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August 02, 2007

Retro: THE FLY (1986)

Seth Brundle ist Opfer seines eigenen Experiments: Als er sich in einem geschlossenen Raum von einem Ort zum anderen teleportiert, reist mit ihm unbemerkt eine gewöhnliche Stubenfliege. Der sukzessiven Gen-Vermischung folgen neue physische wie psychische Stärke, Omnipotenz, Hyper- aggression – und schließlich der äußerliche Verfall. David Cronenbergs radikale Motiv-Umkehrung des mad scientist- Stoffes ist weder eine tatsächliche Neuinterpretation der gleichnamigen Playboy-Kurzgeschichte von George Langelan, noch das direkte Remake des Kurt Neumann-Gruselfilms, sondern ein paraphrasiertes Gedankenspiel über die Endlichkeit des Menschen, seiner unabdingbaren Auslöschung und dem damit verbundenen Wissensverlust, eine Betrachtung seiner zwischenmenschlichen Beziehungen als Symbiont und Bindeglied der Gesellschaft ebenso wie dessen zeitlich begrenzter Existenz als soziales Wesen. Vor allem lässt sich der Film als Analyse eines natürlichen menschlichen Verfallsprozesses verstehen, der durch Krankheit einer Beschleunigung unterzogen ist und deshalb die Frage aufwirft, wie mit diesem Schicksal verfahren werden soll: Die Transformation als neufleischliche Grenzerfahrung oder Anfang vom schicksalhaften Ende?

Rückwirkend kann man darüber lächeln: Ein übergroßer Fliegenkopf, undefinierbare Lichter und Blitze, die wissenschaftlichen Prozess abbilden sollen, und eine üble Monsterklaue, mit der für die sorgenvolle Ehefrau Briefe getippt werden. Das alles im dunklen Keller eines ansonsten farbenfrohen Vorstadthauses, wo biederer Familienkitsch selbst den grausigsten Auswuchs eines fehlgeschlagenen Experiments überschattet. Schwer vorstellbar, dass "The Fly" nicht schon bei seiner Veröffentlichung 1958 eher komisch denn schockierend beäugt wurde. Cronenberg ist demnach auch nicht daran interessiert, lediglich die Köpfe von Wissenschaftler und Fliege zu vertauschen, sondern unterzieht seinen Protagonisten einer langwierigen Metamorphose, bei der Brundle als typisierter Cronenberg- Intellektueller stets fähig ist, seine emotionalen Konflikte zu artikulieren. Wie alle Figuren des kanadischen Regisseurs ist auch der von Jeff Goldblum gespielte Brundle ein eloquenter Erwachsener, dessen Schicksal durch das eindeutige Bewusstsein über den allmählichen Verfall nicht einfacher, für den Zuschauer aber gleichwohl verständlicher scheint. Anders als die erste Verfilmung des Stoffes konzentriert sich Cronenberg weniger auf die Frau des Wissenschaftlers bzw. deren merkwürdig umschiffte Eheprobleme, sondern erzählt vielmehr eine sich entwickelnde Liebesgeschichte, bei der er die gegenseitigen Abhängigkeiten in Beziehungen effektiv in den dramatischen Handlungsprozess einbettet.

Wo Neumanns alberner Spuk letztlich insbesondere aufgrund seiner Unterhaltungsfreude reiner Eskapismus bedeuten muss, nutzt Cronenberg die Genremechanismen grundsätzlich dafür, ein durch und durch existentialistisches Drama zu inszenieren. Da seine Thesen außerhalb des Horrorfilms womöglich geradezu erschütternd wirkten (wie unausstehlich zersetzend müsste der anti-evolutionäre "Dead Ringers" erscheinen, wenn er seinen phantastischen Boden verließe), formuliert sie der Regisseur in scheinbar abgeschwächten Sphären, wo sexhungrige Humanparasiten, mutierte Fliege-Mensch- Hybriden oder virtuelle Ego-Shooter vom Mantel des Absurdem umhüllt werden, nur um deren philosophisch- nüchterne Betrachtungsgrundlage bei Bedarf übersehen zu dürfen. Wenn "The Fly" also ein Film über das Altwerden und die Sterblichkeit, die Fliegen-Transformation nur eine Genre-Metapher für den Be- und Verfall des Menschen durch natürliche Zersetzungsprozesse und Krankheiten wie Krebs oder – des Entstehungskontextes wegen nicht auszuschließen – AIDS, und dem Umgang mit Tod als unumgehbarem Schicksal auch innerhalb sozialer (Liebes-)Beziehungen bedeutet, wie beurteilt Cronenberg dann seine neu chiffrierten und zum Teil auch hinlänglich bekannten Erkenntnisse?

Insgesamt eher unentschlossen oder zumindest uneindeutig, für den Zuschauer jedoch auch bewusst urteilsfrei. Da "The Fly" durch sein Spiel mit Urängsten gleichermaßen verstörend wie mitunter auch abstoßend wirken kann, im gleichen Moment aber von seiner Anziehungskraft und Faszination lebt, lässt Cronenberg dem Publikum ausreichend Interpretations- freiraum. Und das ist wichtig. Immerhin bewegt sich der Film ins menschliche Unterbewusstsein auf einer ungleich weniger abstrakten Ebene vor, als es noch 1983 bei "Videodrome" der Fall war, wo das ‚neue’ eigentlich doch nur wie das ‚alte’, von Krebsgeschwüren zersetzte Fleisch als Folge einer totalen massenmedialen Entfremdung erschien. In "The Fly" verschmelzen Mensch und Technik tatsächlich weniger sinnbildlich zu einer ‚Poesie des Fleisches’ (wie Stefan Höltgen hinsichtlich seines filmischen Simulationsraumes 2004 schrieb), vielmehr beherrscht eine Symbiose aus sozialen Verhaltensformen und technisiertem Umfeld das Geschehen: Längst dominiert die Alltagselektronik jedweden Vorgang, seien es der übergroße Computer mit Sprachsteuerung, die robusten Teleboxen, leicht bedienbaren Videokameras oder eben versteckten Diktiergeräte, die alle längst nicht mehr nur dokumentieren, sondern als unersetzliche Funktionsvariablen des Menschen begriffen werden müssen. Cronenbergs Schlussfolgerung ist hier auch anders als noch im Original: Nicht die Maschine, das technische Konstrukt ist fehlerhaft, sondern das Verhalten ihres Erzeugers Brundle, der darauf achten hätte müssen, dass mit ihm kein weiteres Lebewesen in die Box steigt.

"It’s your turn"
"To do what?"
"To go through!" –
"No, I don’t want to try that." –
"It’ll make you feel sexy!"

Cronenberg lässt offen, inwiefern Brundles Transformation und der damit einhergehende Verfallsprozess als Negativschicksal erscheinen müssen: Zwar untersteht der Wissenschaftler einer mitunter unangenehmen Zersetzung, er findet sich damit jedoch nicht nur schnell zurecht, sondern nutzt auch die Vorzüge des Prozesses, sei es ein gesteigerter Lustgewinn oder die Fähigkeit zu übermenschlichen Kräften. Überhaupt inszeniert der Film die zunehmende Verdorbenheit des Fleischlichen als sexuell befriedigenden Akt, wenn Brundle in seinem Atelier athletische Turnübungen vorführt und seine Freundin Veronica zwanghaft dazu bekehren will, auch in die Teleboxen zu steigen, um "in das Plasma einzutauchen". Brundle verwandelt sich nicht nur in eine Fliege, sondern entdeckt und gewinnt Fähigkeiten, die seinem Charakter zuvor widersprachen. Aus dem sozial isoliert in einer Lagerhalle lebenden Streber, dessen ganze Garderobe aus fünf exakt gleichen Anzügen besteht, wird ein agiles Energiemonster, dessen – ironischerweise – grenzenlose Vitalität durch die Metamorphose erst aktiviert scheint. Gleichzeitig akzeptiert Brundle sein Schicksal mit vollem Bewusstsein, selbst als er geschwächt auf einem Krückstock vor Veronica tritt (bei diesem Bild wird die metaphorische Komponente vom Siechtum des Menschen besonders deutlich).

Diesbezüglich betritt "The Fly" mit seiner Handlung eines sich verändernden, selbst zerstörerischen Menschen noch eine andere Ebene: Betrachtet man die Verwandlung Brundles als Krankheit, die sowohl positive, als auch negative Eigenschaften zum Vorschein bringt, so erinnert dieser Prozess auch an eine Form von Alkohol- oder Drogensucht. Die Figur selbst ist ohnehin besessen von ihrer wissenschaftlichen Errungenschaft, verfällt durch die Transformation jedoch zusätzlich einer manischen Abhängigkeit von Technik (die aus dem Film entfernte "MonkeyCat"-Sequenz demonstriert auch den mitunter sinnlosen Einsatz der Teleboxen). Vor allem aber die Tatsache, dass sie nicht aus wissenschaftlicher Neugierde, sondern persönlicher Frustration heraus selbst das Experiment wagt – wohl gemerkt unter Alkoholeinfluss – unterstreicht den Aspekt einer willenlosen Abhängigkeit. Brundle verteidigt seine „Sucht“ zudem mit aller Kraft, insbesondere in den Auseinandersetzungen mit Veronica, die seinem Verfall machtlos beiwohnen muss, ehe sie ihm schließlich in einem ergreifend inszenierten Euthanasie-Akt zur Erlösung verhilft. Die zahlreichen literarischen Einflüsse von "Frankenstein" über "Dr. Jekyll and Mr. Hyde" bis hin zu "The Beauty and the Beast" vermischen sich im operettenhaften Finale endgültig, wenn das tragische Monster seinem unausweichlichen Ende entgegensieht. Howard Shores meisterlicher Score gliedert die dramaturgische Struktur des Films in eine dreiaktige Horror-Oper, die zu den nachhaltig verstörenden und intensivsten Werken Cronenbergs zählt.


85%

Juli 01, 2007

Retro: BEETLEJUICE (1988)

Wenn es überhaupt einen Tim Burton-Film gibt, der ausschließlich von seinen visuellen Ideen lebt, der sich wie die Bebilderung eines illustren Brainstormings lesen lässt, der also ganz auf seine verrückten Einfälle und liebenswert- schrulligen Gruseleinlagen vertraut, dann womöglich "Beetlejuice". Nach dem hierzulande eher unbekannten, aber immens erfolgreichen Debüt "Pee-wee's Big Adventure" ist dies der erste ‚wirkliche’ Burton, sowohl seine schaurig-schönen und gleichzeitig romantisch geprägten Sujets als auch die Verlagerung hin zu makaberem Friedhofshumor betreffend. Er vereint darüber hinaus viele der künftigen Burton-Weggefährten vor und hinter der Kamera. Drehbuchautor Warren Skaaren schrieb im darauf folgenden Jahr auch an "Batman" mit, ebenso wie fast der gesamte Cast noch zahlreiche Male gemeinsam mit dem Regisseur arbeiten sollte, darunter vor allem Catherine O’Hara ("The Nightmare Before Christmas"), Michael Keaton ("Batman Returns"), Winona Ryder ("Edward Scissor- hands") und Jeffrey Jones ("Ed Wood").

Spätestens mit der Geschichte eines untoten Ehepaars, das auf den lotterigen Poltergeist Betelgeuse zurückgreift, um sich der ungebeten lebenden Neubewohner zu entledigen, festigt sich Burtons spezifischer Stil, wie sich auch endgültig Vorwürfe erhärten dürften, nach denen der Regisseur narrative stets hinter visuelle Notwendigkeiten stellte. Manch inszenatorische Unsicherheiten lassen jene Vorwände noch nicht in dem Umfang widerlegen, wie es mithilfe der späteren Arbeiten Burtons wird möglich sein, da er bei der Konstruktion seiner Ereignisketten noch zu sehr damit beschäftigt scheint, einen Gag nach dem anderen abfeuern zu müssen, ohne dass ihm die Kaschierung einiger holpriger Knotenpunkte in der Erzählung derart elegant gelingen würde, wie es schon kurze Zeit später der Fall sein würde. Dabei ist "Beetlejuice" in seiner Horrorästhetik, den Unmengen fast schon anarchisch-komischer Slapstick-Nummern und hervor- ragenden, ganz bewussten old school-Effekten selbst noch als reine Nummernrevue ein großartiges Vergnügen, dass seine Drehbuchschwächen mit zahlreichen Reminiszenzen quer durch die Genre-Geschichte und ironisch verdrehten Horrorklischees gelungen zu verdecken versucht.

Das grundsätzliche Handlungskomplott liest sich bereits wie eine große Anspielung auf Clive Barkers Literaturverfilmung "Hellraiser", auf die der Soundtrack von Danny Elfman in dem Moment des Höllenabstiegs auch direkt verweist: Hier wie dort nisten sich auf dem Dachboden die verstorbenen Bewohner des Anwesens ein und sind es die sonderbaren Töchter der Neuzugezogenen, die hinter das dämonische Treiben kommen. Freilich jedoch könnten die Unterschiede im Ton kaum größer ausfallen, und hier liegt ohnehin die eigentliche Stärke an "Beetlejuice", der die Vorzeichen seiner Vorbilder – die von klassischen haunted house-Vertretern wie "The Innocents" und "The Haunting" über postmodern-komödiantische Filme von "Poltergeist" bis "Ghostbusters" reichen – sowohl in Theorie wie auch Praxis komplett abändert. So setzt schon die ausgehende Grundhaltung einen amüsanten Kontrapunkt: Nicht die Geister erscheinen als störende Antagonisten, sondern die menschlichen Figuren sind es, die das tote Heldenduo des Films zur Verzweiflung bringt.

Diese verquerten Genregesetze bilden die augenzwinkernde Intention von "Beetlejuice" und durchziehen sämtliche Details der Handlung und ihres Designs – bis hin zum Spielort, einem nicht imposanten, düsteren (Geister)Schloss, sondern außen weiß gestrichenen und innen quietschbunt eingerichteten New Wave-Gemach. Dass sich Burton also ausschließlich der Regel bedient, keine Regeln zu bedienen, bietet ihm ausgiebig Raum für die Entfaltung seiner mal surrealistischen, mal pervertierten Fantasien und spiele- rischen Umgang mit Zitaten und Verweisen. Genannt seien nur Robert Wienes "Das Cabinet des Dr. Caligari", dessen expressionistische Raumschrägen in der Höllenflurszene kopiert werden, und David Lynchs "Dune", an den der übergroße Sandwurm im Außenreich des Hauses erinnert. Nie aber wird das Spiel mit filmischen Referenzen zur bloßen Koketterie, immer fügen sie sich in das überaus eigenständige und für sich genommen bereits ausreichend originelle Interieur der Burtonschen Gedankenwelt. Daraus ergibt sich zwar kein Meisterwerk – amüsanter als manch andere Horrorkomödie der 80er ist das aber allemal.


70%