Mai 08, 2008

Kino: SAVAGE GRACE

An ihre Herkunft wird Barbara (Julianne Moore) nicht nur bei Geschäftsessen in feiner Gesellschaft erinnert. Wenn die Ehefrau des wohlhabenden Bakelit-Erben Brooks Baekeland (Stephen Dillane) immer wieder aus ihrer Rolle der Gesellschaftsdame fällt und Etikette gegen vulgäres Mundwerk eintauscht, versetzt die vor der Hochzeit einst mittellose Frau nicht nur ihr adeliges Umfeld in Entsetzen. Denn auch ihre Ehe leidet unter den Gegensätzen: Frustriert von ihrem Mann, der sie in mehrfacher Hinsicht unterfordert, widmet sich Barbara ganz dem gemeinsamen Sohn Tony (Eddie Redmayne), zu dem sie ein inniges Verhältnis entwickelt. Der Film schildert schließlich zwischen den Jahren 1946 und 1972 den wahren Fall der Oberschichtenfamilie Baekeland: Die dramatische Scheidung von Brooks, die Affären Tonys mit anderen Männern – und schließlich das tragische Ende einer Frau, die eine sexuelle Beziehung mit ihrem eigenen Sohn einging.

Eigentlich bildet die Figur des Sohnes Anthony den Mittelpunkt von "Savage Grace": Die frühe Verantwortung, die er zu tragen hat, als Ersatzpartner nicht nur die sexuellen Bedürfnisse der Mutter zu befriedigen, sondern auch auf ewig eine symbiotische Beziehung mit ihr zu führen – über alle räumlichen und zeitlichen Stationen, die der Film durchläuft. Basierend auf dem 1985 veröffentlichten Buch "Savage Grace: The True Story of a Doomed Family" erzählt der Experi- mentalfilmer Tom Kalin in seinem Spielfilmdebüt die wahrlich beklemmende Geschichte einer dekadenten Wohlstandsfamilie, die, in ihren eigenen Moralvorstellungen gefangen, langsam zugrunde geht. Es ist ein Film über ungesunde Verhältnisse zwischen Menschen, über die zerstörerische Kraft der Familie, und über tiefe Einsamkeit. Und obwohl "Savage Grace" ziemlich unkonzentriert in Szene gesetzt ist, er den eigentlichen Mutter-Sohn-Konflikt, mit dem er beginnt und auf den später auch alles hinauslaufen wird, zwischenzeitlich völlig vernachlässigt, ist dies ein mitreißender Trip in seelische Abgründe, der einige der sinnlichsten und beunruhigenden Szenen des Kinojahres vereint. Julianne Moore ist eine Offenbarung, ihre ganze Zerbrechlichkeit und Hysterie zu einer Figur gebündelt, deren komplexe Facetten sie in ein ungemein intensives, faszinierendes Spiel einbindet. Und auch wenn der Film vielleicht etwas zu elegant scheint, etwas zu schön ist für so viel Hässlichkeit – er zieht einen tief hinein in diese spannende, unausweichlich tragische Geschichte.


70%

Kommentare:

  1. Hmm... Julianne Moore liefert eine absolut beeindruckende Leistung, ja. Aber "tief reingezogen" hat mich der Film leider trotzdem nicht, dafür war die Erzählweise zu konfus und episodenhaft.

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  2. Klar, dass der Film sehr situativ ist, kann ihm sicher auch noch als Schwäche auslegen. Aber seine ganz eigene Stimmung, seine kühle Eleganz hat mir doch sehr, sehr gefallen.

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