Februar 13, 2008

Kino: RAMBO

Lebe für nichts, oder stirb für etwas. Du weißt was du bist, du weißt woraus du bestehst. Ein Leben zu retten heißt nicht, das eigene zu verschwenden. Manche leben, manche nicht.

Dies sind nur einige Weisheiten aus dem Munde von Sylvester Stallone, der sich 20 Jahre nach dem vorläufigen Abschluss seiner Trilogie um Muskelbeschau, Kriegspropaganda und Dschungelakrobatik noch einmal in Schale wirft, um die vielleicht populärste Kinofigur der 80er-Jahre wiederauf- zulegen. Nachdem er schon seinem Alter Ego Rocky einen versöhnlichen Abschluss nachschob, intendiert Regisseur, Hauptdarsteller, Drehbuchautor und Produzent Stallone nach eigenen Angaben nun auch einen rückbesinnlichen, an die Wurzeln des ersten "Rambo"-Films anknüpfenden letzten Teil, der irgendwie ernst und ambitioniert, gleichermaßen aber auch so etwas wie der brutalste Actionfilm aller Zeiten sein soll.

Vereinbaren lässt sich derlei Vorhaben freilich nicht, im Zweifel für letzteres fällt die Prämisse des Films beständig zugunsten zahlreicher Brutalitäten aus. Da werden Kleinkinder in Flammen geschmissen, erschossen und aufgespießt, Menschen zerhackt, zerfleddert und um alle möglichen Gliedmaßen erleichtert. Warum man Rambos viertes Abenteuer nun bei aller (beständiger) Ideologie rund zwei Jahrzehnte später nicht einmal halbwegs ernst nehmen kann, liegt genau an dieser Stumpfsinnigkeit, die davon auszugehen scheint, dass gar keine Zeit vergangen sei – mit welch ungelenker Verbissenheit sich der Film als selbstverständlichen Teil eines reaktionären Kinos vergangener Tage inszeniert, reale Kriegsszenarios comicartig auf schwarzweiße Actionparkette reduziert, sich längst veralterter Mechanismen eines archaischen, den Mann als fleischlich-stählerne Kampf- maschine ins Bild setzenden Kinos bedient, das ist tatsächlich nicht eine Minute lang ernsthaft, ernst zu nehmen, gut oder überhaupt irgendwie diskutabel, sondern zumeist mit unfreiwilligem Humor gesegnet und schwer nach guilty pleasure duftend.

Interessanterweise wirken die hölzernen Dialoge, die dumpfe Ästhetik, die tumben Manierismen in Zeiten von "Apocalypto" und "300" weitaus weniger antiquiert, als es eigentlich der Fall sein dürfte. So hat die Rückbesinnung, die "Rambo" demonstriert, einen nahezu gewöhnlichen Charakter, der darüber die Absurdität des ganzen Reanimationsprozesses überschattet. Indes fehlt es Stallone am technischen Know- how eines Mel Gibson, und selbst die zwar redundanten, aber dennoch für einen gewissen überlegten Stil sprechenden Bilder Zack Snyders wirken gegen die trostlos nach modernen Ästhetikprinzipien suchenden, simpel ausgewaschenen Kriegseindrücke des Films gekonnt. Was also bleibt, ist die Gestrigkeit. "Rambo" beschwört Krieg weiterhin als notwendiges Mittel, er verunglimpft seine pazifistischen Figuren, und lässt sie letztlich doch – stets nachvollziehbar und der Identifikation förderlich – zu Mördern mutieren (in einem symbolischen, christlich konnotierten Akt schlägt Michael, ein von Paul Schulze gespielter Missionar, der jede Gewalt ablehnt, schließlich auf seinen Gegner ein). Er beschwört das Bild vom urgewaltigen Mann, vom Kampfkoloss, dem einfache Worte mehr abverlangen als metzelnd durchs Gestrüpp zu donnern. Vom Mann, dessen Werte von vorgestern ins Wanken geraten, um gegen neue Werte von gestern eingetauscht zu werden – das ist der Ausdruck des alternden Helden, der viel in Frage zu stellen scheint, aber am ideologischen Grundfest eigentlich nie Zweifel hat. Und freilich bewegte sich "Rocky Balboa" diesbezüglich in sentimentalen und weitaus harmloseren Dimensionen.

Ein wenig erstaunt es trotz des gleichen Prinzips, das der Film bedient und erneut abspult, dass "Rambo" – unabhängig seiner belächelten Wahrnehmung – nicht weiter vorrückt in Zeiten, bei denen der Glaube an die Wirksamkeit der Politik dem verführerischen Ein-Mann-Dogma weicht (zumindest im Kino), wo Stallone nicht verlegen ist, in Interviews Kritik an der Bush-Administration zu üben, weil diese inkonsequent sei und dem Ansehen des Landes geschadet habe. Hier hätte der Film leicht in der Tradition seiner Vorgänger stehen können, die es ebenfalls verstanden, eine Scheinkritik am größeren System festzumachen (hingewiesen sei beispielsweise auf die falsche Deutung des Vorsitzenden Murdoch im zweiten Film, der nicht als Repräsentant einer fragwürdig handelnden Regierung auftrat, sondern genau jene Bürokratie widerspiegelte, die Präsident Reagan zu überwinden versuchte und damit im Zentrum des propagandistischen Subtexts von "Rambo II" stand). In Wahrheit richtete sich die vermeintlich kritische Position in der Fortsetzung nicht gegen den politischen Oberst, sondern den Apparat, der nicht schnell und direkt genug, nicht härter vorging gegen die Feinde, und sich mit Papierkram aufhielt (deshalb der Verweis auf Stallones Kritik am gegenwärtigen Geschehen in der US-Politik). Sehr ähnlich verhielt es sich übrigens im ersten Teil der Serie, dem vielmals als Antikriegsfilm verklärten "First Blood", der auf den letzten Metern seine wahre Intention preisgab, und nicht die Notwendigkeit von Krieg und militärischer Rüstung in Frage stellte, sondern lediglich die Gesellschaft für ihren Umgang mit Kriegshelden und die ihrerseits geübte (und zunehmende) Kritik an der Abwehr anklagte – nicht umsonst war der für den Zuschauer greifbare zweite Held, Rambos Ziehvater Col. Trautman, ein sympathischer Vertreter des Militärs.

Wenn "Rambo" seiner eigenen Linie deshalb bis zuletzt treu bliebe, so müsste er im Jahre 2008 eigentlich der El Kaida hinterher jagen, um das zu beenden, was seine Vorgesetzten durch öffentlichen Druck, Bürokratie oder fehlende Stringenz nicht schafften (wie gesagt: ohne eine wirkliche Kritik an ihnen zu formulieren). Stattdessen schnappt sich der Film einen Brennpunkt, der in den hiesigen Medien nur noch Fußnoten ausfüllt, um sein Metzelszenario mit erstaunlicher Vorsicht nach Myanmar zu verlegen. Dort kann sich der Film nach Herzenslust austoben, ignoriert alte orientale Feind- bilder, um neue asiatische zu schaffen, die allerdings keinem so wehtun dürften, weil der dortige Genozid im Vergleich zum Schauplatz Vietnam (Teil 2) oder Afghanistan (Teil 3) doch eher unter ferner liefen durchgehen wird. Das alles trägt dazu bei, dass man sich an "Rambo" weitaus weniger reiben darf, wenngleich das alte Schema geblieben ist – nur im kleineren Rahmen, unerkannter, nichtiger. Und irgendwie auch verzweifelter. 2008 ist Rambo dann doch nur noch ein welkes Relikt. Fast harmlos.

30%

Februar 10, 2008

Kino: I'M NOT THERE.

Eine beängstigend gute Cate Blanchett, die androgyn durch Fellini-Settings stolpert, ein leider schwacher Heath Ledger als chauvinistischer Rüpel zwischen Bindungsunfähigkeit und Identitätskrise, offenbar einem der vielen Godard-Filme über Beziehungen entsprungen, ein konfuser Richard Gere im Billy the Kid-Gewand auf Westernspuren, dazwischen noch Ben Whishaw als beirrt faselndes Zotteltier mit Blick in die Kamera, Christian Bale unter mürrischer Angestrengtheit leidend und ein kleiner Knirps als Landstreicher mit Preston Sturges-Zügen – sie alle sind Bob Dylan. Und sie alle sind Teil einer Collage, die sich traumähnlich von Assoziation zu Assoziation bewegt. Mehrere Lebensstationen aus mehreren Perspektiven unter streng individueller Annäherung, das ist der Ansatz von Todd Haynes’ ebenso streng unkonventionellem Bio-Pic über einen der bedeutendsten Songschreiber und Sänger des 20. Jahrhunderts.

Punkt. Freilich ist "I’m not there." in seiner bewussten Andersartigkeit, die nicht selten eitle Züge trägt, so betont kunstvoll und sperrig, so nachdrücklich ungreifbar und schwer verständlich wie die Figur, die er porträtiert (und die er nicht einmal beim Namen nennt – Achtung: clever). Das setzt Wissen über Dylan und eine natürliche Begeisterung für ihn voraus, das unterstellt eine selbstverständliche Faszination für dessen bewegtes Leben und ein Interesse für den Musiker und Privatmenschen, ebenso wie es meint, jedes biographische Detail als abstraktes Glied eine Symbolkette ins Bild zu pflanzen. Da wird so viel assoziiert und verwiesen, so viel gespielt und gewollt, dass Verständnis schon gar keine Rolle mehr zu spielen scheint. Was der eine, Rauschzuständen gleich, zum ultimativen Dylan-Trip generiert, kann auch als verwirrende Ereignisfolge ohne dramaturgischen Zusammen- hang und ohne fassbare Linie – missdeutet? – begriffen werden.

Ich habe Haynes’ Film weder verstanden, noch habe ich im Laufe von 135 wunderbar anzuschauenden, ästhetisch ansprechenden und unter Ed Lachmans Bildführung betörend schicken Minuten herausbekommen, was "I’m not there." nun genau von mir wollte. Der Ansatz selbst ist toll, wagemutig, originell; die unterschiedliche Inszenierung der Lebensabschnitte erfrischend, als Idee ansprechend, alles bemerkenswert und einfallsreich. Die Segmente aber sind, wie schon beschrieben, ohne wirkliche Klammer gehalten, sie laufen sich beständig über den Weg und behindern sich dabei, sie wirken isoliert, obwohl sie alle den Teil ein und derselben Person bilden, vor allem aber fordert die frei in alle Richtungen bewegliche Inszenierung rhythmisch wie auch stilistisch den Zuschauer ungemein heraus. Wenn da kein Interesse an der Figur und eine nur eingeschränkte Faszination für die formale Kunstfertigkeit des Films besteht, kann Haynes’ Aufgabe durchaus zur strapaziösen, mitunter spirituellen und meditativen Odyssee eines Menschen werden – der einem seltsam fremd, statt näher gebracht wird.

Vielleicht ist das das Ziel, Dylan als schlicht nicht fassbar zu begreifen, aber ob für die Feststellung eine ebengleich unfassbare filmische Übersetzung nötig ist, bleibt anzuzweifeln. "I’m not there." zu unterstellen, er sei unverständlich und bedeutungslos, wäre sicher vermessen, ihm zu folgen bei seiner Annäherung an die Figur ist auch einfach zu vielseitig und letztlich doch anregend, um einem so talentierten Regisseur wie Haynes derartiges andichten zu wollen. Aber der Film kann seine Nebenwirkungen nie überwinden, er fühlt sich unnötig intellektuell, aufgeladen und bedeutungsschwanger an, ist in seiner Genre- und Filmzitatfreude, der Verkettung von Fake-Doku, Drama, perfider Komik und Märchen, in seiner sehr selbstbewussten, doppelbödigen und teilweise auch parodistischen Erscheinung ziemlich gefällig und gleichermaßen unzugänglich. Es bleibt deshalb das Gefühl: Haynes will hier zu viel und erreicht letztlich zu wenig.

50%

Februar 08, 2008

TV: Fernsehtipps vom 09.02. - 15.02.2008

Samstag, 09.02.

22:00 Uhr – Octopussy (MDR)

Unerklärlich eigentlich, wie jener selbe Regisseur, der Bond zuvor als seriösen Teamworker und Witwer porträtierte, aus der Kultfigur nun einen sprichwörtlichen Clown stricken kann – der sicherlich schlechteste Film der Serie unterläuft selbst "Moonraker" in Punkto Gags und Dialoge, nebst wirrer Geschichte, schlechten Schauspielern und schwacher Action. Der unausgegorene Ringelpietz um die vermeintliche Intrigantin und Titelheldin fällt dabei noch weitaus weniger ins Gewicht als die dreisten Indiana Jones-Bemühungen: Von Geklautem geklaut – das hätte das Original Bond eigentlich nicht nötig.

22:50 Uhr – Saw (Pro7)

Großzügig konstruierter, mäßig gespielter und recht überschätzter Fließbandhorror, der durch seine Sequels in Mitleidenschaft gezogen wird.

1:05 Uhr – Wut (Arte)

Authentisch und bemüht, aber das Ende ist derart überfrachtet und unglaubwürdig, dass der Film insgesamt nicht über Mittelmaß hinauswächst.

1:20 Uhr – Buffy, der Vampirkiller (VOX)

Die süße Kristy Swanson in einem bescheiden inszenierten, aber liebenswertem High School-Film über Vampire, Außen- seiter und Abschlussbälle.

Sonntag, 10.02.

11:40 Uhr – Die Vergessenen (3SAT)

Aus Bunuels Mexikophase. Kenne ich leider noch nicht, ist aber ein typischer Termin zum Verpassen.

20:15 Uhr – Van Helsing (RTL)

Hugh Jackman ist sympathisch in der Hauptrolle, doch der maßlose Einsatz von visuellen, mitunter sehr schlechten Effekten zerstört jegliches Vergnügen an dem überladenen Kasperltheater. Leider verschenkt.

20:15 Uhr – Be Cool (Pro7)

Erreicht weder die gewitzte Schlagfertigkeit, noch den Biss des ersten Teils, darf aber den bestens aufgelegten The Rock als schwulen Bodyguard zu seinen Stärken zählen.

23:15 Uhr – Wer hat Angst vor Virginia Wolf? (BR)

Mike Nichols’ erster und immer noch bester Film. Klassiker.

Montag, 11.02.

22:40 Uhr – „Harley Davidson and the Marlboro Man“ (Tele5)

Ohne Zweifel ein wüstes Trashwerk, das mit witzigen Dialogen und einem Schwindel erregenden Finale aber durchaus noch Spaß macht.

Dienstag, 12.02.

22:40 Uhr – Viridiana (3SAT)

Arme Bettler spielen das Abendmahl nach – Bunuels ebenso gewagte wie tiefsinnige Reflexion über Gesellschaft und Kirche. Ganz groß.

Mittwoch, 13.02.

22:15 Uhr – Leben und Sterben Lassen (HR)

Ungeheuer schwungvoll in Szene gesetztes Moore-Debüt. Der rassistische Unterton des Films ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen, doch die brillante Musik und das großartige Titelthema (Paul McCartney), die Krokodilszene und bezaubernde Jane Seymour – all das ist zu gut, um es verdammen zu können. Abgesehen von der aufblasbaren Yaphet Kotto-Puppe.

Freitag, 15.02.

22:40 Uhr – Mulholland Drive (3SAT)

Simpler als sie es vortäuscht, aber nicht minder clever – David Lynchs mysteriöse Hollywood-Odyssee.

0:10 Uhr – eXistenZ (Pro7)

Absolut brillante, überaus humorvolleCyber-Groteske von David Cronenberg, die all das ist, was "Matrix" gern wäre.


News: AUTORENSTREIK BEENDET

Ex-Disney-Chef Michael Eisner verkündet das Ende des Autorenstreiks. Die Gewerkschaft der Autoren und Major Companies Hollywoods hätten einen Deal vereinbart, nachdem die Schreiber ihre Arbeit seit November niedergelegt haben.

Quelle

Februar 07, 2008

News: QUANTUM OF SOLACE - Poster

Alle Infos zum neuen Bond "Quantum of Solace" (vom Überbleibseltopf an noch verfügbaren Namen sicherlich der beste) poste ich ja nicht, das überlasse ich meinem Equlibrium-Kollegen Cleric. Aber am ersten Teaser-Poster kommt man natürlich nicht vorbei. Marc Forsters Film wird die deutschen Lichtspielhäuser am 06. November erreichen. Nach dem überragenden "Casino Royale" kann es eigentlich nur etwas schwächer werden.

Momentane Blog-Wüste

Postings sind leider gerade etwas rar, viel Stress und wenig interessante Filme zu besprechen. Außerdem fiel heute der Startschuss für die Berlinale, da gibt es viele Leute zu treffen und natürlich einige Filme zu schauen. Reviews wird es also ein paar geben in Kürze. TV-Tipps natürlich auch. Stay on.

Februar 02, 2008

Kino: NO COUNTRY FOR OLD MEN

Irgendwo an der mexikanischen Grenze, nahe des Rio Grande: Vietnamveteran Llewelyn Moss (Josh Brolin) entdeckt beim Jagen in der Einöde das blutige Ausmaß eines schief gelaufenen Drogendeals. Neben mehreren Leichen stößt er dabei auch auf zwei Millionen US-Dollar, die er ungefragt mit sich nimmt. Alsbald sind ihm deshalb nicht nur eine Horde Mexikaner auf der Spur, sondern auch die Auftragskiller Anton Chigurh (großartig: Javier Bardem) und Carson Wells (Woody Harrelson), die das Geld per Funksignal verfolgen. Doch der ansässige Sheriff Bell (Tommy Lee Jones als Provinzbulle, dem männlichen Pendant zu Frances McDormand in "Fargo") bekommt Wind von der Sache und versucht Moss und dessen Ehefrau zu schützen. Das ist kein Land für alte Männer.

Einen Film der Coen-Brüder zu gucken ist wie zwei Stunden in einem Filmwissenschaftsseminar zu sitzen. Da bekommt man mächtig viel um die Ohren gehauen, viel kompetentes Wissen und viel tadelloses Handwerk vorgesetzt, ganz wunderbarer Anschauungsunterricht ist das. Und wie es sich für schludrige Dozenten gehört, machen die beiden das nie staubtrocken oder ätzend theoretisch, sondern immer mit einer augenzwinkernden Pointe zwischen den Lippen, einem Gag hier und einem Insider da, damit bei all dem Lernstoff immer auch der Spaß gesichert ist – denn letztlich geht es ja doch nur um den großen Witz, um alles, nur nicht um Ernsthaftigkeit.

Wenn man nach zwei Stunden "No Country for Old Men" zu Schmunzeln beginnt, weil all das, was man hier gesehen hat, doch nur reinster Absurdität entspringen kann, dann wird das besonders deutlich. Dieser Film hat keine größeren Ambitionen, nicht wirklich etwas mitzuteilen und auch keine Position zu vertreten, die den filmischen Tellerrand überschreitet. Er ist wie letztlich nahezu jeder Coen-Film ein Ausstellungsstück, das Ergebnis eines langen und intensiven Filmstudiums seiner Macher, ein in bewegte Bilder verpacktes Analysebuch über die Beschaffenheit des Kinos. Keine Reflektion etwa, denn Reflektion heißt Stellung beziehen, sondern nur ein einfaches Vorführen, ein dezent intellektuelles Demonstrieren. "No Country for Old Men" ist kein Theorem, untersucht keine Genremuster, paraphrasiert keine Methoden des Kinos, stellt sie nicht in einen Zusammenhang. Er bedient sie lediglich so offensichtlich, dass er zeigt, sie verstanden zu haben, ohne daraus einen Mehrwert oder eine Absicht zu bilden.

Der Film bleibt deshalb zumindest gefühlsmäßig eine distanzierte, kühle und weitestgehend unmenschliche Spielerei auf beachtlichem Niveau. Wie die Coens mit Zuschauererwartungen umgehen, sie bedienen oder mit ihnen brechen, wie sie eine ungemein verkürzte, knappe und dennoch völlig mit filmischem Raum ausgefüllte Geschichte erzählen, wie sie auf Details achten, die an anderen Filmemachern völlig vorbeigehen – seien es Schleifspuren von Gummischuhen auf dem Boden, nachdem ein Polizist dort qualvoll erwürgt wurde, oder eine so sorgfältige Ausstattung, dass man meint den modrigen Geruch der Holzwohnwägen riechen zu können (Roger Deakins sei Dank) –, das alles ist ziemlich brillant und auch ziemlich einmalig. Und während die Regisseure eine Geschichte über Zufall und Schicksal, über Raum und Zeit erzählen, führen sie vor allem die Berechenbarkeit des Kinos vor, die Standards, die Typisierungen, die Konventionen. Oder wäre das nicht bereits eine Deutung, die dem postmodernen Filmverständnis der beiden widerspräche?

Ein wirkliches Problem muss man daraus nicht zwangsläufig ableiten, immerhin funktionieren die Filme der Coens immer auch als stinknormales Erzählkino, wenngleich sie mehr als das sein wollen. Dass die inszenatorische Brillanz der beiden jedoch in letzter Konsequenz so ungenutzt bleibt, weil sie zu nichts, das außerhalb ihres Kinoradius' liegt, Stellung beziehen, bleibt ein wenig bedauernswert. Denn all die Figuren sind letztlich leblos, bleiben reine Filmkonstrukte, wie einem "No Country for Old Men" nichts über Menschen oder über das Leben erzählt, sondern lediglich über das Kino. Wenn Filme ein Makrouniversum widerspiegeln, so beschwören die Coens alles nur auf Mikroniveau. Ohne wahre Leidenschaft für die Inhalte, sondern einer pragmatischen Verpflichtung fürs Formelle.

Wenn die Regisseure dabei hinter der Leinwand sitzen und durch sie hindurch kommentieren, ist das amüsant wie gleichermaßen störend. So wird der der Geschichte folgende Zuschauer spätestens nach zwei (unglaublich spannenden) Dritteln aus dem Film geworfen, wenn ihre Erzähler das Zepter endgültig in die Hand nehmen und mit aufgesetzten Ellipsen die Handlung zerbröseln. Es geht also gar nicht darum, was erzählt wird, sondern nur wie es erzählt wird, ohne doppelten Boden und ohne Ausweichmöglichkeit für ein Publikum, das an kokettem Filmschwall nicht interessiert ist. "No Country for Old Men" kann man deshalb als formal perfekte Beschwörung ans Kino, an seine Funktionsweise und seine Mechanismen lesen – oder ihn einfach als zwölften Coen-Film betrachten, bei dem es wieder einmal um nichts anderes als reine Technokratie geht.


60% - erschienen bei: DAS MANIFEST

Februar 01, 2008

TV: Fernsehtipps vom 02.02. - 08.02.2008

Samstag, 02.02.

20:15 Uhr – Rules of Engagement (RTL2)

Nahezu faschistoide Utopie über einen Militäreinsatz bei einer Demonstration, seiner Auswirkung und letztlich Legitimation.. William Friedkins Vorstellung von Kriegspolitik. Halleluja.

20:15 Uhr – Im Angesicht des Todes (BR)

siehe vorletzte Woche

22:20 Uhr – Critters (Tele5)

Die mochte ich schon immer ganz gern, trotz ihres Plagiatseins. Stephen Herek inszeniert übrigens grad den "Dead like me"-Film.

23:10 Uhr – Der Mann mit dem goldenen Colt (BR)

Wenn die goldene Kugel auch zugegeben ein ziemlich dünner Vorwand ist, um die Handlung in Gang zu setzen, so macht der Film seine dramaturgischen Patzer durch irrwitzige Stunts, wunderschöne Sets und den diabolischen Christopher Lee wieder wett. Obwohl "Man With The Golden Gun", jenseits seiner etwas uninspirierten Regie, der bis dato chauvi- nistischste Bond ist.

2:00 Uhr – In tödlicher Mission (BR)

Unter den Roger Moore-Bonds ist "For Your Eyes Only" zweifellos der seriöseste: Keine Albernheiten, keine Nonsens-Gadgets, kein Übermaß an Eigenironie. Die neuen Nuancen tun dem Film sicherlich gut, leider aber ist die Geschichte nur eine Reprise des George Lazenby-Abenteuers – und auch sonst scheint sich John Glen eher am gesetzten Ton von "On Her Majesty’s Secret Service" zu orientieren. Die brillanten Stunts und ein großartiges Finale, das Bond als sauberen Teamworker ausweist, können jedoch über viele Hänger und den relativ unerträglichen Titelsong hinwegtrösten.

Sonntag, 03.02.

13:30 Uhr – Is’ was Doc? (K1)

Bogdanovichs spritziges, sehr charmantes "Bringing Up Baby"- Remake. Sogar Babsy geht in Ordnung.

20:15 Uhr – Minority Report (Pro7)

Spielbergs visueller Leckerbissen, der gut inszenierte Unterhaltung bietet, allerdings mit dem Umstand zu kämpfen hat, dass sich der Meister aus der unabdingbaren moralischen Frage herausmogelt: Das fehlbare System wird von ihm nicht problematisiert, sondern sogar unfreiwillig bestätigt.

23:05 Uhr – The Punisher (Pro7)

Zweite Adaption des Stoffes. Weitaus unterhaltsamer als ihr Ruf, wenn auch durch unfreiwillige Komik gekennzeichnet. In der hier gekürzten Fassung indes absolut unbrauchbar.

3:00 Uhr – Hotel (Arte)

Ich wusste, dass der so bald im Fernsehen laufen würde. Wird geschaut.

Montag, 04.02.

20:15 Uhr – Was das Herz begehrt (SAT.1)

Unglaublich, dass das eine Frau inszeniert hat. Misogynie in zart-luftigem Gewand.

21:00 Uhr – Arizonas Dream (Arte)

Depp ist toll, aber Kusturicas Humor habe ich noch nie verstanden.

Dienstag, 05.02.

20:15 Uhr – Waterboy (K1)

Ungefähr so witzig wie eine Wurzelbehandlung.

Mittwoch, 06.02.

20:15 Uhr – Big Trouble in Little China (K1)

Carpenters unterschätzte Genreparodie macht enorm Spaß. Leider gekürzt.

1:05 Uhr – Priscilla – Königin der Wüste (ARD)

Großartig, aber das weiß ohnehin jeder. :)

Donnerstag, 07.02.

21:00 Uhr – Belle de Jour (3SAT)

Bunuels wunderbarer, faszinierender, eleganter Seelenstrip. Inklusive mysteriöser Schminkschatulle.

21:00 Uhr – Caché (Arte)

Haneke … hm.

Freitag, 08.02.

22:40 Uhr – Der diskrete Charme der Bourgeoisie (3SAT)

Brillante Groteske über Dekadenz und Wohlstandsgesellschaft. Pflicht.