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Dezember 07, 2011

Kino: PERFECT SENSE

Nicht mehr hören, nicht mehr sprechen, nicht mehr sehen können. Nach und nach verlieren alle Menschen auf der Welt ihre Sinne, eine unerklärliche Epidemie stellt ihr Sein in Frage. Was bleibt dem Menschen, wenn seine visuellen und auditiven Fähigkeiten verschwinden. Wenn er sich nicht mehr mitteilen oder auf Mitteilungen reagieren, nicht mehr in Kontakt zu anderen stehen und seine Umwelt wahrnehmen kann. Dies meint David Mackenzies neuer Film sicher beantworten zu können: ein "Perfect Sense".

Der Apokalypse gehen, so gehört es sich in den Bedrohungs- szenarios des Science-Fiction-Kinos, deutliche Warnsignale voraus. Der kollektive Verlust von Sinneswahrnehmungen ist ein sukzessiver, seine Anzeichen rasch deutbar. Vom nicht mehr riechen können bis zur totalen Blindheit vergehen nur Monate, mit quälender Gewissheit steuert die Menschheit auf ihr Verderben zu. Am endzeitlichen Vorabend, inmitten von Fatalismus und letzten Hoffnungsschimmern, lernen sich Susan (Eva Green) und Michael (Ewan Mcgregor) kennen. Nicht vom Ende der Welt erzählt dieser Film, sondern vom Beginn einer Liebe.

In den Vorzeichen der anbahnenden Katastrophe ist die Annäherung der Forscherin und des Chefkochs schon am Anfang von besonderer Intimität und Leidenschaft geprägt. Nach jedem weiteren verschwundenen Sinn richten sie sich auf die jeweils neue Situation ein; bangend, lediglich von einem besiegbaren Virus befallen zu sein, ahnend, dass sie bald nichts mehr haben außer sich selbst. "Perfect Sense" ist nicht an den Konventionen des Weltuntergangsfilms interessiert, an Wissenschaftlern in Schutzanzügen ebenso wenig wie an der Darstellung von Panik oder Überlebenskämpfen.

Bis zuletzt bleibt der Film bei seinen Protagonisten, teilt ihren Blick und ihre Empfindungen. Jeder Verluststufe geht eine kurze Phase potenzierter Emotionen voraus, die Beziehung von Susan und Michael ist gekennzeichnet von Gefühlswallungen und Wutausbrüchen. Umso intensiver und einfühlsamer skizziert der Schotte Mackenzie zwischen- menschliche Extremsituationen. Was seinen Figuren schließlich bleibt, sind Nähe, Berührung und Sex, die Kommunikation des Körpers. Liebe erweist sich als stärkster aller Sinne: "Besides love, there is nothing.".

Die eigentlichen Spuren der Epidemie, wie gesagt, streift "Perfect Sense" nur am Rande. Interessant ist hingegen, wie er die Sinnesverluste seiner Figuren filmisch verarbeitet, um nicht die Perspektive wechseln und das nahende Unheil von ober- oder außerhalb inszenieren zu müssen. Da Film auf Bilder und Töne angewiesen ist, ergeben sich in der Vermittlung einige Probleme, die Mackenzie – leider – zugunsten des Kinokomforts löst. Nur vorübergehend verzichtet er auf Ton, nur kurz schwärzt er das Bild zum Ende hin. Beeindruckend zwar, nicht aber konsequent, radikal genug.

Würde der Film sein eindringliches Intimitätskonzept nicht außerdem mit einem befremdlichen Voice-over abschwächen, in dem Eva Green philosophische Plattitüden zu recht profan montierten Bildern der (Dritten) Welt predigt, hätte er sich als einer der interessantesten Science-Fiction-Beiträge der letzten Jahre mühelos gegen seine ideellen Quasi-Vorgänger "Children of Men" (2006) und "Blindness" (2008) behaupten können. Sehenswert ist "Perfect Sense" aber dennoch – wann inszeniert schon mal jemand das Ende der Menschheit als gedankenvolle Liebesgeschichte?


60% - erschienen bei: gamona

Mai 08, 2008

Kino: SAVAGE GRACE

An ihre Herkunft wird Barbara (Julianne Moore) nicht nur bei Geschäftsessen in feiner Gesellschaft erinnert. Wenn die Ehefrau des wohlhabenden Bakelit-Erben Brooks Baekeland (Stephen Dillane) immer wieder aus ihrer Rolle der Gesellschaftsdame fällt und Etikette gegen vulgäres Mundwerk eintauscht, versetzt die vor der Hochzeit einst mittellose Frau nicht nur ihr adeliges Umfeld in Entsetzen. Denn auch ihre Ehe leidet unter den Gegensätzen: Frustriert von ihrem Mann, der sie in mehrfacher Hinsicht unterfordert, widmet sich Barbara ganz dem gemeinsamen Sohn Tony (Eddie Redmayne), zu dem sie ein inniges Verhältnis entwickelt. Der Film schildert schließlich zwischen den Jahren 1946 und 1972 den wahren Fall der Oberschichtenfamilie Baekeland: Die dramatische Scheidung von Brooks, die Affären Tonys mit anderen Männern – und schließlich das tragische Ende einer Frau, die eine sexuelle Beziehung mit ihrem eigenen Sohn einging.

Eigentlich bildet die Figur des Sohnes Anthony den Mittelpunkt von "Savage Grace": Die frühe Verantwortung, die er zu tragen hat, als Ersatzpartner nicht nur die sexuellen Bedürfnisse der Mutter zu befriedigen, sondern auch auf ewig eine symbiotische Beziehung mit ihr zu führen – über alle räumlichen und zeitlichen Stationen, die der Film durchläuft. Basierend auf dem 1985 veröffentlichten Buch "Savage Grace: The True Story of a Doomed Family" erzählt der Experi- mentalfilmer Tom Kalin in seinem Spielfilmdebüt die wahrlich beklemmende Geschichte einer dekadenten Wohlstandsfamilie, die, in ihren eigenen Moralvorstellungen gefangen, langsam zugrunde geht. Es ist ein Film über ungesunde Verhältnisse zwischen Menschen, über die zerstörerische Kraft der Familie, und über tiefe Einsamkeit. Und obwohl "Savage Grace" ziemlich unkonzentriert in Szene gesetzt ist, er den eigentlichen Mutter-Sohn-Konflikt, mit dem er beginnt und auf den später auch alles hinauslaufen wird, zwischenzeitlich völlig vernachlässigt, ist dies ein mitreißender Trip in seelische Abgründe, der einige der sinnlichsten und beunruhigenden Szenen des Kinojahres vereint. Julianne Moore ist eine Offenbarung, ihre ganze Zerbrechlichkeit und Hysterie zu einer Figur gebündelt, deren komplexe Facetten sie in ein ungemein intensives, faszinierendes Spiel einbindet. Und auch wenn der Film vielleicht etwas zu elegant scheint, etwas zu schön ist für so viel Hässlichkeit – er zieht einen tief hinein in diese spannende, unausweichlich tragische Geschichte.


70%