März 02, 2010

Kino: ALICE IN WONDERLAND

Tm Burton und "Alice im Wunderland", das gehört eigentlich zusammen. Ein prädestinierter Stoff für den Regisseur, dessen Filme seit jeher auch als Beschwörungen klassischer Märchengeschichten funktionierten. Da scheint es nur nahe liegend, dass Burton eine neue Kinoversion des Lewis-Carroll-Klassikers inszeniert hat, begann er seine Kariere doch zudem als Zeichner bei Disney, deren "Alice"-Trickfilm von 1951 noch immer als beliebteste Adaption der Vorlage gilt. Grund genug für das Erfolgsstudio, sich selbst zu übertreffen und den einstigen Schützling zurück ins Boot zu hieven: Burtons Interpretation kombiniert eindrucksvoll Real- und Animationsfilm als bildgewaltiges Kino – durchaus mit Verstand, aber ohne Herz.

Nachdem er bei Disney nach eigenen Angaben keine "niedlichen Füchse" mehr sehen und seine beiden Kurzfilme "Vincent" und "Frankenweenie" lange Zeit nicht veröffentlichen konnte, wandte sich Burton Mitte der 80er Jahre vom Animationsmajor ab. "Alice im Wunderland" nun ist der erste große Spielfilm, den der Regisseur direkt für Disney in Szene setzt. Man darf davon ausgehen, dass Burton hierbei komplette künstlerische Freiheit zugestanden wurde, gilt er doch trotz seiner zum Teil radikalen Mainstream-Brüche als einer der einträglichsten Filmemacher Hollywoods. Nach der leidvollen "Batman"-Erfahrung gelang es Burton zudem, seine Autorenhandschrift auch im Blockbuster-Sektor auszubauen und sich damit als einer der wenigen souveränen Hollywoodregisseure zu etablieren.

Umso unverständlicher erscheint es deshalb, dass seine "Alice"-Version sich überraschend stark am Disney-Film orientiert bzw. ihn zumindest oft herbei zitiert, und darüber hinaus eine überaus gradlinige, übersichtliche Geschichte erzählt. Burton, der oft für seine dramaturgische Nachlässigkeit kritisiert wurde (obgleich er an erzählerischer Stringenz auch nie interessiert war, wie er schließlich in seinem persönlichsten Film "Big Fish" deutlich machte), adaptiert jedoch ausgerechnet jenen Stoff, der sich als Freifahrtsschein für abtrünnige Fantasien und wirres Fabulieren anbietet, mit sicherer Hand zu einem straighten Märchen-Blockbuster ohne Umwege.

Das ist, so überraschend es sein mag, nicht zwangsläufig schlecht. Doch liegen die Stärken des Films ausschließlich im handwerklichen Umgang mit der Vorlage. Als eine Mischform aus Carrolls 1865 erschienenem Buch "Alice im Wunderland" und dessen Fortsetzung "Alice hinter den Spiegeln" findet Burton einen interessanten Erzählansatz: Er lässt die nunmehr erwachsene Alice (Mia Wasikowska) ins Wunderland zurückkehren, in dem sie all die bekannten Tiere und Märchengestalten bereits zu erwarten scheinen. Die verwirrte junge Frau jedoch kann sich nicht erinnern jemals dort gewesen zu sein und weiß demnach herzlich wenig mit der Teeparty des schrillen Mad Hatters (Johnny Depp) oder den despotischen Machenschaften der Red Queen (Helena Bonham-Carter) anzufangen.

Indem der Film die Geschichte also streng genommen am deutlich bekannteren Original entlang, aber aus der Perspektive des Sequels heraus entwickelt, bedient er sich folgerichtig diverser Elemente beider Bücher. Burton hat vieles aus dem Original gestrichen – das Croquet-Spiel, die Gerichtsverhandlung oder das Meer aus Tränen – und stattdessen Platz für Figuren und Erzählstränge der Fortsetzung geschaffen. Die große Schachpartie hat er ebenso integriert wie den Jabberwocky-Kampf oder die Zwillinge Tweedledee und Tweedledum. Burtons "Alice im Wunderland" ist demnach der Film zum gesamten "Alice"-Mythos Carrolls mit einem eigenständigen dramaturgischen Konzept.

So clever er dabei auch gestrickt ist und so sauber und zielorientiert er sich an dieser Idee abarbeitet – Raum für Abweichungen lässt die klare Erzählstruktur nicht zu. Das gesamte (insbesondere frühe) Burton-Œuvre ist jedoch bestimmt von der Verweigerung und dem Verzicht auf Konventionen, narrative Geschlossenheit oder konsequente Handlungsführung. Seine Filme, von "Pee-wee’s irre Abenteuer" bis "Charlie und die Schokoladenfabrik", folgten stets mehr einer intuitiven oder auch träumerischen Erzähllogik, ausgehend von einer emotionalen Nähe Burtons zu seinen schrägen, queeren oder missverstanden Figuren.

Dass ausgerechnet "Alice im Wunderland" mit seinen absonderlichen Entwürfen und schrillem Charakterarsenal den sonst so freigeistigen Regisseur zu einer erstaunlich braven, berechenbaren Literaturadaption inspiriert, die sich ästhetisch zudem an die Disney-Version anlehnt, wirkt dann doch nur allzu verwunderlich. Es scheint nämlich, dass es Burton bei aller Sorgfalt, die beiden Bücher zum Leben zu erwecken, nie gelingen mag, sich zum emotionalen Kern der Geschichte vorzuarbeiten. Der Film trägt zwar seine Handschrift, aber er vermittelt nie restlos das Gefühl einer eigenständigen Vision. Er wirkt mehr wie Tim Burtons "Disneys Alice im Wunderland", statt "Tim Burtons Alice im Wunderland".


60% - erschienen bei: gamona

Kommentare:

  1. Mephisto2/3/10 21:11

    Ohje...das hört sich ja so ähnlich an, wie ich Charlie und die Schokoladenfabrik sehe, was mir auch zu sehr die Buchvorlage ist, als eine Burton Geschichte. Was mich dann wohl weiter in meiner Meinung bestätigen wird: Burton ist am Besten, wenn er seine eigenen Geschichten umsetzt.

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  2. 60% für ein Burton Film von dir, dass gilt schon als Klatsche! ;)

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  3. Von dem Film erwarte ich eh nicht allzu viel. Hab mich mental schon auf seinen schlechtesten Film seit PotA eingestellt (hoffe jedoch, positiv überrascht zu werden).

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  4. Scheint so als hätte hier jemand mächtig Potenzial verpufft. Deine Besprechung ist schon die zweite die Meinung die meine Erwartungen nach unten korrigiert.
    Ein optischer Leckerbissen ohne Herz, schade aber was soll's, im Kino muss ich den trotzdem noch sehen ;)

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  5. Burton arbeitet sich nie zu den emotionalen Kernen seiner Geschichten vor - also mich hält er immer so komisch auf Distanz zu seinen Figuren. Das ist ja das, was ich so an ihm liebe... na ja, mal sehen, wie's mir bei ALICE ergehen wird.

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  6. So ganz will ich das eigentlich nicht glauben, aber irgendwo ahne ich, dass du Recht haben könntest. Wenn der „neue“ Burton der saubere, perfekte Burton sein soll, wie sich ja schon seit einiger Zeit bei ihm andeutet, dann legt das in der Tat die Axt an die Wurzeln von seinen schöpferischen Qualitäten.

    Schon das Interview mit ihm und Depp zeigt zwei gereifte, gesetzte Männer, die ihren Platz in der Welt genau kennen und dort angekommen sind. Vielleicht braucht aber das Alice-Thema jemanden, der die tiefe Verstörung, die dieser Geschichte zu Grunde liegt, in sich selbst wieder findet und anverwandeln kann. Burton konnte das mal. Er ist einen langen Weg gegangen, der anscheinend interessanter ist, als der Ort, an dem er sich jetzt befindet.

    Trotzdem: Bevor ich den Film nicht selbst gesehen habe, nehme ich mal wider besseres Wissen an, das eventuell der größte Burton Fan unter allen sich geirrt haben könnte.

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  7. Mr. Hankey3/3/10 10:49

    Da Burton ja einer der wenigen Regisseure ist, bei denen ich Deiner Wertung nahezu restlos vertraue, ( ;)) macht mich Deine Wertung auch etwas beängstigen. ;(

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  8. @Sieben Berge:

    Eine völlig richtige Beobachtung, insbesondere in Bezug auf das zuvor verlinkte Interview. Die Frage ist jetzt nur, ob und wie man das bewerten sollte. Ich habe mich lange gefragt, was es ist, dass mir bei den Burton-Filmen der letzten Jahre fehlte. Es ist das Gefühl, nicht mehr länger Ausdrücke für einen Zustand der Rastlosigkeit und Unzugehörigkeit finden zu müssen. Burton ist schlicht nicht mehr der junge, Suburbia geplagte Weirdo, er hat Familie gegründet, ist nach London gezogen und eben... angekommen.

    Dass mich seine Filme deshalb emotional nicht mehr so angehen wie einst, ist dann wohl logisch, aber auch keineswegs schlimm. Immerhin erwachsen daraus gewiss auch andere, neue Qualitäten. Das hat SWEENEY TODD, m.E. Burtons reifste Regieleistung, gezeigt.

    Nur... es bleibt natürlich diese gewisse Wehmut.

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  9. So nach dem Stöbern deutet ja zumindest die Wertung(en) an, dass auch für dich ALICE der zweitschlechteste Burton-Film ist, mit den hier ausgeschütteten 60%. Würdest das auch so sehen?

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  10. Also hier soll nicht der Eindruck entstehen, dass das ein schlechter Film sei.

    Und von PLANET OF THE APES ist der weit entfernt.

    Ich werde ihn auf jeden Fall noch ein paar Mal sehen, erfahrungsgemäß wachsen die Burton-Filme der letzten 10 Jahre bei mir im Nachhinein.

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  11. Hat mich emotional kalt gelassen. Stimme mit Dir in Wertung und Begründung überein. Der straighte Plot und die verbreitete Hektik tut dem Film gar nicht gut.

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  12. Oh Mann, das klingt ja echt enttäuschend. Dabei hatte ich mich sooo doll auf den Film gefreut.

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  13. BTW: Heute ist wieder Film Blue Moon!

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  14. Und wieder war der Akku alle. ^^

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  15. Burton hat sich fressen, assimilieren lassen und angepasst. Finde dich damit ab.
    Die Langfilm-Version von FRANKENWEENIE wird bestimmt genauso knuffig wie ALICE. Und genauso aussehen.

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  16. So lange dabei nichtsdestotrotz Meisterwerke wie SWEENEY TODD heraus kommen, soll mir das recht sein.

    Ansonsten: Du hast von Burton eh keinen Schimmer, dein ästhetisches Empfinden ist durch unzählige italienische Exploitation- und Trash-Filme doch schon völlig heruntergesetzt.

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  17. Ja, genau - unter anderem durch jene italienischen Exploitation- und Trash-Filme, zu deren bekennenden Fans Tim Burton gehört und denen er mit SLEEPY HOLLOW eine Liebeserklärung gemacht hat, AUCH "Der Dämon und die Jungfrau". Du hast doch vom italienischem Genre-Kino eh noch einmal einen Bruchteil des Schimmers, den ich habe.

    (Das war jetzt die berechenbarste Antwort, aber nicht halb so weit unter der Gürtellinie wie die deinige.;-)
    Das ich von Tim Burton keinen Schimmer habe, weil ich dir wiederspreche und es wage ihn zu kritisieren (obwohl ich ihn ja durchaus mag, zumindest die älteren Sachen), ist sowieso klar. Aufstand im Gaysha-Haus!

    Nee, Burton ist mittlerweile echt cineastischer Blümchen-Safer Sex, was nicht zuletzt die ermüdend routinierte Repetetions-Übung SWEENEY TODD hinreichend demonstrierte. Letztlich spricht da durchaus die Enttäuschung aus mir, denn aus anderen Burton-Filmen sind teilweise ganze Szenenfolgen hängengeblieben, auch nach Jahren - von Sweeney Todd hingegen nichts (außer dem finalen Gemetzel). Dein Text, in Kombination mit dem kursierenden Bildmaterial allein stimmt mich zuversichtlich, das Burton endgültig am Ende ist, künstlerischer Bankrott und alles. Aber was erdreiste ich mich...;-)

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  18. Ich werde darauf wirklich nicht mehr eingehen, ich habe stundenlang am Telefon auf dich eingequatscht und dich unpolemisch zu überzeugen versucht, was soll das hier dann noch nützen. :)

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  19. PS: Eines will ich aber noch relativieren. Burton ist zwar u.a. bekennender Bava-Fan, aber SLEEPY HOLLOW ist nun keine exklusive Liebeserklärung ans italienische Genrekino, sondern eher die britischen Hammer Studios und den Poe/Gothic-Horror Cormans. Und die filmischen Referenzen sollten nicht davon ablenken, dass SLEEPY HOLLOW viel mehr noch als Auseinandersetzung mit den Widersprüchen literarischer Epochen, denn nerdiges Verweissystem funktioniert.

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  20. Zumindest für mich war der Film (leider) die erwartete Enttäuschung. Dass er bei dir noch mit 60% davon kommt, erklärt sich mir lediglich durch deine Fanboy-Brille.

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