Mai 06, 2008

Kino: SPEED RACER

Das Leben, eine Rallye. Speed Racer (Emile Hirsch) ist der neue aufsteigende Superstar unter den Rennfahrern. Getreu seinem großen Vorbild, dem eigenen Bruder, der einst bei einem riskanten Lauf ums Leben kam, hängt er alle Gegner ab, gewinnt zahlreiche Matches und macht das kleine Familienunternehmen glücklich. Pops und Mom Racer (John Goodman und Susan Sarandon) strahlen vor Stolz, während Speed glücklich und zufrieden mit Freundin Trixie (Christina Ricci) die jüngsten Erfolge feiert. Als eines Tages der cholerische Firmenchef der Royalton Company (Roger Allam) vor der Haustür steht und den Rennfahrer mit imposanten Versprechen abwerben möchte, schlägt dieser das Angebot aus – und macht sich somit zum ärgsten Feind von Royalton und dessen skrupellosen Handlangern, die die Rennen für saftige Profite manipulieren. Gemeinsam mit dem undurchsichtigen Ex-Rivalen Racer X (Matthew Fox) versucht die Racer-Familie deshalb, den schmierigen Unternehmern den Garaus zu machen – bei jener Querfeldein-Rallye, die einst Speeds Bruder das Leben kostete.

"Speed Racer" ist, was es zu beweisen galt: Eine schnelle, quietschbunte, überladene Gut-Gegen-Böse-Geschichte für die ganze Familie. Eine simpel gestrickte, üppig inszenierte Comic-Achterbahnfahrt für groß und klein. Und natürlich ein Retro-Film mit Sixties-Flair, der so unverhohlen naiv, so aufmüpfig kindlich daherkommt, als würde er alles, was er sagt und tut, nicht nur unbedingt für wahr halten, sondern auch überhaupt der erste sein, der so eine Geschichte auf genau so eine Art erzählt. Der Film ist also alles, was man erwarten durfte (siehe Setbericht), und alles, was Andy und Larry Wachowski zuvor versprachen: Eine Hommage an ihre Lieblingsserie aus Kindheitstagen, die auf dem japanischen Vorbild "Mach Go Go" basiert. Man kann gegen "Speed Racer" also zumindest nicht den Vorwurf erheben, er würde nicht veritabel jenes Bonbon-Szenario bedienen und ausschöpfen, das all die merkwürdigen Bilder und Trailer im Vorfeld so vermuten ließen.

Doch auch wenn der Film seinen eigenen Ambitionen gerecht wird, so ist diese überfrachtete Kaugummi-Mischung aus der "Familie Feuerstein", den "Jetsons" und "Cars" jenseits von Nostalgie und Comicstrip auch fürchterlich anstrengend. Visuell zweifellos aufwändig in Szene gesetzt, erschöpft sich das bunte Farbenmeer nach einer gelungenen Einführung rasch. "Speed Racer" kreiert zwar immerhin einen eigenen Stil, dem er auch durchweg treu bleibt, doch man sieht sich schnell satt an all der Künstlichkeit und Animation, fühlt sich zunehmend überfordert und außen vor. Die erdrückenden Farbwechsel und rasanten Rennszenen wirken regelrecht zumutend, vor allem bei rund 135 Minuten Laufzeit. Der Film hätte insbesondere stark gestrafft werden müssen, um zu verhindern, dass sich irgendwann eine regelrechte Passivität beim Zuschauen einstellt. Man lässt das Treiben eigentlich nur noch auf sich einprasseln, ohne ihm wirklich aufmerksam zu folgen, zumal "Speed Racer" auch hinreichend dialoglastige Momente hat, die neben der visuellen Opulenz für zusätzliche Langeweile sorgen.

Die an Computerspiele erinnernde Ästhetik dürfte kleineren Zuschauern zweifellos zusagen, doch man vermisst Detail- liertheit und Sorgfalt bei den Animationen (die Autocrashs sind unübersichtlich; die als Überleitung eingesetzten, sich durchs Bild bewegenden Köpfe meist unscharf und durch Doppelkonturen entstellt). Überaus klug hingegen die Verpflichtung Michael Giacchinos, der den Film geschickt zusammenhält mit einer gewohnt rasanten, sehr jazzigen Musik, die ihm abermals Gelegenheit für Anleihen beim John Barry-Sound der 60er bietet. Ansonsten fällt es schwer, "Speed Racer" an herkömmlichen Mustern abzugleichen, zu eigen ist seine Filmsprache, seine digitale Inszenierung, sein gewolltes Over-Acting, seine Zugeständnisse ans Kinder- publikum (einen nervtötenden kleinen Jungen samt Hausschimpansen inklusive). Er ist, was er ist und er ist, was er sein wollte. Aber das macht ihn eben noch lange nicht zu einem guten Film. Oder überhaupt zu einem Film.


40% - erschienen bei: DAS MANIFEST

Kommentare:

  1. seine Zugeständnisse ans Kinder- publikum (einen nervtötenden kleinen Jungen samt Hausschimpansen inklusive)

    Die seh ich tausend Mal lieber, wie den debilen Jar-Jar Binks aus der bescheuerten EPISODE I. Außerdem will ich gar nicht das Geschrei der Fans gehört haben, wenn man so essentielle Figuren der Vorlage gestrichen hätte. ;)

    Du bestätigst mir wie alle anderen bisherigen Reaktionen, dass Deutsche mit dem Film einfach über- oder sagen wir meinetwegen auch unterfordert, sind.

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  2. Donnerstag weiß ich dann mehr!

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  3. psychopaul6/5/08 22:12

    Genau diese Lauflänge, in Zusammenhang mit dem ganzen quietschbunten Zeugs schreckt mich auch ab, bin richtig erleichtert wenn ich eine negative Kritik lese hehe :)

    Ein bißchen reinschauen macht sicher Spaß (dafür würd ich dann auch lieber die Kinoleinwand verwenden), aber so wirds wohl doch nur irgendwann die kleine Röhre werden...

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  4. @therudi:

    Also wenn ich kein Deutscher wäre, hätte ich den ganz toll gefunden, meinste?

    *dummdidumm* ;)

    @psychopaul:

    Kannst ihn dir auch gleich schenken.

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  5. Also wenn ich kein Deutscher wäre, hätte ich den ganz toll gefunden, meinste?

    Damit meinte ich, dass ich aus dem deutschen Raum bisher nur dieses "Genöle" wie in deinem Text gefunden habe. Zudem rezipieren hier Erwachsene einen Film der für 12-15-Jährige gemacht ist. Wenn man versucht den Film so zu lesen, als sei er für einen sophisticated Berlin Boy, der Soziologie studiert oder 45-jährige Grummels aus der SZ oder FAZ-Redaktion gedacht, dann schreibt man natürlich "scheiß LSD-Farben, scheiß fetter Junge mit Affe". Zeig mal einem 12-Jährigen deinen BROKEBACK MOUNTAIN und der wird das Teil in der Luft zerreißen. So einen Film muss man aus den Augen eines Kindes sehen, bzw. mit den Augen des eigenen inneren Kindes - wobei ich das gefühl habe, das die wenigsten Menschen noch auf ihr inneres Kind hören.

    Wobei das alles auch vergebene Mühe ist, der Autor von Filmstarts hat Recht, der Film funktioniert eben in USA und wohl auch noch in Japan, für Europa einfach ungeeignet.

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  6. Diese Argumentation kann ich nachvollziehen, aber sie führt dennoch nur zu einer Milchmannrechnung.

    Ich habe doch deutlich geschrieben, dass der Film seinen Ambitionen gerecht wird. Er ist ein Film von geistigen 10jährigen für 10jährige bzw. Sixties-Nostalgiker (weshalb der 45jährige SZ-Kritiker den Film auch durchaus mögen dürfte btw), und als das funktioniert er. Wenn man jeden Film an dem misst, was er sein will, wäre SPEED RACER als gelungen einzustufen, und das sage ich auch.

    Dennoch ist der Film für mich, der sehr wohl noch das Kind in sich zu aktivieren weiß (Wie kann ich sonst der von dir titulierte Spielberg-Fanboy sein, wenn ich doch so "sophisticated" Filme rezipiere?) zu überladen, zu lang(weilig), zu sehr kindlich ohne weitere Bedeutungsebene. Und wo du schon Jar Jar Binks ansprichst: Diese Figur war von Lucas ganz eindeutig als kindlicher Held, als jemand, der Witze für Kinder macht, konzipiert - und du fandest ihn offenbar nervig. Nun wirfst du mir vor, ich hörte nicht auf mein inneres Kind und lehnte deshalb den Jungen und sein Äffchen ab. Falsch! Ich habe mich sehr amüsiert über Jar Jar und ich liebe auch die Ewoks, weil das Geschöpfe mit einer höheren Bedeutungsebene sind, die ihren reinen Fun-Charakter in einer Art eingeflochtenen Subtext übersteigen, der die kindliche Erscheinung/Bedeutung aber nicht behindert (die Ewoks bsp. sind für jüngere Zuschauer gedacht, stehen gleichzeitig aber auch für Öko-Bewohner mit Hippie-Attitüden, die mal eben mit den Kräften der Natur ein technokratisches Imperium bezwingen - dieses Understatement funktioniert für Erwachsene, sofern es ihnen nicht gelingen sollte, sich in die Erlebniswelt eines Kindes zurückzuversetzen).

    Wie dem auch sei, es hat nicht funktioniert bei SPEED RACER - und zwar für mich. Ich bin nicht mit den Serien und TV-Shows der 60er groß geworden und die Familienideologie der 50er ist mir fremd. Mehr hatte der Film nicht zu bieten. Und das ist völlig ok, aber ich bewerte hier nun einmal subjektiv.

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  7. Milchmannrechnung

    Was 'n das?

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  8. Eine Rechnung, die nicht aufgeht.

    Ich habe es etwas variiert.

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  9. Eine Rechnung, die nicht aufgeht.

    Oha. Kannte ich gar nicht, diese Metapher/Anekdote/Analogie. Wieso gehen die Rechnungen von Milchmännern nicht auf? (Ich weiß, ist off-topic, aber interessiert mich)

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  10. grammaton cleric7/5/08 23:03

    Rajko kennt eben keine 'MilchMÄDCHENrechnung'... lol ;-)

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  11. Ich sag' ja: Ich habe es etwas angepasst. ;)

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  12. grammaton cleric8/5/08 12:47

    @Jochen

    Gestern auch gelesen, den Artikel, sehr zutreffend, das.

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  13. Der Artikel ist gut, besonders im Zusammenhang mit Filmen wie Jacksons KING KONG. Er macht auch wieder deutlich, wie gut Spielberg doch letztlich arbeitet, und wie sehr auch WAR OF THE WORLDS in Zeiten totaler Digitalisierung und Verlust von Physis eine Meisterleistung darstellt.

    Hinsichtlich SPEED RACER trifft das ganze Anliegen jeoch für mich überhaupt nicht ins Schwarze, denn der Film verfolgt ja überhaupt keine Intention, ein Kino der Körperlichkeit zu bedienen. Der Film ist weder realitätsstiftend noch will er physische Action suggerieren, sondern er ist ganz bewusst stilisiert und auf seine Anime-Grundlage beschränkt. Und würde jemand einem Anime fehlende Körperlichkeit vorwerfen?

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