August 10, 2007
August 06, 2007
Retro: DEAD RINGERS (1988)
"Fische brauchen keinen Sex.". Das klingt tatsächlich so, als sei es ihr großer Vorteil, im Wasser zu leben. Wenn Sex die Form der direktesten Kommunikation, der intimsten Hingabe zwischen zwei Menschen ist, dann muss er den Mantle-Zwillingen fremd sein: Sie teilen jegliche Intimität in Wohn- und Arbeitsraum und schlafen mit denselben Frauen. Sex ist letztlich nur eine Form reinen Pragmatismus’, die unumgehbare Voraussetzung für neues Leben und die Grundlage ihrer Arbeit – aber niemals könnte er wohl die unzertrennliche Zweckgemeinschaft imitieren, die die Brüder verbindet. Sie bewegen sich deshalb selbst wie Pisces in einem engen Aquarium. Das ausschließlich in klinischen blau-grauen Tönen eingefangene Appartement der Mantles bietet als hermetisch abgeriegeltes Territorium jedoch geradeso genug Bewegungsraum für seine zwei symbiotischen Fische. Bis die Schauspielerin Claire Niveau in das Leben der Zwillinge tritt.
Zunächst ist sie nur ein weiteres kurzzeitiges Objekt der Begierde, wie immer ist es der extrovertierte Elliott, der sie umgarnt und beschmeichelt, ehe seine zurückgezogene zweite Hälfte zum Zuge kommen darf. Doch Beverly empfindet schnell mehr für die frustrierte Schauspielerin, die aufgrund ihrer drei Uterus-Ausgänge die Praxis der Zwillinge aufsucht. Sie setzt eine Entwicklung in Gang, die sich ohnehin längst abzuzeichnen schien: Beverly beginnt sich allmählich von seinem Bruder zu emanzipieren, verfällt jedoch gleichzeitig immer weiter seinem exzessiven Drogenmissbrauch. Eine Traumsequenz versinnbildlicht den sprichwörtlichen Keil, den Claire zwischen die Zwillingsbrüder zu treiben scheint: Während des Geschlechtsverkehrs zwischen ihr und Beverly bemerkt dieser, wie er von seinem siamesischen Zwilling Elliott beobachtet wird, ehe Claire genüsslich das verbindende Fleisch durchbeißt. Jeremy Irons verkörpert diese zwei Brüder mit beängstigender Präzision in der Rolle seines Lebens. Wie er zwei so komplexe, mental unterschiedliche Figuren mit nur wenigen Details differenziert – äußerlich unterscheiden sich lediglich Haarlage und Make Up – ist nicht weniger als ein schauspielerischer Triumph.
Cronenberg verzichtet im Gegensatz zur Vorlage "Twins" bewusst auf eine Sexszene zwischen Beverly und Elliott. Die Brüder führen zwar physisch wie psychisch ein symbiotisches Verhältnis, das ihnen eine individuelle Entwicklung versagt, allerdings ist die Unzertrennlichkeit zwischen beiden nicht sexueller Natur. Nicht umsonst erschaffen sie sich hinsichtlich der eingangs angeführten Allegorie einen asexuellen Lebensraum, der ihre Existenz als bloße Menschen – die sich ihres Seins mit ‚einfachem’ Sex vergewissern – kaschieren soll: In ihrem Selbstverständnis sind die Mantle-Zwillinge mehr als das. Nicht ihre eigenwillig archaischen Operations- werkzeuge, sondern die Körper ihrer Patientinnen sind "falsch". Sie selbst beziehen eine innige Verbindung, die niemand nachvollziehen darf: Das fing schon im Mutterleib an, als sie eng umschlungen gemeinsam wuchsen.
Des Regisseurs Fatalismus von der Unausweichlichkeit des Todes, der er zumeist mit mutierten Körpergeschwüren Ausdruck gibt, wird in "Dead Ringers" nicht etwa vom Body- zum inneren Horror transferiert, sondern trotz des Verzichts auf graphische Deformationen fortgesetzt. Tatsächlich bilden die Mantle-Brüder als mutiertes Genprodukt das bis dato komplexeste Geschwür, sie erscheinen als dessen äußerlich perfekte fleischliche Materialisierung. Der Wille des Geistes über den Körper ist längst nicht gebändigt, sondern fast eliminiert: Jetzt, da sich Biologie als Schicksal behauptet und den Geist als endgültig untrennbar vom Fleisch versteht, müssen "The Brood" und "Scanners" gestrig erscheinen. In "Dead Ringers" finden Gedankenspiele von Seele und Geist über Körper und Fleisch nicht mehr statt: Die Biologie steuert den Menschen. Und befällt ihn mit Krankheiten oder führt zu seinem unaufhaltsamen Ende.
Es ist der radikalste Film des Kanadiers, noch ausgefeilter und durchdachter als seine vorigen Arbeiten. Der intellektuellen Provokation mit ihren bitteren Erkenntnissen scheint ein leiser Bedacht gefolgt zu sein, um nicht mehr nur länger den Irrglauben geistlicher Unendlichkeit mit Bildern mutierter Leiber zu kontrastieren, sondern das absolute Grundprinzip des Seins in Frage zu stellen. "Dead Ringers" schildert in Ellipsen den Werdegang seiner Titelhelden, angefangen bei den artifiziellen Uterus-Bildern des Vorspanns, über kurze Ausschnitte aus ihrer Kindheit bis hin zum beruflichen Karriereaufstieg. Betonte Cronenberg die Genremuster in "The Fly" eben noch so nachhaltig, dass sie dessen zermürbend-tragischen Inhalt publikumskompatibel vereinbarten, werden die erschütternden Fragen in "Dead Ringers" lediglich von kühler Stringenz umschlossen. Der Film also bebildert erst Aufstieg und Höhepunkt, Entwicklung und Fortschritt zweier Menschen, nur um sie dann einem unmittelbaren rückschrittlichen Verfall zu überlassen. Nicht jedoch eine Summe aus Außenfaktoren oder Defiziten in Sozialisation und Status führen zum absehbaren Ende (wie auch in "The Fly" nicht die technische Wissenschaft, sondern ein Fehler des Erfinders das Unglück kausalisiert), vielmehr scheint der Mensch selbst zum Scheitern verurteilt.
Hoffnungsschimmer haben in dieser pessimistischen Vision keinen Platz. Der Arzt als Beschützer des Menschen verliert bei Cronenberg jede positive Bedeutung, er ist keine rettende Instanz mehr, sondern ein drogenabhängiges Wrack, das seine Macht nicht mehr länger in den Dienst des Menschen stellen kann: Nachdem ihm der Kittel einer päpstlichen Zeremonie gleich übergestreift wird, verliert Beverly im OP-Saal jegliche Beherrschung – Ärzte, die Götter in Rot, sind zu einer Bedrohung für den Menschen geworden. Wenn die Zwillingsbrüder in ihrem nunmehr von Müll überfüllten Appartement zuletzt hilflos auf dem Boden kriechen und sich ein Stück Torte teilen, erhält dieser Rückschritt einen mitunter schwarzhumorig und zynisch lesbaren, aber ebenso auch tragischen Ausdruck:Rot "Eiscreme haben wir nicht da, Elli. Mami hat die beim Einkauf vergessen.", heißt es dann. Nun sind die Männer endlich wieder Kleinkinder. Die Evolution hat ihren Zweck nicht erfüllt – das ist die unausweichliche Rache der Biologie.
erschienen in der: filmzentrale
August 05, 2007
Radio: FILM-BLUE MOON 08/07
News: Upcoming Reviews
August 04, 2007
TV: Fernsehtipps vom 04.08. - 10.08.07
Samstag, 04.08. 23:05 Uhr – „Lady Frankenstein“ (3SAT)
Heißt die dann folgerichtig auch Victoria?
0:20 Uhr – „Alien“ (ZDF)
Meisterwerk von enorm erschütternder Kraft. Psychologisch hochkomplexes, aufwühlendes Sci-Fi-Kino.
0:25 Uhr – „Joyride“ (Pro7)
Thematisch wenig origineller, aber unglaublich spannender Thriller mit einigen überaus cleveren Einfällen.
2:10 Uhr – „The Cell“ (Pro7)
Visuell betörend, aber Jennifer Lopez’ mangelndes Talent lastet schwer auf dem Film.
Sonntag, 05.08.
22:30 Uhr – „Der Exorzist DC“ (K1)
Brillant inszenierter Horrorfilm, der mit einer grausam biederen, verlogenen Kirchenmoral seinem zeitlichen Genretrend verräterisch zuwiderläuft.
23:45 Uhr – „Kaffee, Milch und Zucker“ (NDR)
Temporeich erzähltes Road-Movie mit femininem Anstrich und manch unnötig gefühlsduseligem Zwischenstopp.
0:25 Uhr – „Das Mercury Puzzle“ (RTL)
Alles schon 100mal gesehen – und davon auch mindestens 99mal besser.
0:40 Uhr – „Emma“ (Arte)
Sympathische, wunderbar photographierte Jane Austen- Adaption.
1:00 Uhr – „Der Exorzist 3“ (K1)
Stinklangweiliges Sequel zum Altpriesterspuk, noch unnötiger als seine Vorgänger.
Montag, 06.08.
22:50 Uhr – „Fellinis Casanova“ (MDR)
Im barocken Fellini-Dekor läuft Donald Sutherland zu ungeahnter Höchstform auf.
Mittwoch, 08.08.
0:35 Uhr – „Die Reifeprüfung“ (ARD)
Tolle Dialoge, aber etwas antiquiert – die nervigen Songs tun da ihr übriges.
3:05 Uhr – „Shocker“ (Tele5)
Ironische und vor allem unglaublich rasant inszenierte Horror-Komödie - einer der grundlegend missverstandenen Craven-Filme. Gekürzt.
Donnerstag, 09.08.
Meisterhafte, emotional sehr intelligente John Irving-Adaption mit sagenhaft guten Schauspielern – einer der vielen vorenthaltenen Oscars für Jeff Bridges.
22:00 Uhr – „Tequila Sunrise“ (VOX)
Pfeiffer ist großartig wie immer, aber an diesem Film nagt der Zahn der Zeit gewaltig.
August 02, 2007
Retro: THE FLY (1986)
Seth Brundle ist Opfer seines eigenen Experiments: Als er sich in einem geschlossenen Raum von einem Ort zum anderen teleportiert, reist mit ihm unbemerkt eine gewöhnliche Stubenfliege. Der sukzessiven Gen-Vermischung folgen neue physische wie psychische Stärke, Omnipotenz, Hyper- aggression – und schließlich der äußerliche Verfall. David Cronenbergs radikale Motiv-Umkehrung des mad scientist- Stoffes ist weder eine tatsächliche Neuinterpretation der gleichnamigen Playboy-Kurzgeschichte von George Langelan, noch das direkte Remake des Kurt Neumann-Gruselfilms, sondern ein paraphrasiertes Gedankenspiel über die Endlichkeit des Menschen, seiner unabdingbaren Auslöschung und dem damit verbundenen Wissensverlust, eine Betrachtung seiner zwischenmenschlichen Beziehungen als Symbiont und Bindeglied der Gesellschaft ebenso wie dessen zeitlich begrenzter Existenz als soziales Wesen. Vor allem lässt sich der Film als Analyse eines natürlichen menschlichen Verfallsprozesses verstehen, der durch Krankheit einer Beschleunigung unterzogen ist und deshalb die Frage aufwirft, wie mit diesem Schicksal verfahren werden soll: Die Transformation als neufleischliche Grenzerfahrung oder Anfang vom schicksalhaften Ende?Rückwirkend kann man darüber lächeln: Ein übergroßer Fliegenkopf, undefinierbare Lichter und Blitze, die wissenschaftlichen Prozess abbilden sollen, und eine üble Monsterklaue, mit der für die sorgenvolle Ehefrau Briefe getippt werden. Das alles im dunklen Keller eines ansonsten farbenfrohen Vorstadthauses, wo biederer Familienkitsch selbst den grausigsten Auswuchs eines fehlgeschlagenen Experiments überschattet. Schwer vorstellbar, dass "The Fly" nicht schon bei seiner Veröffentlichung 1958 eher komisch denn schockierend beäugt wurde. Cronenberg ist demnach auch nicht daran interessiert, lediglich die Köpfe von Wissenschaftler und Fliege zu vertauschen, sondern unterzieht seinen Protagonisten einer langwierigen Metamorphose, bei der Brundle als typisierter Cronenberg- Intellektueller stets fähig ist, seine emotionalen Konflikte zu artikulieren. Wie alle Figuren des kanadischen Regisseurs ist auch der von Jeff Goldblum gespielte Brundle ein eloquenter Erwachsener, dessen Schicksal durch das eindeutige Bewusstsein über den allmählichen Verfall nicht einfacher, für den Zuschauer aber gleichwohl verständlicher scheint. Anders als die erste Verfilmung des Stoffes konzentriert sich Cronenberg weniger auf die Frau des Wissenschaftlers bzw. deren merkwürdig umschiffte Eheprobleme, sondern erzählt vielmehr eine sich entwickelnde Liebesgeschichte, bei der er die gegenseitigen Abhängigkeiten in Beziehungen effektiv in den dramatischen Handlungsprozess einbettet.
Wo Neumanns alberner Spuk letztlich insbesondere aufgrund seiner Unterhaltungsfreude reiner Eskapismus bedeuten muss, nutzt Cronenberg die Genremechanismen grundsätzlich dafür, ein durch und durch existentialistisches Drama zu inszenieren. Da seine Thesen außerhalb des Horrorfilms womöglich geradezu erschütternd wirkten (wie unausstehlich zersetzend müsste der anti-evolutionäre "Dead Ringers" erscheinen, wenn er seinen phantastischen Boden verließe), formuliert sie der Regisseur in scheinbar abgeschwächten Sphären, wo sexhungrige Humanparasiten, mutierte Fliege-Mensch- Hybriden oder virtuelle Ego-Shooter vom Mantel des Absurdem umhüllt werden, nur um deren philosophisch- nüchterne Betrachtungsgrundlage bei Bedarf übersehen zu dürfen. Wenn "The Fly" also ein Film über das Altwerden und die Sterblichkeit, die Fliegen-Transformation nur eine Genre-Metapher für den Be- und Verfall des Menschen durch natürliche Zersetzungsprozesse und Krankheiten wie Krebs oder – des Entstehungskontextes wegen nicht auszuschließen – AIDS, und dem Umgang mit Tod als unumgehbarem Schicksal auch innerhalb sozialer (Liebes-)Beziehungen bedeutet, wie beurteilt Cronenberg dann seine neu chiffrierten und zum Teil auch hinlänglich bekannten Erkenntnisse?
Insgesamt eher unentschlossen oder zumindest uneindeutig, für den Zuschauer jedoch auch bewusst urteilsfrei. Da "The Fly" durch sein Spiel mit Urängsten gleichermaßen verstörend wie mitunter auch abstoßend wirken kann, im gleichen Moment aber von seiner Anziehungskraft und Faszination lebt, lässt Cronenberg dem Publikum ausreichend Interpretations- freiraum. Und das ist wichtig. Immerhin bewegt sich der Film ins menschliche Unterbewusstsein auf einer ungleich weniger abstrakten Ebene vor, als es noch 1983 bei "Videodrome" der Fall war, wo das ‚neue’ eigentlich doch nur wie das ‚alte’, von Krebsgeschwüren zersetzte Fleisch als Folge einer totalen massenmedialen Entfremdung erschien. In "The Fly" verschmelzen Mensch und Technik tatsächlich weniger sinnbildlich zu einer ‚Poesie des Fleisches’ (wie Stefan Höltgen hinsichtlich seines filmischen Simulationsraumes 2004 schrieb), vielmehr beherrscht eine Symbiose aus sozialen Verhaltensformen und technisiertem Umfeld das Geschehen: Längst dominiert die Alltagselektronik jedweden Vorgang, seien es der übergroße Computer mit Sprachsteuerung, die robusten Teleboxen, leicht bedienbaren Videokameras oder eben versteckten Diktiergeräte, die alle längst nicht mehr nur dokumentieren, sondern als unersetzliche Funktionsvariablen des Menschen begriffen werden müssen. Cronenbergs Schlussfolgerung ist hier auch anders als noch im Original: Nicht die Maschine, das technische Konstrukt ist fehlerhaft, sondern das Verhalten ihres Erzeugers Brundle, der darauf achten hätte müssen, dass mit ihm kein weiteres Lebewesen in die Box steigt.
"It’s your turn" –
"To do what?" –
"To go through!" –
"No, I don’t want to try that." –
"It’ll make you feel sexy!"
Cronenberg lässt offen, inwiefern Brundles Transformation und der damit einhergehende Verfallsprozess als Negativschicksal erscheinen müssen: Zwar untersteht der Wissenschaftler einer mitunter unangenehmen Zersetzung, er findet sich damit jedoch nicht nur schnell zurecht, sondern nutzt auch die Vorzüge des Prozesses, sei es ein gesteigerter Lustgewinn oder die Fähigkeit zu übermenschlichen Kräften. Überhaupt inszeniert der Film die zunehmende Verdorbenheit des Fleischlichen als sexuell befriedigenden Akt, wenn Brundle in seinem Atelier athletische Turnübungen vorführt und seine Freundin Veronica zwanghaft dazu bekehren will, auch in die Teleboxen zu steigen, um "in das Plasma einzutauchen". Brundle verwandelt sich nicht nur in eine Fliege, sondern entdeckt und gewinnt Fähigkeiten, die seinem Charakter zuvor widersprachen. Aus dem sozial isoliert in einer Lagerhalle lebenden Streber, dessen ganze Garderobe aus fünf exakt gleichen Anzügen besteht, wird ein agiles Energiemonster, dessen – ironischerweise – grenzenlose Vitalität durch die Metamorphose erst aktiviert scheint. Gleichzeitig akzeptiert Brundle sein Schicksal mit vollem Bewusstsein, selbst als er geschwächt auf einem Krückstock vor Veronica tritt (bei diesem Bild wird die metaphorische Komponente vom Siechtum des Menschen besonders deutlich).
Diesbezüglich betritt "The Fly" mit seiner Handlung eines sich verändernden, selbst zerstörerischen Menschen noch eine andere Ebene: Betrachtet man die Verwandlung Brundles als Krankheit, die sowohl positive, als auch negative Eigenschaften zum Vorschein bringt, so erinnert dieser Prozess auch an eine Form von Alkohol- oder Drogensucht. Die Figur selbst ist ohnehin besessen von ihrer wissenschaftlichen Errungenschaft, verfällt durch die Transformation jedoch zusätzlich einer manischen Abhängigkeit von Technik (die aus dem Film entfernte "MonkeyCat"-Sequenz demonstriert auch den mitunter sinnlosen Einsatz der Teleboxen). Vor allem aber die Tatsache, dass sie nicht aus wissenschaftlicher Neugierde, sondern persönlicher Frustration heraus selbst das Experiment wagt – wohl gemerkt unter Alkoholeinfluss – unterstreicht den Aspekt einer willenlosen Abhängigkeit. Brundle verteidigt seine „Sucht“ zudem mit aller Kraft, insbesondere in den Auseinandersetzungen mit Veronica, die seinem Verfall machtlos beiwohnen muss, ehe sie ihm schließlich in einem ergreifend inszenierten Euthanasie-Akt zur Erlösung verhilft. Die zahlreichen literarischen Einflüsse von "Frankenstein" über "Dr. Jekyll and Mr. Hyde" bis hin zu "The Beauty and the Beast" vermischen sich im operettenhaften Finale endgültig, wenn das tragische Monster seinem unausweichlichen Ende entgegensieht. Howard Shores meisterlicher Score gliedert die dramaturgische Struktur des Films in eine dreiaktige Horror-Oper, die zu den nachhaltig verstörenden und intensivsten Werken Cronenbergs zählt.
85%
Juli 29, 2007
News: SWEENEY TODD - Poster
Wie ich schon einmal berichtet hatte (hier), ist Tim Burtons "Sweeney Todd" und die damit verbundene Vorfreude derzeit einer der wenigen Gründe, warum ich mich überhaupt noch jede Woche durch den unsäglichen Käse, der die hiesigen Kinos ausfüllt, kämpfe. Das neue und erste Poster zum Film heizt diesen Zustand selbstredend zusätzlich an (draufklicken, um zu vergößern).Juli 28, 2007
Retro: TO HAVE AND HAVE NOT (1944)
Zwei Jahre nachdem ihm "Casablanca" zu internationalem Ruhm verhalf, schlüpfte Humphrey Bogart noch einmal in die Rolle des ständigen Skeptikers und Eigenbrödlers, der in Zeiten einschneidender politischer Veränderungen weder mit den Machtapparaten um Partei und Regierung, noch dem gesellschaftlichen Wandel als solchem etwas zu tun haben möchte ("You save France. I want to save my boat."). Er lebt ein Leben in der Nische, ist vor allem um das eigene Wohl bemüht und kommentiert das nicht selten dramatische Geschehen um ihn herum meist mit zynischen One Linern, die einer grundsätzlich lakonischen Einstellung Ausdruck verleihen. Harry Morgan ist genauso ein ausgeklügeltes Schlitzohr wie Rick Blaine, und ebenso bemüht er mit dieser Fassade eine verborgene Verletzlichkeit zu kaschieren, die womöglich nur eine Frau zum Vorschein bringen kann.Im Michael-Curtiz-Klassiker war dies Ingrid Bergman, die Bogart vom selbstsüchtigen Berufszyniker zum melancho- lischen Lebensretter umerzog. Es knistert gewaltig auf der Leinwand, wenn der berühmten letzten Umarmung ein sehnsuchtsvoller Abschied folgt – doch es blieb eine Liebe auf reinem Zelluloid. Und obwohl Howard Hawks’ "To Have and Have Not" ein sehenswerter, ja auch ein bemerkenswerter Film mit brillanten Dialogen ist, so denkt man heute nicht mehr an sein stimmungsvolles Drehbuch oder die bis in die letzte Nebenrolle fantastisch besetzten Schauspieler, sondern in erster Linie ist es schließlich jenes Werk, in dem sich Lauren Bacall ihren Bogey angelte – im Film wie auch im wahren Leben. Die bis dato völlig unbekannte Schauspielschülerin stiehlt ihrem Ehemann in Spe nicht nur zweifellos die Show, sie interpretiert die Figur auch mit einer Würde und Souveränität, ja vor allem einer unheimlichen Erotik, dass selbst Hawks gleichermaßen überrascht wie beeindruckt war: Gerüchten zufolge soll es ihm übel aufgestoßen sein, dass Bacall sich nicht in ihn, sondern ihren Co-Star verliebt hat.
Der Film selbst ist nicht nur hinsichtlich seines extravagant vermarkteten Traumpaares kommerzielles Kalkül, er orientiert sich mitunter so stark am ebenfalls im Hause Warner produzierten "Casablanca", dass seine Versuche, jenen Erfolg mit ähnlichen Zutaten zu wiederholen, die eigentlichen Stärken zu überschatten drohen. Hawks ließ die Vorlage seines Freundes Ernest Hemingway überaus frei neu interpretieren, der Handlungsort Kuba wich Martinique, im Zentrum steht nun die Vorhalle eines Hotels samt Bar und Musikband. Vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges muss Bogart als vermeintlicher Held wider Willen Stellung beziehen und Regimegegnern zur Flucht verhelfen. Der Film modelt die Vorlage als Quasi-Remake von "Casablanca" nach Belieben um: Nicht nur die exotischen Settings, auch der Klavierspieler und die Gestapo-Bösewichte erinnern daran. Und schließlich folgt den politisch riskanten Einsätzen eine Flucht – zwar nicht mit dem Flugzeug, dafür aber einem kleinen Boot.
Darüber, welcher der bessere Film ist, lässt sich freilich nicht streiten, an die unnachahmliche Mischung aus Kriegs- und Liebesfilm, Spionage-Thriller und Film Noir, an die runde Erzählung, die in jeder Hinsicht meisterliche Geschlossenheit der Inszenierung seines Vorbildes reicht "To Have and Have Not" nicht heran. Er ist sehr überschaubar, nicht immer rhythmisch (nach der Überführung geriet die das Finale einläutende Aufenthaltsszene der Flüchtlinge etwas zu lang) und auch weniger brisant, was seinen zeitgeschichtlichen Kontext betrifft. Auch scheint sein figuraler Entwurf des grundsätzlichen Zwiespalts zwischen individuellem Glück (in der Liebe) und humanistischen Anspruch, als Teil einer aktiven Gegenbewegung der Gleichschaltung entgegenzuwirken, dürftiger ausgearbeitet als in "Casablanca", wo Bogart und Bergman sich in einer zeitweilig ausweglos erscheinenden Krise befinden, die kein glückliches Ende wird bereithalten können. Da schenkt Hawks seinem Publikum viel lieber das, was Curtiz ihm noch verwehrte: Erfolg im Widerstand – und in der Liebe.
Und dennoch scheint der Klassikerstatus, den "To Have and Have Not" heute genießt, nicht ungerechtfertigt. In seinen Zwischentönen ist der Film nicht selten feiner, als es zunächst den Anschein hat: So betreten Bogart und Bacall, kurz nachdem sie die Gestapo verhört hat, eine Bar mit Namen ‚Zombie’, in der vor allem farbige Gäste sitzen. Da die kühle Schönheit ihre Unnahbarkeit dazu einsetzt, Männern die Brieftaschen zu stehlen, wählt sie als Opfer einen der wenigen weißen Offiziere, was nur eines von vielen Understatements des Films darstellt. Auch wenn die These vom einzelnen, der sich nicht freimachen kann von der Notwendigkeit eines Widerstands gegen den Faschismus, der den tristen Wunsch nach politischer Isolation aus eigenen Stücken zugunsten eines heldenhaften Aufbegehrens aufgibt, zuvor schon mehrmals – nicht nur in "Casablanca" – formuliert wurde, so kann sie auch bei Hawks nicht ihrer Wirkkraft beraubt werden. Dafür ist selbst dieses abenteuerliche und in Hinblick auf die Bewältigung der Nazis im Hotel mitunter sicher auch etwas heroisch-naive Drama zu substantiell und nachhaltig.
75%






