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September 28, 2010

Zuletzt gesehen: KEY LARGO

Nach "The Treasure of the Sierra Madre", der die Natur mit weiträumigen Außenaufnahmen als eigenen Charakter besetzte, verlegt John Huston den Handlungsraum seines nächsten Filmes ins Innere eines Küstenhotels, in dem eine Gruppe von Menschen durch einen Hurrikan von der Außenwelt abgeschieden ist. Unter ihnen befindet sich eine Handvoll Gangster, die um jeden Preis ungescholten von der Insel zu entkommen versuchen. "Key Largo" ist ein behutsames Kammerspiel, das Huston als verdichteten Thriller auf engem Raum und damit formales Gegenstück zu seinem vorherigen Film in Szene setzt. Dabei fehlt es dem Drehbuch zuweilen an Schliff, besonders hinsichtlich der nur teilweise gewitzten Dialoge, und auch an Konzentration, nicht seine eigentlichen Hauptdarsteller aus den Augen zu verlieren. Ein 'echter' Bogart/Bacall-Film ist "Key Largo" indes leider nicht, Romantik zwischen beiden wird bestenfalls angedeutet. Tatsächlich tritt das größte Hollywoodtraumpaar der 40er Jahre zeitweise sogar in den Hintergrund und wird abwechselnd von Edward G. Robinson als Gangsterboss und Claire Trevor als dessen Exfrau an die Wand gespielt. Dennoch ist "Key Largo" ein außerordentlich sehenswerter Hostage-Thriller, dessen kleinere Schwächen spätestens das geschickt inszenierte Finale ausbügelt. Anmerkung am Rande: Der Film wird meines Erachtens, ähnlich wie "The Big Sleep", eher zu Unrecht unter Film Noir subsumiert.


70%

Zuletzt gesehen: TREASURE OF THE SIERRA MADRE

Nach seiner Zeit als Leutnant im Zweiten Weltkrieg kehrte Tausendsassa John Huston nach Hollywood zurück, um für Jack Warner das Abenteuerepos "The Treasure of the Sierra Madre" nach dem Roman des mysteriösen Autors B. Traven zu inszenieren. Mittlerweile ein fester Kanontitel auf jeder Liste der wichtigsten amerikanischen Filme, ist Hustons Schatzsucherdrama noch immer Unterhaltungskino im besten Sinne, dessen Epigonen und Nachzügler beinahe unzählbar sind. Der Film besticht in erster Linie durch seine zahlreichen Aufnahmen an Originalschauplätzen und wenigen Rückpro's, nicht allzu üblich im Studiokino der 40er Jahre, durch die makellose Regie und Max Steiners berühmten Score, aber im Besonderen durch Humphrey Bogarts mutige und grandiose Darstellung eines nahezu ungreifbaren Charakters zwischen Genie und Wahnsinn. Er macht Fred C. Dobbs zu einer der großen originären Figuren der Filmgeschichte, die – unter anderem – zuletzt P.T. Andersons "There Will Be Blood" zu einer Quasi-Variation des Stoffes um Macht und Gier inspirierte.


80%

Juli 28, 2007

Retro: TO HAVE AND HAVE NOT (1944)

Zwei Jahre nachdem ihm "Casablanca" zu internationalem Ruhm verhalf, schlüpfte Humphrey Bogart noch einmal in die Rolle des ständigen Skeptikers und Eigenbrödlers, der in Zeiten einschneidender politischer Veränderungen weder mit den Machtapparaten um Partei und Regierung, noch dem gesellschaftlichen Wandel als solchem etwas zu tun haben möchte ("You save France. I want to save my boat."). Er lebt ein Leben in der Nische, ist vor allem um das eigene Wohl bemüht und kommentiert das nicht selten dramatische Geschehen um ihn herum meist mit zynischen One Linern, die einer grundsätzlich lakonischen Einstellung Ausdruck verleihen. Harry Morgan ist genauso ein ausgeklügeltes Schlitzohr wie Rick Blaine, und ebenso bemüht er mit dieser Fassade eine verborgene Verletzlichkeit zu kaschieren, die womöglich nur eine Frau zum Vorschein bringen kann.

Im Michael-Curtiz-Klassiker war dies Ingrid Bergman, die Bogart vom selbstsüchtigen Berufszyniker zum melancho- lischen Lebensretter umerzog. Es knistert gewaltig auf der Leinwand, wenn der berühmten letzten Umarmung ein sehnsuchtsvoller Abschied folgt – doch es blieb eine Liebe auf reinem Zelluloid. Und obwohl Howard Hawks’ "To Have and Have Not" ein sehenswerter, ja auch ein bemerkenswerter Film mit brillanten Dialogen ist, so denkt man heute nicht mehr an sein stimmungsvolles Drehbuch oder die bis in die letzte Nebenrolle fantastisch besetzten Schauspieler, sondern in erster Linie ist es schließlich jenes Werk, in dem sich Lauren Bacall ihren Bogey angelte – im Film wie auch im wahren Leben. Die bis dato völlig unbekannte Schauspielschülerin stiehlt ihrem Ehemann in Spe nicht nur zweifellos die Show, sie interpretiert die Figur auch mit einer Würde und Souveränität, ja vor allem einer unheimlichen Erotik, dass selbst Hawks gleichermaßen überrascht wie beeindruckt war: Gerüchten zufolge soll es ihm übel aufgestoßen sein, dass Bacall sich nicht in ihn, sondern ihren Co-Star verliebt hat.

Der Film selbst ist nicht nur hinsichtlich seines extravagant vermarkteten Traumpaares kommerzielles Kalkül, er orientiert sich mitunter so stark am ebenfalls im Hause Warner produzierten "Casablanca", dass seine Versuche, jenen Erfolg mit ähnlichen Zutaten zu wiederholen, die eigentlichen Stärken zu überschatten drohen. Hawks ließ die Vorlage seines Freundes Ernest Hemingway überaus frei neu interpretieren, der Handlungsort Kuba wich Martinique, im Zentrum steht nun die Vorhalle eines Hotels samt Bar und Musikband. Vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges muss Bogart als vermeintlicher Held wider Willen Stellung beziehen und Regimegegnern zur Flucht verhelfen. Der Film modelt die Vorlage als Quasi-Remake von "Casablanca" nach Belieben um: Nicht nur die exotischen Settings, auch der Klavierspieler und die Gestapo-Bösewichte erinnern daran. Und schließlich folgt den politisch riskanten Einsätzen eine Flucht – zwar nicht mit dem Flugzeug, dafür aber einem kleinen Boot.

Darüber, welcher der bessere Film ist, lässt sich freilich nicht streiten, an die unnachahmliche Mischung aus Kriegs- und Liebesfilm, Spionage-Thriller und Film Noir, an die runde Erzählung, die in jeder Hinsicht meisterliche Geschlossenheit der Inszenierung seines Vorbildes reicht
"To Have and Have Not" nicht heran. Er ist sehr überschaubar, nicht immer rhythmisch (nach der Überführung geriet die das Finale einläutende Aufenthaltsszene der Flüchtlinge etwas zu lang) und auch weniger brisant, was seinen zeitgeschichtlichen Kontext betrifft. Auch scheint sein figuraler Entwurf des grundsätzlichen Zwiespalts zwischen individuellem Glück (in der Liebe) und humanistischen Anspruch, als Teil einer aktiven Gegenbewegung der Gleichschaltung entgegenzuwirken, dürftiger ausgearbeitet als in "Casablanca", wo Bogart und Bergman sich in einer zeitweilig ausweglos erscheinenden Krise befinden, die kein glückliches Ende wird bereithalten können. Da schenkt Hawks seinem Publikum viel lieber das, was Curtiz ihm noch verwehrte: Erfolg im Widerstand – und in der Liebe.

Und dennoch scheint der Klassikerstatus, den "To Have and Have Not" heute genießt, nicht ungerechtfertigt. In seinen Zwischentönen ist der Film nicht selten feiner, als es zunächst den Anschein hat: So betreten Bogart und Bacall, kurz nachdem sie die Gestapo verhört hat, eine Bar mit Namen ‚Zombie’, in der vor allem farbige Gäste sitzen. Da die kühle Schönheit ihre Unnahbarkeit dazu einsetzt, Männern die Brieftaschen zu stehlen, wählt sie als Opfer einen der wenigen weißen Offiziere, was nur eines von vielen Understatements des Films darstellt. Auch wenn die These vom einzelnen, der sich nicht freimachen kann von der Notwendigkeit eines Widerstands gegen den Faschismus, der den tristen Wunsch nach politischer Isolation aus eigenen Stücken zugunsten eines heldenhaften Aufbegehrens aufgibt, zuvor schon mehrmals – nicht nur in "Casablanca" – formuliert wurde, so kann sie auch bei Hawks nicht ihrer Wirkkraft beraubt werden. Dafür ist selbst dieses abenteuerliche und in Hinblick auf die Bewältigung der Nazis im Hotel mitunter sicher auch etwas heroisch-naive Drama zu substantiell und nachhaltig.


75%