Mai 27, 2008

Zuletzt gesehen: MARTIN

George Romero bezeichnet "Martin" als seinen persönlichen Lieblingsfilm. Ich würde ihn gern als seinen meistunter- schätzten bezeichnen wollen. Weil er belegt, wie vielfältig und mehrdeutig der Pittsburgher Regisseur den Horrorfilm aus- schöpft, ihn bereichert und erweitert, und weil er von all seinen Arbeiten die authentischste, die kraftvollste, die intimste ist. "Martin" ist ein schleppend inszenierter, ruhiger Film über einen jungen Mann, der sich anders fühlt, anders als die anderen, anders als sein Umfeld. Vom eigenen Cousin ketzerisch als Nosferatu prophezeit, durchlebt der in sich gekehrte Junge eine qualvolle Sinnsuche, getrieben von sexueller Sehnsucht, und gleichzeitig im Kampf gegen den Trieb. Die hinlängliche Metapher des Vampirseins für sexuelle Sublimierung belässt Romero als uneindeutige Note, die die traumähnlichen Bilder des Films immer wieder anstimmt und in Bewegung versetzt. Dem unausgespielten Problem, das Martin letztendlich zum rastlosen Außenseiter macht, lässt der Film keine Erklärung folgen, vielmehr erweist er sich als sensible Paraphrase über Verdrängen und Selbstfindung, im Vampir- ebenso wie im coming of age-Film gut aufgehoben und unbedingt empfehlenswert.

75%

Kommentare:

  1. Evil Ho-Tep (aka. Casi)27/5/08 20:11

    Da haddu recht - aber 80% wären schon drin gewesen ;)

    Kommt jetzt nach der großen Spielberg-Retrospektive von dir die große Romero-Retrospektive????

    (Würde mich nämlich sehr freuen - deine Spielberg-Reviews kann ich fast alle so unterschreiben - und das du (genau wie ich) LAND OF THE DEAD nicht so schlimm findest wie der Großteil des Cinefacts-Volkes lässt mich auf faire Romero-Reviews hoffen) :))

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  2. Kommt jetzt nach der großen Spielberg-Retrospektive von dir die große Romero-Retrospektive????

    Vorerst leider nicht, Spielberg bleibt noch ein wenig Thema.

    An Romero traue ich mich nie so wirklich heran, wie das eben so ist mit Lieblingsregisseuren. Die Zombie-Trilogie wollte ich schon ewig mal besprechen...

    Und ja, LAND fand ich großartig. Leider war DIARY OF THE DEAD dann neben BRUISER die erste wirkliche Romero-Enttäuschung. Muss ich auch erst noch verdauen bzw. ein zweites Mal sehen.

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  3. Das habe ich ausnehmend gerne gelesen. Martin ist ein Film, der mich während des Anschauens schwer verunsichert hat und erst im Nachhinein so richtig seine Qualitäten entfaltet hat. Wie mir einschlägig Erfahrene berichtet haben, wird es mit späteren Sichtungen sogar noch besser. Un-glaub-lich.

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  4. In der Tat. Die erste Sichtung vor einigen Jahren brachte eher ein "und was sollte das jetzt"-Fragezeichen auf, aber dann entwickelte der Film eine starke Nachwirkung, aus der bald Faszination wurde.

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  5. Ich habe Martin auch endlich gesehen und ärgere mich darüber dies nicht schon vorher einmal getan zu haben. Allein der Anfang im Zug ist ja schon einmal mehr als sehenswert. Und auch der Rest weiß zu gefallen, obwohl Romero hätte Martin ruhig am Ende überleben lassen können. Nicht unbedingt in einem Happy End, aber so mit Hoffnungsschimmer am Ortseingangschild von San Francisco. Wäre vielleicht ein wenig kitschig gewesen, hätte aber allen Martins dieser Welt eben ein wenig Hoffnung vermittelt. Immerhin, mit dem Ende von Day of the Dead hat er das ja irgendwie dann doch noch nachgeholt;)

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  6. Der Film ist so pessimistisch, ja fast schon nihilistisch, da kann es keine Hoffnung, nicht mal mehr 'nen Schimmer geben. ;)

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  7. Hast ja recht. War doch nur so eine Idee von mir;)

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