Mai 01, 2007

DVD: APOCALYPTO

„Eine große Zivilisation kann erst von außen erobert werden, wenn sie sich von innen bereits selbst zerstört hat.“, heißt es zu Beginn von "Apocalypto", der sich dem Untergang der Maya-Kultur verschrieben hat. Es geht um einen Mann, der Frau und Kind verteidigt: Diese sitzen in einem Erdloch fest, während Papa Jäger auf der Flucht vor barbarischen Kriegern den Dschungel zu seinem Kampfgebiet erklärt. Mel Gibsons in Originalsprache gedrehter Film erzählt eine archaische Geschichte, in der das behütete, klar hierarchisierte Familien- leben der Waldmenschen von zivilisierten, aber dennoch unbarmherzig-wilden Großstädtern bedroht wird. Dieser in kongenialen und vor allem ultrabrutalen Bildern umgesetzte Survivalhorror mit Ethno-Einschlag ärgert und begeistert zugleich: Gibson arbeitet zwar auf handwerklich aller- höchstem Niveau, doch bewegt sich mit reaktionären Botschaften nahe am Fanatismus. Denn bei aller Primitivität des Dargestellten kann selbst die elegante Kameraarbeit nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Hohelied auf Familie und Patriarchat manische Dimensionen annimmt. Und wenn Gibson dem Zuschauer mit der eingangs zitierten Weisheit dann noch suggeriert, die Maya seien zum Zeitpunkt ihrer Eroberung durch die Spanier im Innern ohnehin bereits einem Zer- setzungsprozess erlegen gewesen, legitimiert er damit sogleich noch die koloniale Unterwerfung. "Apocalypto" also ist brillant in Szene gesetztes, aber ideologisch durch und durch fragwürdiges Autorenkino.

40%

Kommentare:

  1. Also ich teile deine Meinung nur halb. Handwerklich hervorragend, da sind wir uns einig. Auch dass das Thema Familie eine überaus große, positiv besetzte, Rolle spielt, ist unbestritten. "Manische Dimensionen" kann ich aber beim besten Willen nicht erkennen. Und die patriarchalen Strukturen werden doch ebenso kritisiert wie gefeiert. Die Verfolger von Jaguar Paw werden schließlich von einem rachsüchtigen Vater angeführt, dessen blinder "Fanatismus" seine Untergebenen letztlich in den Tod führt. Mit 40% klar unterbewertet :-)

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  2. Wie fandest du PASSION OF THE CHRIST? ;-)

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  3. Hab ich nach einer halben Stunde ausgemacht, als er letztens im TV lief. Das sagt wohl alles :-)

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  4. Ich habe es immerhin bis zum Schluss ausgehalten. *g*

    Und die patriarchalen Strukturen werden doch ebenso kritisiert wie gefeiert. Die Verfolger von Jaguar Paw werden schließlich von einem rachsüchtigen Vater angeführt, dessen blinder "Fanatismus" seine Untergebenen letztlich in den Tod führt.

    Ich würde dir da widerpsrechen wollen. Wenn man das als Kritik an patriacharlischen Strukturen verstehen möchte (was ich persönlich nicht tue), so bestärkt das dann nur, wie sehr er jedoch im gleichen Moment Rangordnung und Unterwürfigkeit der Frau bei dem Waldvolk glorifiziert. Gibson stimmt m.E. ein grundsätzliches Loblied auf konservative Werte ein (und wir alle wissen, dass der werte Herr derlei Ansichten auch tatsächlich vertritt) und nimmt da allerhöchstens leichte Differenzierungen vor. So ist das Patriachart der Städtemenschen nicht vergleichbar mit dem des Waldvolkes, da die einen zwar im Dienste des Vaters, ansonsten aber relativ unabhängig und vor allem familienungebunden agieren und genau auch daran letztlich scheitern: Die Kernaussage des Films ist doch einfach die, dass jeder Mann überleben kann, sofern er Wille und Familie hinter sich hat. Urbane Individualität wird in APOCALYPTO verteufelt.

    Und da sind wir auch bei meinem Grundsatzproblem mit Gibson - der Mann lebt m.E. in einer Welt, die mit der Realität nichts mehr zu tun hat. Und wenn er wieder und wieder das männliche Fleisch strapaziert, sich in jedem seiner Filme entweder selbst foltert (ich erinnere an den Suizidversuch in LETHAL WEAPON, von BRAVEHEART gar nicht erst zu sprechen) oder anderweitig eigene (?) Sünden bestraft, da kommen mir dann noch ganz andere Vermutungen auf...

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  5. Wenn man das als Kritik an patriacharlischen Strukturen verstehen möchte (was ich persönlich nicht tue), so bestärkt das dann nur, wie sehr er jedoch im gleichen Moment Rangordnung und Unterwürfigkeit der Frau bei dem Waldvolk glorifiziert.

    Das wäre mir zu sehr durch eine Gender-Brille interpretiert. Wenn du ein derartiges Volk einigermaßen "realistisch" (das Wort gefällt mir hier zwar nicht, mir fällt aber gerade kein besseres ein) abbilden willst, kommst du um solche Gesellschaftsstrukturen nicht herum. Ich rege mich beispielsweise regelmäßig darüber auf, wenn in Filmen mit historischen Stoffen plötzlich moderne Kampfamazonen auftauchen, die dort nur zugegen sind, um ein zeitgemäßes Frauenbild zu repräsentieren. Das hat dann mit der historischen "Wirklichkeit" in der Regel nichts zu tun, um die sich der Film sonst in allen Bereichen (Kostüme, Dialoge, Bauten, you name it...) bemüht. Man kann dann zwar vielleicht die übertriebene Akzentuierung des Phänomens kritisieren aber es nicht als solches an den Pranger stellen.

    Gibson stimmt m.E. ein grundsätzliches Loblied auf konservative Werte ein (und wir alle wissen, dass der werte Herr derlei Ansichten auch tatsächlich vertritt) und nimmt da allerhöchstens leichte Differenzierungen vor. So ist das Patriachart der Städtemenschen nicht vergleichbar mit dem des Waldvolkes, da die einen zwar im Dienste des Vaters, ansonsten aber relativ unabhängig und vor allem familienungebunden agieren und genau auch daran letztlich scheitern: Die Kernaussage des Films ist doch einfach die, dass jeder Mann überleben kann, sofern er Wille und Familie hinter sich hat. Urbane Individualität wird in APOCALYPTO verteufelt.

    Ich stimme dir hier größtenteils zu. Ja, Apocalypto ist konservativ. Ja, das urbane Leben wird negativ dargestellt. Meines Erachtens aber nicht die Individualität der Figuren. Wir wissen einfach zu wenig über das Privatleben der Menschenfänger, um ein solches Urteil fällen zu können. Man darf auch nicht vergessen, dass wir hier nur bestimmte Vertreter der Maya-Zivilisation gezeigt bekommen.

    Und da sind wir auch bei meinem Grundsatzproblem mit Gibson - der Mann lebt m.E. in einer Welt, die mit der Realität nichts mehr zu tun hat. Und wenn er wieder und wieder das männliche Fleisch strapaziert, sich in jedem seiner Filme entweder selbst foltert (ich erinnere an den Suizidversuch in LETHAL WEAPON, von BRAVEHEART gar nicht erst zu sprechen) oder anderweitig eigene (?) Sünden bestraft, da kommen mir dann noch ganz andere Vermutungen auf...

    Ja, seine Vorliebe für die Erlöserfolter ist kein Geheimnis. Aber das, worauf du anspielst, ist mir dabei nie in den Sinn gekommen. Hört sich aber plausibel an :-)

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  6. Ich gestehe, das mit der Gender-Brille ist nicht ganz unrichtig. Bin halt Sozialwissenschaftler. *räusper*

    Dass wir uns bezüglich des konservativen Geists des Films einig sind, ist ja schon einmal was. Nur, warum genau schätzt du den Film?

    Ja, seine Vorliebe für die Erlöserfolter ist kein Geheimnis. Aber das, worauf du anspielst, ist mir dabei nie in den Sinn gekommen. Hört sich aber plausibel an :-)

    Ich will nichts gesagt haben. Nachher bekomme ich noch Drohbriefe von wüsten "Mad Max"-Fans. Aber ich nenne es mal das Tom Cruise-Phänomen. *gg*

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  7. Dass wir uns bezüglich des konservativen Geists des Films einig sind, ist ja schon einmal was. Nur, warum genau schätzt du den Film?

    Ich schätze Apocalypto wegen seiner Geradlinigkeit, Ehrlichkeit, Direktheit, Energie, Chuzpe und Brachialgewalt. Im Tagesspiegel hieß es damals, Apocalypto sei eine Bestie von einem Film. Das trifft es ziemlich genau. Der Film hat mich von Anfang bis Ende in den Sessel gedrückt. Das passiert leider viel zu selten...

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  8. Also von ultrabrutal hatte ich in dem Film nicht allzu viel gesehen. Das war für mich nicht grenzwertig, was Gibson da gezeigt hat.

    Die Kernaussage des Films ist doch einfach die, dass jeder Mann überleben kann, sofern er Wille und Familie hinter sich hat. Urbane Individualität wird in APOCALYPTO verteufelt.

    Was spricht gegen die Kernaussage? Wille und Familie sind zwei schöne Punkte. Und wenn man sich die amerikanischen Ureinwohner ansieht, kann man erkennen, dass es meistens das Ende ist, wenn Ureinwohner sich in urbane Zentren einordnen (müssen).

    Der einzige Kritikpunkt, den ich am Ende von APOCALYPTO fand, war dass das Finale zu einer Art Rambo verkommen war.

    PASSION CHRISTI fand ich im übrigen vom Inhalt her lasch, visuell aber top ;o)

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  9. Was spricht gegen die Kernaussage? Wille und Familie sind zwei schöne Punkte.

    Aber nicht, wenn diese über alles andere gestellt werden. Familie ist eine Option, aber weder Pflicht noch Garantie für ein erfolgreiches Leben, wie es Gibson suggeriert.

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  10. Aber nicht, wenn diese über alles andere gestellt werden. Familie ist eine Option, aber weder Pflicht noch Garantie für ein erfolgreiches Leben, wie es Gibson suggeriert.

    Man muss den Film dann aber auch im Kontext seiner Zeit sehen. Einzelgänger haben es da nicht weit gebracht, stark war man im Familien-, bzw. Stammesverband. Da sollte man dann nicht aus heutiger Sicht darauf zurückblicken.

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  11. Das ist natürlioch richtig. Aber dennoch, der Film ist ja hier, jetzt und heute produziert. Und jede historische Interpretation besitzt einen Gegenwartskontext, ob gewollt oder nicht gewollt. Jede Betrachtung hängt ja von der Grundlage der betrachtung ab - wenn Gibson heute auf die Maya-Kultur blickt, dann tut er das in einer bestimmten Weise, die von gegenwärtigen Sichtweisen beeinflusst ist.

    Das ist wie mit der Diskussion um "300", wo dem Vorwurf, der Film sei faschistoid, entgegnet wurde, dass dies zu der Zeit auch nun einmal so gewesen sei. So einfach ist das aber natürlich nicht.

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  12. Wieso nicht? Würde ich als Geschichtsstudent schon sagen, dass die Spartaner (zumindest den Persern gegenüber) faschistoid waren. Dann muss/sollte man sie auch so darstellen. Dann muss man eben differenzieren ob man das Faschistoide an sich nicht mag oder an 300.

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  13. Es geht mir weniger darum, dass die Spartaner faschistoide Züge trugen (da stimme ich dir nämlich natürlich zu), sondern darum, dass der Film deshalb noch lange nicht in derartige Muster verfallen muss. Man kan auch einen Film über ein faschistisches Volk drehen, ohne selbst faschistische Züge annehmen zu müssen. Aber das ist eine andere Diskussion. ;)

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