reaktion des Mainstreamkinos auf die Schreckensbilder von 9/11 und ihrer Auswirkungen auf das politische und gesellschaftliche Tagesgeschehen. Die Symbolik einerseits, ihre verführerische Macht und ihre Ausdrucksstärke, greift der Film mehrmals auf, reproduziert und erweitert sie, wie er gleichzeitig eine Geschichte erzählt, in der es um genau jene Herausforderungen geht, derer sich das Gesetz durch willkürlichen Terror ausgesetzt sieht: Ein Joker, der Banken ausraubt, Straßen in Flammen legt und über das Fernsehen Drohungen verbreitet, der Krankenhäuser in die Luft jagt und Senatoren korrumpiert – und nicht an Geld interessiert ist, sondern aus tiefstem Hass und perverser Freude, einer Ideologie des absoluten Chaos heraus handelt. Nolans Film, die entsprechende Analyse der Angst.

"The Dark Knight" spannt ein komplexes moralisches Netz, in dem Gut und Böse keine Rolle mehr zu spielen scheinen. Und hat es inmitten der Neuen Unübersichtlichkeit immer noch mit einem Helden zu tun, der keiner ist. Batman erscheint nur noch als extrem widersprüchliche Figur, die unbeholfen für ein Recht eintritt, das jede Grundlage verloren hat: Im Verhörzimmer verweist ihn der Joker auf die gemeinsame Verwandtschaft – einer der wesentlichen Burton-Einflüsse – und die Sinnlosigkeit seines Kampfes, für den er keine Anerkennung bekommen und der ebenso nie zum moralischen Erfolg werden kann. Denn Batman, das ist immer noch ein Rächer, ein Einzelkämpfer, der nach eigenen Regeln und Werten außerhalb des Gesetzes agiert. Und weil die Justiz wiederum, in deren Vertretung er mit Harvey Dent inoffiziell kooperiert, genauso auf ihn angewiesen ist wie auch die Polizeigewalt durch – nun befördert – Commissioner Gordon, ergibt sich daraus die prekäre Frage, mit wie viel Unrecht sich das vermeintliche Recht eigentlich zu verhandeln bereit erklärt: Gesetzesbrecher, die zu Helden verklärt werden (Harvey Dents Mutation zu Two-Face, die gleichzeitig ein Synonym für die Bankrotterklärung der Rechtsstaatlichkeit ist, wird verschwiegen), und Gesetzeshüter, die erkennen müssen, längst die eigentlichen Ziele aus den Augen verloren zu haben. Wenn Batman sich im Finale zum Kampf gegen den Joker der Datenschutz- und damit Freiheitsrechte jener Bürger bedient, die er eigentlich schützen soll, dann hat das gewiss nicht die kathartische Wirkung eines unterhaltsamen Comicfilms.


60%

Kommentare:

  1. Wie? Ohne Wertung? Was zum...?

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  2. Wow, bereits die zweite Kritik die ich heute zu dem Film lesen durfte, nach der ich mich wirklich fragte: Fand er den jetzt gut oder schlecht ? :D

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  3. "Ohne Wertung"? Deinem Text lässt sich nicht entnehmen, was du von TDK hälst - gut, schlecht?

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  4. Wie keine Wertung?
    Ich werde es jedenfalls erst in drei Wochen lesen.

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  5. Ich weiß noch nicht, was ich wirklich von dem Film halten soll. Oder anders: Dass er mich beeindruckt hat wiegt weitaus mehr als dass er viele Fehler seines Vorgängers wiederholt und auch sonst meines Erachtens signifikante Schwächen aufweist. Es ist auf jeden Fall ein beunruhigender und faszinierender Film, das habe ich versucht auszudrücken.

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  6. haha wenn mal keine Zahl unter der Kritik steht sind die Leser ja regelrecht überfordert:-)
    Macht zumindest mehr Lust auf den Film als die gehypten Bewertungen bei imdb

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  7. Morgen will ich hier eine Wertung sehen;)

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  8. Und ich finde das geht aus deinem Text auch hervor. Schließlich zählst du ja genügend Vorzüge auf. Hab ich gerne gelesen - selbst bei deiner Zerrissenheit hinsichtlich einer finalen Bewertung kann ich nur zustimmen. Letzten Endes fand ich ihn dann aber doch auch einfach beeindruckend in seiner Stimmung.

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  9. Soso, da ordne ich mal bei 70-80 % ein, je nach deiner aktuellen Laune ;)

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  10. Maan...wieso kann ich den Film nicht jetzt schon sehen? =(
    die review lese ich erst später irgendwann :D

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  11. Also das Review zeigt eindrucksvoll, wie Sinn-voll oder -los dieses Punktesystem doch ist. Für mich spricht der Text Bände, denn genau so etwas erwarte ich auch von TDK: Politisch, actionreich und vielschichtig.

    Zudem ist es, wie jmk schon sagte, so was von schön, mal eine ernsthafte Besprechung zu lesen, als das typische Fanboygewichse à la "Ledger for Oscar!", etc. pp. Aber etwas anderes habe ich von Dir auch nicht erwartet - fuck, könnte ich kotzen, dass ich gestern Arbeiten musste ... :(

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  12. grammaton cleric31/7/08 12:09

    DU hast den verpasst???

    Lieber Rajko, Du kannst gerne mal versuchen, die Daimler AG davon zu überzeugen, dass sie Dich zur PV gehen lassen, statt Dich am Fließband schwitzen zu lassen ... ;)

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  13. Ist nur verwunderlich, weil du sonst ja jeden Scheiß in der PV mitnimmst und ausgerechnet bei diesem von dir so heiß ersehnten Film nicht konntest. ;)

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  14. Bei uns lief der ohnehin nur in der DF - und wer will den so schon sehen?

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  15. Also ich finde ja das Punkte-System recht sinnvoll, zumal dann das Stilmittel "Ohne Wertung" bestens dazu geeignet ist, auf etwas Besonders hinzuweisen, in welchem Sinne auch immer. Im übrigen hat jmk durchaus Recht: Kaum ist keine Wertung vorhanden, ist der eine oder andere verwirrt --> ergo man muss die Review an sich lesen. ;-)

    Aber egal, ich schweife schon wieder ab. Was ich eigentlich sagen wollte: Mir hat das sehr gefallen, was du da geschrieben hast. "Gefallen" in dem Sinne, das ich zu lesen bekommen habe, was ich erhofft hatte zu Lesen.Gut Geschrieben ist es natürlich auch! ;-)

    Mir persönlich ist ja dieser ganze "Dark Knight" - Hype ziemlich subjekt, und geht in seiner Hysterie in vielen (allen) Fällen am Wesentlichen vorbei. Wenn es stimmt, was du geschrieben hast - wovon auszugehen ist - steht uns mit "Dark Knight" aber nun eine ziemlich "politische" Comic-Verfilmung ins Haus, die gesellschaftlich relevant ist, da dessen Inhalt der heutigen Gesellschaft den Spiegel vorhält.

    Nun kann man natürlich geteilter Meinung darüber sein, ob es sinnvoll ist eine vordergründig an der reinen Unterhaltung orientierte Comic-verflimung in dieser Art und Weise inhaltlich aufzuladen. Ich sage: Richtig So!

    In der Post-9/11 Ära hat sich die Welt in einem Maße gewandelt, dessen volle Tragweite für uns noch gar nicht abzusehen ist, und quasi sämtliche Bereiche des gesellscahftlichen Lebens betrifft. Ich finde es dann auch nur konsequent, wenn auch das Medium Film mit seinen kommunikativen Möglichkeiten dazu genutzt wird dieses Thema in irgendeinerweise zu thematisieren.

    "Der Film" an sich hat sich schon immer wesentlichen und wichtigen Themen angenommen, tut das das zum Glück (manchmal) auch heute noch, und wird es hoffentlich immer machen. Davon habe ich mehr als von einer simplen, rein an der Unterhaltung orientierten Batman-Verfilmung. Schön, dass "Dark Knight" offensichtlich ersteren Weg beschreitet, und ich freue mich auf den Kino-Start!

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  16. Ich hätte allerding schon recht gerne ne Wertung, aus dem einfachen Grund, weil ich den Text nicht lesen will, bevor ich den Film gesehen habe.

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  17. Dann fürchte ich haben wir ein Poblem.

    Aber reicht das nicht:

    Dass er mich beeindruckt hat wiegt weitaus mehr als dass er viele Fehler seines Vorgängers wiederholt und auch sonst meines Erachtens signifikante Schwächen aufweist. Es ist auf jeden Fall ein beunruhigender und faszinierender Film, das habe ich versucht auszudrücken.

    ?

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  18. Ja, eigentlich schon. Mehr oder weniger zumindest.

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  19. 70% sind eine Beleidigung für diesen Film.

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  20. Naja, 70% liegt aber schon einiges unter dem Konsens wenn man auf rottentomatoes.com schaut.
    Bei eher negativen, oder sagen wir mal allzu kritischen, Kritiken wird meiner Erfahrung nach gerne mehr als nötig gespoilert. Es werden dann Sachen aus dem Film geschildert, die man so noch gar nicht wissen möchte bevor man den Film sieht. Vorausgesetzt natürlich man erwartet den Film mit Spannung.
    Mir ging es so als ich den Anfang der Kritik gelesen habe. Daher hab fast alles bis zum Ende übersprungen und kann diese Kritik vorerst noch nicht bewerten. ;)

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  21. Man sollte die Kirche aber auch vielleicht mal wieder im Dorf lassen - 70% ist eine sehr gute Bewertung, zumal ich den Vorgänger lahm fand und sowieso noch von keinem Nolan begeistert war.

    "Konsens" interessiert mich übrigens überhaupt nicht.

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  22. Was den Vorgänger angeht geht es mir auch so. Batman Begins war ok, aber ich hatte viel mehr erwartet und war letztendlich doch etwas enttäuscht.

    Da du die anderen Nolans ansprichst, gestern wollte ich sehen was du über Prestige und Memento schreibst. Aber du hast dazu gar keine Kritiken.
    Im Gegensatz zu dir war ich von Prestige und noch mehr von Memento begeistert. Wenn die Nolan Brüder zusammenarbeiten kommt ein Drehbuch auf höchstem Niveau heraus und genau deshalb ist die Erwartungshaltung jedenfalls bei mir so immens. Über Batman Begins kann ich daher auch als eine Art Aufwärmübung hinwegsehen. Wenn du allerdings mit den Filmen nicht viel anfangen konntest ist es schon schwierig.
    Zwar verstehe ich nicht was dein Problem mit Nolan ist aber ich kann es nachvollziehen. Bei Steven Spielberg gibt es auch immer irgendwas was den Film für mich völlig ruiniert. Die Schwächen in seinen Filmen springen mich regelrecht an und lassen mich nicht mehr los.

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  23. MEMENTO finde ich total hohl, habe ich hier schon diverse Male in meinen TV-Tipps erwähnt. PRESTIGE hat mir auch nur mittelprächtig gefallen, empfand ich als Budenzauber, vorhersehbar und viel zu eitel. Ein Film, der Magie versprühen will, aber genau diese Magie zu Tode erklärt.

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  24. Prestige hat das gleiche Problem wie Lady in the Water...

    Aber David Bowie ist toll ^^

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  25. 60%. Also jetzt reichts.

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  26. Wie kommt es nur, dass sowas sofort registriert wird?

    Na mal schauen was die Zweitsichtung bringt.

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  27. Jetzt, wo ich den Film auch gesehen habe, hat sich in der Tat hrausgestellt, dass deine Besprechung den Kern der Sache genau getroffen hat. Es ist also das eingetreten, was ich mir hier in meinem Kommentar vor ein paar Wochen erhofft hatte.

    Von daher muss ich sagen, dass mir deine Besprechung ohne Wertung besser gefallen hat. Wenn du die noch weiter herunter korrigierst, dann kannst du die ja dann bald neu schreiben... ;-)

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  28. Auch wieder wahr. Wobei ich es mir da einfach mache, das Review kann mit viel gutem Willen eigentlich auch als Verriss durchgehen. *g*

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  29. Sowas wird sofort registriert, weil der Feed-Reader jeder Aktualisierung des Artikels meldet ;-)

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  30. Ich Technik-Noob kapiere nicht mal, was diese Feed-Sache eigentlich bedeutet.

    Aber interessant, so wird also jede Veränderung registriert. Da muss ich ja aufpassen.^^

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  31. Schon ... nicht das du glaubst, du könntest hier hinter dem Rücken deiner Leser die Filme runterbewerten ;-)

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  32. Wow, plötzlich 8/10. Waren es nicht vor ein paar Wochen noch 5/10? O_o

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  33. Korrekt. Zweitsichtung kürzlich hat zu einer deutlichen Aufwertung geführt.

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  34. Interessant. Why's that?

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  35. Na ja, mit etwas Distanz zum Hype etc. hat er mir bei der Zweitsichtung neulich einfach sehr gut gefallen, trotz vieler, vieler Schwächen.

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  36. Gary Oldman hat 'nen dicken...

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  37. Schnurrbart in dem Film

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